Das Leben ist ein ewiges Morgen

Blog | Michael Vosatka, 16. September 2011, 01:45
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    foto: verlag tfm

    João Ubaldo Ribeiro
    Um Brasileiro em Berlim - Ein Brasilianer in Berlin (portugiesisch-deutsch)
    TFM
    2.Auflage 2011
    ISBN: 9783939455042
    Preis: € 14,80

     

    Lesung
    João Ubaldo Ribeiro liest aus "Ein Brasilianer in Berlin"
    Freitag, 16.9.2011, 19:00
    Hauptbücherei, Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien

     

    Der Autor befindet sich auf Einladung des 9. Deutschen Lusitanistentages in Wien, in dessen Rahmen bis Samstag zahlreiche Veranstaltungen auf der Uni Wien stattfinden.

     


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    foto: michael vosatka

    Interview
    "Lateinamerika ist eine sinnentleerte Kategorie"
    Der brasilianische Schriftsteller und Camões-Preisträger João Ubaldo Ribeiro über das falsche Lateinamerikabild in Europa

"Ein Brasilianer in Berlin" von Camões-Preisträger João Ubaldo Ribeiro

Wenn ein Brasilianer nach Europa kommt, dann bedeutet das einen Zusammenprall von Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein können.

So erlebte es jedenfalls der brasilianische Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro bei seinem mehr als einjährigen Aufenthalt 1990 im Berlin nach dem Fall der Mauer.

Ribeiro, der mit einem Stipendium des deutschen Akademiker-Austauschdienstes mit seiner Familie nach Deutschland gekommen war, beschrieb in Kolumnen für die Frankfurter Rundschau seine kleinen Pannen und großen Niederlagen in einem Land, das so völlig anders funktioniert als daheim.

Sein Waterloo erlebt er mit der deutschen Sprache: bedingt durch eine rasant steigende Ausländerfeindlichkeit wird dem mehr schlecht als recht radebrechenden Deutschanfänger von der einheimischen Bevölkerung mit Reserviertheit begegnet - verunsichert wird er zum "Stotterer vom Kurfürstendamm". Schließlich nimmt er jedoch die Herausforderung an und beschließt, mit einem Trabant in den Kampf zu ziehen.

Auch auf dem Sektor des Geldes tauchen unerwartete Probleme auf: während in Brasilien, durch galoppierende Inflation und regelmäßige Währungsreformen bedingt, Geld bloß als buntes Konfettipapier und wertloses Alu-Blech wahrgenommen wird, muss die Familie in Deutschland lernen, dass Geld wirklich Geld ist und auch kleine D-Mark-Münzen schon eine bestimmte Kaufkraft besitzen. Als erzieherische Maßnahme für die Kinder erhalten die Münzen daher Namen deutscher Freunde der Familie - das lehrt eine Wertschätzung, bringt allerdings das Problem, dass es schwer möglich ist, derart personifizierte Geldstücke auch wieder auszugeben.

Doch das gravierendste Problem stellt die Kollision deutscher Gründlichkeit mit brasilianischer Unverbindlichkeit dar: Wenn ein Deutscher "morgen" sagt, dann meint er damit tatsächlich morgen, während laut Ribeiro "amanhã" in Brasilien für ein breites Spektrum von Bedeutungen steht, und zwar von "niemals" bis "nächstes Jahr", und in den seltensten Fällen auch für "morgen", denn: das Leben ist ein ewiges Morgen.

Erfolge als "Kulturbotschafter" feiert der Autor schließlich an der kulinarischen Front: mit brasilianisch-deutschen Gerichten vom Typus "Eintopf Wiedervereinigung" fährt er eine Kampagne kultureller Annäherung, die er als geeigneter betrachtet als Lesungen und Vorträge. Allerdings kommt es auch hierbei zu vereinzelten Fehlschlägen gewürztechnischer Natur...

Der Schriftsteller, der im Jahr 2008 mit dem Prêmio Camões, dem bedeutendsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt ausgezeichnet wurde, liest am Freitag um 19 Uhr in der Hauptbücherei in Wien aus "Um Brasileiro em Berlim". (Michael Vosatka/derStandard.at, 16.9.2011)

Der brasilianische Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro, (Jg. 1941), verfasste während eines einjährigen Stipendien-Aufenthaltes kurz nach dem Fall der Berliner Mauer in Deutschland Kolumnen für die Frankfurter Rundschau, die im Band "Um Brasileiro em Berlim" (Ein Brasilianer in Berlin) zusammengefasst veröffentlicht wurden.
Ribeiro erhielt 2008 den Prêmio Camões, den bedeutendsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt. Seit 1994 ist João Ubaldo Ribeiro Mitglied der Academia Brasileira de Letras.

SterzinOz
10
16.9.2011, 01:55
Naja, das ist die zweite Auflage.

Erstauflage 1994, also auch nicht mehr so ganz taufrisch, das Buch. Aber nett, dass der Standard es schon jetzt entdeckt.

Michael Vosatka
00
16.9.2011, 02:03
João Ubaldo Ribeiro befindet sich zur Zeit in Wien...

Am Freitag können Sie seine Lesung besuchen, dies ist auch der Hintergrund für diese Rezension.

Ein Interview mit Ribeiro folgt.

SterzinOz
10
16.9.2011, 02:13
Trotzdem hat er inzwischen auch noch das eine oder andere geschrieben,

manches davon liegt sogar in dt. Übersetzung vor (z.B. "Das Wunder der Pfaueninsel", 1999). Und das Thema Berlin ist ja in Wien auch nicht unbedingt einschlägig.

Michael Vosatka
00
16.9.2011, 02:52
Nun, so viel aktueller ist die Pfaueninsel nun auch nicht, und von neueren Werken ist leider noch nichts auf Deutsch erschienen.

Sein jüngster Roman, "O Albatros Azul", stammt von 2009.

Das Berlin-Buch wurde anlässlich der Fußball-WM 2010 als zweisprachiger Band neuaufgelegt. Und Ribeiro wird sich schon was dabei gedacht haben, wenn er ausgerechnet aus dem "Brasilianer in Berlin" liest und nicht aus einem neueren Buch.

In Bezug auf die Probleme, mit denen Brasilianer in Europa konfrontiert sind, unterscheidet sich Wien nun nicht wirklich von Berlin...

SterzinOz
00
16.9.2011, 06:19
Da haben Sie

auch wieder recht.

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