"Wir haben viel zu wenig Wirklichkeit"

Interview |
  • Peter Rosei darüber, was der Vorteil wäre, wenn Manager und Beamte musizieren können müssten, und warum er den Rand der Gesellschaft mag.
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    Peter Rosei darüber, was der Vorteil wäre, wenn Manager und Beamte musizieren können müssten, und warum er den Rand der Gesellschaft mag.

Schriftsteller Peter Rosei hält den Kapitalismus für die Wette auf ein schöneres Morgen und die Marktwirtschaft für alternativenlos

Standard: Sie kommen gerade aus Ihrem Haus im Burgenland. Auf Pump finanziert? In Ihrem neuesten Buch "Geld!" geht es ja um die Vorwehen der Krise.

Rosei: Das ist ein Haus, das meiner Frau gehört und da ist nichts mit Kredit finanziert. Es ist genau das Richtige für uns: wenig Grund, wenig zu mähen und putzen, nichts zum Repräsentieren.

Standard: Das tun Sie ja nie. Bei der Verleihung des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst waren nur Ihr bester Freund und Schwippschwager, H. C. Artmann, und ihre Frauen mit. Artmann hatte Ihnen zugeredet, den Preis anzunehmen, weil Sie dann "aussehen wie ein Erzherzog".

Rosei: Das war eine Persiflage auf eine Preis-Verleihung. Dass wir nur zu viert waren, war Staatssekretär Peter Wittmann unangenehm, wir sind dann wie beim Heurigen zusammengesessen. Der H. C., der wusste, dass Wittmann als China-Experte gilt, hat ihn gefragt: "Hearn'S, Sie kennen sich doch in China so gut aus. Was heißt denn Kas auf Chinesisch?" Er hat das natürlich nicht gewusst.

Standard: Mit Artmann waren Sie viel auf Reisen?

Rosei: Ja, und wir hielten uns gern in den Banlieues auf, in den Wirtshäusern am Rand der Gesellschaft. Wenn ich dort bin, bin ich völlig frei, am Brunnenmarkt würde mich nie wer ansprechen und fragen: Was halten sie vom Sinn des Lebens? Da fragen's höchstens: "Wollen'S a Burenwurst?"

Standard: Sie fuhren ja auch mit dem Moped quer durch Österreich gemeinsam.

Rosei: Was heißt Österreich? Bis Venedig, jeder auf einem Postler-Moped. Kinderwelt, wir waren wie zwei Kinder: Wir haben gemacht, was wir wollen. Dabei waren wir sehr unterschiedlich. Wenn er uns jetzt zuhörte, da würd HC sagen: "Peter, du red‘st immer so g‘scheit".

Standard: Als Reiseschriftsteller sagten Sie, Sie seien nirgends gänzlich fremd. Sind Sie dann auch nirgends gänzlich daheim?

Rosei: Heimat ist eine Codierung, die man als Kind annimmt. Da geht es darum, was ein schöner Tag ist, welche Gerüche man mag - das kann man nie verlieren, das bleibt einem überall. Dass man wirklich völlig zusammenfällt, eins wird mit dem, wo man ist - das findet nicht statt. Man lebt aus der Differenz. Und noch wegen unseres Hauses im Burgenland: Wir könnten es auch jahrelang zugesperrt lassen und dann erst wieder kommen. Der typische Städter, der den Absturz in die Idylle sucht, der bin ich nicht.

Standard: Im Gegenteil, man sagt, Sie beschreiben Anti-Idyllen.

Rosei: Ja, das sagt man über mich in Anlehnung an Thomas Bernhards verkommene Ländlichkeit. Aber bei uns im Süd-Burgenland ist es nicht so, da fehlt dieses Stadt-Land-Gefälle. Es war eine arme Gegend, aus der viele nach Amerika ausgewandert sind, daher gibt es heute diese Abstoßung von Städtern nicht. Wenn ich meiner Nachbarin erzähle: "Ich fahre nach Chicago", sagt sie: "Ja, da habe ich einen Onkel." Ich habe auch einmal in Salzburg gelebt, da war ich aber nach fünf Jahren so fremd wie bei meinem Umzug. Da hat mir nichts genützt.

Standard: Sie wohnen in Währing, haben ein Büro am Brunnenmarkt in Ottakring. Den mögen Sie, weil...

Rosei: ...ich ein Vorstadtmensch bin. Ich habe dort ein Studio zum Schreiben, seit zwanzig Jahren, als das Brunnenviertel noch eine arme Türkengegend war.

Standard: Jetzt sind die Bobos da.

Rosei: Ja. Die Bobos. Das ist normal, das ist Veränderung. Aber ich mag die Gegend immer noch gern. Apropos, hier im Justizpalast war ich seit dreißig Jahren nicht mehr, im Café hier noch nie.

Standard: Sie haben sich im Justizpalast nach Ihrem Jus-Studium sicher fürs Gerichtsjahr vorgestellt...

Rosei: Genau. Ich bin reingekommen, habe die Iustitia gesehen und das Gebäude hinten, bei der Stempelmarken-Stelle, sofort wieder verlassen. Damit war meine Karriere als Jurist vorbei.

Standard: Hat Sie die Gerechtigkeit erschreckt?

Rosei: Nein, die Entfremdung hat sich schon vorher eingestellt. Wahrscheinlich hat mir davor gegraust, dass ich über irgendjemanden urteilen soll, ohne ganz genau zu wissen, was mit dem Menschen los ist.

Standard: Weil Sie immer alles genau hinterfragen wollen?

Rosei: Ja, aber das funktioniert im Recht nicht.

Standard: Stattdessen wurden Sie Assistent von Maler Ernst Fuchs und lernten, dass Kunst beinhartes Geschäftemachen ist?

Rosei: Bei ihm ist mir das Marktmäßige des Künstlerischen das erste Mal untergekommen. Ich als geborener Kleinbürger hatte ja gedacht, Kunst sei Beethoven und Lorbeerkranz.

Standard: Ihre Juristenzeit hat Sie unlängst eingeholt. Da trafen einander Jus-Absolventen des Jahres 68, Sie waren dabei, ebenso Notenbank-Chef Ewald Nowotny...

Rosei: Ich wurde wahrscheinlich als Vorzeigeausnahmefall eingeladen: Man kann auch was werden, wenn man nicht Jurist wird.

Standard: Dichter zum Beispiel. Kafka war Jurist, Albert Drach, Johann Wolfgang Goethe.

Rosei: Es schad't ja auch nichts. In der Juristerei lernt man ein Weltbeschreibungssystem kennen, und die juristische Definitionskraft ist dem Schriftstellerischen sehr verwandt. Dabei geht es um Wirklichkeitsgewinnung.

Standard: Als ob wir nicht schon genug Wirklichkeit hätten.

Rosei: Aber nein, wir haben viel zu wenig Wirklichkeit. Wir leben, aber wir wissen nicht, wie das Ganze funktioniert. Die Kunst ist ein Realitätszugewinnungsunternehmen.

Standard: Darum stellen Sie Ihr neues Buch ausgerechnet im Geldtempel Notenbank vor?

Rosei: Darin liegt für mich eine fröhliche Ironie. Geld an sich ist ja wie das Blut im Körper: Es muss durch die Gesellschaft zirkulieren und alle Körperteile versorgen. Das Problem ist die ungleiche Verteilung der Reichtümer in der Gesellschaft, aber die hat ja mit Geld an sich nichts zu tun.

Standard: Haben Sie viel Geld?

Rosei: Es geht sich aus.

Standard: "Danke, ich komme zurecht", sagte Milliardär Schlaff.

Rosei: Ich kann mich nicht beschweren, ich hätte im Kunsthandel sehr reich werden können.

Standard: Der Präsident der OeNB, Claus Raidl, hat 1968 Revolution gemacht, indem er den Mädchensturm auf das Männer-Studentenheim Pfeilheim angeführt hat. Wie hat ihre Revolution ausgesehen? Schreiben?

Rosei: 1968 war hier wenig los. Aber als ich 1972 mit Lesereisen begonnen habe, kamen viele Leute, die mit der Situation unzufrieden waren. Ich als gelernter Jurist, als Doktor, mit meinem kleinen Koffer unterwegs und in einer Dachkammer gleichsam besitzlos wohnend, war der typische Aussteiger, Musterfall eines Komplettverweigerers. Ich habe Wirkung erzeugt, indem ich zeigte, dass man auch völlig anders leben kann.

Standard: Die Ökonomie hat es Ihnen im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern angetan.

Rosei: Ich bin sicher einer der wenigen, die überhaupt eine Ahnung von all dem haben. Das hat so zu sagen historische Gründe, weil die Intellektuellen in Deutschland und Österreich von der Macht und dieser wirtschaftlichen Sphäre ausgeschlossen waren. Wir hatten nicht einmal eine bürgerliche Evolution...

Standard:... schon gar keine Revolution...

Rosei: Von Revolution will ich gar nicht reden. Die Intellektuellen sind an Macht und Geld nicht herangekommen und haben daher den Spieß umgedreht: Geld, sagten sie, sei etwas Schmutziges; da wurde eine Wand aufgebaut und hauptsächlich Vorurteile über die Welt von Industrie und Geschäft transportiert. Ich will aber wissen, was diese Leute wirklich machen.

Standard: Sehen Sie wie viele andere in Kapitalismus, Korruption und Spekulation das Übel?

Rosei: Der Kapitalismus ist für mich eine ständige Wette auf ein schöneres Morgen, der Antriebsmotor: "Heute noch nicht, aber wenn wir noch ein Auto kaufen, wird's wirklich schön." Wer das ausgereizt hat, dem bleibt nur noch das Spekulieren. Denn das Glück lässt sich nicht unendlich optimieren wie der Reichtum, und dann beginnt diese Spielerlaufbahn, die ja etwas rasend Spannendes hat. Ich sage dagegen: Gegenwart gibt es doch auch, mal umschauen kann auch ganz nett sein. Aber wir sollten uns auch keine Wirtschaftsordnung wünschen, die den Markt abschafft. Das System der Sowjetunion hat nicht funktioniert - also werden wir beim Markt bleiben und ausnützen müssen, dass der Mensch gern siegt und triumphiert, das ist ja äußerst nützlich. Gleichzeitig muss man aber mit Gesetzen Vorgaben machen. Was mir fehlt ist die Utopie: das Bild, wohin die Gesellschaft gehen soll. Unser Hauptdefizit besteht darin, dass das Denken in Alternativen vor langer Zeit eingestellt wurde. Wir dachten, wir hätten die ideale Wirtschaftsordnung gefunden, der Kommunismus ist erledigt, jetzt sind wir im Paradies angekommen. Wir betrieben Wachstumsfetischismus, glaubten, keinen Plan B zu brauchen - und deshalb ist die Politik jetzt so hilflos.

Standard: Sie sind für höhere Grundsteuern, Erbschaftssteuer...

Rosei: Ja, aber vergessen Sie nie: Ich bin Künstler. Für mich ist die wirtschaftliche Thematik nur Hintergrund, Quellgebiet für meine eigentliche Arbeit. Ich muss das alles wissen, um meine Bücher-Gebilde herstellen zu können. Das ist mein analytisches Vorfeld, das ich synthetisch zu etwas zusammenfüge, was für den Leser begehbar ist wie eine soziale Installation, in der er herumgehen kann wie in der Wirklichkeit, um dann zu urteilen. Und weil Sie vorhin von Korruption sprachen: In China gab es einst strenge Prüfungen für Beamte, die mussten auch Musik machen und dichten können. Das Ideal war ein gesamtheitlicher Mensch, nicht einer, der eine einzelne Fertigkeit beherrscht wie gut Spekulieren oder Organisieren. Das war zu wenig.

Standard: Der Beamte und Manager als elitäres Gesamtkunstwerk?

Rosei: Der Glaube, dass ich eine Gesellschaft voran bringe, indem jeder etwas werden kann, ist sehr viel wert. Aber wenn diese Durchlässigkeit nur auf dem affenhaften Anlernen von Fertigkeiten basiert und wir nicht auf gesamthaft gebildete Menschen Wert legen, ist das zu wenig.

Standard: Erste-Chef Andreas Treichl hat Recht, wenn er Banker minderbegabte Menschen nennt?

Rosei: Ich würde es nicht so polemisch sehen. Aber wir brauchen einen ethischen Hintergrund, wir leben in der Hinsicht auf den Ruinen der Omas. Und noch zu meiner Vorliebe für Ökonomie: Volkswirtschaft hat mich schon im Studium am meisten interessiert.

Standard: Warum nicht Strafrecht? Da landet man bei Persönlichkeiten mit gebrochenen Lebensläufen, die Sie oft beschreiben.

Rosei: Mir genügt schon der Durchschnitt. Ich halte es mit Robert Walser: "Man sieht schon so genug."

Standard: Dann darf ich aber sagen: "Man hat schon so genug Wirklichkeit".

Rosei: Aber erst dann, wenn Sie begreifen, wie alles funktioniert.

Standard: Ich fürchte, ich habe etliches begriffen.

Rosei: Ich möchte mir jedenfalls erklären können, was vorgeht. Die Wirklichkeit ist natürlich immer ein Konstrukt. Man selbst ist das beste Objekt zur Beobachtung: Niemanden kennt man besser.

Standard: Was werden Sie dereinst machen, wenn Sie wissen, wie alles funktioniert?

Rosei: Da kommt man dann zu den berühmten Sprücherln wie "Alles kehrt wieder" - aber über die kommt die Menschheit sowieso nicht heraus, das ist schon das Finale. Das sind die Einsichten.

Standard: Sie schreiben aber, das Leben bestehe nicht aus Einsichten, es dulde sie nur wie ein Elefant die Fliege, und gehe im Übrigen weiter. Da sei ein Trost. Warum?

Rosei: Weil das Leben rund um uns im Wesentlichen eine ewige Wiederholung ist. Das ist wie mit den Autoreifen, die die Schrebergärten als Blumentöpfe verwenden. Da führt kein Weg vorbei, das ist die absolute Erkenntnisgrenze, aber innerhalb der ist ein riesiger Raum für Forschung.

Standard: Noch mal zurück zu Ihnen: Sie kennen sich gut, sagen Sie?

Rosei: Ja, ich beschäftige mich ja genug mit mir. "Erkenne dich selbst" ist immer noch in.

Standard: Glauben Sie wirklich?

Rosei: Es ist vielleicht nicht mehr so trendy. Heute sind wir eher in funktionalen Zusammenhängen miteinander: Sie wollen ein Interview, ich gebe Ihnen eines, dann gehen Sie. Wir unterhalten hunderte funktionale Beziehungen, in denen wir andere im Flachrelief erleben. Wir bilden uns eine Meinung, aber tiefgreifende Analysen machen wir bestenfalls über unsere Freunde und Feinde. (Die Fotografin geht.) Sehen Sie: Pfffffsch, sie war da und ist weg: rein funktionale Bezüglichkeit. Die Psychologie und Herangehensweise eines Dostojewski? Anna Karenina? Die gibt es heute nicht mehr, oder nur im Privaten. Wobei: Die bürgerliche Zeit, in der Psychologie der Beziehungen eine Rolle spielte, hat nur eine Elite betroffen, die Masse ist ohne Psychologie ausgekommen.

Standard: Im Bergwerk oder in der Waschküche hätte die vielleicht sogar gestört?

Rosei: Gehen Sie durchs Währinger Cottage: Wie die Villen dort inszeniert sind: Dort kann man ja Persönlichkeit haben, in einem Loch von fünf Quadratmetern, wo es auch noch einen Bettgeher gibt, da hat Psychologie kaum Platz, sondern nur Funktionales. Für mich ist das ein Hauptcharakteristikum unserer Zeit: Die Psychologie ist abgeflacht auf einen funktionalen Zusammenhang, viele haben keinen einzigen Menschen, den sie erforschen. Kein Platz für Empathie, dafür, sich in den anderen hinein zu verwandeln, sodass man spürt, wie das Blut durch seine Adern rinnt.

Standard: Das wird dann beim Therapeuten quasi passiv nachgeholt.

Rosei: Reiner Nischenbetrieb. In der täglichen Begegnung tasten wir einander schnell ab, dann haben wir ein Skript und das genügt uns auch. Das auszusprechen ist Wirklichkeitsgewinnung. Es ist ein bisschen wie beim Ei des Kolumbus. Wenn das Ei dann dort steht sagt jeder: "Jo mei, das hätt' ich auch gekonnt." Ich beforsche das und habe immer gesagt: Das Schreiben ist nicht die Schwierigkeit, das Nachdenken ist die Schwierigkeit.

Standard: Ihr Protagonist Andi in "Geld!" sagt: "Sterben, na und?" Was sagen Sie?

Rosei: Mit dem Sterben hört das Denken auf. Keine Ahnung, was dann weiter ist.

Standard: Worum geht‘s im Leben?

Rosei: Das kann ich nur tautologisch beantworten: Ums Leben. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.

Peter Rosei (65) stammt aus kleinbügerlichen Wiener Verhältnissen und studierte Jus. Geschrieben hat er schon damals, nach seiner Promotion und Arbeit als Manager für den Maler Ernst Fuchs wurde er 1972 freier Schriftsteller. Der Vater eines Sohnes und Mann der Schwägerin des verstorbenen Dichters H.C. Artmann ist bekannt für seine „Anti-Idyllen", er selbst sieht sich nicht als Pessimist, sondern als Realist. Der Viel-Reisende schreibt Prosa wie Lyrik und hat ein Faible für Ökonomie. Im jüngsten Buch „Geld!" geht es um die Vorwehen der Krise - vorgestellt wird es in der Nationalbank.

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