Bei einem internationalen Symposium in Freiburg wurde versucht, eine elementare Frage zu beantworten: Wo steht der Anti-Doping-Kampf? Die Szene schwankt zwischen Zuversicht und Ohnmacht
Freiburg - Irgendwann wurde Arne Ljungqvist die Stimmung zu destruktiv, also ergriff der Vizepräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada das Mikrofon. "Ich bin optimistisch, was den Kampf gegen Doping angeht" , sagte der 80-Jährige. "Die Wissenschaft hat immer wieder bewiesen, dass sie Mittel findet, die zu finden ihr niemals jemand zugetraut hat. Und so wird es immer wieder kommen."
Viele Experten freilich wollten den Optimismus des Schweden nicht teilen. Das Rennen gegen die Betrüger im Sport scheint noch immer eines zwischen Hase und Igel zu sein. Weniger als ein Prozent der getesteten Athleten wird erwischt, dem wissenschaftlich extrem belastbaren Modell des Schweizer Statistikers Pierre-Edouard Sottas zufolge sind allerdings mindestens 14 Prozent aller Spitzensportler gedopt. Und sie dopen intelligent, skrupellos und effizient.
Das Horrorszenario
Immer neue Variationen des Klassikers Epo, verabreicht in extrem schwer, weil nur kurz nachweisbaren Mikrodosen, machen den Jägern das Jagen schwer, zumal die weltweite Durchführung unangemeldeter Tests rund um die Uhr eine Utopie ist. Hinzu kommen die Wachstumshormone. Und vor allem das Horrorszenario eines genmutierten Superathleten bürdet der Szene ein weiteres, extrem schwer fassbares Thema auf.
"Der Kampf gegen Doping ist nicht beendet, er hat im Gegenteil gerade erst begonnen" , sagte Richard Pound. Der Gründungspräsident der Wada trug durch schonungslose Offenheit maßgeblich dazu bei, dass in Freiburg Zweifel an der Effektivität der Anti-Doping-Arbeit eher auf- als abgebaut wurden. Ein weiterer seiner Sätze lautete: "Ein Sportler, der bei Wettkämpfen erwischt wird, muss durch zwei Tests gefallen sein: den Dopingtest und den IQ-Test. Denn so blöd kann er eigentlich gar nicht sein."
Zudem verwies der Kanadier immer wieder auf die Interessenkonflikte, in denen sich die Entscheider im Sport befinden. Zum Beispiel das Internationale Olympische Komitee (IOC), dem Pound beinahe als Präsident vorgestanden wäre, hätte er 2001 nicht die Wahl gegen Jacques Rogge verloren. Ende dieses Jahres veröffentlicht die Wada angeblich ihren sogenannten Compliance-Report (Einhaltungsbericht), in dem diejenigen Staaten gebrandmarkt werden sollen, die sich nicht an den Wada-Code gehalten haben. Nach den IOC-Statuten müsste diesen Ländern die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 2012 in London verwehrt werden. "Glauben Sie ernsthaft, das IOC wäre so konsequent?" , fragte Pound in die Runde.
Perikles Simon, Leiter der Abteilung Sportmedizin an der Uni Mainz, berichtete eher beiläufig, dass er von einer Gruppe deutscher Sportpolitiker eingeladen und um Rat gefragt worden war. Er sei ausgelacht worden, als er die Notwendigkeiten für einen effektiven Anti-Doping-Kampf erläuterte. Simon: "Glauben Sie, da gehe ich noch einmal hin?"
Der Mainzer ist Experte für das ultimative Horrorszenario: Gen-Doping. Eine Variante funktioniert in der Theorie vereinfacht wie folgt: Der Sportler spritzt sich sogenannte rekombinante Viren, die die Erbsubstanz von Epo im Muskelgewebe ablegen, wo dann scheinbar körpereigenes, "sauberes" Epo produziert wird. Die Methode ist möglicherweise perfekt steuerbar, da der Prozess theoretisch erst von außen durch die Einnahme eines Antibiotikums aktiviert werden kann.
Niemand weiß, ob es schon Sportler gibt, die an ihrem Erbgut herumgepfuscht haben. Simon fürchtet, dass "sich die ersten Bodybuilder solche Viren schon gespritzt haben" . Der Weg aus den Studios bis in den Spitzensport sei noch nie weit gewesen. Die gute Nachricht: Simon hat nach eigenen Angaben bereits ein Verfahren entwickelt, das diese Form von Gen-Doping nachweist, auch rückwirkend, im eingefrorenen Blut von Athleten. (sid, red - DER STANDARD, Printausgabe 16.9. 2011)