Den Auftritt in Brüssel nutzte der Cavaliere Silvio Berlusconi zu einer unüblichen Attacke auf die Opposition
Der Gesichtsausdruck von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy bei der Pressekonferenz mit Silvio Berlusconi am Dienstag verriet mehr als viele Worte. Italiens Premier war in Brüssel in einem Konvoi von 13 schwarzen Limousinen vorgefahren. Offiziell, um Van Rompuy über sein Sparpaket zu informieren; inoffiziell, um dem Verhör durch italienische Staatsanwälte zu entgehen.
Den Auftritt in Brüssel nutzte der Cavaliere zu einer unüblichen Attacke auf die Opposition, die Italiens Glaubwürdigkeit untergrabe und an seinem Sturz arbeite. Doch keiner untergräbt Berlusconis Glaubwürdigkeit so nachhaltig wie er selbst. Aus den Telefonmitschnitten der jüngsten Erpressungsaffären wird erneut klar, welchen Umgang der Cavaliere pflegt - etwa mit dem wegen Kokainhandels verurteilten Unternehmer Gianpaolo Tarantini oder dem per Haftbefehl gesuchten Lobbyisten Walter Vanvitola.
Regieren war für Berlusconi schon immer Nebensache. Während des langen Tauziehens um das Sparpaket, das in seiner Villa in Arcore festgezurrt wurde, ließ er sich drei Wochen lang nicht in Rom blicken. Beim Vertrauensvotum im Senat glänzte er durch Abwesenheit. Am Mittwoch, als Italiens Staatsverschuldung auf die neue Rekordmarke von 1912 Milliarden kletterte, musste Berlusconi in der Kammer zum 50. Mal die Vertrauensfrage stellen. Auch wenn seine Mehrheit noch hält - selbst in der eigenen Partei schwindet das Vertrauen in den Premier rasant. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.9.2011)