Ist das Vertrauen in die europäische Solidarität einmal dahin, würden alle Dämme brechen
Sicher, Staatspleiten sind historisch gesehen keine Seltenheit. Es ist keine zehn Jahre her, dass die Argentinier ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten. Mit Griechenland kann man die bisherigen Pleiten trotzdem nicht vergleichen. Es gibt keinerlei Erfahrungswerte für die Insolvenz eines hochentwickelten Industrielandes, das sich in einer gemeinsamen Währungsunion mit 16 anderen Staaten befindet.
Die Wirtschaften der Eurozone sind engstens miteinander verwoben. Die Ansteckung anderer Länder wäre unvermeidbar. Die Griechen haben bereits Milliarden von ihren Bankkonten abgehoben. Im Falle einer Pleite würde endgültig ein Run auf die Banken einsetzen, gefolgt von serienweise insolventen Finanzinstituten. Wobei das Griechenland-Problem alleine vielleicht noch beherrschbar wäre. Ist das Vertrauen in die europäische Solidarität aber erst einmal dahin, würden alle Dämme brechen.
Mit welchem Argument soll man dann noch die Portugiesen davon abhalten, auch ihre Sparguthaben sicherheitshalber zu räumen? Und die Spanier? Und die Italiener? Und die Iren? Eine Rettung all dieser Bankensysteme ist unfinanzierbar. Kommt es zu diesem Worst Case, ist das Projekt Europäische Union Geschichte. Dessen sollte man sich bewusst sein. Im Idealfall steigt man bei einer Insolvenz vielleicht günstiger aus. Das Risiko, die gesamte Union aufs Spiel zu setzen, ist aber zu hoch. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 14.9.2011)