Zur Philosophie des Crashs und zu den Mysterien der Geldschöpfung - Von Alexander Dill
Wenn es an der Börse steil bergab geht, wird dies gerne als Effekt der Schwerkraft erklärt: Je höher man steigt, desto tiefer muss man anschließend herunter. Die Schwerkraft führt den höhenrauschigen Alpinisten zurück auf den rauhen Boden der Tatsachen. Der Everest-Bezwinger wird wieder zum singenden Bergwanderer im Schwarzwald. Andere Bilder der Crashologie sehen Blasen platzen. Konrad Hummler, haftender Gesellschafter der St. Gallener Privatbank Wegelin, titelte elegant: "Wenn Eiterbeulen bersten". Gerne spricht man auch von Kurskorrekturen, als ob, wie die deshalb sogenannten Chartisten glauben, die Börsenkurve selbst nach einem ewigen Ausgleich, nach einer gesunden Mitte strebte.
So viele Erklärungen es für rasante Talfahrten an der Börse gibt, so wenige gibt es für das Wunder, dass Aktien und Anleihen überhaupt noch gehandelt, also offensichtlich gekauft werden. Die wenigen Erklärungen verweisen auf die als metaphysisch zu bezeichnenden Mysterien der Geldschöpfung. Nennen wir einige:
Geld zum Nulltarif
Solange Zentralbanken in Tokio, NewYork und Frankfurt Geld zu einem Zinssatz von einem Prozent Geld an Banken verleihen, können diese und ihre Kunden das billige Geld zum Aufkauf von Aktien und Anleihen nützen. Die weitverbreitete Ansicht, die Zentralbanken retteten mit ihren Interventionen das Finanzsystem, ist deshalb durchaus gerechtfertigt.
Manche müssen, können oder dürfen nicht verkaufen
Viele Grosseigentümer von Aktien und Anleihen, etwa die grossen Staatsfonds aus Arabien, die amerikanischen Pensionsfonds und auch deutsche Lebensversicherer möchten nicht auf eine noch so kleine Rendite verzichten. Wenn sie nur noch Bargeld horten, schmilzt dieses in der Inflation wie ein Eisberg in der Südsee. Konsequenz: Halten um jeden Preis. Abgerechnet wird ja bei Riester erst nach 25 Jahren. Devise: Nach uns die Sintflut.
Der Welt geht es zu gut
In vielen Weltgegenden, darunter fast ganz Europa, hat sich der Wert von Immobilien, Rohstoffen, Gold und landwirtschaftlichem Grund kontinuierlich erhöht. Dort kann man oft nur mit grossen Aufschlägen und dem damit verbundenen Verlustrisiko einsteigen. Das Auf und Ab der Aktien und Anleihenmärkte aber verheißt die Utopie des günstigsten Einstiegszeitpunktes mitten in der Baisse.Wären andere Assets billiger und vor allem sicherer verzinst - Aktien und Anleihen würden sich nicht wieder erholen. Beispiel: Der japanische Nikkei-Index ist seit seinem Höchsststand von 40.000 vor 20 Jahren nie wieder in dessen Nähe gekommen und krebst im Moment um 8.000 herum.
Ich schwanke, also bin ich!
Wie bereits erwähnt, schwanken nicht alle Anlageformen derart, dass man bereits mit einer kleinen Handelsdifferenz Millionen verdienen kann. Der elektronische Handel - den es bei Immobilien nicht gibt - sorgt im Zusammenhang mit Leerverkäufen dafür, dass bereits die Differenz Gewinne ermöglicht. Der Börsenhandel ist keine Vermittlung von Investitionskapital mehr, sondern oft ein Selbstzweck. Da können dann auch die deutsche und die US-Börse fusionieren, da sie gar nicht mehr konkurrierend Kapital für ihre Volkswirtschaften einsammeln, sondern nur noch Daytrading für provisionsgetriebene Insider vermitteln.
Soll man optimistisch bleiben?
Betrachtet man diese vier Gründe für das Ausbleiben des Crashs, könnte man optimistisch sein. Warum? Solange die Staatsanleihen den Gemeinwesen, die Aktien den Unternehmen zugute kommen - die Gewinne aus dem Handel gehen ohnehin größtenteils in private Immobilien und den Konsum - könnte die Vermeidung des Crashs auch die vielbeschworene Realwirtschaft retten. Dazu allerdings müssten viel mehr neue Unternehmen an die Börse gehen und neue Staaten sich dem Wettbewerb der Staatsanleihen stellen dürfen.
Wenn aber - wie im Moment - nur noch Altlasten gehandelt und umverpackt werden, erstickt der Handel sich selbst. Es gibt dann nicht den grossen Crash, sondern die Indices sinken wie der Nikkei oder die T-Com-Aktie auf zehn Prozent ihres Wertes. (Alexander Dill, derStandard.at, 16.9.2011)