Börsencrash

Das eigentliche Rätsel ist sein Ausbleiben

Gastkommentar | 16. September 2011, 08:25

Zur Philosophie des Crashs und zu den Mysterien der Geldschöpfung - Von Alexander Dill

Wenn es an der Börse steil bergab geht, wird dies gerne als Effekt der Schwerkraft erklärt: Je höher man steigt, desto tiefer muss man anschließend herunter. Die Schwerkraft führt den höhenrauschigen Alpinisten zurück auf den rauhen Boden der Tatsachen. Der Everest-Bezwinger wird wieder zum singenden Bergwanderer im Schwarzwald. Andere Bilder der Crashologie sehen Blasen platzen. Konrad Hummler, haftender Gesellschafter der St. Gallener Privatbank Wegelin, titelte elegant: "Wenn Eiterbeulen bersten". Gerne spricht man auch von Kurskorrekturen, als ob, wie die deshalb sogenannten Chartisten glauben, die Börsenkurve selbst nach einem ewigen Ausgleich, nach einer gesunden Mitte strebte.

So viele Erklärungen es für rasante Talfahrten an der Börse gibt, so wenige gibt es für das Wunder, dass Aktien und Anleihen überhaupt noch gehandelt, also offensichtlich gekauft werden. Die wenigen Erklärungen verweisen auf die als metaphysisch zu bezeichnenden Mysterien der Geldschöpfung. Nennen wir einige:

Geld zum Nulltarif

Solange Zentralbanken in Tokio, NewYork und Frankfurt Geld zu einem Zinssatz von einem Prozent Geld an Banken verleihen, können diese und ihre Kunden das billige Geld zum Aufkauf von Aktien und Anleihen nützen. Die weitverbreitete Ansicht, die Zentralbanken retteten mit ihren Interventionen das Finanzsystem, ist deshalb durchaus gerechtfertigt.

Manche müssen, können oder dürfen nicht verkaufen

Viele Grosseigentümer von Aktien und Anleihen, etwa die grossen Staatsfonds aus Arabien, die amerikanischen Pensionsfonds und auch deutsche Lebensversicherer möchten nicht auf eine noch so kleine Rendite verzichten. Wenn sie nur noch Bargeld horten, schmilzt dieses in der Inflation wie ein Eisberg in der Südsee. Konsequenz: Halten um jeden Preis. Abgerechnet wird ja bei Riester erst nach 25 Jahren. Devise: Nach uns die Sintflut.

Der Welt geht es zu gut

In vielen Weltgegenden, darunter fast ganz Europa, hat sich der Wert von Immobilien, Rohstoffen, Gold und landwirtschaftlichem Grund kontinuierlich erhöht. Dort kann man oft nur mit grossen Aufschlägen und dem damit verbundenen Verlustrisiko einsteigen. Das Auf und Ab der Aktien und Anleihenmärkte aber verheißt die Utopie des günstigsten Einstiegszeitpunktes mitten in der Baisse.Wären andere Assets billiger und vor allem sicherer verzinst - Aktien und Anleihen würden sich nicht wieder erholen. Beispiel: Der japanische Nikkei-Index ist seit seinem Höchsststand von 40.000 vor 20 Jahren nie wieder in dessen Nähe gekommen und krebst im Moment um 8.000 herum.

Ich schwanke, also bin ich!

Wie bereits erwähnt, schwanken nicht alle Anlageformen derart, dass man bereits mit einer kleinen Handelsdifferenz Millionen verdienen kann. Der elektronische Handel - den es bei Immobilien nicht gibt - sorgt im Zusammenhang mit Leerverkäufen dafür, dass bereits die Differenz Gewinne ermöglicht. Der Börsenhandel ist keine Vermittlung von Investitionskapital mehr, sondern oft ein Selbstzweck. Da können dann auch die deutsche und die US-Börse fusionieren, da sie gar nicht mehr konkurrierend Kapital für ihre Volkswirtschaften einsammeln, sondern nur noch Daytrading für provisionsgetriebene Insider vermitteln.

Soll man optimistisch bleiben?

Betrachtet man diese vier Gründe für das Ausbleiben des Crashs, könnte man optimistisch sein. Warum? Solange die Staatsanleihen den Gemeinwesen, die Aktien den Unternehmen zugute kommen - die Gewinne aus dem Handel gehen ohnehin größtenteils in private Immobilien und den Konsum - könnte die Vermeidung des Crashs auch die vielbeschworene Realwirtschaft retten. Dazu allerdings müssten viel mehr neue Unternehmen an die Börse gehen und neue Staaten sich dem Wettbewerb der Staatsanleihen stellen dürfen.

Wenn aber - wie im Moment - nur noch Altlasten gehandelt und umverpackt werden, erstickt der Handel sich selbst. Es gibt dann nicht den grossen Crash, sondern die Indices sinken wie der Nikkei oder die T-Com-Aktie auf zehn Prozent ihres Wertes. (Alexander Dill, derStandard.at, 16.9.2011)

Autor

Alexander Dill, ist Vorstand des nach der Finanzkrise gegründeten Basel Institute of Commons and Economics, das auf die Bewertung von Sozialkapital und Staatsschulden spezialisiert ist.

Kommentar posten
25 Postings
Niemand & Keiner
00
16.9.2011, 20:05

Das Finanzsystem wird erst dann Abstürzen, wenn Gewisse Leute, die das ganze aus dem Hintergrund steuern, dies so wollen.

Synchronschachklub "Rudolf Nurejew"
00
16.9.2011, 18:50
nur fürs daytrading provisionsgetriebener insider?

high frequency trading durch computer ist mittlerweile wichtiger und gefährlicher daytrading durch banker. finanzmathematiker sind wichtiger geworden als händler.

O5
11
16.9.2011, 18:31

Das was aus diesem "Institut" rauskommt ist genauso dubios wie das "Institut" selbst. Diverse Verbindungen zu den Steiner-Jüngern in Dornach, verzweifelte Suche nach Kunden mit Hilfe fragwürdiger "Forschung"... nicht schön.

presumption of innocence
00
16.9.2011, 18:24
Nur weil etwas noch nicht da ist bedeutet nicht, dass es ausbleibt.

Hören Sie nicht das Ächzen im Gebälk? Wenn nur einer der Träger nachgibt kracht alles zusammen!

byron sully
00
16.9.2011, 17:52

ich werd den verdacht nicht los, daß die wirtschaftskrise den banken und großkonzernen ziemlich recht ist und daß sie vielleicht mithelfen, diese in die ewigkeit zu verlängern.

sotho talker
 
01
16.9.2011, 18:05
da sagen sie was!

wir haben jetzt gefühlt seit den 70ern dauerkrise, bzw. eine krise übergibt die staffel nahtlos an die nächste. zumindest wird es medial so dargestellt.

objektiv gesehen leben wir aber verglichen mit der vergangenheit in recht ruhigen zeiten. der kalte krieg ist vorbei, die menschen haben nicht mehr das gefühl eines jederzeit losbrechenden atomsturms.

dafür sind neue sorgen dazugekommen: umweltprobleme, konsequenzen aus der effizienzsteigerung und maschinisierung (und die aktuelle krise ist ganz deutlich eine solche...), global organisierter terrorismus, rohstoffengpässe.

auch die jungen werden es nicht leichter haben als wir alten , aber den jungen sei gesagt das es auch damals nicht so einfach war.

es war IMMER krise!

sotho talker
 
00
16.9.2011, 17:52
crash auf raten, die "seitwärtsbewegung" als system

der crash kommt eben auf raten. möglicherweise sind die maßnahmen der politik und das verhindern von rigorosen sparprogrammen tatsächlich eine komponente die den absoluten crash verhindert.

die entwicklung läuft sanfter und stückelt sich in viele kleine bis mittlere crashs die sich auf einem längeren zeitraum hinziehen. der bär ist los könnte man sagen und er wird die ewigen "na dann investiere ich nach dem crash weil es geht bergauf" noch das fürchten lehren wenn diese liebgewonnene strategie in den nächsten jahr(zehnt?)en nicht mehr zum erfolg führt.

es wäre ein gutes zeichen wenn man auf diese art und weise "runterkommt"... zumindest bis die nächste goldgräbertechnologie wieder reif ist und alle wieder verrückt spielen...

no_milk_today
01
16.9.2011, 15:12
WernaeI Spindelmann
10
16.9.2011, 14:49
Man sollte ihm erklären dass eine Aktie ein x-millionstel Anteil einer real existierenden und wirtschaftenden Firma ist

Javert
00
30.9.2011, 22:39
korrekt, nur die bepreisung dieses anteils hat mit realwirtschaft nix zu tun

Alexander Dill
30
16.9.2011, 16:47
Danke für den Tipp

Herr Spindelmann, als Vorstand undAktionär einer Aktiengesellschaft bin ich für diesen Tipp sehr dankbar. Wie kann ich die Aktien in x-millionstel Anteile stückeln?

Wildcat
00
29.9.2011, 14:10

also sprachbücher produzieren sie jedenfalls nicht, denn von sprache haben sie keine ahnung.

das vorposting ist bis auf einen kommafehler 100% korrekt.

mit sinnerfassendem lesen haben sie so ihre probleme ... ich hoffe, ich habe keine aktien ihrer firma in meinem portefeuille.

WernaeI Spindelmann
00
16.9.2011, 17:05
Heute lernen ich als Soziologe ein neuer Fremdwort:

Aktiensplit!

Wo werden denn die Aktien ihre "AG" gehandelt? Pjönjang?

WKN? ISIN?

flieger1961
00
16.9.2011, 16:57
Sie haben Herrn Spindelmanns Posting wirklich nicht verstanden?

Ich meine rein semantisch?

Mein Beileid.

santa fe
 
27
16.9.2011, 13:49

von dem ganzen wahnsinn profitiert nach wie vor nur eine verschwindend kleine minderheit, deren gewinne und vermögen - gut versteckt - ins unermessliche wachsen. der rest muss verluste bei reallöhnen und sozialleistungen hinnehmen und finanziert auf diese weise den neuen adel, der wie der historische adel praktisch keine steuern zahlt.

er soll zahlen und seinen raub an der mehrheitsbevölkerung durch die finanzierung des

BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMENS für alle

abgelten. dann gehen seine gewinne tatsächlich "in den konsum", und zwar der allgemeinheit, der aber eine gesunde vernünftigkeit erlangen wird, wenn die existenzangst aufhört, die sich bisher durch dosisteigerungen beim konsum betäuben musste.

Viel Platz zwischen blau und grün!!
01
16.9.2011, 18:03
Bevor ich den bedingungslosen Couch-Sitzern Geld geb...

...verbrenn ich es.

santa fe
 
10
16.9.2011, 19:16

sie werden das BGE nicht finanzieren sondern von ihm profitieren. das BGE bekommen alle., finanziert wird es von den wahren sozialschmaotzern, der FI (finanzindustrie)

Viel Platz zwischen blau und grün!!
00
16.9.2011, 19:56
Sie wissen genau, dass das in der Realität nicht so ist.

Jede Sozialleistung wird von stinknormalen Arbeitenden bezahlt, wobei die Netto-Zahler immer weniger werden.

santa fe
 
10
16.9.2011, 20:00

genau das wird sich mit der finanzierung des BGE ändern, von da an muss die FI ihren raub bei reallöhnen und sozialleistungen direkt an die mehrheitsbevölkerung abgelten, an jeden einzelnen, auch an sie.

Karl Krammer
02
16.9.2011, 12:06
"Börsenhandel ist keine Vermittlung von Investitionskapital"

richtig. War er auch nie. Die Börse ist ein Sekundärmarkt. Eigenkapital fließt den Unternehmen dagegen am Primärmarkt zu, also bei der Emission. Die zeichnet man bei Banken und nicht an der Börse. Das ist aber endgültig, d.h. man bekommt sein Geld normalerweise nicht mehr vom Unternehmen zurück. Es lassen sich Aktien aber leichter verkaufen, wenn die Anleger eine Möglichkeit haben, sie zumindest weiterzuverkaufen. Für diesen Zweck gibt es Aktienbörsen. Und dort mögen die Preise stark schwanken, entwicklen sich aber langfristig mit der Wirtschaftsleistung. Und solange Aktien weit mehr Dividende abwerfen Sparbücher Zinsen bringen, werden die Menschen auch Aktien kaufen. Erst wenn es wieder 6% auf Festgeld gibt wird es spannend.

fds r
01
16.9.2011, 13:19
Dividendenmärchen

Wer heute ein Aktiendepot hält kann von Glück reden, wenn die ausgeschütteten Dividenden die Depogebühren decken.
Nennenswerte Dividenden zahlen nur mehr Firmen in mehrheitlichem Staatsbesitz. Alle anderen stecken ihre Gewinne in Zukäufe.

Okin37
00
16.9.2011, 10:56
Vielen Dank!

Für diese interessante Sichtweise.

Reich sein muss sich lohnen!
01
16.9.2011, 10:38
Interessante Logik

Da die Börsen zum reinen Selbstzweck verkommen sind und das Ganze jetzt nicht mehr so wirklich laufen will soll man ihnen noch mehr Unternehmen und Staatsanleihen zum Spielen überlassen?

hurchzua
01
16.9.2011, 10:22
Aktien sind Unternehmensanteile

und Unternehmen sind etwas wert. Aktien sind daher insofern sicherer als Geld als echte Werte dahinter stehen.

Eher erstaunlich ist die Entwicklung der Märkte seit Jahresbeginn. Während der Dow Jones im Wesenrtlichen seinen Wert gehalten hat, haben die eurpäischen Indizes deutlich verloren.

Erklären kann man das nur mit der pessimitischeren Weltsicht der Europäer- denn der US Wirtschaft geht es sicher nicht besser.

Erwin Wolfram
00
16.9.2011, 10:10
ich habe das nicht getippt

nett, aber die banken sind technisch meist gar nicht eingerichtet endkunden handel zu ermoeglichen (klingt komisch oder ist aber so) und die broker zahlen mehr zinsen als die banken. der artikel ist zwar im ersten teil real aber geht immer noch an den tatsaechlichen gegebenheiten vorbei.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.