Pferdesport

Doping, Isolation, Sportinvalide

Julia Schilly, 20. Oktober 2011, 06:15
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    foto: ap/danny gohlke

    Auch in Österreich sind bei Wettkämpfen brutale Trainingsmethoden zu beobachten.

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    foto: apa/georg hochmuth

    Viele Pferde werden zu früh in den Sport getrieben, obwohl sie noch nicht ausgewachsen sind. Als Folge werden einige schon im Kindesalter "Sportinvalide".

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    foto: ap/sascha schuermann

    Eine sehr umstrittene Praktik ist die Rollkur, auch Hyperflexion oder seit neuestem LDR (Long deep and round) genannt: Dabei wird mit den Zügeln dem Pferd der Kopf eng an den Körper gebunden. Dadurch kann das Fluchttier nur den Boden sehen und wird gefügiger. Der Hals wird stark überdehnt und es kann auch zu anderen gesundheitlichen Schäden kommen.

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    foto: reuters/ina fassbender

    Vorderbeine werden mit scharfen Pasten eingerieben und so schmerzempfindlicher gemacht. Die Pferde springen dadurch höher, um jede Berührung zu vermeiden.

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    foto: ap/martin meissner

    Und so sieht ein glückliches Pferd aus: Wiese, Auslauf im Freien, Artgenossen und viele Möglichkeiten, sich zu wälzen.

Reiter als Täter: Fürs Prestige wenden auch Amateurreiter fragwürdige Methoden an - Die Verbände sind gefragt

Hinter Eleganz und vermeintlichem Wettbewerbsgeist im Pferdesport verstecken sich nicht selten Quälerei oder zumindest fragwürdige Trainingsmethoden. Pferdeostheopathin Konstanze Kopta fordert ein Umdenken - nicht nur im Spitzensport: "Es ist unglaublich, was man sogar bei Turnieren von AmateurInnen zu sehen bekommt. Es kann ja nicht sein, dass Pferde von Natur aus so benachteiligt sind, dass sie alle mit sieben oder acht Jahren Sportinvalide sind."

So sind bei Bewerben im Westernsport TrainerInnen zu sehen, die dreijährigen Pferden den Kopf bis auf die Brust hinab ziehen. Viele reiten mit blanker Kandare (Maulstück mit Hebelwirkung): Da das Maul sehr empfindlich ist, erzeugt das starke Schmerzen im Maul. Pferde haben keinen Laut für Schmerzen, deshalb bleibt das dem Laien meist verborgen. 

Prestige und Profilierungssucht

Denn es geht nicht nur um das Preisgeld, das im Spitzensport zu holen ist, sondern auch um Ehrgeiz und Profilierungssucht von Hobbyreitern. Anwältin und Western-Reiterin Manuela Pacher erzählt: "Man soll nicht alles nachahmen, was im Spitzensport vorgelebt wird. Vieles wird angenommen, ohne darüber nachzudenken."

Diese harten Trainingsmethoden können so weit gehen, dass die vermeintlichen "Sportgeräte" nach einigen Jahren daran zerbrechen. Laut Manuela Pacher werden viele Pferde sowieso viel zu jung in den Sport getrieben: "Ein Pferd ist erst mit sechs oder sieben Jahren ausgewachsen. Vorher ist es auch vom Körperbau und Knochenwachstum noch ein Kind oder Jugendlicher."

In der Westernreiterei würden die Tiere üblicherweise mit zwei Jahren angeritten, berichtet Pacher: "Sie werden innerhalb eines Jahres nach Western-Maßstäben voll ausgebildet und müssen schwierigste Lektionen bewältigen. Das ist, als ob man ein Kind in den Leistungssport bringt." Die körperliche und psychische Belastung werde für einige Tiere zu hoch. Als Folge sind die Pferde mit vier oder fünf Jahren "kaputt geritten", obwohl sie noch nicht einmal ausgewachsen sind.

Chemisches Barren

Auch bei anderen Disziplinen wie dem Springreiten bleiben die Praktiken oft im Dunklen, da man sie mit bloßem Auge schwer feststellen kann. Pacher und Kopta berichten, dass es ReiterInnen gebe, die die Vorderbeine der Pferde mit Capsaicin künstlich schmerzempfindlich machen. Das bedeutet nichts anderes, als dass Pferde durch Schmerzen über hohe Hindernisse gezwungen werden. Da die Tiere keine schmerzhaften Hindernisberührungen mehr über sich ergehen lassen wollen, springen sie daher höher.

Diese Methode, die auch als "chemisches Barren" bezeichnet wird, fällt unter Dopingmaßnahme und ist deshalb verboten. Nur durch Wärmebildkameras kann man eine erhöhte Durchblutung als Indiz für den Einsatz von Capsaicin feststellen. Vor drei Jahren wurden bei den Olympischen Spielen in China vier Springreiter nach positivem Capsaicin-Dopingtest suspendiert.

Rollkur zur Handhabung

Sichtbarer ist schon die Rollkur, auch Hyperflexion genannt. So wird eine Trainingsmethode bezeichnet, die bei Dressurreiten, Springreiten oder Westernreiten zum Einsatz kommt. Dabei wird mit Hilfe der Zügel das Pferd zum Senken des Kopfes und Einrollen des Halses bis eine Handbreit vor die Brust gezwungen: Eine erlernte Hilflosigkeit eines geborenen Fluchttieres, das durch den erzwungenen Blick auf den Boden besser "gehandhabt" werden kann. Auch Menschen, die mit Pferden wenig zu tun haben, können aus Mimik und Gestik ablesen, dass diese Behandlung von den Tieren als zumindest extrem unangenehm empfunden wird. Das lässt sich auf Turnieren aller Disziplinen beobachten: Die Tiere schwitzen, das Weiße in den Augen tritt hervor, die Ohren sind eng an den Körper angelegt.

Die Gewalt des Reiters oder der Reiterin hat Folgen: Die Drüsen werden unter Druck gesetzt und können sich schmerzvoll entzünden. "Zudem wird rund 50 Prozent der Luftzufuhr verringert, trotzdem müssen die Tiere laufen. Das wird durch eine erhöhte Herzrate ausgeglichen. Man kann sich vorstellen, wie gesund das ist", erklärt Kopta. Der Gehörgang und somit die ganze Balance funktioniere nicht mehr gut, beschreibt sie weiter die körperlichen Folgen. Zudem werden diverse Bänder und Muskeln überdehnt. "Die Spätfolgen sind sehr schmerzhaft", so Kopta.

Regelung hat rechtliche Schlupflöcher

Nach heftiger Kritik wurde diese Technik neuen Regeln unterworfen. Zusätzlich wurde ein neuer Begriff gefunden: Long deep and round (LDR) - das bedeutet, dass die Fixierung nur mehr für maximal zehn Minuten erlaubt ist. Doch niemand kann genau kontrollieren, wie lang alle Pferde wirklich in dieser Position gehalten werden. "Der Richter, der am Abreitplatz steht, kann unmöglich bei allen die Zeit stoppen. Außerdem sind zehn Minuten grundsätzlich zu lange", ist Pacher überzeugt. Die Hobbyreiterin stellt eine Frage in den Raum: "Wer setzt außerdem genau zehn Minuten fest? Wenn man der Meinung ist, dass es nach zehn Minuten tierschutzwidrig sein kann, wieso nicht nach neun Minuten?"

Die Anwältin macht zudem auf rechtliche Schlupflöcher aufmerksam: "Nach meinem rechtlichen Verständnis: Wenn der Reiter den Pferdekopf neun Minuten 50 Sekunden auf diese Art fixiert, dann einmal kurz auslässt und wieder fixiert, verstößt das schon nicht mehr gegen die Regeln. Denn es heißt: Zehn Minuten durchgängig."

Stundenlang alleine in der dunklen Box

Abseits vom Wettkampf gebe es auch noch viel beim Thema Boxenhaltung zu tun, sagt Kopta. Einige Tiere in Österreich bekämen nie Tageslicht zu sehen: So gehe es meist direkt von der dunklen Box in die Reithalle mit künstlichem Licht. "Pferde brauchen auch die freie Bewegung, wollen sich wälzen oder austoben. Auch eingezäunt zeigen sie Herdenverhalten", erklärt Pacher. Das Argument, dass das zu gefährlich sei, da Sportpferde einen zu großen Wert hätten, lässt sie nicht gelten: "Bei regelmäßigem Auslauf werden die Tiere viel gelassener und ruhiger, was sich auch auf die Leistung auswirkt."

Mit einer falschen Pferdehaltungsweisheit will Anwältin Pacher auch aufräumen: "Man hört auch immer wieder, dass Pferde ja stundenlang in die Box gestellt gehören, damit sie darüber nachdenken, was sie in der letzten Trainingseinheit gelernt haben. Dabei ist das für ein Herdentier wie Einzelhaft und es entstehen sogenannte verhaltensauffällige Pferde."

Amateure müssen nicht alles nachahmen

"Ich denke, dass vor allem die Verbände gefragt sind. Denn wenn gewisse Praktiken verboten werden, hätten wir das Problem nicht mehr", erklärt Konstanze Kopta und appelliert an die ReiterInnen: "Ich kann nur empfehlen, den gesunden Menschenverstand einzusetzen. Wenn man Tiere partnerschaftlich behandelt, machen sie vieles freiwillig." Kopta spricht aus Erfahrung, denn auch ihre Pferde gehen bis Leistungsklasse S (Schwer), ohne dass dafür unsaubere Praktiken aus dem Spitzensport nötig sind. (Julia Schilly, derStandard.at, 23. September 2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 100
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Seadelaere
03
23.10.2011, 19:33
jetzt spitzensport ist ungesund

die menschlichen sportlich können es sich aussuchen.
Tiere nicht.
ich reite zwar selber, aber vom Spitzenpferdesport halte ich nichts.

Seadelaere
00
23.10.2011, 19:34
jeder

Char Ming
02
23.10.2011, 18:53

Hoffentlich ist dieser Wahnsinn mit dem tierquälerischen "Pferde - Sport" bald vorbei.

einerseits und andererseits
03
21.10.2011, 10:25
Mir gefällt das Bild

mit dem GLÜCKLICHEN Pferd! Ist schön, sowas zu sehen!

FinalDestinati0n
51
21.10.2011, 00:00

Es liegt in der Natur von Pferden zu springen (einfach mal Wildpferde beobachten), ueber die Hoehe und die Trainingsmethoden kann man diskutieren, aber jedem Sprungpferd geht es besser, als einem Pferd, das 6 Tage pro Woche in der Box steht und sonntags von Klein-Lisa 30 Minuten "ausgeritten" wird.

Sprungpferde sind Top-Athleten und darauf trainiert zu springen, denen tut das nicht weh oder was weiss ich.

Schwarzkappler
05
22.10.2011, 10:40

"Denen tut das nicht weh ..."

Eh, so wie allen Spitzensportler. Denen tut auch nie was weh.

Du Dolm.

x x3
03
22.10.2011, 09:21
Es liegt in der Natur von Pferden zu springen

so ein hanebüchernes Argument.

Es liegt in der Natur der Pferde zu grasen, ab und zu durch die Gegend zu tollen, unter den Hengsten ist es üblich, um einen Harem zu kämpfen, ...

Zu springen - was sich Leute nich alles ausdenken, was angeblich in der Natur von irgendwas/irgendwem liegt.

melora
04
21.10.2011, 16:06
Es liegt nicht in der Natur von Pferden, bei Sprüngen einen Sattel mitsamt einem Mehlsack drauf zu haben.

Es ist Tierquälerei. Gerade die Springreiter wissen das genau.
Und sie wissen auch, was sie den Tieren antun, bis die überhaupt bereit sind, diese Quälerei mitzumachen.

apis
010
21.10.2011, 09:40
Nicht wirklich.

Das Pferd ist grundsätzlich ein Flachgeher. Es ist wissenschaftlich belegt, dass ein Pferd aus eigenem Antrieb ein (natürliches) Hindernis von maximal 60 cm Höhe überspringt, höhere jedoch prinzipiell umgeht. Dies gilt für nahezu alle Pferde, egal ob wild oder Rassetiere inkl. Springlinien.

Vera Rschung
 
28
20.10.2011, 21:21
Tiersport = Tierqual

Nicht nur im Pferdesport. Noch grausamer geht es bei Hunderennen zu. Im Tiersport werden Tiere gänzlich entrechtet.

finisterra
103
20.10.2011, 23:26

Ach so: wenn Hunde in der Stadtwohnung gehalten werden, ist das OK, aber wenn sie im Rudel einer Beute nachjagen dürfen, dann nicht.

kasperl-und- Petzi
151
20.10.2011, 20:11
Na bin ich froh das derstandard wieder was gefunden hat ueber das sich die Bobo Staedter aufregen koennen

Grundsaetzlich ist zu sagen das es ganz egal ist welche Sportart da betrachtet wird. Sei es der doping Skispringer, Radler, doping Reiter, schwanzschneidenden Hundefuerer, etc..
Gut beim Radler und Skifahrer schaedigt man sich gerade nur selber und nicht ein Tier.

Jedoch, man kann alles uebertreiben und falsch machen.
Der Reitsport ist mit Sicherheit nicht zu verteufeln genausowenig wie alle anderen Sportarten. Man muss jedoch ausreichend Regeln einfuehren wie bei allen anderen auch das nicht wer zu schaden kommt (in dem Fall das Pferd). Tierquaeler und Doper sollten natuerlich gesperrt werden. Aber wenn man die Posting hier so liest fragt man sich schon ob die Boboviller nicht ein bisschen zu viel Universum geschaut haben.

apis
00
21.10.2011, 09:47
Ich seh das auch so.

Jede Art von Extremen ist schädlich, und diese könnten durch klare Regelungen verhindert werden. Die Abschaffung der Mächtigkeitsspringen war sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Eine Abschaffung des Reitsports ist nicht durchführbar und würde, rigoros weitergedacht) letztendlich bis zum Aussterben des Pferdes führen. Extrem problematisch ist die zu früh beginnende Ausbildung als Reitpferd. Hier könnte man realistisch ansetzen. Pferde würden zwar dadurch teurer (höhere Aufzuchtkosten), aber mit Sicherheit dafür länger einsetzbar.

ParanoidBoxdroid
25
20.10.2011, 22:28
sport?

sich eines anderen lebewesens zu bedienen um das eigene ego zu streicheln kann wohl kaum als sport betrachtet werden.

kasperl-und- Petzi
22
20.10.2011, 22:38

Nachdem der Sport fuer den Reiter auch anstrengend ist und Geschick sowie Koennen verlangt kann man schon Sport sagen.
Sonst muesste man viele andere Dinge auch nicht als Sport bezeichnen.
Golf, Schach, jede Art von Motorsport, etc...

suboptimal
 
09
20.10.2011, 22:21
eher zu wenig Universum

Leute wie Sie glauben sicher auch, dass diese Kopfhaltung normal und "natürlich" ist.

http://www.55plus-magazin.net/uploads/m... aldauf.jpg

http://diepresse.com/images/up... 145732.jpg

Ist sie nicht. Aber seit 1572 kennen wir gar nichts anderes und stellen dieses Heiligtum daher nicht in Frage.
:-)

Faces
 
00
20.10.2011, 21:30

danke für die zusammenfassung des artikels...wir wissen nun, dass du es auch verstanden hast!

kasperl-und- Petzi
01
20.10.2011, 22:01

Wenn dem so ist warum bekomme ich dann nur rote Stricherln????
Hat der rest der Leserschaft den Artikel nicht verstanden

;)

Sufilia
 
42
20.10.2011, 19:15

hoffentlich ist hier keiner,
der lautstark über die GESAMTE Reiterschaft schimpft und alles als tierquälerei bezeichnet,
ein hundehalter, welcher seinen "besten" Freund den ganzen tag in der wohnung einsperrt und nur am abend nach der arbeit mal schnell zum gassi gehen raus lässt!
HOFFENTLICH!

Generell sei gesagt:
Wenn wir uns die Dienste der Tiere zu nutzen machen, sollten wir auf jeden Fall versuchen ihnen das Leben so artgerecht wie möglich zu gestalten.

lg

Hautflügler
29
20.10.2011, 17:40

Kranke Sportart.
Wer Sport betreibt soll sich selber fordern und sich nicht an irgendwelchen Tieren vergehen. Ich frage mich ohnehin wer sich sowas ansieht, kenne zum Glück niemanden.

David Greybeard
35
20.10.2011, 16:37

Ich finde es so oder so ein wenig krank, dass Menschen zum Vergnügen auf Tieren sitzen und diesen die Peitsche oder die Sporen geben, um von A nach B zu kommen.

Dass war früher mal notwendig, ja, aber heute sollen die mit der Straßenbahn fahren oder sich auf ein Kutschpferd setzen, wenn ihnen fad im Schädel ist.

Shagga Son of Dolf
 
13
20.10.2011, 15:30

Bezeichnend und richtig,dass dieser Artikel nicht in der Sportsektion geführt wird...

"Nescobar Aloplop"
27
20.10.2011, 12:41
Na das ist ja ein toller Sport!!!

Das Pferd macht die ganze (schmerzvolle) Arbeit, der Mensch heimst im Falle eines Turniersieges die Lorbeeren ein, obwohl er wenig bis garnix geleistet hat. Echt ein toller Sport.

Ich efreue mich immer wieder der Bilder, wo Pferde ihre Turnierreiter vom Buckel werfen, am besten in eine Pfütze.

Generell fehlt den Menschen der RESPEKT gegenüber den Tieren.

MacTux
09
20.10.2011, 12:38
Pferdeostheopathin?

Wusste gar nicht das es sowas gibt. Man lernt nie aus. Muss ich gleich mit meiner Katze besprechen.

santiago nasar
00
20.10.2011, 18:58
"g"

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