EU-Schuldenkrise

Hellas retten und die EU neu gründen

Kommentar der anderen | Fritz Breuss, 15. September 2011, 17:28

Die "einfache Lösung" der Eurokrise gibt es nur im Handbuch von Populisten und Scharlatanen. Notwendig ist eine Politik des langen Atems - und ein neuer EU-Vertrag, der die Währungsunion flexibler macht - Von Fritz Breuss

Das verursachende Land ist klein, die Krise in der Eurozone groß. Nahezu wie der berühmte "Schmetterlingseffekt" in der Chaos-Theorie hat - was zuvor unvorstellbar schien - das kleine Griechenland mit seiner selbst verursachten und lange vertuschten Schuldenkrise die gesamte Eurozone in Geiselhaft genommen. Auch nach über einem Jahr Rettungsaktion und dem Zimmern eines erweiterten Rettungsschirms kommt Griechenland ökonomisch nicht auf die Beine.

Jetzt ist Feuer am Dach. Im größten Zahler- bzw. Garantieland Deutschland gehen die Wogen in der Koalition hoch. Gerade noch hat das Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen die bisherige Euro-Rettung abgewiesen, schon preschen Koalitionspolitiker (Wirtschaftsminister Rösler) mit der Möglichkeit einer "geordneten Insolvenz" Griechenlands vor, die von Kanzlerin Merkel umgehend mit dem Verweis, dass das erst mit dem ständigen Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) ab 2013 ansatzweise möglich wäre, abgeschmettert wird.

Doch die Finanzmärkte reagieren hysterisch und schicken (vor allem französische) Banken mit großem Griechenland-Portfolio in den Keller, nachdem sie schon zuvor auf den (unverantwortlichen) Rücktritt des Chefvolkswirts der EZB, Jürgen Stark überreagierten und nicht nur europäische Aktien, sondern gleich auch den Euro "abstraften".

Zu viele Tabubrüche

Und das spielt sich alles vor der Abstimmung des dringend benötigten erweiterten Rettungsschirms (EFSF) in Zusammenhang mit der weiteren Griechenland-Rettung im Deutschen Bundestag Ende September ab. Dazu kommen noch die wenig hilfreichen Nebengeräusche Finnlands mit ihrer Forderung nach Garantien für die Griechenlandrettung und die Weigerung politischer Kreise der Slowakei, den erweiterten Kompetenzen des EFSF nicht zustimmen zu wollen, was das Ende der Griechenland-Rettung bedeuten würde.

Der Euro-Karren ist also ziemlich verfahren. Tatsache ist: Wir waren auf solche Staatsschuldenkrisen nicht vorbereitet. Die wirtschaftspolitische Architektur der Währungsunion war eher für "Schönwetterperioden" konzipiert und hat auch sehr gut im Jahrzehnt vor der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 funktioniert. Seit der Krise explodieren die Schuldenstände der meisten Euroländer, besonders jene der Peripheriestaaten, (wovon bereits deren drei unter dem Eurorettungsschirm stehen, mit Stabilisierungserfolgen in Irland und Portugal, aber mit einer auf eine Katastrophe zusteuernden Performance Griechenlands.

Eine einfache Lösung ist - außer bei Populisten und ökonomischen Scharlatanen - nicht in Sicht. Wir benötigen, das hat auch Kanzlerin Merkel erkannt, einen langen Atem zur Stabilisierung der Schuldenkrise in der Eurozone. Und natürlich braucht es jetzt "mehr Europa", sonst haben wir bald kein Europa mehr. Erste Ansätze sind die (immer noch im Entscheidungsstadium befindlichen) Gesetzesvorschläge der EU-Kommission zur besseren Überwachung und Koordinierung der Fiskalpolitik (Reform des Stabilitäts- und Wachstumspaktes) und der Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte (wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit, vor allem in den Peripheriestaaten) im sogenannten "Sixpack"-Gesetzgebungspaket.

Alle diese Maßnahmen und die bereits existierenden (Europa 2020) und EU-Finanzmarktaufsicht, sowie der Euro-Plus-Pakt sollten zu einer besseren "wirtschaftspolitischen Steuerung" oder letztlich zu einer (nicht in allen EU-Ländern befürworteten) "EU-Wirtschaftsregierung" führen. Allerdings sind dies alles nur notwendige, aber nicht hinreichende Maßnahmen für das Überleben der Eurozone und des Euro.

Letztlich bedarf es - weil wir jetzt im Hinblick auf den Lissabon-Vertrag schon zu viele Tabubrüche begangen haben (Verletzung der "No-bail-out-Klausel", Bruch der Unabhängigkeit der EZB; Einstieg in eine Transferunion und ansatzweise in "Eurobonds") - einer Neugründung der Europäischen Union (einschließlich der Option "Vereinigten Staaten von Europa").

Gelingt es nicht, Griechenland zu stabilisieren, müssten in diesem neuen EU-Vertrag Vorkehrungen für eine "Redimensionierung" bzw. "Optimierung" der Eurozone, d. h. die Möglichkeit der vorübergehenden Aussetzung der Eurozonen-Zugehörigkeit, um nach einer Phase der Gesundung wieder einzutreten, geschaffen werden. Wie sich jetzt herausstellt, hatten die Bedenken vieler Ökonomen zu Beginn der Schaffung der WWU damit recht behalten, dass aus ökonomischen Gründen nur eine kleine Währungsunion (Länder, die sich mehr oder weniger an der DM orientierten) "optimal" (d. h. überlebensfähig) ist. Die Entscheidung fiel allerdings zugunsten einer politischen Lösung in der Hoffnung, dass nach dem Jean-Monnet-Prinzip eine möglichst große Eurozone einen unwiderstehlichen Druck in Richtung politischer Integration (Politische Union) ausüben würde. Zudem hat sich auch die daran anknüpfende Vorhersage, wonach die Einführung des Euro den Zwang zur Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit der Eurozonen-Länder bis hin zur Herstellung eines "Europäischen Konjunkturzyklus" erhöhen würde, (zumindest bisher) nicht erfüllt.

Wer sich also eine "große Lösung" der gegenwärtigen Krise (politische Union) wünscht, wird sich vor diesem Hintergrund und angesichts des gegenwärtigen Krisenmanagements der EU-Politiker sowie der eher negativen EU-Stimmung in der Bevölkerung in den meisten EU-Mitgliedstaaten wohl noch auf eine lange Wartezeit gefasst machen müssen. Kurzfristig aber kann man nur hoffen, dass sich die "Merkozy"-Position durchsetzt: Ein Nein zum Hilfspaket hätte unabsehbare Konsequenzen - nicht nur für die Eurozone. (Fritz Breuss, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16.9.2011)

Fritz Breuss (Jg. 1944) ist Jean-Monnet-Professor für wirtschaftliche Aspekte der Europäischen Integration an der Wirtschaftsuniversität Wien und leitet am Wifo den Forschungsschwerpunkt "Internationale Wirtschaft".

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Karl Buschina
00
16.9.2011, 19:30
Die EU ist nur ein Klub einiger größenwahnsinniger Politiker. Auf die Völker haben sie glatt vergessen.,.

Beschlüse und Institutionen ohne demokratische Legitimation, Verfassungsänderungen ohne Volksabstimmungen, eine lächerliche Klimalüge als Vorwand für neue Steuern, gekrümmte Gurken als Hoheitsaufgabe, ein Gluhlampenfaschismus der sowohl energetisch unbedeutend als auch umweltschädlich ist - all diese Torheiten sind nicht dazu geeignet dass sich die Bürger mit der EU identifizieren und um die Kluft zwischen bürokratischen Institutionen und dem Volk zu überbrücken.

Frodo Der Hobbit
00
26.9.2011, 22:00

man muss den schuldigen ihr spielzeug nicht kaputt machen, sondern aus der hand nehmen und gesünder und produktiver nutzen.

Bluestone
00
16.9.2011, 19:04

Das Problem bei der Betrachtung ist: wenn die Anderen GR retten würden, dann wäre nicht mehr genug von ihnen übrig für einen Neuanfang.

Bluestone
00
16.9.2011, 19:04

Das Problem bei der Betrachtung ist: wenn die Anderen GR retten würden, dann wäre nicht mehr genug von ihnen übrig für einen Neuanfang.

andreas wreiser
 
00
16.9.2011, 18:40
Genau der gleiche Fehler,

der bei der Einführung der DM in der DDR gemacht wurde,
ist auch bei der Einführung des Euro gemacht worden.
Mit der 1:1 Aufwertung der Weichwährungsländer zu den Hartwährungsländer,
waren die Weichwähungsländer nicht mehr Wettbewerbsfähig.
Mit dem gleichem Ergebniss,
Deindustrialisierung von Ostdeutschland und den Weichwährungsländern.
Und aus Ostdeutschland kann man auch lernen,
dass man mit nochsoviel Transferleistungen,
keine Industrie ansiedeln kann,
sondern nur wie in Osteuropa,
durch eine Weichwährung wieder Konkurrenzfähig wird.
Wie der Wirtschaftsboom in Polen, Tschechien, Slowakei, und den Baltischen Ländern beweist.

Popcorn3
00
16.9.2011, 20:52
Andreas Wreiser

Genau das ist der Punkt! Und wenn man weiss, dass das der Punkt ist - und das wissen wir seit der ex-DDR - dann muss man gegen jene Dinge steuern, die das Chaos verursacht haben.

Hätte man es der ex-DDR erlaubt, eine eigene Wirtschaft aufzubauen (d. h. günstigere Kosten als im Westen), dann müsste man schon lange keine Transferzahlung mehr leisten. Wenn man das nicht erlaubt, muss man eben Transferzahlungen machen. Detto für Griechenland (angeblich wollten die Wessies, vorrangig die Gewerkschaften, gar nicht, dass die Ossies wettbewerbsfähig werden).

Leider kann man die nötige Anpassung (30-40%) nicht von heute auf morgen machen. Das gäbe eine Revolution!

http://klauskastner.blogspot.com/2011/07/c... h-usa.html

Frodo Der Hobbit
00
26.9.2011, 21:57

das "geheimnis" ist nicht die weichwährung an sich, sondern die grenzziehung und der zusätzliche regulierungsparameter.
das geht auf verschiedene weise zu machen...

Popcorn3
10
16.9.2011, 18:19
Kurzfristige Massnahmen

Es ist nicht so, dass alle hilflos abwarten müssen, bis sich in Griechenland etwas verändert. Hier sind Vorschläge:

http://klauskastner.blogspot.com/2011/09/e... nland.html

presumption of innocence
00
16.9.2011, 16:59
Was diese "unabsehbaren Konsequenzen" sind

läßt auch dieser Kommentator offen.
Erinnert mich an Paulson "entweder 700 Milliarden sofort, oder es gibt unabsehbare Konsequenzen".

Warum gibt sich keiner dieser Experten die Mühe das einmal durchzudenken? Weil am Ende die Vermögen der Reichen dahinschmelzen mit den Banken? Das wären aber "absehbare Konsequenzen" und gut für alle, die ihr Brot mit Arbeit verdienen!

Igor Gassner
00
16.9.2011, 15:45
Alles was keine einfache Lösung ist weiht

die EU dem Untergang.

Entweder Griechenland raus
oder Staatenbund mit gemeinsamer Wirtschafts und Finanzpolitik

alles was nicht einfach ist ist bla bla von Wichtigmachern löst aber das Problem nicht

?und
01
16.9.2011, 15:29
soviel gescheites wurde in den letzten jahren von sovielen gescheiten wissenden gesagt und trotzdem sind wir gescheitert

Wolfi65
10
16.9.2011, 14:55

Also, daß die südlichen Länder den Wirtschaftsaufschwung der nördlichen finanziert hätten, ist mir neu....Wenn schon, dann umgekehrt, bitte. Was mir nie vollkommen eingeleuchtet ist, ist warum der EU Doppelmotor (D + F) so ungeheuer happich auf den Euro war und warum die dermaßen verzweifelt versuchen, aus Europa eine zweite USA zu machen. Wirtschaftsverbindungen und (mehr oder weniger) freier Grenzverkehr ist ja in Ordnung, aber Europa total zusammenzuschweißen geht halt nicht....

zeitfuchs
01
16.9.2011, 19:26
... geht halt nicht,

wenns den guten Nachbarn jenseits des Ärmelkanals nicht gefällt....

1116er
00
16.9.2011, 17:43
..ist mir neu....

macht nichts, sehr viele leute haben keinerlei ahnung von volkswirtschaftlichen zusammenhängen.

aber anstatt sich zu bilden und gescheiteren leuten zuzuhören, hören sie lieber auf scharlatane oder auf gar niemand und bestehen darauf, gleichberechtigt am politischen entscheidungsprozess teilzunehmen.

es wird einmal geschrieben werden: demokratie ist shyce! aber dann wird es zu spät sein.

atlan2001
 
01
16.9.2011, 16:36
Staatenbund oder Bundesstaat - eine Entscheidung die noch gefällt werden muss

Der EURO ist ein Schritt Richtung Bundesstaat und das macht auch Sinn da keines der heute wirklich relevanten Probleme noch von einem einzigen Staat alleine gelöst werden kann. Das mit zwischenstaatliche Verträgen zu lösen wäre ein administrativer Wahnwitz.
Ausserdem brauchen wir ja nur die letzten 100 Jahre Geschichte in Europa zu betrachen, dann wissen wir wohin Nationalismus führt.
Der EURO wurde übrigens auf die Idee von Frankreich eingeführt um die "Deutsche Atombombe" (so nannte Mitterand die DM) zu zähmen.
Solange sich aber Länder wie Polen oder GB gegen einen Bundesstaat wehren wird es immer wieder zu solchen Problemen kommen - es ist einfach logisch.

Ggg14
00
16.9.2011, 17:06

Wie Sie richtig sagen, können unsere Probleme von den Nationalstaaten nicht gelöst werden.

Es wird also zwangsläufig zu einem Bundesstaat kommen müssen. Weil noch keiner genau weiß, wie der ausschauen könnte, sind halt gerade alle in Schreckstarre, aber das ändert nichts daran, dass der Zug schon auf dem Gleis dorthin ist, spätestens seit der Euro-Einführung gibts keine Alternative mehr.

Und GB und PL werden sich früher oder später die Frage stellen müssen, ob sie sich ein Draußenbleiben leisten können.

Ggg14
00
16.9.2011, 16:32

Naja, dass sie sich etwas, das über den Moment hinausgeht nicht vorstellen können, heißt ja nix.

Und natürlich hat die Verschuldung der südlichen Länder erst den Exportweltmeistertitel möglich gemacht. Auch wenns in der Krone oder Zib anders erklärt wird.

andreas wreiser
 
00
16.9.2011, 18:10
Nach Ihrer These müssten die Chinesen

am meisten in den Rettungsschirm einzahlen,
den diese haben am meisten nach Europa exportiert.

chacun à son gout
02
16.9.2011, 13:48
es läuft immer wieder auf das selbe hinaus

in einer globalisierten welt in der firmen nur noch global agierend denkend und vernetzend überleben können, gilt das gleiche für EUropa.

Die USA, China, Russland, Indien, Brasilien etc sind die player der zukunft. EUropa zerspragelt sich derweil in kleinkriegen um ihre nationale souveränität. wohin das führt sieht man. griechenland müsste nicht in konkurs gehen, wenn es nur eine region der VEU wäre. und gleichzeitig würde tschechien nicht 15 neue akws bauen wollen, wenn es einen konsens in der EUregierung gäbe, dass europa aus der kernenergie aussteigt. jeder kleinen provinz ihre eigene übersetzung und überproportional viele stimmen für kleine ist die musik von gestern. die wird heute nicht mehr gespielt.

zeitfuchs
01
16.9.2011, 20:13
...und genau darum geht es.

gemeinsames europäisches Denken und Handeln, bei gleichzeitigem Erhalt unserer Eigenständigkeit und demokratischen Werte. Je größer ein Staatswesen, desto weniger Demokratie. Wenigstens dieses Vermächtnis der Geschichte sollten wir verstanden haben, und uns nicht blindlings in ein neues Abenteuer stürzen, ohne die Konsequenzen unseres Tun's verstanden zu haben.

Stiffelio87
00
16.9.2011, 15:11
@ chacun

... Konsens in der EU-Regierung, dass Europa aus der Kernenergie aussteigt ...

Wie kommen Sie auf die Idee, dass es einen Konsens hinsichtlich Ausstieg aus der Kernenergie geben könnte? Auch wenn Sie die Vereinigten Staaten von Europa noch so herbei beten, wird es niemals zu diesem Konsens kommen.

Ggg14
00
16.9.2011, 16:34

Es heißt ja nicht, dass es einen Konsens zum Atomausstieg geben muss.

Aber ein gemeinsames Entwickeln eines vernünftigen Energiemixes würde sehr wohl etwas ändern.

Dr. Peter Bonzenpluzer
24
16.9.2011, 13:36

Und natürlich braucht es jetzt "mehr Europa".

Nachdem Europa bis jetzt nicht funktioniert hat, brauchen wir also mehr Europa, damit es dann noch mehr nicht funktioniert. Tolle Logik.

Sao Tomé
00
16.9.2011, 19:43
die Nationalisten

sind auch ein Problem, das stimmt!

Was hat denn in den letzten 30 Jahren nicht funktioniert in Europa? (abgesehen vom Yugoslawienkrieg)

Christoph Baumgarten
00
16.9.2011, 13:35
Nicht eine ominöse Größe

wie die "Wettbewerbsfähigkeit" muss angeglichen werden - die wird unterschiedlich und im Zweifelsfall nach ideologischen Kriterien und nicht nach wirtschaftlichen beurteilt. Die Handelsbilanzen im Euroraum müssen sich ändern, die ärmeren Eurostaaten müssen sich industrialisieren (also geringere Bedeutung des Tourismus fürs BIP) und die Bevölkerungen dort müssen wohlhabender werden. Sonst werden sie immer die Exportindustrie der reichen Länder finanzieren und so selber verarmen. Wenn man das nicht will, gibt's nur die politische Lösung: Die Vereinigten Staaten von Europa (die ich prinzipiell, aber nicht so, begrüßen würde), die zumindest eine gemeinsame Finanzierungspolitik erlauben würden...

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