Die Karawane zieht weiter

Gastkommentar
14. September 2011, 10:17

Mit dem Leck in den eigenen Reihen hat Wikileaks nicht nur unverantwortlich agiert, sondern sich selbst auch diskreditiert - diesen Vertrauensverlust wird die Plattform nicht wieder wettmachen können - Von Marian Adolf

Zunächst weitgehend ignoriert von Politik und Publizistik war Wikileaks 2006 angetreten, um die Tradition des Whistleblowings mit den Mitteln des Internets zu modernisieren. Eine neuartige Plattform im Internet sollte den Mächtigen auf die Finger zu schauen. In bewusster Ablehnung der etablierten Medien wollte man dem Web 2.0 nun auch eine Öffentlichkeit 2.0 zur Verfügung stellen. Doch inzwischen hat sich Wikileaks selbst demontiert.

Meisterstück Cablegate

Die Idee war simpel: Basierend auf einer Vorstellung eines radikalen Öffentlichkeitsprinzips sollten die globale Politik und Wirtschaft beleuchtet werden. Inhaber von geheimen und brisanten Informationen sollten der Plattform ihre Unterlagen anonym und sicher zukommen lassen können. Wikileaks würde dann das Material auf Authentizität prüfen und der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellen. An Stelle konspirativer Treffen zwischen Journalisten und ihren Quellen sollte die Anonymität des Netzes nun den Informanten schützen.

Das Meisterstück von Wikileaks sollte die "Cablegate"-Affäre vom November 2010 werden: Über 251.000 diplomatische Depeschen des amerikanischen Außenministeriums mit Interna teils kompromittierenden Inhalts wurden öffentlich gemacht. Der Sturm der Entrüstung aufseiten der internationalen Politik, sowie die nachfolgende Sperrung von Wikileaks-Servern, Bezahlsystemen und Konten durch private Firmen, führten zu einer Auseinandersetzung von Gegnern und Befürwortern, die sich nicht zuletzt in einem bemerkenswerten (Civil) Cyber War äußerte.

Doch das Meisterstück rächt sich nun, die Leaking-Plattform hat selbst ein Leck: Als Resultat interner Auseinandersetzungen mit ehemaligen Mitstreitern - die genauen Abläufe sind umstritten - sind nun alle Botschaftsdepeschen ungeschwärzt ins Netz gelangt und mit ihnen die Namen von Informanten der US-Diplomaten aus China, Iran, Afghanistan. Das Vertrauen von Quellen in jene Personen, denen sie ihre Informationen zur Verfügung stellen, ist die wichtigste Ressource für die Preisgabe von Brisantem. Wikileaks hat dieses Vertrauen verloren und wird sich davon wohl nicht wieder erholen. Denn die Panne trifft den Markenkern der Plattform.

Dabei hatte Wikileaks, angeführt vom charismatischen wie entrückten Netzaktivisten Julian Assange, weitgehend unbemerkt seine Vorgehensweise geändert: Entgegen des ursprünglichen Konzeptes der unredigierten Weitergabe von Geheiminformationen wurde man selbst redaktionell aktiv und kooperierte mit exklusiven Medienpartnern.

Rückkehr zu den Massenmedien

Nun rücken wieder jene Akteure in das Rampenlicht der Öffentlichkeit, denen von vielen Beobachtern ihre zentrale Stellung in der Aufdeckung von Skandalen schon abgesprochen wurde und die als „old-fashioned" galten: die traditionellen Massenmedien. In der „Cablegate"-Affäre waren sie es, die für die Reputation der Wikileaks-Informationen sorgten, ihre Echtheit prüften und als globale Vermittler dienten. Und nach Wikileaks werden wieder sie es sein, die jene Kompetenz besitzen, solche Informationen kritisch zu prüfen, professionell zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Journalistische Kompetenz ist in einer Welt, in der Informationen im Überfluss vorhanden sind, mehr denn je gefragt. Julian Assange wollte den Journalismus neu erfinden, die Nachfolger von Wikileaks müssen daraus lernen und Kooperationen mit den Nachrichtenmedien und deren Standards suchen. (Marian Adolf,
derStandard.at, 14.9.2011)

Autor

Marian Adolf, The European, ist Juniorprofessor für Medienkultur und Mitglied des Karl-Mannheim-Lehrstuhl für Kulturwissenschaft an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Er forscht zur Mediensoziologie und kritischer sowie konstruktivistischer Epistemologie.

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6 Postings
ad Journalistische Kompetenz

Sagen die Nachrichtenmedien...

Nur dass die leider kaum mehr Budget für Recherchen haben, und gerade das ist es, was zum Interpretieren solcher Datenmassen nötig ist.

Der Wert von Wilileaks liegt darin, zu beweisen, dass so gut wie alles ans Tageslicht kommen kann.
Zu beweisen, dass Wissen über die Taten und Reden wichtiger Menschen 1000x besser ist, als Nichtwissen. Dieses Wissen schafft Motivation.

Was bei Guttenplag möglich war, sollte allgemeiner Standard (^^) werden. Eine Bürgergemeinschaft nutzt moderne Kommunikationsmedien autark, um einzuspringen, wo die Presse schwächelt.

Es geht niemals mit Feindschaft zwischen Bürgern und Medien. Dann wäre Absturz. Drum sollten die mit Vorwürfen an die neugierige Zivilgesellschaft sehr vorsichtig sein.

Wikileaks hat ja nicht seine eigenen Informanten hingeoutet. Sondern nur die Dritter. Und eigentlich wäre das ganze ohne Guardianreporter (=klassisches Massenmedium) nie passiert. Der Kommentar liegt also in seiner zentralen These, nicht nur zweimal vollkommen daneben, sondern verbreitet auch noch ganz offensichtliche Unwahrheiten. Die lobhudleruische Andienerei, und Propaganda eine offensichtlich nicht allzu hellen Kopfes die folgt, richtet sich dann ohnedies von selbst.

Ob Wikileaks erledigt ist? K.A. Es ist noch zu früh um das seriös zu beurteilen. Das wird man dann in einiger Zeit sehen.

Massenmedien sind längst erledigt. Die Menschen bekommen zusehend mit wie Medien jeglichen Anspruch auf investigativen Journalismus aufgegeben haben und nur noch Meldungen jener unreflektiert veröffentlicht, die das meiste Geld haben oder am besten mit einer Informationssperre drohen können.

Diese Medien haben in einer Gesellschaft keinerlei Wert mehr. sie sind nur noch systemkriechende Schleimer.

Die Printmedien erfahren das schon seit Jahren und das Fernsehen wird das als nächstes abbekommen.

Und da kommt eine Bewegung wie wikileaks daher und zeigt das Medien früher mal eine Funktion in der Gesellschaft hatten. Dass sie aufklärten und objektiv informierten. Ohne Angst. Klar, dass da nur frustrierter Neid aus den heutigen Medien kommt

Wiss ma eh schon, ...

... traditionelle Medien prüfen kritisch und genau. Deshalb erfährt keiner was von den Völkermorden in Afghanistan, Irak und die Rebellen in Libyen sind reine Engel. Wozu denn auch ... macht doch alle nur nervös.

entschuldigung - "interne auseinendersetzung" würde ich es nicht nennen, wenn der guardian(!) das betreffende passwort veröffentlicht(!) - ein passwort, zu dem es die dezidierte anweisung gab, es niemals aufzuschreiben.

es gibt inkompetenz, gegen die ist kein kraut gewachsen -_-

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