Irland: Gott hinter der Schultafel

14. September 2011, 13:54
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    foto: fanta

    "Die Leute misstrauen dem Staat, nicht der Kirche", sagt der Leiter des Belvedere College, einem Jesuitengymnasium im Herzen von Dublin.

Das irische Schulsystem ist durch und durch katholisch geprägt - Daran ändern auch Missbrauchsskandale in der Kirche wenig

Dublin - Der Jesus am Kreuz hängt zwischen nackten Nymphen, Dirnen und Feen. Schüler haben die Wände des Zeichensaales über und über mit Bildern geschmückt, abstrakten Aquarellen ebenso wie Kopien von barocken Gemälden. Darunter sind auch allerlei biblischen Nackedeis. Doch das ist es nicht, was Direktor Gerry Foley an diesem Tag bei seiner Schulführung irritiert.

Empört ist er über eine andere Art der Entblößung: Die Behauptung der Regierung, die Kirche trage Mitschuld an dem Missbrauch von Kindern durch Geistliche. "Die Leute misstrauen dem Staat, nicht der Kirche", sagt der Leiter des Belvedere College, einem Jesuitengymnasium im Herzen von Dublin. Nicht die kirchlichen Schulen und die Bischöfe hätten versagt, die unerhörten Vorfälle aufzuklären. Sondern die Behörden.

"Vergewaltigung kleingeredet"

Es sind Äußerungen, die wie eine Rechtfertigung klingen. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird in Irland über Fälle von Kindesmissbrauch in kirchlichen Schulen und Einrichtungen gestritten. Immer wieder werden dabei neue Vorwürfe bekannt. Ausgerechnet die konservative Regierung von Premierminister Enda Kenny scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, die katholische Kirche damit zu konfrontieren. "Die Vergewaltigung und Folter von Kinder wurde heruntergespielt und kleingeredet, um die Vorherrschaft dieser Institution zu schützen - ihre Macht, ihre Position und ihren Ruf", donnerte Kenny im Juli in einer aufsehenerregenden Rede vor dem Parlament.

Kaderschmieden

Die Dominanz der Religion im Erziehungswesen wird bisher aber kaum öffentlich angezweifelt. Immerhin stehen rund 95 Prozent der Bildungseinrichtungen in Irland unter der Patronanz der katholischen Kirche. Die Gymnasien der Mönchsorden gelten gar als Kaderschmieden der geistigen Elite des Landes.

An den Schulen sieht man sich als unbeteiligt an den Missbrauchsskandalen. "Die Menschen sind nicht wütend auf die Kirche, sondern auf die Bischöfe und den Vatikan", sagt Ray Mac Manais. Den tief verwurzelten Glauben der Menschen betreffe das nicht. Der Pädagoge leitet seit vielen Jahren eine katholische Volksschule in einem Vorort nördlich von Dublin. Das Büro des 62-Jährigen ist dekoriert mit den Andenken an seine lange Laufbahn als Erzieher und Kinderbuchautor: Urkunden und Bücher stehen dort neben Sportpokalen und christlichen Ikonen.

Nach dem Unterricht führt Mac Manais seine Schüler nach draußen, um im Pfeifen einer kräftigen Meeresbrise die Flagge der Hauptstadt zu hissen. Am Sonntag ist das Endspiel im Nationalsport Gaelic Football, Dublin gegen Cork. Das sei für die Kinder wichtig, sagt der Pädagoge. Unter lauten Jubel der aufgeregten Burschen und Mädchen steigt das ultramarin und hellblau gefärbte Banner in die Luft.

Gälisch als Unterrichtssprache

Auch an anderer Front betont die kleine Schule das Traditionelle: Unterrichtssprache ist das Gälische, die Ursprache der Iren. Die Sprache, der Fußball, die Kirche - das gehört für den Schuldirektor zusammen. Der Katholizismus, ebenso wie das Gälische einst unter britische Fremdherrschaft unterdrückt, sei untrennbar mit der irischen Identität verbunden, erklärt Mac Manais.

Die Verbundenheit mit der Geschichte wird auch am Belvedere College wie eine Medaille getragen. "Wir haben eine lange Tradition, wie sie eine säkulare Schule nie bieten kann", sagt Schulmeister Foley. Das Gymnasium existiert seit 180 Jahren, weit länger als der irische Staat. Der Poet James Joyce wurde hier von Jesuitenpatres unterrichtet, ebenso wie viele prominente Figuren der irischen Gesellschaft, und Generationen von Burschen und jungen Männern.

Gütiger Vater

Bei seiner Führung durch die Schule macht Foley bei einem Klassenzimmer halt. Einige 14-Jährige sitzen darin, ihr Lehrer lässt einige Minuten auf sich warten. Als der Direktor in der Tür erscheint, springen die Burschen im selben Atemzug ruckartig auf. "Entspannt euch", sagt Foley. Er will heute als gütiger Vater der Schüler erscheinen.

Der Jesuitenorden spiele heute keine große Rolle mehr im Schulalltag, erklärt Foley. Die wenigen Ordensmänner, die noch an seiner Schule lehrten, seien "Überbleibsel aus der Vergangenheit", betont er. Die Schule gehe heute mit einer modernen Haltung in die Zukunft. Wichtig sei ihm die persönliche Entfaltung der Schüler, das Fördern ihres kritischen Denkens. "Unser Leitmotiv für die Schüler lautet 'soziale Gerechtigkeit'", sagt Foley. Und ja, selbstverständlich, es gebe einen Sexualkundeunterricht, der auch den Umgang mit Kontrazeptiva nicht ausspare.

Probleme mit Strenggläubigen

Auch sein Kollege Mac Manais will sich von den katholischen Dogmen abgelöst wissen. Er habe an seiner Schule noch nie Probleme mit Atheisten oder Andersgläubigen gehabt, dafür hingegen mit einigen "Hardcore-Katholiken", erzählt er. Diesen sei der Religionsunterricht nicht doktrinär genug gewesen. "Die wollten, dass im Unterricht dauernd vom Heiligen Geist die Rede ist." Mac Manais wollte hingegen keine ideologischen Kämpfe ausfechten und verweigerte sich. Die Strenggläubigen hätten daraufhin ihre Kinder wieder von der Schule genommen.

"Keinesfalls dogmatisch"

Am Ende des Tages gehe es darum, den Kindern die nötige Bildung zu vermitteln, betonen die Pädagogen. Dazu gehöre in einem katholischen Land auch der christliche Glaube, sagt Mac Manais. "Was wir in den Religionsstunden lehren, unterscheidet sich hoffentlich ohnehin nicht allzu sehr von dem, was die Kinder zuhause mitbekommen." Der Unterricht sei von einem "katholischen Ethos" geprägt, aber keinesfalls dogmatisch, sagt auch Direktor Foley. Für die Burschen sei seine Einrichtung nicht katholisch, sondern schlicht eine gute Schule.

Einwände gegen die Segen der katholischen Erziehung brachte freilich schon der berühmteste Abgänger des Belvedere College hervor. "Es gibt keine Häresie oder Philosophie, die der Kirche so verhasst ist, wie das menschliche Wesen", schrieb James Joyce. Er war in seiner Zeit an dem Jesuitengymnasium vom Glauben abgefallen und sollte Zeit seines Lebens ein Skeptiker bleiben. (Alexander Fanta, APA)

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22 Postings
Dr Stänkerer
24
17.9.2011, 13:02
Alle Kinder kommen als Atheisten zur Welt!

Die Aufgabe des Schulsystems is es, ihnen - neben Lesen, Schreiben und Rechnen - auch das selbstaendige Denken, Beobachten und Experimentieren beizubringen.
Religionsunterricht tut das Gegenteil: er predigt Jahrtausende alte Dogmen und Luegen unter Strafandrohung fuer Unglaeubige.
Daher: Religionsunterricht RAUS aus den oeffentlichen Schulen. Schluss mit den Kirchenprivilegien, den Relikten des Austrofaschismus!

mulitrox
23
15.9.2011, 17:00
Sehr guter Artikel!

Freue mich, dass es in Irland auch weiterhin gute katholische Schulen gibt. War selber Schüler einer katholischen Schule in Österreich und habe diese Zeit sehr genossen. Und nein, keiner meiner Mitschüler wurde jemals von einem Mönch geschlagen, vergewaltigt oder auch nur belästigt. Ganz im Gegenteil, die Schulzeit war eine bereichernde Zeit in meinem Leben, von der ich bis heute zehre!

Mona Fitz
211
15.9.2011, 02:41
Die Iren irren und die Ösis auch

Die einzige Lösung heißt: Trennung von Kirche und Staat.
Auch in Österreich haben wir diesen katholischen Wahnsinn, dank eines faschistischen Bundeskanzlers namens Dollfuß. (Stichwort Konkordat)

Aber wir in Österreich haben zumindest jetzt ein Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien, dass zwar von den Medien (durch die Kirchenmacht) boykottiert wird, aber die setzen zumindest ein Zeichen: http://www.kirchen-privilegien.at/
War neulich am Infostand, sehr engagierte Truppe!

bibliothekar
42
15.9.2011, 08:49

Inhaltlich stimme ich ihnen zu, aber was soll der ausdruck "Ösi"? Wollen sie beleidigen? Haben sie es gerne, wenn man sie "piefke" nennt?

rambler.ru
00
18.9.2011, 18:39
engseherIn?

René Herndl
28
14.9.2011, 18:03
Der Wahnsinn, wirklich zu meinen, dass zur

"Bildung in einem katholischen Land auch der christliche Glaube gehöre" zeigt wie wenig die Iren an wirklicher Bildung mitbekommen. Katholizismus - wie jede Religion - widerspricht jeder Logik, jeder Vernunft und letztlich jeder humanen Philosophie, weil er (bzw. sie) den Grundsätzen des Humanismus und der Toleranz entgegengesetzt ist (sind). Solange Religion als Teil der Identität gesehen wird, ist der Intoleranz und der Dummheit indoktrinierten Denkens bis hin zur Gewalt Tür und Tor geöffnet. Wie gerade die Iren mit ihren Kriegen wissen sollten.

Preglej
00
15.9.2011, 00:38

Jetzt mal halblang. Irgendeine christliche Konfession wird doch fast in ganz Europa als Teil der Identität gesehen. Das ist nun wirklich kein irisches Spezifikum.

René Herndl
13
15.9.2011, 15:22
Diese christliche Identität ...

... ist dort, wie auch woanders in anderer, mitunter abgschwächter Form, das Hauptproblem gesellschaftlicher Kultur und Entwicklung. In Irland ist dieses eben besonders groß, aber auch in Ö sind wir ziemlich betroffen - sogar in mehrerlei Hinsicht bis hin zu den Finanzen.

Preglej
00
15.9.2011, 15:45

Bin ich ganz ihrer Meinung, dem Posting ist nichts hinzuzufügen. Allerdings würde mich interessieren was sie mit den Kriegen und der Intoleranz meinten (erstes Posting).

René Herndl
00
16.9.2011, 08:52
Ich meine ...

... die festgeschrieben Intoleranz gegenüber Andersgläubigen (und die damit verbundene Missionierung), gegenüber Frauen (als zweitklassige Wesen)... und bei den Kriegen muss man sich eigentlich nur die reiche Geschichte anschauen, begonnen von Konstantin (in diesem Zeichen wirst Du siegen...) bis hin zu Bemerkungen amerikanischer Kriegsherren, die sich auf Gott und den Glauben berufen.

Preglej
00
16.9.2011, 14:03

Im Allgemeinen trifft das natürlich zu, nur bei folgendem Satz könnte man annehmen, dass der Katholizismus der Iren der Verursacher der Kriege ist:
"Wie gerade die Iren mit ihren Kriegen wissen sollten."

Das muss man schon den Königlichen von der Nachbarinsel in die Schuhe schieben.

René Herndl
00
16.9.2011, 19:12
Es geht nicht um die ...

... Schuldzuweisung, sondern um die Tatsache an sich, dass wegen einer Religion überhaupt Krieg geführt wird oder wurde.

Ben Hemmens
00
20.9.2011, 12:48
reine Religionskriege

werden Sie in der irischen Geschichte bei näherem Hinschauen schwer finden.

Außerdem war die irische Geschichte nicht unbedingt kriegerischer als die anderer europäischer Regionen.

Lassen wir die berühmte irischen Aufstände und Krieg kurz Revue passieren:

1641: während des 30-Jährigen Krieges
1690: ein gesamteuropäischer Krieg, zufällig auf irischem Boden stattgefunden
1798: Ausläufer der franz. Revolution
1848: war auch am Kontinent was los
1916: Weltkrieg
1919-1922: ganz Europa von Revolutionen erfasst

Seit 1945: Nordirland auch nicht der einzige unruhige Teil Europas; getöteten bei den Unruhen weniger als bei Verkehrsunfällen

Preglej
00
16.9.2011, 23:26

Ja, das ist wohl einer der dümmeren Gründe!

Chocoholic
10
15.9.2011, 11:57
viel Spass in Irland. Dann sehen Sie erst, was wir in Oesterreich bereits fuer eine Trennung erreicht haben.

Preglej
01
15.9.2011, 12:36

Das war aber nicht Inhalt meines Postings. Ich glaube aber, dass sie persönlich ein Problem mit Irland haben und jetzt zu jedem Posting ihren Senf dazu geben müssen um die Leute davon zu überzeugen wie klerikal dieser Staat doch ist.

Ben Hemmens
01
14.9.2011, 21:49
Gerade die bürgerliche katholische Elite,

die in Schulen wie Belevedere erzogen wurde, war aber politisch moderat und sorgte für einen relativ(!) schmerzlosen Übergang* in die Unabhängigkeit und die Errichtung einer Republik, die viel besser mit ihrer klein gewordenen evangelischen Minderheit umgegangen ist als diese anfangs befürchtete.

(*der irische Unabhängigkeitskrieg und Bürgerkrieg waren schon ungut, aber im Vergleich zu den Umwälzungen, die sich zur gleichen Zeit in anderen Teilen Europas ereigneten, sehen sie blass aus. Bemerkenswert find ich auch, dass Irland anders als Portugal, Spanien, Slowakei, Österreich usw. keinen wirklichen Klerikalfaschismus entwickelte)

Chocoholic
00
15.9.2011, 11:58
Kleinkerikalfaschismus, protestantische Minderheit ohne Probleme. Das ist schlicht und ergreifend Propaganda.

Ben Hemmens
00
19.9.2011, 15:51
Ich bin Ire

und aus evangelischer Familie, und wenn Irland einen richtigen Faschismus entwickelt hätte, hätte es mich womöglich gar nicht gegeben.

Ich sag ja nicht, dass es für meine Großeltern in den 20er und 30er-Jahren lustig war. Aber vom Staat selbst wurden sie nicht verfolgt.

Hlsebastian
24
14.9.2011, 17:12
Nun, wenn sich James Joyce

in seiner Freiheit als Kind Gottes für diese Sicht der Dinge entschieden hat, so spricht das doch eher für die katholische Erziehung, seinen eigenen Verstand zu benützen. Wäre James Joyce ein aufrechter Katholik geworden, hätte der verantwortliche Journalist wohl die katholische Erziehung indoktrinierend genannt - so oder so: Solche Artikel offenbaren mehr über ihren Autor als über die Sache.

Ben Hemmens
01
14.9.2011, 17:03
Im Artikel wird

der große Unterschied zwischen Belvedere und der anderen Schule verwischt.

Belvedere und ähnliche Elitenschulen (Blackrock, Clongowes ...) wurden sehr genau von den englischen Public Schools abgekupfert. In ihnen war immer English die Unterrichtssprache, und sie spielten nicht gälische Spiele sondern Rugby und Hockey. Die Konfession ist alles, was sie von den evangelischen Internaten wie King's Hospital, Columba's, High School und Wesley unterscheidet. Der radikalere Nationalismus war nie ihre Sache.

Ben Hemmens
01
14.9.2011, 16:53
Die Jesuiten waren's eh nicht.

Belvedere & co. waren schon immer Elitenschulen, dort ging es den Schülern (dem Zeitalter entsprechend) gut, auch wegen der selbstbewussten und zahlenden Eltern.

Die Verbrechen der Vergangenheit waren eher mit den Christian Brothers assoziiert, die Schulen für Arbeiterkinder und Arme betrieben haben.

Und ja, der Staat hat versagt, aber hauptsächlich weil das Land von einer religiösen Ideologie dominiert war, die den Staat der Kirche und "der Familie" unterordnete. Weil nach Anzeigen die Polizei zunächst einmal beim Erzbischof nachfragte, ob sie ermitteln durfte, und alle das für normal gehalten haben.

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