Berg- und Talwärts

Trompete und Flöte

18. September 2011, 14:41
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    foto: apa

Zum Gipfel gehört die Rückkehr - der erfolgreiche Bergsteiger kehrt zurück. Horst Christoph berichtet, wie es ist, wenn der Tod am Berg zuschlägt

Es war ein strahlender Herbsttag in den Sellrainer Kalkkögeln - blau der Himmel, weiß der Kalkfels. Wir waren im Abstieg nach einer nicht wirklich schweren Klettertour auf den "Nordturm". Zwei Seilschaften: Bernhard und Helene, Sigrid und ich. Wir waren alle um die zwanzig, voll von Übermut. Tief unten im Kar spielte eine Trompete - zwei Stubaier Kletterer hatten uns am Gipfel überholt und versprochen, ein Ständchen zu spielen. Den schwierigeren Teil des Abstiegs hatten wir hinter uns und gingen jetzt - immer noch angeseilt, aber ungesichert, über ein etwa einen Meter breites Schotterband. Wir beeilten uns, wollten möglichst schnell zurück zur Adolf-Pichler-Hütte, um unseren Freunden zu berichten.

Plötzlich das Geräusch von rieselnden, dann polternden Steinen, die Trompete verstummte, die Stubaier rannten durchs Kar. Helene und Bernhard waren sofort tot.

Sterben am Berg ist die augenfälligste Form von Scheitern, die höchste vorstellbare Negation von Leben: Es leugnet das Überleben als Ziel des Bergsteigens. Wer auf einen Berg steigt, will zurückkommen. Alles Gerede von einer geheimen Todessehnsucht der Bergsteiger ist Quatsch. Es gibt viele Antriebe zum Bergsteigen: Freude an der Natur, Lust an der Bewegung, sportlicher Ehrgeiz, Reiz der Gefahr, Ruhmsucht. Aber niemand will auf dem Berg bleiben, jeder will zurückkommen. Als man vor zwölf Jahren die Leiche des 1924 am Mount Everest verunglückten George Mallory fand, wurde spekuliert, ob er vielleicht den Gipfel erreicht hatte und erst im Abstieg gestorben war. Als der als Erstbesteiger des Everest geltende Edmond Hillary gefragt wurde, was er dazu sage, dass vielleicht Mallory dreißig Jahre vor ihm am höchsten Punkt der Erde gestanden war, erwiderte er gelassen: "Zum Gipfel gehört auch die Rückkehr."

Und wer in den letzten Tagen Gerlinde Kaltenbrunner bewunderte, musste sich bewusst sein, dass sie nicht deshalb die beste Bergsteigerin ist, weil sie alle 14 Achttausender bestiegen hat, sondern weil sie auch von ihrem letzten wieder zurückgekommen ist.

Weil der Tod am Berg - viel mehr als etwa ein Verkehrsunfall - als Anschlag gegen das Prinzip Leben empfunden wird, versucht man ihn gerne zu erklären. Die einfachste, leider auch eine häufig zutreffende Erklärung ist Leichtsinn. Hüttenwirte reden gerne davon, wenn Skitourengeher ihre Warnungen vor Lawinengefahr in den Wind geschlagen haben. Auch wir am Nordturm waren leichtsinnig. Man geht nicht ungesichert am aufgerollten Seil - genauso wenig wie ohne Seil über einen Gletscher. In diesem Fall ging es gut aus: Harald fiel am Freiger in einer Gletscherspalte nach fünfzehn Metern auf eine Schneebrücke, bevor es noch fünfzig Meter in die Tiefe gegangen wäre.

Glück gehabt? Auf dem Piz Palü, als Eberhard umdrehte und ich im Nebel weiterging? An der für mich viel zu schweren Königsspitz-Nordwand, als ich mitgegangen wäre, obwohl ich vor Angst kein Auge zugemacht habe. Um fünf Uhr begann es zu regnen, wir blieben in der Hütte.

Das Bergsteigen ist sicherer geworden. Alpine Vereine, Meteorologie, Lawinenkunde haben ihren Beitrag dazu geleistet. Und das Sportklettern hat den Gipfel entthront. Seitdem dessen Krönung mit dem Gipfelkreuz das Bergsteigen mit Gott in Verbindung gebracht hat, kam Religion ins Spiel. Der Tod am Berg wurde als direktester Schritt in die Unendlichkeit missdeutet. Das wurde dann besonders fatal, als das Vaterland an Gottes Stelle trat. Der Tod am Berg wurde im Ersten Weltkrieg zur höchsten Form des Heldentodes verklärt. Dem namenlosen Massensterben in Russland und an der Westfront wurden Bergsteiger wie Sepp Innerkofler in den Dolomiten gegenübergestellt, die dem Feind von Angesicht zu Angesicht trotzten. Und in den Jahrzehnten danach wurde in den Sektionen des Alpenvereins festgelegt, wer dieses Heldentods überhaupt würdig war. Juden waren in den Bergen auf einmal unerwünscht.

Als Reinhold Messner vor einigen Jahren die Familie seines 1970 am Nanga Parbat unter ungeklärten Umständen tödlich verunglückten Bruders Günther zum Schauplatz des Unfalls führte, erklärte er, wie wichtig es sei, dass Angehörige das für sie Unverständliche nachzuvollziehen können. Der tödliche Unfall am Nordturm liegt heuer fünfzig Jahren zurück. Aus diesem Anlass luden Helenes Geschwister ihre und Bernhards Angehörigen und Freunde auf die Kemater Alm in den Kalkkögeln. Viele kamen. Einer kirchlichen Feier, bei der ein Neffe Helenes auf der Flöte spielte, folgte ein langes, fröhliches Beisammensein. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/16.09.2011)

sociovation
10
19.9.2011, 15:14
Zu Kaltenbrunner

Mit anderen Worten:
Der "beste" Pistolenschütze ist der, der nach 20x russisches Roulette immer noch lebt?

Hochalmspitze
00
18.9.2011, 22:29

Danke für den gelungenen, nachdenklich machenden Artikel.
Ich habe zum Glück das nie miterleben müssen auf meinen Bergtouren.

Difool
 
03
18.9.2011, 16:15

Danke für den schönen Text!

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