Provokante Reden

"Sinnloses Gequatsche": Chinas zorniger alter Mann blickt zurück

Johnny Erling aus Peking , 15. September 2011, 06:15

Ex-Ministerpräsident Zhu Rongji hat seine provokanten Reden veröffentlicht und sorgt bei der Pekinger Führung für Nervosität

Politische Witze über Pekinger Führer waren vor zehn Jahren rar. Wenn sich der Volksmund zu spotten traute, ließ er kein gutes Haar an ihnen. Nur einer kam wegen seiner Integrität und seinem Kampf gegen Chinas Missstände gut weg: Zhu Rongji. Er setzte von 1991 bis 2003 zuerst als Notenbankchef und Vizepremier, ab 1998 als Ministerpräsident unter Parteichef Jiang Zemin eine Reihe von Marktreformen durch, die Chinas Weg zur heutigen ökonomischen Weltmacht ebneten.

Respekt vor Zhu verrät ein um 2001 erzählter Witz: Staatschef Jiang Zemin kommt von einer Auslandsreise zurück und fragt seinen Büroleiter, was inzwischen passiert sei. "Hat Vizepremier Li Ruihuan wieder Unsinn erzählt? Hat Parlamentschef Li Peng Lügen verbreitet? Macht Premier Zhu Rongji uns mit neuen Reformen Ärger? Und hat Fräulein Song angerufen?" (Gemeint war eine Sängerin, der der Volksmund ein Verhältnis mit Jiang andichtete.)

Zehn Jahre später sorgt Pensionär Zhu wieder für Aufsehen. Der 82-Jährige legt Rechenschaft über seine Regierungsführung 1991 bis 2003 ab. Der Volksverlag veröffentlichte Orginalreden Zhus in vier Bänden auf 2000 Seiten.

Ein Jahr vor Chinas Machtwechsel im Herbst 2012, bei dem die heutigen Führer Hu Jintao und Premier Wen Jiabao nach Ende ihrer Amtszeit gegen eine neue Mannschaft ausgetauscht werden, kommt dem Rückblick ihres Vorgängers besondere politische Bedeutung zu. Die mutige Wochenzeitung Nanfang Zhoumo eckte bereits mit dem Vorabdruck an. Aus Zhus Antrittsrede als Premier 1998 und der Abschiedsrede 2003 wählte sie zwei Zitate als provozierende Überschriften. Chinas Internetöffentlichkeit verstand sie als Anspielung auf Premier Wen Jiabao und Aufforderung an seinen künftigen Nachfolger, nicht mehr zu lavieren, sondern auf Reformen zu setzen. 1998 lautete Zhus Kampfansage an korrupte Funktionäre: "Das Volk würde der Regierung nicht verzeihen, wenn wir uns immer nur 'lieb Kind' machen wollen." Die zweite Überschrift lautete: "Was wäre ich für ein Premier, wenn im mich nicht um den Schmerz des Volkes kümmerte!" Das war zu viel: Die Nanfang Zhoumo erschien ohne Vorabdruck. Nur ihre Abonnenten erhielten die Zeitung komplett.

Für Pekings Führung sind die bisher unveröffentlichten Reden des "zornigen alten Mannes" politisch heikel, denn der Unbestechliche, wie er genannt wird, legte sich für seine Reformen mit allen Interessengruppen an. Dennoch erschienen sie nun mit amtlichem Segen.

Das Parteiorgan Volkszeitung schrieb, warum sie für China von so "großer Wichtigkeit" sind. Zhu setzte umwälzende Wirtschafts-, Sozial- und Finanzreformen durch, durch die sich die sozialistische Planwirtschaft in die sozialistischen Marktwirtschaft verwandelte.

Sein Ansehen erlaubt Ex-Premier Zhu, aus der Reihe der Politbüro-Rentner zu tanzen, die sich verpflichteten, ihren Nachfolgern nicht in die Quere zu kommen. Im April stattete er der Pekinger Qinghua-Universität einen überraschenden Besuch ab. Es sei ein Skandal, wenn auf Schanghais Automesse Luxusautos für rund 13 Mio. Euro verkauft würden, während sich in der Armutsprovinz Qinghai viele Kinder keinen Schulbesuch leisten könnten, sagte er. Chinas Propaganda und die TV-Staatsnachrichten bezeichnete er als sinnloses "Gequatsche". (DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2011)

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Alfred Fux
01
21.9.2011, 14:48
Das Integre an Personen so hohen Alters ist, dass sie nichts mehr zu verlieren haben.

Die Chinesische Regierung kann mit ehrlichen Leuten nichts anfangen. Die Nervosität ist verständlich, denn einen respektablen Pensionär mundtot zu machen ist in China nicht einfach. Mit jungen Künstlern geht das viel einfacher. Vielleicht sollten sich die restlichen großen, alten Leute Chinas mal zu Wort melden. Deren Meinung ist schließlich ein Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrungen. Aber wo Geld winkt ist halt meistens das Gehirn ausgeschalten.

hexmax
32
15.9.2011, 12:06

Es heißt "Shanghai" und nicht "Schanghai"

geordie
00
30.10.2011, 21:48

stimmt nicht, auf deutsch ist Schanghai die richtige Schreibweise

milko
00
23.9.2011, 09:10

by the way: Schankhai Verheyen lebt nebstbei in hannover

berndj
00
22.9.2011, 13:32
wie wärs mit

Portugiesisch: Xangai

Micha Do
 
00
19.9.2011, 13:24
Oder so:

??

Micha Do
 
00
19.9.2011, 13:31
sorry, offensichtlich überträgts keine Zeichen....MfG M.D.

Micha Do
 
00
19.9.2011, 13:10

Wie wärs mit: Shang4Hai3 dann habens die Intonation auch dabei ;-)

carl guggelhupf
10
15.9.2011, 15:14
Geht auch "Shangrila"?

yomellamo
11
15.9.2011, 13:39

wenn schon, dann schreiben sie es mit chinesischen schriftzeichen.

Wenn nicht, dann ist es auch wurscht ob sie nun die englische oder die deutsche transkription verwenden.

Wien heisst zwar Wien, wird aber in anderen Sprachen Vienne, Vienna, Viena, ... usw. geschrieben. Warum sollte man jetzt fuer Schanghai immer genau nur die englische variante verwenden duerfen?

Utrilitn
00
15.9.2011, 13:16

Ich schreib immer Šanghai .

Regis 1
00
15.9.2011, 13:07
Es heißt "Shanghai" und nicht "Schanghai"

tja, mann/frau muss ja wissen, welche prioritäten gesetzt werden müssen ....

hexmax
03
15.9.2011, 13:49

Danke. Da habe ich doch glatt wieder etwas gelernt.

Helmut Thomas Wiener
 
01
15.9.2011, 12:45
Logyal
00
15.9.2011, 11:46
Die Chance

Nachdem China als Großkreditgeber der abgestürzten Neocon-Regierungen immer mehr an Macht gewinnt,
wäre die Chance für die Weltpolitik doch "kommunistische Revolution" in China (im ursprünglichen Sinn, basisdemokratisch etc..) ??

cipf
 
01
15.9.2011, 11:42

Wenn jetztn die Chinesen auch noch anfangen, gute, kompetente und unbestechliche Politiker zu exportieren (ein Exportschlager, übrigens), na dann gute Nacht Westen! :-))

Martin Müller10
 
11
15.9.2011, 10:25
Bei Zhu dürfte es sich um einen Haider mit Hirn handeln ;-)

Galileo Galilei
 
08
15.9.2011, 10:59
eher

- um einen Haider ohne Haider aber dafür mit ganz wem anderen.

The Renegade
00
15.9.2011, 09:55
Nicht nur zornig, auch authentisch

Man weiss ja nicht, was wirklich hinter den Mauern der "Neuen Verbotenen Stadt" in Zhongnanhai abläuft, aber für mich bleibt ein Bild in lebendiger Erinnerung. Als sich die Parteispitze zum 50 Jahrestag der Gründung der Volksrepublik vor allem selbst feiern ließ, standen Jiang Zemin und Li Peng wie kleine Kinder auf der Tribüne und winkten, während Zhu Rongji erst gar nicht versuchte seine säuerliche Miene mit einem Lächeln zu kaschieren.

lagrangian
00
15.9.2011, 09:53

ja, zum 100 geburtstag sind sie alle gekommen... ;-)

awien
07
15.9.2011, 08:58
Könnten wir uns de einmal ausleihen?

docaltea
22
15.9.2011, 11:08
gute Idee!

....und in die naechste Demo am Ballhausplatz wird scharf geschossen! sehr witzig ihr Wunsch!

posting72
11
15.9.2011, 08:30
es raschelt..

..unter den fittichen
der grossen echse
und es klingt nicht
zhu wunderbar

Buntspecht+
10
15.9.2011, 08:49
hach..., poetisch...

brav gemacht!

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