Erdogan nutzt den Streit mit Israel als Schwungrad, um sein Ansehen in der arabischen Welt zu mehren
Die freien Wahlen in Ägypten, Tunesien und Libyen sind noch ein Projekt, doch ein Sieger des Arabischen Frühlingssteht bereits fest: der türkische Premierminister Tayyip Erdogan. Für den Westen ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht, für die Araber nicht unbedingt eine Hoffnung, die länger hält als für die Dauer eines Staatsbesuchs.
Erdogan ist in Kairo als "Retter des Islams" begrüßt worden und als einer, der "Israel zurechtgewiesen" hat. In Tunis und Tripolis wird sich der fromme Regierungschef über ähnliche Slogans freuen können. Doch mit religiösen Empfehlungen und antiisraelischen Sprüchen allein lässt sich kein neuer Staat aufbauen, zumindest nicht der demokratische pluralistische, für den die jungen Tunesier, Ägypter und Libyer ihr Leben riskiert haben.
Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) gilt als Erfolgsmodell, an dem sich politische Kräfte in den arabischen Ländern orientieren können: Das Gesellschaftsbild der AKP ist konservativ, doch ihre islamistischen Wurzeln hat sie gegen die Marktwirtschaft eingetauscht. Die demokratische Entwicklung der Türkei hat sie befördert. Diese Erfahrung könnte die Türkei an die Araber weitergeben, glaubt auch der Westen. Geschehen ist anderes. Erdogan nutzt den Streit mit Israel als Schwungrad, um sein Ansehen in der arabischen Welt zu mehren und der Türkei eine Rolle als Wortführer zu verschaffen. Doch es sind eben nur Worte, die er anzubieten hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.9.2011)