Kaczynskis Fans beten öffentlich für seine Seele

Reportage
  • Wenige Tage nach dem Tod Kaczynskis legen die Menschen vor dem Präsidentenpalast in Warschau Blumen nieder und zünden Kerzen an.
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    foto: apa/tomasz gzell

    Wenige Tage nach dem Tod Kaczynskis legen die Menschen vor dem Präsidentenpalast in Warschau Blumen nieder und zünden Kerzen an.

  • Lech Kaczynski wurde gemeinsam mit seiner Frau Maria in der Wawel Kathedrale in Krakau bestattet. Hier liegen auch die polnischen Könige begraben. 
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    foto: ap/czarek sokolowski

    Lech Kaczynski wurde gemeinsam mit seiner Frau Maria in der Wawel Kathedrale in Krakau bestattet. Hier liegen auch die polnischen Könige begraben. 

  • Bis in den Abend beten die Anhänger des verstorbenen Präsidenten für seine Seele.
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    foto: jan fucik

    Bis in den Abend beten die Anhänger des verstorbenen Präsidenten für seine Seele.

Eine kleine, hartnäckige Gruppe von Anhängern gedenkt des verunglückten Lech Kaczynski täglich vor dem Warschauer Präsidentenpalast

Sie kommen jeden Tag. Egal ob es regnet, ob die Sonne scheint, ob es sommerlich schwül oder bitterkalt ist. Sie sind immer da, seit mittlerweile 542 Tagen. Die Risse und Falten in den Postern und Fotos, die Schrammen in den Holzkreuzen und die abgewetzten Kügelchen an den Rosenkränzen zeugen davon, dass sie seit eineinhalb Jahren täglich in Gebrauch sind. Sie bilden eine vielschichtige Gruppe - vom jungen Studenten bis zur 80jährigen Großmutter, von der gut situierten Angestellten bis zum Mindestrentner. Eigentlich haben sie nichts gemeinsam. Trotzdem treffen sie sich jeden Tag vor dem Präsidentenpalast in Warschau. Sie haben ein Anliegen, das sie eint: das Gedenken an den verstorbenen Präsidenten Lech Kaczynski.

Am 10. April 2010 stürzt die polnische Präsidentenmaschine von Lech Kaczynski im russischen Smolensk ab. 130 Menschen kommen ums Leben, als der Pilot versucht, die Tupolew Tu-154 bei schlechter Sicht zu landen. Der Präsident ist auf dem Weg zu einer Gedenkfeier in Katyn, wo vor 70 Jahren polnische Soldaten vom sowjetischen Geheimdienst ermordet wurden. Er kommt dort nie an.

Die Nachricht vom Tod des Präsidenten trifft viele PolInnen hart. Das Land versinkt in Staatstrauer. Tausende Menschen legen Blumen vor dem Präsidentenpalast in der polnischen Hauptstadt nieder. Die Trauerfeierlichkeiten avancieren zur Massenveranstaltung. Gerüchte, wonach die Russen etwas mit dem Absturz zu tun hätten, machen die Runde und rufen Verschwörungstheoretiker auf den Plan.

Nach einer Woche Ausnahmezustand beginnt sich das Leben in Warschau jedoch langsam wieder zu normalisieren. Die Zeit vergeht und die anfängliche Trauer muss dem Alltag weichen. Die Menschen gehen zur Arbeit, sie treffen sich mit Freunden zum Essen, sie feiern in den Ausgehvierteln der Stadt. Schnell ist wieder alles so, wie vor dem 10. April 2010.

Hartnäckige Anhänger beten täglich für Kaczynski

Für eine kleine Gruppe von Menschen verändert dieser Tag ihr Leben jedoch völlig. Sie kannten Kaczynski nicht persönlich, dennoch wollen sie verhindern, dass ihr geliebter Präsident in Vergessenheit gerät. Und so halten sie täglich eine Gedenkfeier vor dem Präsidentenpalast ab. Anfangs nehmen noch hunderte Menschen daran teil. Nach eineinhalb Jahren sind die Trauernden jedoch auf ein winziges Grüppchen von 20 Leuten zusammengeschrumpft. Mit Holzkreuzen, Rosenkränzen und Fotos des verstorbenen Präsidenten (und des verstorbenen Papstes Karol Wojtyla - wenn man schon täglich zusammenkommt, kann man für den polnischen Nationalheiligen gleich mitbeten) halten sie Andacht vor dem Sitz des Präsidenten mitten am belebten Warschauer Königsweg. 

„Ach die, die sind jeden Tag hier", antwortet ein Sicherheitsbeamter schmunzelnd auf meine Frage, was denn die Menschen hier machen. In dem Moment wird es laut, das Gemurmel der Betenden geht unter. Ein vorbeikommender polnischer Mitbürger schreit das Grüppchen an. Offensichtlich findet er die tägliche Verehrung des konservativen Präsidenten nicht so toll. Zwei junge StudentInnen klatschen Beifall. 

Der kleine Gebetskreis lässt ich davon nicht aus der Ruhe bringen. Offensichtlich ist man an Anfeindungen gewöhnt. Sie beten weiter. Kurz vor zehn Uhr abends packen sie zusammen. Sie rollen ihr Transparente ein, verstauen die religiösen Utensilien in ihren Manteltaschen und falten die Fotos zusammen, um sich morgen wieder zu treffen. Um fünf Uhr am Nachmittag vor dem Präsidentenpalast am belebten Königsweg in Warschau. (elin, derStandard.at, 16. September 2011)

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