Das Post-PC Zeitalter

Wo gehobelt wird, fallen Späne

Gastkommentar | 15. September 2011, 09:55

Von vielen Seiten wird dieser Tage das Ende des klassischen Computers eingeläutet. Das klingt nach schöner neuer Welt - und nach vielen möglichen Irrwegen - Von Lars Mensel

Es sei jedem verziehen, der den Begriff "Post-PC Zeitalter" bereits jetzt für ähnlich nichtssagend hält, wie unlängst das Schlagwort "Web 2.0". Post-PC, das klingt nach Paradigmenwechsel, nach Revolution und damit subtil nach etwas, dass man nicht verpassen darf - denn im Umkehrschluss ist alles andere Pre-PC und damit automatisch Schnee von gestern. Dass dieser Tage von allen Seiten immer wieder ein neues Zeitalter der Interaktion mit Geräten, ein Ende des klassischen PCs ausgerufen wird, ist hingegen ein wenig zu hoch gegriffen - denn bisher herrscht noch nicht so recht Einigkeit darüber, wohin uns dieses schöne neue Zeitalter eigentlich führen soll.

It's the End of the World as We Know It

Wenn also das "Post-PC Zeitalter" bemüht wird, dann bedeutet das zunächst nichts anderes als die Abkehr von ewig gleichen Computern, einem Wechsel zu neuer Bedienung. Unsere ordentliche Welt der Dateisysteme bricht an den Rändern auseinander - denn so effektiv sie auch oft war, in vielerlei Hinsicht war sie mit Problemen behaftet. Nicht umsonst können die Großväter der Republik ein iPad bedienen, obgleich sie vorher am gemeinen Handy verzweifelten - denn es ermöglichte eine direkte Interaktion mit den Daten, Kontakten, Nachrichten. Keiner Ordner, keine Dateisysteme, keine Probleme. Und während wir kollektiv die Hände überm Kopf zusammenschlugen, und uns fragten, wie wir denn nun unsere Spreadsheets verwalten sollten, zuckten die Großväter mit den Schultern. Wer möchte schon etwas komplizierteres?

Nun ist es diese Unmittelbarkeit im Umgang mit Daten, die das Ende unsere bisherigen Denkweise über Computer einläuten soll. Paradoxerweise bedeutet das neue Zeitalter jedoch auch einen neuen Glaubenskrieg zwischen den führenden Innovateuren unserer Zeit. Diese Woche zeigte Microsoft mehr von dem zukünftigen Windows, ein echtes Hybrid: Das System wird für einen Tablet-Computer optimiert, bietet jedoch auf Wunsch die Möglichkeit, eine Maus und Tastatur anzuschließen und zur jetzigen Ansicht zurückzukehren, in der man nach Herzenslust Spreadsheets befüllen kann. Dass dieser Wechsel der Benutzeroberflächen überhaupt nötig ist zeigt: Genau wie zwischen der Maus und der Touchscreenbedienung Welten liegen, klafft noch eine große Kluft zwischen alter und neuer Bedienungswelt.

Abstrakter! Noch abstrakter!

Dabei braucht man sich weniger auf die Details zu konzentrieren als auf die Grundkonzeption. Obwohl sie mit Android ein wenig vom Kurs abweichen, sieht Google die Zukunft des Anwendungen primär auf ihren Servern und damit im Browser. Apple und Microsoft hingegen sehen sie in Form von Apps auf ihren jeweiligen Betriebssystemen, einhergehend mit Vereinfachung und einer Vordergründigkeit der Inhalte.

Was all diese Projekte gemeinsam haben, ist ihre Abstraktion vom bisherigen Standard, denn selbst Google schafft das Dateisystem still und heimlich ab. Mit dieser Abstraktion steigt allerdings auch die Gefahr, dass die Visionäre sich verrennen: Denn wenn Firmen kuriose Ideen erdenken, bei denen der PC zum Tablet und das Tablet zum PC wird, muss man zwangsweise an die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau denken.

Manchmal ist es besser, lieber mehrere Geräte zu haben, die eine Sache sehr gut erledigen, als ein Produkt, dessen hilfloses Festhalten an beiden Extremen der Bedienungswelt zu nichts als Kompromissen führt. So gern man also ein neues Zeitalter der Einfachheit ausrufen möchte, werden noch viele Ideen ihr Leben lassen müssen. (Lars Mensel, derStandard.at, 15.9.2011)

Autor

Lars Mensel, The European, er arbeitet bei The European als Redakteur und betreut u.a. die diversen Social Media Kanäle. Außerdem versucht er sich als Fotograf und im Lösen von kleinen Alltagsmysterien.

Kommentar posten
24 Postings
laurelundhardy
00
16.9.2011, 10:01
Es ändert sich ja nur die Art der Eingabe, derselbe Computer ist ja noch da!

Und es wird immer Leute geben, die eine Schreibmaschinentastatur mit mechanischen Tasten brauchen.

Es heißt ja nicht Post-Auto-Ära weil die Lenkräder nicht mehr aus Holz sind und ein Airbag drinnen ist.

bad user
01
16.9.2011, 07:33

3D-Renderings mit Raytracing, CAD, Video-Bearbeitung in HDTV, GigaPixel-Panoramen, ...
Viel Spaß damit in der Cloud!

laurelundhardy
01
16.9.2011, 09:56

und ich darf ergänzen: viel Spass unterwegs mit der wechselnden Qualität der Internetverbindung! Kein Netz, oder zu langsame Verbindung...

(°)(°)
00
16.9.2011, 01:20
Lachhaft!

Keine Dateien und Ordner.

Der Mensch der nachdenkt bevor er vordenkt
 
02
15.9.2011, 23:18
Tastatur, yes.

Ich arbeite mit dem PC.
Dabei erstelle ich im Wesentlichen Texte. Manchmal mit vielen Ziffern und vielleicht einem Bildchen darin.
Aber das Wesentliche daran ist der Text.
Meine Arbeit funktionierte viele Jahre mit Menüs... Alt+d+f, Datei öffnen, etc. Seit Jahren sitze ich mit Tastenkombinationen dieser Art neben Mausbedienern und rase ihnen mit der Arbeitsgeschwindigkeit davon.
Als der Ribbon kam, wurde ich fuchsig.
Keine einfachen Buchstabenkombinationen mehr, die in Fleisch und Blut übergegangen sind. Sondern ganz andere, sehr absurde und zu viele Icons.
Und jetzt soll ich also auch noch wischen und zeigen und rumtun auf dem Bildschrm.
Sorry, Microsoft.
Ich hätte gerne wieder das superschnelle Alt+d+f... und so.
Bitte.

Hermine Berg
 
00
16.9.2011, 07:09
wer emacs verwendet

braucht keine angst vor "innovationen" zu haben.

Van Nelle
01
15.9.2011, 23:03
"Post-PC..."

Soll ich meine Präsentationen jetzt auf dem Handy erstellen? Soll ich auf einem wackligen Tablet schreiben? Kann ich mit meinem Handy Filme schneiden oder was ausdrucken?

So ein Käse.

01052004
02
16.9.2011, 11:00
das sollen sie eben nicht tun

sie sollen sich berieseln lassen, unsinnige dinge mit einem touch bestellen, sich nicht über sicherheitsfeatures den kopf zerbrechen, ihre filmchen/bilder/statements unzensiert und ungeschnitten der großen weiten datenwelt zur verfügung stellen - einfach gesagt contentbringer werden und brav das empfangen, was man mit einem klick/touch so hinkriegt..

.MS.
10
15.9.2011, 22:04
Post-PC-Zeitalter: Noch mehr PCs

Es ist alles sehr einfach geworden, ich kann mal eben am Fernsehr im Internet surfen, oder auch auf dem Drucker die Website die die ich drucken will direkt aufrufen.
Wo meine Persönlichen Daten liegen weiß ich wohl bald nimmer, aber dank Google habe ich immer und überall Zugriff darauf.
Alles was ich mache wird dann ganz schnell gePlust oder iBrainwashed. Ganz verlässlich - und sicher (wenn man nichts zu verbergen hat und keine Missgeschicke im großen Stil passieren).
Spezialisierte Geräte für verschiedene Anlässe? Geh Blödsinn das würde ja dann wieder dahin führen dass man selbst denken muss. Eine grausame Vorstellung.

Humanismus ist heilbar
00
15.9.2011, 20:21

Im Umkehrschluss ist nicht ALLES andere Pre-PC. Da fehlt ja wohl auch PC. Und MS ist kein führender Innovator, maximal ein führender Plagiator. Und es gibt auch keinen zwingenden Widerspruch zwischen Web - Browser und lokalem Speicher und Apps. Alles in allem, eine seltsame Betrachtung der aktuellen Entwicklung.

Hermine Berg
 
03
15.9.2011, 19:24
schon interessant

kaum hinkt microsoft wieder mal einem trend hinterher und versucht die konkurrenz von hinten aufzurollen wird von der naechsten revolution geredet.

Der Waehlerwille
 
01
15.9.2011, 18:21
Und ich dachte schon das ende der political correctness

wäre gekommen ...

Oida Habara
00
15.9.2011, 17:48
also ich arbeite jetzt

vor einem monitor von 26 zoll und mit einer tastatur, die fast so breit ist wie der bildschirm. das tablett,welches mir den gleichen komfort bietet ist dann auch nicht mehr das was es sein wollte.

Stahl_____666
00
15.9.2011, 16:10
.

Das Post-PC-Zeitalter wird so aussehen, daß die Mehrheit erkennen wird, daß man gewisse Aufgaben mit Feder und Papier wesentlich schneller und vor allem rationeller erledigen kann, als eine App oder sonstwas zu starten.

Nicht von Ungefähr kehren heute viele Vortragende wieder zurück zu Tafel oder Flipchart anstatt stundenlang mit PowerPoint zu spielen.

desteufelsbeitrag
00
15.9.2011, 21:20

Das PowerPoint-Problem besteht in erster Linie darin, dass die meisten Menschen offenbar denken "Hey, PP ist ein Computerprogramm. Ich kann am Computer internetsurfen. Also müsste ich im Umkehrschluss auch PP kinderleicht bedienen können."

PP ist ein durchaus mächtiges Tool, das gerade bei grafischen Darstellungen (und bei Vortragenden mit Sauklaue) seine Stärken ausspielen kann. Genauso wie Word bei der schnellen Formatierung und Verzeichnisserstellung, sofern man auf die nötige und einfache Vorarbeit nicht verzichtet und sofern man nicht dem Irrglauben unterliegt, dass man bei der Benutzung das Hirn abschalten könne weil der Computer aus irgendwelchen Gründen plötzlich Gedanken lesen würde.

Dormouse
00
15.9.2011, 15:12

"Manchmal ist es besser, lieber mehrere Geräte zu haben, die eine Sache sehr gut erledigen, als ein Produkt, dessen hilfloses Festhalten an beiden Extremen der Bedienungswelt zu nichts als Kompromissen führt"

klingt nach der grossen koalition...aber stimmt natürlich - wenns einem pianisten eine maultrommel andrehen, kann er zwar auch was damit machen, aber nicht das, was er eigentlich will. so in etwa verhält sichs mit pc und tablets - es kann zwar jeder damit surfen und auch noch einiges anderes, aber es gibt viele bereiche, für die sowas entweder ungeeignet oder komplett unbrauchbar ist.

Ronald Tekener
01
15.9.2011, 13:35

Der letzte Absatz trifft den Nagel auf den Kopf.

Jene Grüne Straßenkatze
00
15.9.2011, 13:53
...

Bis auf die holprige Spache, ja.

Außer es ist wirklich gemeint, dass es besser ist, etwas lieber zu haben.

Dazu folgendes:
00
15.9.2011, 12:39

Sollte es nicht" Prä-PC" bzw. "Prae-PC" statt "Pre-PC " heißen?

desteufelsbeitrag
02
15.9.2011, 12:31

"Manchmal ist es besser, lieber mehrere Geräte zu haben, die eine Sache sehr gut erledigen, als ein Produkt, dessen hilfloses Festhalten an beiden Extremen der Bedienungswelt zu nichts als Kompromissen führt."

Das denke ich mir seit Jahr und Tag bei Smartphones. Nein, ich bin kein Technikverweigerer, und ja, ich stehe darauf, mit neuen Gadgets und Anwendungen herum zu experimentieren. Aber das Verherrlichen von den ärgsten Kompromissbomben ever will mir nicht ganz eingehen: Zu groß und klobig, um sie in der Hosentasche zu transportieren ohne dabei wie ein Morgenlattenträger auszusehen, und gleichzeitig zu klein, um Anwendungen brauchbar ausführen zu können.

Kein Wunder, dass das Moleskine seine Wiedergeburt erlebt.

Dormouse
00
15.9.2011, 15:12

da sinds nicht allein!

kein nick will mir mehr einfallen
01
15.9.2011, 11:40

ein OS ohne dateisystem ist nicht denkbar. das OS kann lediglich das dateisystem mehr oder weniger vor dem nutzer verbergen. und bei manchen benutzern ist es wahrscheinlich ganz gut, wenn sie es nicht sehen können. im übrigen, ich liebe meine command line.

smuecke
00
15.9.2011, 12:03

Da gefällt mir Microsofts Metro-Ansatz ja eh recht gut, da dies in meinen Augen nichts anderes ist, als die doch etwas verwirrende und umständliche Bedienung eines Dateisystems - die für viele nicht erforderlich ist - unter einer einfach zu bedienenden Oberfläche zu verstecken.

Ich persönlich kann damit nicht so viel anfangen, ich will vollen Zugriff auf mein Dateisystem, für viele Nutzer ist das aber bestimmt eine gute Lösung, damit senkt man die Hemmschwelle zur Benutzung eines zumindest PC-ähnlichen Gerätes dramatisch.

Simplicius Simplicissimus
00
15.9.2011, 11:24
Stift und Pinsel ...

... gibt es auch noch. Jeder hat viele davon. Aber die Wenigsten können zeichnen und schreiben.

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