Reiter als Täter: Fürs Prestige wenden auch Amateurreiter fragwürdige Methoden an - Die Verbände sind gefragt
Hinter Eleganz und vermeintlichem Wettbewerbsgeist im Pferdesport verstecken sich nicht selten Quälerei oder zumindest fragwürdige Trainingsmethoden. Pferdeostheopathin Konstanze Kopta fordert ein Umdenken - nicht nur im
Spitzensport: "Es ist unglaublich, was man sogar bei Turnieren von
AmateurInnen zu sehen bekommt. Es kann ja nicht sein, dass Pferde von
Natur aus so benachteiligt sind, dass sie alle mit sieben oder acht
Jahren Sportinvalide sind."
So sind bei Bewerben im Westernsport TrainerInnen zu sehen, die dreijährigen Pferden den Kopf bis auf die Brust hinab ziehen. Viele reiten mit blanker Kandare (Maulstück mit Hebelwirkung): Da das Maul sehr empfindlich ist, erzeugt das starke Schmerzen im Maul. Pferde haben keinen Laut für Schmerzen, deshalb bleibt das dem Laien meist verborgen.
Prestige und Profilierungssucht
Denn es geht nicht nur um das Preisgeld, das im Spitzensport zu holen ist, sondern auch um Ehrgeiz und Profilierungssucht von Hobbyreitern. Anwältin und Western-Reiterin Manuela Pacher erzählt: "Man soll nicht alles nachahmen, was im Spitzensport vorgelebt wird. Vieles wird angenommen, ohne darüber nachzudenken."
Diese harten Trainingsmethoden können so weit gehen, dass die vermeintlichen "Sportgeräte" nach einigen Jahren daran zerbrechen. Laut Manuela Pacher werden viele Pferde sowieso viel zu jung in den Sport getrieben: "Ein Pferd ist erst mit sechs oder sieben Jahren ausgewachsen. Vorher ist es auch vom Körperbau und Knochenwachstum noch ein Kind oder Jugendlicher."
In der Westernreiterei würden die Tiere üblicherweise mit zwei Jahren angeritten, berichtet Pacher: "Sie werden innerhalb eines Jahres nach Western-Maßstäben voll ausgebildet und müssen schwierigste Lektionen bewältigen. Das ist, als ob man ein Kind in den Leistungssport bringt." Die körperliche und psychische Belastung werde für einige Tiere zu hoch. Als Folge sind die Pferde mit vier oder fünf Jahren "kaputt geritten", obwohl sie noch nicht einmal ausgewachsen sind.
Chemisches Barren
Auch bei anderen Disziplinen wie dem Springreiten bleiben die Praktiken oft im Dunklen, da man sie mit bloßem Auge schwer feststellen kann. Pacher und Kopta berichten, dass es ReiterInnen gebe, die die Vorderbeine der Pferde mit Capsaicin künstlich schmerzempfindlich machen. Das bedeutet nichts anderes, als dass Pferde durch Schmerzen über hohe Hindernisse gezwungen werden. Da die Tiere keine schmerzhaften Hindernisberührungen mehr über sich ergehen lassen wollen, springen sie daher höher.
Diese Methode, die auch als "chemisches Barren" bezeichnet wird, fällt unter Dopingmaßnahme und ist deshalb verboten. Nur durch Wärmebildkameras kann man eine erhöhte Durchblutung als Indiz für den Einsatz von Capsaicin feststellen. Vor drei Jahren wurden bei den Olympischen Spielen in China vier Springreiter nach positivem Capsaicin-Dopingtest suspendiert.
Rollkur zur Handhabung
Sichtbarer ist schon die Rollkur, auch Hyperflexion genannt. So wird eine Trainingsmethode bezeichnet, die bei Dressurreiten, Springreiten oder Westernreiten zum Einsatz kommt. Dabei wird mit Hilfe der Zügel das Pferd zum Senken des Kopfes und Einrollen des Halses bis eine Handbreit vor die Brust gezwungen: Eine erlernte Hilflosigkeit eines geborenen Fluchttieres, das durch den erzwungenen Blick auf den Boden besser "gehandhabt" werden kann. Auch Menschen, die mit Pferden wenig zu tun haben, können aus Mimik und Gestik ablesen, dass diese Behandlung von den Tieren als zumindest extrem unangenehm empfunden wird. Das lässt sich auf Turnieren aller Disziplinen beobachten: Die Tiere schwitzen, das Weiße in den Augen tritt hervor, die Ohren sind eng an den Körper angelegt.
Die Gewalt des Reiters oder der Reiterin hat Folgen: Die Drüsen werden unter Druck gesetzt und können sich schmerzvoll entzünden. "Zudem wird rund 50 Prozent der Luftzufuhr verringert, trotzdem müssen die Tiere laufen. Das wird durch eine erhöhte Herzrate ausgeglichen. Man kann sich vorstellen, wie gesund das ist", erklärt Kopta. Der Gehörgang und somit die ganze Balance funktioniere nicht mehr gut, beschreibt sie weiter die körperlichen Folgen. Zudem werden diverse Bänder und Muskeln überdehnt. "Die Spätfolgen sind sehr schmerzhaft", so Kopta.
Regelung hat rechtliche Schlupflöcher
Nach heftiger Kritik wurde diese Technik neuen Regeln unterworfen. Zusätzlich wurde ein neuer Begriff gefunden: Long deep and round (LDR) - das bedeutet, dass die Fixierung nur mehr für maximal zehn Minuten erlaubt ist. Doch niemand kann genau kontrollieren, wie lang alle Pferde wirklich in dieser Position gehalten werden. "Der Richter, der am Abreitplatz steht, kann unmöglich bei allen die Zeit stoppen. Außerdem sind zehn Minuten grundsätzlich zu lange", ist Pacher überzeugt. Die Hobbyreiterin stellt eine Frage in den Raum: "Wer setzt außerdem genau zehn Minuten fest? Wenn man der Meinung ist, dass es nach zehn Minuten tierschutzwidrig sein kann, wieso nicht nach neun Minuten?"
Die Anwältin macht zudem auf rechtliche Schlupflöcher aufmerksam: "Nach meinem rechtlichen Verständnis: Wenn der Reiter den Pferdekopf neun Minuten 50 Sekunden auf diese Art fixiert, dann einmal kurz auslässt und wieder fixiert, verstößt das schon nicht mehr gegen die Regeln. Denn es heißt: Zehn Minuten durchgängig."
Stundenlang alleine in der dunklen Box
Abseits vom Wettkampf gebe es auch noch viel beim Thema Boxenhaltung zu tun, sagt Kopta. Einige Tiere in Österreich bekämen nie Tageslicht zu sehen: So gehe es meist direkt von der dunklen Box in die Reithalle mit künstlichem Licht. "Pferde brauchen auch die freie Bewegung, wollen sich wälzen oder austoben. Auch eingezäunt zeigen sie Herdenverhalten", erklärt Pacher. Das Argument, dass das zu gefährlich sei, da Sportpferde einen zu großen Wert hätten, lässt sie nicht gelten: "Bei regelmäßigem Auslauf werden die Tiere viel gelassener und ruhiger, was sich auch auf die Leistung auswirkt."
Mit einer falschen Pferdehaltungsweisheit will Anwältin Pacher auch aufräumen: "Man hört auch immer wieder, dass Pferde ja stundenlang in die Box gestellt gehören, damit sie darüber nachdenken, was sie in der letzten Trainingseinheit gelernt haben. Dabei ist das für ein Herdentier wie Einzelhaft und es entstehen sogenannte verhaltensauffällige Pferde."
Amateure müssen nicht alles nachahmen
"Ich denke, dass vor allem die Verbände gefragt sind. Denn wenn gewisse Praktiken verboten werden, hätten wir das Problem nicht mehr", erklärt Konstanze Kopta und appelliert an die ReiterInnen: "Ich kann nur empfehlen, den gesunden Menschenverstand einzusetzen. Wenn man Tiere partnerschaftlich behandelt, machen sie vieles freiwillig." Kopta spricht aus Erfahrung, denn auch ihre Pferde gehen bis Leistungsklasse S (Schwer), ohne dass dafür unsaubere Praktiken aus dem Spitzensport nötig sind. (Julia Schilly, derStandard.at, 23. September 2011)