"Der Wahlerfolg hat einen bitteren Beigeschmack"

Interview | Florian Gossy, 16. September 2011, 12:33
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    foto: reuters/erik refner/scanpix denmark

    Helle Thorning-Schmidt, die kommende Regierungschefin Dänemarks.

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    Politologe David Nicolas Hopmann:
    "Der Wahlerfolg der Sozialdemokraten einen bitteren Beigeschmack."

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Die Wahlsiegerin Helle Thorning-Schmidt steht vor keiner leichten Aufgabe, sagt der dänische Politologe Hopmann

Nach den Parlamentswahlen vom Donnerstag steht Dänemark ein Regierungswechsel bevor. Der bisherige Premierminister, Lars Løkke Rasmussen von der Venstre-Partei, reichte bei Königin Margrethe II. seinen Rücktritt ein. Damit ist der Weg frei für die Wahlsiegerin Helle Thorning-Schmidt von den Sozialdemokraten, welche zwar das schlechteste Ergebnis seit 100 Jahren einfuhren, gemeinsam mit den Sozialliberalen ("Radikale Venstre") und den Sozialisten ("Volkssozialisten") und der linken Einheitsliste aber auf 92 von 179 Parlamentssitze kommen. Florian Gossy hat beim dänischen Politologen David Nicolas Hopmann von der Syddansk Universitet genauer nachgefragt.

***

derStandard.at: Seit 1993 hieß der dänische Premierminister immer Rasmussen, eine Frau bekleidete dieses Amt überhaupt noch nie - wie überraschend kommt nun der Linksrutsch bzw. der Sieg Helle Thorning-Schmidts?

David Nicolas Hopmann: Der Sieg kommt überhaupt nicht überraschend. Die Überraschung ist eher, dass er nur so knapp ausgefallen ist. Ich hätte mit mindestens einem Mandat mehr gerechnet.

derStandard.at: Die Wahlen werden in Dänemark ja relativ kurzfristig angekündigt, das ist das Vorrecht des Regierungschefs. War der Wahltermin aus taktischer Sicht ein Fehler?

Hopmann: Der bisherige Premier Lars Løkke Rasmussen hatte keine andere Wahl. Er hätte spätestens Mitte November wählen müssen, war unter Zugzwang. Das einzig Unübliche an diesem Termin war nur, dass anstatt eines Dienstages an einem Donnerstag gewählt wird.

derStandard.at: Kann man nun überhaupt von einem Wahlsieg der Sozialdemokraten sprechen? Immerhin wurde rund ein halber Prozentpunkt verloren und damit das schlechteste Ergebnis seit 100 Jahren eingefahren.

Hopmann: Natürlich hat der Wahlerfolg der Sozialdemokraten einen bitteren Beigeschmack. Die rechtsliberale Rasmussen-Partei war klar die stärkste Kraft. Trotzdem ist es für den sogenannten roten Block insgesamt ein gutes Ergebnis. Es wird aber keine leichte Aufgabe, die verschiedenen Gegenpole wie etwa die linke Einheitsliste - die wie noch nie zuvor dazugewonnen hat - unter einen Hut zu bringen.

derStandard.at: Mit welchen Parteien werden die Sozialdemokraten nun koalieren?

Hopmann: Mein Tipp - und ich kann mir gar nichts anderes vorstellen - ist, dass Thorning-Schmidt eine Minderheitsregierung gemeinsam mit den Sozialisten und den Sozialliberalen aufbauen wird, die von der Einheitsliste geduldet wird.

derStandard.at: Wie wird sich dieses Parteien-Gebilde auf das Arbeiten innerhalb der Koalition auswirken?

Hopmann: Nun, es könnte sein, dass in der neuen Regierung gar nur ein-zwei Personen sind, die überhaupt schon Regierungserfahrung haben. Vor allem auch in der Einheitsliste gibt es viele unerfahrene Kräfte. Die erste große Bewährungsprobe wird der EU-Vorsitz (Anm.: Erstes Halbjahr 2012) sein. Helle Thorning-Schmidt hat zwar nur kurze Zeit, sich einzuarbeiten. Sie war aber Mitglied des Europaparlamentes und spricht hervorragend Englisch.

derStandard.at: Was bedeutet das Wahlergebnis für die Rechtspopulisten?

Hopmann: Es ist schwierig, eine Prognose abzugeben. Sie müssen erst verdauen, dass sie erstmals verloren haben. Die Partei wurde Mitte der 1990er-Jahre gegründet und hat in dieser Zeit immer dazugewonnen. Die Frage ist, wie sie sich in der Opposition etablieren wird: Sie könnte eine treibende Kraft werden, sie könnte aber auch ein wenig von der Bildfläche verschwinden.

derStandard.at: Gibt es nach dieser Niederlage nun Risse im Parteigefüge?

Hopmann: Solange die Dänische Volkspartei von Erfolg verwöhnt war, war die Linie mehr oder weniger vorgegeben. Nun könnte es schwieriger werden, diese Parteidisziplin am Leben zu erhalten. Aber deren Vorsitzende Pia Kjærsgaard ist die absolut unangefochtene Führungspersönlichkeit, an der keiner vorbeikommt. Sie wird sicherlich alles daran setzen, die Konservativen weiter zu schwächen, die drastisch bei den Wahlen eingebüßt haben. Wenn jemand vom Aussterben bedroht ist, dann die Konservativen, dem Juniorpartner in der nun abgewählten Koalition.

derStandard.at: Wie wird sich nach diesem Linksruck nun die dänische Politik verändern? Dänemark ist ja vor allem für die rigide Ausländerpolitik bekannt.

Hopmann: Es wird einige wenige Änderungen geben, die aber schon länger angekündigt sind. Der Sozialhilfesatz für Flüchtlinge wird erhöht, diese Anpassung wird sicherlich kommen. Der größte Knackpunkt ist aber der Familiennachzug, vor allem der Ehenachzug. Dort wird sich zunächst nicht viel zu ändern sein, obwohl drei der vier Parteien im künftig regierenden roten Block ausgesprochene Gegner der bisherigen Ausländerpolitik sind. Das ist in Dänemark aus strategischer Sicht aber wohl nicht veränderbar. Die Sozialdemokraten sind hier klar auf bürgerlicher Linie. Man muss aber sagen, dass sich auch andere Parteien weiter nach rechts bewegt haben.

derStandard.at: Wie wird sich die Sozialpolitik verändern?

Hopmann: Hier gibt es unterschiedliche Interessen der Parteien. Die Sozialdemokraten wollen die jüngste Veränderung bei der Frührente zurückkurbeln. Hier wird wohl ein Kompromiss kommen. Ähnlich verhält es sich bei der Arbeitslosenbezugsdauer, die vermutlich wieder etwas verlängert wird.

derStandard.at: Werden die umstrittenen Grenzkontrollen zu Deutschland und Schweden weitergehen?

Hopmann: Thorning-Schmidt hat klar gesagt, dass diese Grenzgebäude - besonders an der Grenze zu Deutschland - nicht bauen möchte. Man möchte dem Zoll aber mehrere Ressourcen geben, um zu kontrollieren. Physische Kontrollen, so wie sie im Frühjahr verabschiedet worden, werden aber nicht kommen.

derStandard.at: Wie sieht es mit den Kriegseinsätzen - etwa in Libyen - aus?

Hopmann: Hier muss man abwarten und Teetrinken. Es wurde kaum diskutiert im Wahlkampf. Mein Tipp ist, dass man erwägen wird, etwas zurückfahren. Die linken Parteien sind hier grundsätzlich eher skeptisch. Man muss aber auch Geld sparen, es ist einfach zu teuer. Außerdem könnte es sein, dass Thorning-Schmidt sich darum bemühen wird, Dänemark stärker in die EU-Außen- und Sicherheitspolitik zu integrieren, in dem sie versucht, die bestehende dänische Ausnahmeregelung auf diesem Gebiet aufzuheben.

derStandard.at: Haben die Anschläge von Norwegen das Wahlverhalten der Däninnen und Dänen verändert?

Hopmann: Mein persönlicher Eindruck ist, dass dies kaum Einfluss hatte. Im Gegensatz zu Schweden etwa gab es hier in Dänemark keine große Diskussion darüber. Die Dänische Volkspartei hat klar gesagt, dass dies nicht deren Problem sei. Die nun abgewählte Regierung, die ja mit der Dänischen Volkspartei kooperierte, hatte auch kein Interesse daran, diese Diskussion überhaupt zu führen. (flog, derStandard.at, 16.9.2011)


David Nicolas Hopmann ist Assistenzprofessor am Zentrum für Journalismus des Instituts für Staatswissenschaft an der Süddänischen Universität (Odense). Zu seinen primären Forschungsbereichen gehören politische Medienberichterstattung, und wie diese die politische Meinungsbildung beeinflusst.

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1 2
Neues vom Räuber Votzenplotz
12
17.9.2011, 12:16
@foto

Bestellt die grad 5 Bier

DirtyHarry
00
18.9.2011, 17:46

ja, in Österreich würde man darüber diskutieren

obibiber
11
17.9.2011, 11:36

ich mein, schon nett, dass es vielleicht in dänemark wieder nach links geht (auch wenn da oft soviel unterschied auch nicht mehr ist), aber das interview ist einfach grottenlangweilig. liegt's an den fragen oder an den kurzsichtigen, oberflächlichen antworten? vermutlich an beiden.

-_-
11
17.9.2011, 09:24
sehe keinen bitteren Beigesmack

ausgenommen für die Rechten

ost bahn
111
16.9.2011, 18:06
Das Land befreit von den ultra-rechten Tyrannen!

10 Jahre haben gereicht: "Aus dem früher als freundlich-liberal und etwas konfliktscheu geltenden Land ist ein Staat mit ausgeprägt harter Ausländerpolitik geworden, der bei internationalen Kriegseinsätzen vorneweg marschiert und von einem brutalen Debattenklima geprägt ist." (Seid froh: ohne Rebellion und NATO Militärintervention) ORF: http://www.orf.at/stories/2... 9/2079217/

DirtyHarry
03
18.9.2011, 17:48

haben sie sinnerfassend gelesen was da oben steht, bzw. wer die stimmenstärkste partei ist?
ein auszug:
"Helle Thorning-Schmidt von den Sozialdemokraten, welche das schlechteste Ergebnis seit 100 Jahren einfuhren..."

politisch verfolgt
16
16.9.2011, 18:44
tyrannen?

das war eine militärdiktatur, die sich vor 10 jahren an die macht geputscht hat? was unser staatsfunk alles weiß, das weiß sonst niemand. diese seriosität ist beeindruckend.

100101
31
16.9.2011, 22:25
Sie dürfen gerne dieser 3 Punkte des ORF entkräften

1. ausgeprägt harte Ausländerpolitik
2. bei internationalen Kriegseinsätzen vorneweg marschiert
3. brutales Debattenklima

politisch verfolgt
02
17.9.2011, 11:51
was soll ich

an diesen polemischen formulierungen entkräften? was soll "hart" in dem zusammenhang sein? punkt 2 ist quatsch, weil dänemark ganz sicher nicht die nato anführt. das tun die amis. dänemark hat sich vielleicht mehr eingebracht als früher.
und punkt 3 ist polemik pur.

der orf ist nicht ernstzunehmen, kanzlerfunk. früher war das gnz pfui, plötzlich ist es ok?

Hustenzuckerl123
 
00
16.9.2011, 17:54
"Der Wahlerfolg hat einen bitteren Beigeschmack"

Kann ich mir vorstellen.
Besonders wenn eine Person versucht "linke" Politik zu betreiben, dabei jedoch schamlos bei den "rechten" abkupfert.

"Die sozialdemokratische Spitzenkandidatin Thorning-Schmidt will die Verschärfungen beim Ausländer- und Zuwanderungsrecht im Wesentlichen beibehalten und hat sich im Wahlkampf immer wieder ausdrücklich zu einer "harten Linie" bei diesem Thema bekannt."
http://www.zeit.de/politik/a... emark-wahl

1116er
02
16.9.2011, 17:23
"Ich hätte mit mindestens einem Mandat mehr gerechnet."

ich habe nach diese satz am ende der allerersten antwort abgebrochen.

denn mich interessiert die meinung eines 'politologen' nicht, der glaubt, wahlergebnisse aufs mandat genau vorherzusagen, sei teil seiner profession!
der hätte wahrsager oder ähnliches werden sollen.

politisch verfolgt
18
16.9.2011, 15:18
interessant

daß es die konservativen sind, die am meisten unter druck geraten. würde mich nicht wundern, wenn sich dieser trend in anderen ländern forsetzten würde. den klassischen konservativen brechen die wähler weg. politik nach gutsherrenart mit starker katholischer bzw. christlicher ausrichtung ist kein zukunftsmodell. sie verlieren auf allen seiten: wirtschaftspolitisch sind liberale kompetenter, wem das integrationsthema am herzen liegt, der wählt rechtspopulisten.

mans zelmerlöw
02
16.9.2011, 17:13

das war hausgemacht! die hatten ununterbrochen interne querelen! und wurden ähnlich abgestraft wie die fpö nach knittelfeld!

politisch verfolgt
00
16.9.2011, 18:24
ok

danke für die hintergrundinfo, aber mir scheint, daß das konzept des konservativismus, wie er sich die letzten jahrzehnte darstellte, immer mehr obsolet wird. die wahlergebnisse zeigen das ja auch. von der schwäche der sozialisten müßten ja sonst die konservativen profitieren. tun sie aber nicht, sie verlieren ebenso. ich sehe das nicht negativ: neue kräfte werden dadurch ins spiel gebracht. auch und gerade im verkrusteten österreich kann das nur ein gewinn sein.

Austro Schleck Fan
01
16.9.2011, 15:16
KEINE Grünen???

mich wundert: so viele Linksparteien, aber darunter keine Grünen

vheissu
00
18.9.2011, 12:09

SF setzt unter anderem stark auf grüne Themen!

ichhörteinbächleinrauschen...
01
17.9.2011, 06:46

Die haben halt schon genug Radwege in DK

Mormoloc
01
16.9.2011, 17:10
Die Radikale Venstre hat sich mittlerweile ein stark ökologisches Profil zugelegt.

rosa parks
01
16.9.2011, 16:52
die grünen...

...sind in der einheitsliste.

Franz Parteder
00
16.9.2011, 18:42
Korrektur

Die SF ist bei den Eurogrünen. Die Einheitsliste ist bei der linken EU-Paerlamentsfraktion, in der auch die KPs sind.

wurm83
 
10
16.9.2011, 15:42

hauptsache keine brau... ähhhhblauen

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10
16.9.2011, 16:41
und was ist der ganze rechte block sonst als eine billige kopie unserer blau-orange-braunen?

immerhin hat diese regierung 10 jahre gewütet und dänemark u.a. die härtesten einwanderungsgesetze der EU beschert samt grenzkontrollen die nicht vertragskonform sind.

derFalkner
73
16.9.2011, 15:14
Was ist der "bittere Beigeschmack"?

Offenbar hat hier der Überschriftengenerator daneben gegriffen - die Aussagen des Befragten lassen sich jedenfalls kaum unter diese Rubrik zusammenfassen. Wie wäre es mit der Zeile: "Trotz Linksruck: Dänemark bleibt xenophob"?

knackwurst
00
16.9.2011, 17:27
schlechtestes ergebnis der SozDem seit 100 Jahren

- ist z.B. schon bitter.
überhaupt werden jetzt voraussichtlich zwei parteien (Sozialdemokraten + Volkssozialisten) regierung bilden, die bei den wahlen stimmen verloren haben - während die wahlsieger (Sozialliberale und Einheitsliste) nur vielleicht zum zug kommen.
die partei des bisherigen ministerpräsidenten hat ja entgegen der meinungsumfragen zugelegt - und die mehrheit im parlament nur deswegen verloren, weil der konservative koalitionspartner so massive veluste einfahren musste.

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12
16.9.2011, 16:42
weil wer DK selber gut kennt

weiss dass DK hochxenophob ist.

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