Das irische Schulsystem ist durch und durch katholisch geprägt - Daran ändern auch Missbrauchsskandale in der Kirche wenig
Dublin - Der Jesus am Kreuz hängt zwischen nackten Nymphen, Dirnen und Feen. Schüler haben die Wände des Zeichensaales über und über mit Bildern geschmückt, abstrakten Aquarellen ebenso wie Kopien von barocken Gemälden. Darunter sind auch allerlei biblischen Nackedeis. Doch das ist es nicht, was Direktor Gerry Foley an diesem Tag bei seiner Schulführung irritiert.
Empört ist er über eine andere Art der Entblößung: Die Behauptung der Regierung, die Kirche trage Mitschuld an dem Missbrauch von Kindern durch Geistliche. "Die Leute misstrauen dem Staat, nicht der Kirche", sagt der Leiter des Belvedere College, einem Jesuitengymnasium im Herzen von Dublin. Nicht die kirchlichen Schulen und die Bischöfe hätten versagt, die unerhörten Vorfälle aufzuklären. Sondern die Behörden.
"Vergewaltigung kleingeredet"
Es sind Äußerungen, die wie eine Rechtfertigung klingen. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird in Irland über Fälle von Kindesmissbrauch in kirchlichen Schulen und Einrichtungen gestritten. Immer wieder werden dabei neue Vorwürfe bekannt. Ausgerechnet die konservative Regierung von Premierminister Enda Kenny scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, die katholische Kirche damit zu konfrontieren. "Die Vergewaltigung und Folter von Kinder wurde heruntergespielt und kleingeredet, um die Vorherrschaft dieser Institution zu schützen - ihre Macht, ihre Position und ihren Ruf", donnerte Kenny im Juli in einer aufsehenerregenden Rede vor dem Parlament.
Kaderschmieden
Die Dominanz der Religion im Erziehungswesen wird bisher aber kaum öffentlich angezweifelt. Immerhin stehen rund 95 Prozent der Bildungseinrichtungen in Irland unter der Patronanz der katholischen Kirche. Die Gymnasien der Mönchsorden gelten gar als Kaderschmieden der geistigen Elite des Landes.
An den Schulen sieht man sich als unbeteiligt an den Missbrauchsskandalen. "Die Menschen sind nicht wütend auf die Kirche, sondern auf die Bischöfe und den Vatikan", sagt Ray Mac Manais. Den tief verwurzelten Glauben der Menschen betreffe das nicht. Der Pädagoge leitet seit vielen Jahren eine katholische Volksschule in einem Vorort nördlich von Dublin. Das Büro des 62-Jährigen ist dekoriert mit den Andenken an seine lange Laufbahn als Erzieher und Kinderbuchautor: Urkunden und Bücher stehen dort neben Sportpokalen und christlichen Ikonen.
Nach dem Unterricht führt Mac Manais seine Schüler nach draußen, um im Pfeifen einer kräftigen Meeresbrise die Flagge der Hauptstadt zu hissen. Am Sonntag ist das Endspiel im Nationalsport Gaelic Football, Dublin gegen Cork. Das sei für die Kinder wichtig, sagt der Pädagoge. Unter lauten Jubel der aufgeregten Burschen und Mädchen steigt das ultramarin und hellblau gefärbte Banner in die Luft.
Gälisch als Unterrichtssprache
Auch an anderer Front betont die kleine Schule das Traditionelle: Unterrichtssprache ist das Gälische, die Ursprache der Iren. Die Sprache, der Fußball, die Kirche - das gehört für den Schuldirektor zusammen. Der Katholizismus, ebenso wie das Gälische einst unter britische Fremdherrschaft unterdrückt, sei untrennbar mit der irischen Identität verbunden, erklärt Mac Manais.
Die Verbundenheit mit der Geschichte wird auch am Belvedere College wie eine Medaille getragen. "Wir haben eine lange Tradition, wie sie eine säkulare Schule nie bieten kann", sagt Schulmeister Foley. Das Gymnasium existiert seit 180 Jahren, weit länger als der irische Staat. Der Poet James Joyce wurde hier von Jesuitenpatres unterrichtet, ebenso wie viele prominente Figuren der irischen Gesellschaft, und Generationen von Burschen und jungen Männern.
Gütiger Vater
Bei seiner Führung durch die Schule macht Foley bei einem Klassenzimmer halt. Einige 14-Jährige sitzen darin, ihr Lehrer lässt einige Minuten auf sich warten. Als der Direktor in der Tür erscheint, springen die Burschen im selben Atemzug ruckartig auf. "Entspannt euch", sagt Foley. Er will heute als gütiger Vater der Schüler erscheinen.
Der Jesuitenorden spiele heute keine große Rolle mehr im Schulalltag, erklärt Foley. Die wenigen Ordensmänner, die noch an seiner Schule lehrten, seien "Überbleibsel aus der Vergangenheit", betont er. Die Schule gehe heute mit einer modernen Haltung in die Zukunft. Wichtig sei ihm die persönliche Entfaltung der Schüler, das Fördern ihres kritischen Denkens. "Unser Leitmotiv für die Schüler lautet 'soziale Gerechtigkeit'", sagt Foley. Und ja, selbstverständlich, es gebe einen Sexualkundeunterricht, der auch den Umgang mit Kontrazeptiva nicht ausspare.
Probleme mit Strenggläubigen
Auch sein Kollege Mac Manais will sich von den katholischen Dogmen abgelöst wissen. Er habe an seiner Schule noch nie Probleme mit Atheisten oder Andersgläubigen gehabt, dafür hingegen mit einigen "Hardcore-Katholiken", erzählt er. Diesen sei der Religionsunterricht nicht doktrinär genug gewesen. "Die wollten, dass im Unterricht dauernd vom Heiligen Geist die Rede ist." Mac Manais wollte hingegen keine ideologischen Kämpfe ausfechten und verweigerte sich. Die Strenggläubigen hätten daraufhin ihre Kinder wieder von der Schule genommen.
"Keinesfalls dogmatisch"
Am Ende des Tages gehe es darum, den Kindern die nötige Bildung zu vermitteln, betonen die Pädagogen. Dazu gehöre in einem katholischen Land auch der christliche Glaube, sagt Mac Manais. "Was wir in den Religionsstunden lehren, unterscheidet sich hoffentlich ohnehin nicht allzu sehr von dem, was die Kinder zuhause mitbekommen." Der Unterricht sei von einem "katholischen Ethos" geprägt, aber keinesfalls dogmatisch, sagt auch Direktor Foley. Für die Burschen sei seine Einrichtung nicht katholisch, sondern schlicht eine gute Schule.
Einwände gegen die Segen der katholischen Erziehung brachte freilich schon der berühmteste Abgänger des Belvedere College hervor. "Es gibt keine Häresie oder Philosophie, die der Kirche so verhasst ist, wie das menschliche Wesen", schrieb James Joyce. Er war in seiner Zeit an dem Jesuitengymnasium vom Glauben abgefallen und sollte Zeit seines Lebens ein Skeptiker bleiben. (Alexander Fanta, APA)