Ein Mangel an Redlichkeit

Kommentar | Michael Völker, 13. September 2011, 19:07

Wer soll ihr glauben? Die Politik ist in ihrer moralischen Lethargie gefangen

Günter Stummvoll ist als Abgeordneter im Nationalrat nicht mehr tragbar. Der ÖVP-Mandatar ist Vorsitzender des parlamentarischen Finanzausschusses, der auch für das Glücksspiel zuständig ist. Dennoch nahm Stummvoll parallel dazu die Funktion des Aufsichtsratschefs in Frank Stronachs neuem Glücksspielkonzern ein - und fand nichts dabei. Erst nach Protesten der Opposition (Stummvoll selbst sah sich "durch den Schmutz gezogen") zog sich der ÖVP-Abgeordnete vergangene Woche zurück - aus dem Glücksspielkonzern, nicht aus der Politik. Er ist immer noch Vorsitzender des Finanzausschusses.

Ein solches Verhalten müsste zu einem öffentlichen Aufschrei führen. Es ist ein klassischer Fall von Unvereinbarkeit. Stummvoll hat auch unumwunden zugegeben, für ein Poker-Kasino mehrfach beim Bundeskanzler interveniert zu haben. Das kann es doch nicht geben, dass ein Glücksspiellobbyist gleichzeitig jenem Gremium im Parlament vorsteht, das politisch für das Glücksspiel zuständig ist. Und dennoch passiert - nichts. Stummvoll selbst hat keinerlei Unrechtsbewusstsein. Das spricht nicht für ihn und nicht für seine Partei, die er im Nationalrat repräsentiert.

Vizekanzler und ÖVP-Chef Michael Spindelegger verliert jede Glaubwürdigkeit, wenn er bei Stummvoll keine Unvereinbarkeit sieht, ihn an der Spitze des Finanzausschusses belässt, gleichzeitig aber ein "großes Transparenzpaket" ankündigt und Korruption bekämpfen will.

Natürlich bedarf es einer rechtlichen Straffung in der Korruptionsbekämpfung, natürlich macht ein Lobbyistenregister Sinn, es braucht eine gesetzlich verordnete Offenlegung aller Parteispenden, eine Offenlegung der Einkünfte der Abgeordneten, es braucht eine transparente Darstellung aller Regierungsinserate. Aber wer hat das am Dienstag im Parlament diskutiert? Abgeordnete wie Stummvoll.

Es bedarf nicht nur besserer Gesetze, es bedarf offenbar auch besserer Abgeordneter. Man darf von einem Politiker ein Maß an Verantwortungsbewusstsein voraussetzen, man darf Rechtsbewusstsein einfordern, man darf Anstand erwarten. Wenn das Parlament nicht imstande ist, hier ein Problembewusstsein zu entwickeln, verliert es seine Glaubwürdigkeit. Nur weil bei uns eine moralische Lethargie um sich greift, braucht man sie nicht hinzunehmen. Wenn Politik keine Werte mehr hochhält, hat sie auch keine Vorbildfunktion. Dann bleibt sich jeder selbst der Nächste.

Stummvoll ist nur ein Beispiel. Politiker wie ihn, die sich selbst (und jenen, die dafür zahlen) die Nächsten sind, gibt es auch in anderen Parteien und auf anderen Ebenen. Vielleicht nur nicht ganz so dreist.

Auch Bundeskanzler Werner Faymann, der öffentliche Inseratenströme ganz eigennützig zu ihm wohlgesonnenen Medien lenkt, ist ein Beispiel für die Unverschämtheit, mit der Politiker mein und dein verwechseln und Anstand und Überzeugung durch Geschäft und Gegengeschäft ersetzen.

Die moralische Unzulänglichkeit des politischen Systems ist zuletzt immer greifbarer geworden. Dabei bedarf es nicht eines "Transparenzpakets", das ist ohnedies nur eine rhetorische und juristische Finte. Es braucht ein Empfinden von dem, was man einst als Redlichkeit bezeichnet hat - als Handlungsanleitung für Politiker. Dann bräuchte es diesen Leersprech nicht mehr, dann wäre es auch glaubwürdig, für Gerechtigkeit und Leistung einzustehen. (DER STANDARD-Printausgabe, 14.9.2011)

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Henry44
00
28.9.2011, 22:45
Da gibt es doch auch einen Kurt Gartlehner

Der soll via Herrn Hochegger 30.000 Euro von der Telekom bekommen haben und sitzt immer noch für die SPÖ im Parlament.

Anstand ist nur ein Wort, leider überall, denn wo würden denn diese ehrenwerten Herren in der Privatwirtschaft vergleichbare Einkommen erzielen?

Fox Mulder
04
14.9.2011, 16:29

Warum es keinen Aufschrei mehr gibt in diesem Land? Schauen sie sich die Umfragen an: 75 % haben sich längst von der Politik abgewendet (aus mangelnder Bildung, Desinteresse oder den Hauptgrund den ich präferieren würde: Übelkeit).

Ludovico Settembrini
03
14.9.2011, 16:08
stummvoll sitzt seit 1983 im parlament

der ist doch nicht erst seit der schwarz-blauen koalition korrupt.

Cptn. Retro
02
14.9.2011, 15:44

haben wir, hier bei uns, überhaupt Politiker?

Das sind doch geleaste Großfirmenangestellte in parlamentarischer Ausbildung, oder *hicks*

thomas bernhard2
 
03
14.9.2011, 16:12
thema

erfasst ! das iss ja der unfassbare jammer - es sitzen nur krähen in parlament und regierung, und diese hacken sich, bekannterweise niemals ein aug aus. so wird dieser sumpf ein solcher bleiben, so kann u.a. ein grasser weiter grinsen, bleibt alles im verborgenen.
wo, zum kuckuck, wo sind denn die verständlichen wutbürger, die mit anderen mitteln versuchen, dieses korruptionshaus trockenzulegen ?

anscheinend helfen eingaben, anzeigen, demos, etc. nix !

wann geht die erste scheibe zu bruch, wann brennt ein protzdienstwagen, wann wird dieses haus besetzt, wann werden diese verbrecher hinausgejagt. wann werden die faschistoiden bürgermeister im land verhaftet, wann die staatsanwälte ausgetauscht, WANN ?
nie ! nie! nie ! nie ! nie !

Kaffeeschlürfer
02
14.9.2011, 16:32
bin dabei ...

ich würd mich als Minister zur Verfügung stellen! Qualifiziert bin ich bestimmt hoch genug! Hab ich doch ohne Probleme die Pflichtschule abgeschlossen ... und die Ministerpension ist auch nicht so ohne ...
Viel, viel härtere Strafen ghören her!
Komplette Enteignung und Pfändung des Privatvermögens! Abnahme des Reisepasses, Aberkennung der Staatsbürgerschaft! Ausschluss aus der Gesellschaft (Streichung von Sozialzahlungen, Streichung von Sozialversicherung usw.) diese Leute würde ich, wenn überführt komplett aus der Gesellschaft ausschließen! Die Aktuellen Strafen rechnen sich doch! Stehlen, 2 Jahre Häfn und nix zrückgeben von der Beute = sehr sehr guter Stundensatz!!!

Cptn. Retro
00
14.9.2011, 16:30

mit "nie nie nie" legen sie sich selbst eine Sperre.

1) man muss das ganze nicht mit einer Wut sondern einer Würde angehen.
2) brauchen wir gesundes Material um das ungesunde zu entlarven
3) bringt es nichts, wenn man etwas zerstört -> Spirale der Gewalt >> böse, blöde und öde, außerdem geht es aufs Gemüt >> man muss es kontrolliert angehen >> das Wasser abgraben und mit Sand aufschütten damit man die Bagage erwischt - ganz nebenbei ein neues Fundament legen und darauf bauen -> denn so steht es geschrieben >> das Gute wird Bestand haben
4) keine voreiligen unüberlegten Handlungen setzen >> man kämpft nur dann, wenn man auch weiß das man gewinnt.
5) darüber denken und auch eine Ruhe darin erkennen und finden, dann ist es gut

? KEEP

Cptn. Retro
00
14.9.2011, 16:34

? KEEP WALKING IN BEAUTY

P e a c e

{{{ ~ * ~ }}}

Aum _/\_Namasté.

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
 
02
14.9.2011, 15:34
strasser und stummvoll

besteht ein unterschied in ihrem politischen wirken als lobbyisten? das werden wir nur erfahren, wenn auch stummvolls etwaige firmenbeteiligungen und nebenjobs offen gelegt und seine konten geöffnet werden.
generell sollten politiker/innen ihre firmenbeteiligungen und nebenjobs offen legen müssen. interessenskonflikte sollten unterbunden werden.
auch schüssel war, als er das rwe-aufsichtsratsmandat annahm, rücktrittsreif.
jetzt sollte auch untersucht werden, wie es zu dem generika-gesetz kam, von dem bartensteins pharmafirma profitierte.

Kaffeeschlürfer
00
14.9.2011, 16:34
jetzt sollte auch untersucht werden, wie es zu dem generika-gesetz kam, von dem bartensteins pharmafirma profitierte.

würd mich auch interessieren ...
hmmm ???

Simplicius Simplicissimus
00
14.9.2011, 15:27
Lernt man ...

... in der Schule noch immer nicht, dass Moral keine politische Kategorie ist? Jeder tut so, als wäre sie es.

<O> <O>
00
14.9.2011, 14:27
glaubwürdigkeit ist schnee von gestern

ich höre einem politiker zu, mit einer 100%igen annahme er lügt. der unterhaltungswert solchen vorgangs ist hoch, weil der politiker glaubt in seiner naivität, jemand nimmt ihn ernst. das macht ihn zum doppelten clown. die politik beleidigt unseren intellekt und schiesst sich damit selbst ins out. die italianisierung österreichs folgt: die politik praktiziert selbstlüge und die gesellschaft ignoriert sie zusehends. das "who cares?" funktioniert immer besser.

Kaffeeschlürfer
00
14.9.2011, 16:35
...

und bald hama´s so weit wie´s die Bonzen wollen ... die setzen ihre hampelmänner ein um uns gemeinen vol eine demokratie vorzugaukeln und in wirklichkeit werden wir weiterhin bis zur schmerzgrenze abgezockt!

Tornos
03
14.9.2011, 14:10

Im Nationalrat wird sich nun vieles ändern! Schließlich ist seit kurzem auch die intellektuelle Visionärin Frau Marek in diesem vertreten!

thomas bernhard2
 
01
14.9.2011, 14:57
der war gut !!

arcmichl
00
14.9.2011, 13:53
Passt hier wunderbar her: Benedikt XVI. empfing letzten Freitag den neuen Vatikan-Botschafter des United Kingdom ...

.
In seiner Ansprache betonte der Papst mit Blick auf die jüngsten Ausschreitungen, zu denen es im Land gekommen war, die Notwendigkeit, politisches Handeln nach objektiven und dauerhaften Werten auszurichten, die nicht allein durch Gesetze zum Ausdruck kommen könnten.

Wenn die Politik diese objektiven Werte nicht in Betracht ziehe und fördere, führe der sich daraus ergebende moralische Relativismus nicht zu einer freien, gerechten und solidarischen Gesellschaft.

Vielmehr neige er dazu, Frustration, Verzweiflung, Einsamkeit und Missachtung des Lebens und der Freiheit der anderen zu erzeugen.

Quelle: http://www.kath.net/detail.php?id=33011

Ansprachentext: http://www.zenit.org/article-3... ?l=english

arcmichl
00
14.9.2011, 13:30
genau, so gehts nicht weiter - hoffentlich. vor kurzem wurde in diskursrahmen wie diesem noch agitiert gegen existenz-essenzielle konzepte wie "werte", "moral" & "anstand" und ideen wie "rechtsbewusstsein" & "vorbildfunktion" ... und heute liest man:

.
"Man darf von einem Politiker ein Maß an Verantwortungsbewusstsein voraussetzen, man darf Rechtsbewusstsein einfordern, man darf Anstand erwarten.

Nur weil bei uns eine moralische Lethargie um sich greift, braucht man sie nicht hinzunehmen.

Wenn Politik keine Werte mehr hochhält, hat sie auch keine Vorbildfunktion. Dann bleibt sich jeder selbst der Nächste.

... ein Beispiel für die Unverschämtheit, mit der Politiker mein & dein verwechseln und Anstand & Überzeugung durch Geschäft & Gegengeschäft ersetzen.

Die moralische Unzulänglichkeit des politischen Systems ist zuletzt immer greifbarer geworden.

Es braucht ein Empfinden von dem, was man einst als Redlichkeit bezeichnet hat - als Handlungsanleitung für Politiker."

Fange DU an.

politisch verfolgt
11
14.9.2011, 13:23
guter kommentar

trotzdem muß ich mich ein wenig wundern: werte wie "anstand", "redlichkeit" oder "moral" wurden jahrzehntelang als alter, verzopfter käse aus der konservativen ecke disqualifiziert. und nun sehnen sich die selbsternannten progressiven plötzlich danach zurück.

Konsumtrottel 2.0
00
14.9.2011, 18:18
da wär ich jetzt mal auf ein paar beispiel gespannt

wann "progessive" (wer?) gegen "anstand" und "redlichkeit" im sinne der debatte aufgetreten wären. ist stummvoll am ende gar ein amoralisch-progressiver agent?

Childerich von Bartenbruch
00
14.9.2011, 15:20
ist ja wirklich nicht verwunderlich, ...

... dass ein stummvoll, wenn ihm die böse linkslinke jahrelang seine "werte" miesmacht, irgendwann drauf scheißt. da sieht man wieder, wer schuld ist!

politisch verfolgt
00
14.9.2011, 15:31
stummvoll

ist ein raffgieriges charaktersch*ein. solche gibt es leider in allen parteien. die besondere verkommenheit einer bestimmten partei beweist das leider nicht, sonst wäre es ja einfach.

mayflower2
08
14.9.2011, 12:38

Stummvoll hat schon vor Jahren im Fernsehen gesagt,dass er Vorsitzender einiger Privatstiftungen ist und wie diese Stiftungen für österr.Arbeitsplätze wertvoll sind.
Und wörtlich:...da kommt eine höhere Besteuerung für Privatstiftungen für mich nicht in Frage.

Raus aus dem Nationalrat mit solchen Lobbyisten.

Toni Meister
00
14.9.2011, 15:19
Zur Vertiefung :

„Die 3.100 Stiftungen schaffen und sichern Arbeitsplätze. Alleine 150.000 neue Jobs wurden geschaffen. Insgesamt sind in Österreich über 400.000 Arbeitsplätze durch Privatstiftungen gesichert. Stiftungen sind kein Privileg für Superreiche. Sie sichern Jobs, Wohlstand und leisten einen großen Beitrag für den Kunst- und Kulturstandort. Ich habe daher als Finanzminister großes Interesse, dass das Kapital und Vermögen aus Stiftungen in Österreich bleibt."

Josef Pröll, Finanzminister (OTS-Aussendung vom 19.5.2009)

mfm1
00
14.9.2011, 12:28

Es ist allerdings etwas unfair, hier Unrechtsbewusstsein von Stummvoll einzufordern. Das hat er vielleicht sogar, allerdings kommt es nur zum Zuge wenn man etwas tut das man als Unrecht empfindet.
Das Problem liegt daran das man anscheinend in diesen Sphaeren tatsaechlich glaubt, das sowas nicht unvereinbar ist - Das Selbstverstaendniss ist einfach fern der "normalen" Realitaet.. Solange hier nicht von "oben" Integritaet vorgelebt wird, wird sich nichts aendern (warum auch?).. Nur kommt man wohl ohne diverse "Kompromisse" niemals in eine Position um Integritaet vorzuleben..

Judith76
07
14.9.2011, 11:54
danke.

klar auf den punkt gebracht.

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