New Storytelling

"Der Großteil des Journalismus wird datengetrieben sein"

19. September 2011, 09:11
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    foto: shazna nessna

    Shazna Nessa entwickelt für "The Associated Press" Interactives und Infografiken für den weltweiten Medienmarkt.

Shazna Nessa von der Nachrichtenagentur AP über "Visualization Porn" und den Journalismus der Zukunft

Shazna Nessa, Director of Interactive bei der Nachrichtenagentur The Associated Press, wird beim Hamburger Scoopcamp in ihrer Keynote "Disruptions in visual storytelling" über die Herausforderungen im New Yorker Hauptquartier und neue Techniken des Geschichtenerzählens berichten. Tatjana Rauth sprach mit ihr über die Magie visualisierter Berichterstattung.

derStandard.at: Worin liegt der Zauber des visuellen Geschichtenerzählens?

Shazna Nessa: Heutzutage sind datenbasierte Informationen überall greifbar, aber darin einen verständlichen Zugang zu komplexen aktuellen Themen zu finden, ist manchmal richtig schwer. Meine Arbeit konzentriert sich darauf, dem User den oft tief vergrabenen Kontext durch Visualisierungen zu erklären. Wir verwenden dafür Fotos, Videos und grafische Tools, beispielweise Karten und Diagramme. Durch die Einbindung von Bild und Audio in Metaebenen können wir die Muster in großen Datenmengen darstellen. Diese Technik wird im Journalismus immer populärer.

derStandard.at: Wo warten die größten Herausforderungen?

Nessa: Es liegt sicherlich noch jede Menge Arbeit vor uns, um mehr Einfachheit in die Darstellungen zu bringen und den User besser durch die Geschichte zu begleiten. Das User-Interface ist Teil davon. Interfaces ändern sich durch unterschiedliche Bildschirmformate, den Siegeszug der Touchscreens und die ständige Verfügbarkeit mobiler Endgeräte. Das verändert die Erfahrung und sie gewinnt an Leben. Deshalb ist es eine natürliche Entwicklung, dass journalistisches Geschichtenerzählen von traditionellem Text, Foto und Videoformaten in eine vielschichtigere Erfahrung übergeht.

derStandard.at: Legen die verschiedenartigen Systeme den Programmierern große Steine in den Weg?

Nessa: Tatsächlich ist das ein bisschen ein Alptraum für uns. Bei AP haben wir immer sehr viel mit Flash gearbeitet, aber das scheint mehr und mehr ein Problem zu werden. Deshalb wechseln wir gerade zu HTML5, das viele neue Möglichkeiten bietet. Allerdings ist uns noch nicht möglich, Dinge wie Mapping und 3D umzusetzen. Aber es sind die frühen Jahre. Als Mittelweg in Zeiten des Wandels wird es uns helfen, bestimmte Typen von Informationen für mehr Menschen leichter zugänglich zu machen.

derStandard.at: Welche Techniken hat AP für visuelles Storytelling entwickelt?

Nessa: Wir schenken dem Interface sehr viel mehr Beachtung. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht direkt mit Journalismus in Verbindung gebracht wird, ist es letztlich doch die Sprache, um die Menschen durch die Geschichte zu führen. Man kann die beste Geschichte der Welt haben, aber wenn der Leser nicht weiß, wo er die Informationen finden kann, wird es ein Reinfall. Wir sind außerdem große Fans von Einfachheit. Die besten Arbeiten schaffen es, komplizierte Inhalte einfach darzustellen anstatt einen Wow-Effekt zu provozieren.

derStandard.at: Das Gegenteil von "visualization porn"?

Nessa: Auch wenn es gut aussieht, muss es effektiv sein. Es muss eine dritte Schicht geben, die dem User hilft, zu verstehen. Er darf nicht zulange nachdenken müssen, weil soviele Herausforderungen auf seine Augäpfel warten. Ich habe nichts gegen "data-viz-porn" solange er seinen Zweck korrekt erfüllt.

derStandard.at: Welche Rolle spielen Templates in der Generierung visualisierter Information?

Nessa: Templates bilden das Fundament. Dadurch, dass die Arbeitsprozesse technisch immer anspruchsvoller werden, lastet eine große Bürde auf unseren Angestellten. Die von uns entworfenen Templates helfen unseren interaktiven Produzenten und Journalisten sehr schnell Inhalte zusammenzustellen. Die Gefahr der Templates ist, dass man aufhört über den Aufbau der Geschichte nachzudenken und sich auf vorgefertigte Muster verlässt. Unsere Aufgabe ist es, weiter an der Evolution der Templates arbeiten, um eine noch differenzierte Art des Geschichtenerzählens zu ermöglichen.

AP hat sich als Entwickler interaktiver "Breaking-News"-Formate positioniert. Dieses Geschäftsmodell ist nicht mit einer herkömmlichen News-Website oder Zeitung zu vergleichen. Wir müssen Produkte erschaffen, die zu allen möglichen Typen von Webseiten und Konsumentenbedürfnisse passen müssen. Man steht ständig unter Druck, schnell und korrekt zu sein. Gleichzeitig wird neben dem Journalismus das Programmieren eine tragende Fertigkeit, um die Geschichte zu erzählen. Das ist ein Wendepunkt für das Interactive Department. Programmieren und Code wurden bis jetzt noch nicht als journalistisches Werkzeug gesehen, das bedeutet einen großen Wandel.

derStandard.at: Wenn ein junger Mensch sich für den Beruf "Interactive News Designer" interessiert, welche Fähigkeiten sollte er mitbringen?

Nessa: Man muss neugierig und leidenschaftlich sein, um immer auf dem letzten Stand zu bleiben, weil die Technologie sich so schnell entwickelt. Abgesehen von journalistischen Kerneigenschaften, technischen und praktischen Fertigkeiten sucht ein Department wie das "Interactive Department" von AP nach hybriden Fähigkeiten.

In allem fantastisch zu sein ist unrealistisch, aber es wäre gut, wenn man in mindestens ein bis zwei Feldern eine Spezialisierung vorweisen kann. Wir haben Leute, die sind tolle Programmierer und Journalisten oder hervorragende Kartografen und Journalisten. Wenn ich also über hybride Fähigkeiten spreche, dann sollte man es beipielweise verstehen, neben Journalismus auch in der Designwelt Informationen verständlich zu vermitteln. Auch HTML und Javascript fügen niemandem Schaden zu. Das Web und die Webstandards zu verstehen, ist plötzlich wichtig für Newsrooms, auch wenn in der Journalismusschule niemand daran denkt.

derStandard.at: AP entwickelt gerade ein interessantes Journalismus-Werkzeug namens "Overview". Was wird man damit machen können?

Nessa: Wir suchen derzeit nach Entwicklern, die mit uns im AP-Hauptquartier in New York arbeiten werden. Die Idee stammt von Jonathan Stray, der in meinem Team arbeitet. Wir wollen ein Tool programmieren, das große Datenmengen analysiert und scannt, um daraus eine visuelle Karte von Worten und Themen zu kreieren. Da dieser Wikileaks-Style der plötzlich auftauchenden Dokumente wohl nicht so bald wiederaufhören wird, stellt sich die Frage, wie wir schneller herausfinden können, wo sich die Geschichten verbergen.

Derzeit müssen wir jede einzelne Seite lesen. Wir können sie auch scannen, indizieren und nach Keywords suchen. Um aber nach Keywords suchen zu können, muss man zuerst wissen, wonach man suchen soll. "Overview" soll bei diesem Prozess helfen und die Technologie dahinter existiert bereits im akademischen Umfeld. Wir wollen Partnerschaften schließen, um diese Technik auch für Journalismus nutzen zu können. Es ist ein Open-Source-Projekt und wir möchten damit Newsrooms in der ganzen Welt unterstützen. Viele Journalisten, mit denen ich spreche, glauben, dass sie Data nicht betrifft. Wenn Sie etwa über einen religösen Führer schreiben, kann es auch interessant sein, dass er mal in einen Korruptionsfall verwickelt war. Viele glauben noch, dass Daten nur den Bereich des investigativen Journalismus betreffen.

derStandard.at: Verraten Sie uns Ihre Einschätzung zur Zukunft des Journalismus?

Nessa: Der Großteil des Journalismus wird datengetrieben sein. Das ist ein wichtiger Bestandteil von Journalismus, der morgen nicht verschwunden sein wird. Wir leben in einer Welt der Computer und der weit fortgeschrittenen Dokumentation eines jeden Schrittes. In dieser Informationsansammlung sind abertausende Geschichten verborgen. Wenn die journalistische Welt diese nicht versteht, in sie eintaucht und sie analysiert, wer sollte das dann tun? (Tatjana Rauth/derStandard.at/19.09.2011)

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Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 41
1 2
i po
00
20.9.2011, 10:43
ob die beim ORF auch jemanden haben

der sich täglich 2-3minuten überlegt, welche tollen zahlen man heute wieder auf der ZIB-riesenbildwand unterbringen kann?

Nirvanacharly
 
01
20.9.2011, 03:56
irgendwie fehlt dem artikel

die Visualisierung, er ist zu sehr wortegetrieben

Cui bono?
00
19.9.2011, 22:00
"Der Großteil des Journalismus wird APA getrieben sein''

Korrektur in der Überschrift erwünscht !

wahre Lüge
 
00
19.9.2011, 21:33
Das Kaleidoskop der Unwirlichkeiten

möge an mir vorbeigehen
möge mich erst gar nicht datengetrieben
erreichen und antouchen
ich will es gar nicht wissen
nicht so genau

sad
01
19.9.2011, 21:23
wir menschen sind augendenker

und bilder helfen uns dabei, schneller zu decodieren.

Pierre d´Aubusson
14
19.9.2011, 20:58
Visualization Porn? Die Pornographie der Visualisierung?

Jüngst bei Schulbeginn stand ich in der Buchhandlung um mir das angekündigte Exemplar von Grassens "Jahrhundert" abzuholen. Was man mir aber anbot war ein Hörbuch.
Und so nützte ich die Gelegenheit, vor all den Kindern und Eltern möglichst unauffällig die Kraft meiner Stimme zu Unüberhörbarem zu erheben:
"Hörbuch? Nie und nimmer! Ich kann lesen. Und ich tus auch. Ich gehöre sogar zu der Generation, die (wenn auch in Zeichnen!) die Kurrentschrift zu schreiben noch gelernt hat. Ich will das Buch und sonst nix!"
Die Älteren haben deutlich gegrinst.

Heute war ich zufällig wieder dort, um nachzufragen: die Verkäuferin hat sich den Titel und meinen Namen gut gemerkt.
Wozu Büdln, ich kann lesen!

Erwin Wolfram
00
19.9.2011, 20:09
...

ps wir zensieren mehr. da haben wir dann gute ideen, leider sterben die ideenlieferanten so frueh. das nennen wir datengetrieben.

Brötchen aufs Pfötchen
00
19.9.2011, 18:31
Bullshit-Index: 0,3

"Ihr Text zeigt schon erste Anzeichen heißer Luft. Für Werbe oder PR-Sprache ist das noch ein guter Wert, bei höheren Ansprüchen sollten Sie vielleicht noch ein wenig daran feilen."

Quelle: BlaBlaMeter

Not A. MS Troll
00
19.9.2011, 19:01

Wenn man den Text liest und mitdenkt anstatt sich auf irgendwelche Meter zu verlassen (die in den allermeisten Fällen ja doch extrem platt sind), dann ist schon interessant.

tipp ex
54
19.9.2011, 16:22
Sehr gut aussehnde Frau ...

aber leider sehr holes Geschwafel ...

simax
00
20.9.2011, 23:21
das beantwortet die Frage

wie kommt sie in den Job ;-)

I am in the know
42
19.9.2011, 18:54

im gegensatz zu ihrem wertvollen beitrag hier. man kann sich vorstellen, wozu sie das internet noch so benutzen.

tablespace65
98
19.9.2011, 16:01
Typisches inhaltsleeres Geschwafel einer "modernen, halbgebildeten und in alle Richtungen offenen Pseudojournalistin/Künstlerin/Managerin"!

Allein die unzähligen "Termini technici" scheinen eine unglaublich große Kompetenz vermitteln zu wollen:

"Metaebene", "Mapping und 3D", "Interface", "die dritte Schicht", "data-viz-porn", "Templates für die Generierung visualisierter Information", "Evolution der Templates", "interaktive 'Breaking-News'-Formate", "Interactive Department", "Interactive News Designer", "hybride Fähigkeiten", "visuelle Karte von Worten und Themen", "datengetriebener Journalismus"...

Wer da wohl zuerst ein feuchtes Hoserl bekommen hat? Die Interviewerin oder die Interviewte?

Not A. MS Troll
24
19.9.2011, 19:03

Stellen sie sich vor, in vielen Berufen haben die Begriffe Metaebene, Mapping, 3D, Interface usw eine Bedeutung. Kaum zu glauben, oder?

Not A. MS Troll
00
20.9.2011, 18:55

Oh keine Sorge, das würd ich schon verstehen ;)

Wie gesagt, ganz klar muss man darauf achten verständlich zu bleiben. Andererseits splittert die Informationslandschaft immer mehr auf, und nicht alles muss allgemeinverständlich sein. Da gelten für den Onlinestandard sinnvollerweise andere Maßstäbe als für die Printausgabe.

Und ohnehin ist extrem subjektiv, was man ok findet und was nicht. Da wird in diesem Thread z.B. der Begriff "3D" angekreidet, der nun wirklich nicht so jenseitig ist, und einer der Kritiker hier (Pierre d'Aubusson) findet ein anderes Posting und den Begriff "Narrativ" in einem anderen Thread ganz wunderbar.

tablespace65
02
20.9.2011, 09:05

Stellen Sie sich vor, ich würde eine kurze Beschreibung meiner beruflichen Tätigkeit schreiben, in der es so viele "Fachausdrücke" aus dem Bereich der EDV, Datenbanktechnik, Qualitätsmanagment etc. gibt, dass Sie daran zweifeln könnten, ob Sie überhaupt noch der englischen Sprache mächtig sind:-)

Das obige Interview ist meines Erachtens einfach nur ein Paradebeispiel für eine moderne, aber im Grunde recht "inhaltsleere" Form der Kommunikation! Man sollte sich - gerade auch als ein ein Interview führendeR JournalistIn - überlegen, ob man und welche Informationen man transportieren will. Sonst kommt genau Obiges heraus, das nämlich für "Insider" durchaus interessant und aufschlussreich ist, andere aber offensichtlich kaum interessiert...

Pierre d´Aubusson
16
19.9.2011, 21:03
Eggsbärten unter sich?

Jäger, Fischer, gloriose Militärs etc haben auch ihre eigene Sprache. Nur kennen wir das schon und lachen über deren Latein.
Und so wirds auch hier kommen...

Ich jedenfalls bemühe mich immer, mit eigenen Worten zu erklären. Gelingts, dann hab ichs verstanden. Flüchte ich in Fachausdrücke, dann lasse ich die Finger davon.

Not A. MS Troll
01
19.9.2011, 21:15

Ich persönlich ziehe es vor, nicht jedesmal eine komplette Herleitung der Angelei lesen zu müssen, wenn es ein Fachbegriff auch getan hätte. Oder wollen sie jetzt die Begriffe Evolution, Template, Interaktiv und visuell jedes mal von ersten Axiomen herleiten?

Ich stimme ja zu, dass oft eine schreckliche Sprache gesprochen wird, aber die Kritik an inhaltslosen Buzzwords richtet sich besser an die Inhaltslosigkeit. Reflexhaft jedes ungewohnte Wort unschön zu finden, ist jedenfalls keine Lösung.

Hängt natürlich von der Zuhörerschaft ab, aber die muss man ja nicht immer als desinteressiert und ahnungslos annehmen

Pierre d´Aubusson
03
20.9.2011, 01:16
Und trotzdem bezeichnen heimische Scherholder manchen Velours schlicht als Samt.

Ich weiß, was Sie meinen. Aber ich hab da so mit Eggsbärten meine Erfahrungen gemacht: Da hamma in der Arbeit (auch ich hab einmal geschuftet!) SAP bekommen. Und da trifft sich so die ganze Eggsbärten-Clique und wirft mit irgendwelchen Worten um sich. Und von der Firma, die das bei uns eingeführt hat, waren auch Experten da. Und ich, ausgestattet als einer der wenigen mit Buchhaltungs-, Rechnungslegungs- und Lagerbewirtschaftungs- etc-kenntnissen Allerdings alles noch auf deutsch gelernt.
Die Experten haben meine Fragen beantworten können, man hat sogar versucht, mich abzuwerben. Den Eggsbärten mußte man den Sinn der Fragen erst erklären, die habens auf englisch nicht verstanden und auf deutsch auch nicht. Aber g´redt hams mehr als ich...

Not A. MS Troll
00
20.9.2011, 08:09

SAP! *lach*
Ja kenn ich alles, furchtbar.

Nichtsdestotrotz, wenn die Dame im Interview über Grafiken in drei Dimensionen spricht, hab ich nix dagegen wenn sie "3D" sagt ;)

Lotzenfekter
 
021
19.9.2011, 11:43

...mit dem Wörtchen "porn" habts mi gfangt.

Und jetzt is ma fad.

otto68
01
19.9.2011, 17:28

dafür wenigstens eine nettes foto von ihr gesehen.

Pierre d´Aubusson
00
20.9.2011, 01:16

Wo?

Lotzenfekter
 
00
19.9.2011, 11:42
Na suppa,

J. Smith
12
19.9.2011, 11:34

"... und Javascript fügen niemandem Schaden zu ..."

LOL

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