Kalifornien ist mehr als eine Surferdestination. Es hat ein Skigebiet mit olympischer Geschichte, verschlafene Dörfer und neue Weinregionen
"Jetzt haben die Amerikaner herausgefunden, wie man das Wetter kontrolliert!" Die sowjetischen Spione, die wochenlang zugesehen hatten, wie man Langlaufloipen durch den Wald schlug oder alte Mähdrescher umbaute, um Pisten mit Pulverschnee zu befeuern, waren fassungslos, als man die Olympischen Winterspiele 1960 in Squaw Valley am Lake Tahoe eröffnete. Denn, nachdem das Wetter sich von seiner stürmischen Seite gezeigt hatte, öffnete sich der Himmel nur für eine Stunde während der Eröffnungszeremonie hellblau und freundlich über dem Olympischen Dorf.
Nein, die Amerikaner wissen auch mehr als 50 Jahre später nicht, wie man das Wetter kontrolliert. Als David Antonucci, Autor des Buches "Snowball's Chance", über die Geschichte dieser Gegend Kaliforniens, die als Außenseiter völlig überraschend die Olympischen Spiele bekam, erzählt, klettern die Temperaturen in Los Angeles gerade gegen die 30 Grad Celsius, auch im Mikroklima des kühleren San Francisco ist es mild. Hier in Granlibakken, einer idyllischen Hotelanlage aus Blockhäusern im Wald am Lake Tahoe, ist in der Nacht Schnee gefallen. Viel Schnee. Ein Meter Neuschnee. Antonucci erzählt, das Kaminfeuer prasselt und die Geschichten klingen wie aus einer fernen Zeit. Nur wenige Spuren deuten im nahen Squaw Valley noch auf den kurzen Ruhm hin. Nicht einmal die damals nach neuesten Standards errichtete Blyth Arena steht noch.
1960 feierte man hier aber Premieren: Unter anderem war es der Beginn der großen Sportevents. Erstmals wurden die Spiele inszeniert, und kein Geringerer als Walt Disney war für die Eröffnungszeremonie zuständig, entwarf Skulpturen von Sportlern und die Olympische Fackel. Auch die Idee des Olympischen Dorfes, in dem man mitten im Kalten Krieg die Nationen einander näherbringen wollte, wurde hier geboren. Alles verloren und vergessen. In letzter Zeit ist man bemüht, die Gegend um den riesigen Lake Tahoe, der zur Hälfte in Kalifornien, zur anderen in Nevada liegt, wieder als Wintersportort in Erinnerung zu rufen. "Wir haben es nicht leicht", erzählt ein Hotelbesitzer, "die Leute denken an Strände und Surfer, wenn sie Kalifornien hören. Dabei gibt es hier großartige Pisten und keine gefährlichen Tiere, nicht einmal giftige Pflanzen." Das Paradies. Und der See hat Trinkwasserqualität, versteht sich. Genau dieses Image des "Sunshine State" machte es für die Region seinerzeit auch schwierig, den Kampf um die Winterspiele gegen Vorbehalte der Europäer für sich zu entscheiden.
Tourismus gibt es um den See auch abseits des Skisports ganzjährig. Dieses Jahr führte eine Etappe des größten Radrennens der USA, der Amgen Tour of California, an den Ufern des Lake Tahoe entlang, musste aber wegen eines Schneesturms abgebrochen werden.
Ob man sich auf dem Nevada- oder Kalifornien-Ufer des Sees befindet, ist leicht festzustellen: In Nevada gibt es Kasinos, ja schon der Flughafen in Reno empfängt einen mit bunt blinkenden einarmigen Banditen. In Kalifornien ist das verboten. Landschaftlich sind jedenfalls beide Seiten wirklich atemberaubend schön.
Wasser, Gold und neue Reben
Fährt man nur wenige Stunden vom riesigen Süßwassersee nach Südwesten, ist auch das "alpine" Klima Geschichte. In der aufwendig restaurierten Altstadt Sacramentos, der Hauptstadt Kaliforniens, weht noch ein Hauch der Zeit der Goldgräber, als täglich Dampfschiffe zwischen Sacramento und San Francisco pendelten. Die elegante Delta King wurde vor einigen Jahren geborgen, restauriert und als Hotel am Sacramento River in der Altstadt wieder eröffnet, in unmittelbarer Nähe sind das Crocker Art Museum und das Eisenbahnmuseum.
Im Crocker Art Museum findet man neben zeitgenössischer Kunst, viele Bilder kalifornischer Impressionisten. Ein Motiv wiederholt sich: Das besonders dunkelblaue Wasser und die grauen Felsen der Küste um Monterey. Wenn man südlich von San Francisco vorbei an John Steinbecks Heimat Salinas an die Küste fährt, kann man sich vor Ort von diesen Farben überzeugen. Hier ist der berühmte Strand von Pebble Beach und das Künstlerstädtchen Carmel, in dem Clint Eastwood wohnt und Bürgermeister war. Die Abwesenheit von Gehsteigen und Straßenbeleuchtungen verleihen auch Carmel Zeitreisequalitäten. In Monterey selbst ist die von Steinbeck verewigte Cannery Row.
Weit hat man es da auch nicht mehr in das aufstrebende Weingebiet um Paso Robles, wo junge Weinbauern selbstbewusst behaupten: "Wir sind das neue Nappa!" Denn die großen Temperaturunterschiede, mit denen die Natur hier Kneippkuren betreibt, sorgen für eine besonders große Bandbreite von roten und weißen Rebsorten. In den 1980ern gab es hier gerade einmal 15 Weinbauern, heute mehr als hundert. Für Leute aus L.A. ist das Klima hier kühl. Kommt man aber vom Lake Tahoe, fragt man sich, wo zwischen Winter und Sommer eigentlich der Frühling geblieben ist. (Colette Schmidt/DER STANDARD/Rondo/16.09.2011)