OECD

"Steuerzahler profitiert enorm von Bildung seiner Bürger"

13. September 2011, 17:51
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    foto: apa/techt

    OECD-Chefanalyst Schleicher über Österreichs Hochschulpolitik: "Wichtige Reformen wurden in den letzten Jahren auf den Weg gebracht, aber es wird lange Zeit und große Anstrengungen brauchen, hier verlorenen Boden wieder gutzumachen."

OECD-Chefanalyst Andreas Schleicher erklärt, warum Akademiker dem Staat viel mehr Geld bringen als sie ihn kosten und wieso man lieber heute beim Konsum sparen soll als bei der Bildung für morgen

STANDARD: In der neuen OECD-Studie "Education at a Glance" ist zu lesen: "Wenn sich die aktuellen Abschlussquoten der 25- bis 34-Jährigen weiter fortsetzen, werden Brasilien, Deutschland und Österreich noch weiter hinter andere OECD-Länder zurückfallen." Was raten Sie diesen Ländern?

Schleicher: Klar ist, dass die Nachfrage nach Spitzenqualifikationen in den Industrienationen weiter deutlich zunehmen wird, das erklärt auch, warum Personen mit einem Universitätsabschluss in Österreich mehr als die Hälfte mehr verdienen als Personen mit beruflicher Ausbildung. Wichtig ist aber auch, dass der Steuerzahler von besserer Bildung seiner Bürger enorm profitiert, eben weil diese höhere Steuern zahlen und weniger Sozialleistungen kassieren. Für Österreich sammelt der Staat pro Universitätsabsolventen rund 66.200 Euro mehr ein, als er für dessen Bildung ausgibt. Die Leistungsfähigkeit der Bildungssysteme zu verbessern bleibt also weiterhin eine wichtige und anspruchsvolle Aufgabe nicht nur, aber auch für Österreich.

STANDARD: Was heißt verbesserte Leistungsfähigkeit?

Schleicher: Bürger und Arbeitgeber erwarten heute von Bildungssystemen zu Recht, dass sich Bildungs- und Ausbildungsanbieter effizient an die sich verändernde Nachfrage anpassen, sowohl quantitativ wie auch qualitativ. Sie erwarten qualitativ hochwertige und effiziente Bildungsangebote, damit die richtigen Kompetenzen zur rechten Zeit, am rechten Ort auf die effektivste Art und Weise erworben werden. Sie erwarten die notwendige Flexibilität, damit die Menschen das lernen können, was sie möchten, wann sie möchten und wie sie es möchten. Sie erwarten den Abbau von Zugangsbeschränkungen - Studiengebühren sind keine - sowie den Ausbau von vielfältigen Einstiegs- und Wiedereinstiegsmöglichkeiten in das Bildungssystem. Sie erwarten schließlich die Entwicklung effizienter und nachhaltiger Finanzierungsansätze, bei denen nicht Ideologie oder Tradition bestimmt, wer für was, wann wo und wie viel bezahlt, sondern ein fundiertes Verständnis der Zusammenhänge zwischen Bildungsinvestitionen und ihren Erträgen. In all diesen Bereichen kann sich Österreich verbessern.

STANDARD: Österreich wird im "schlimmsten" Sektor der Analyse geführt, jenem mit "historisch niedrigem Bildungsstand", was die Akademikerzahl anlangt. Mit nur 21 Prozent liegen wir noch immer weit unter dem OECD-Schnitt (39 Prozent). Was läuft da falsch?

Schleicher: Das stimmt zwar, aber man darf nicht übersehen, dass in Österreich in den vergangenen Jahren viel passiert ist. Seit dem Jahr 2000 hat sich Absolventenquote ja verdoppelt. Wichtige Reformen wurden in den letzten Jahren auf den Weg gebracht, aber es wird lange Zeit und große Anstrengungen brauchen, hier verlorenen Boden wieder gutzumachen.

STANDARD: Muss man unbedingt möglichst viele Akademiker haben, oder könnten besonders viele Abschlüsse im Sekundarbereich II, wo Österreich besonders hohe Werte hat, auch "genug" sein für ein Land?

Schleicher: Ja, eine gute Ausbildung im Sekundarbereich II ist eine große Stärke des österreichischen Bildungssystems. Aber die Tatsache, dass sie im Arbeitsmarkt nur mit einem Einkommensvorteil von 33 Prozent vergütet wird, während eine Universitätsausbildung mit plus 69 Prozent zu Buche schlägt, zeigt, dass wenn Österreich global wettbewerbsfähig bleiben will, Qualifikationen im Sekundarbereich allein nicht ausreichen. Noch deutlicher wird das, wenn man die Beschäftigungsquoten anschaut.

STANDARD: In Österreich lag - wie z. B. auch in Deutschland - der Anstieg der Ausgaben für Bildungseinrichtungen tendenziell unter dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Falsches Feld zum Sparen?

Schleicher: Sparen ist und bleibt ein wichtiges politisches Ziel, aber Staaten machen einen großen Fehler, wenn sie Investitionen in die Zukunft gegen heutigen Konsum eintauschen.

STANDARD: Macht Bildung denn glücklich?

Schleicher: Geld ist sicher nicht alles, was zählt, und die OECD hat in dieser Ausgabe von "Bildung auf einen Blick" daher auch zum ersten Mal soziale Erträge wie z. B. Zufriedenheit bewertet. Die Ergebnisse zeigen einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen besserer Bildung, mehr Lebenszufriedenheit, aber auch eine höhere Bereitschaft, sich für die Gesellschaft zu engagieren auf. Wundern sollte einen das eigentlich nicht. (Lisa Nimmervoll, STANDARD-Printausgabe, 14.9.2011)

ANDREAS SCHLEICHER (47) leitet die Abteilung Indikatoren und Analysen im OECD-Direktorat für Bildung in Paris. Der gebürtige Deutsche - er studierte Physik in Hamburg und Mathematik in Melbourne - ist "Erfinder" und Koordinator der "Pisa"-Studie.

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19 Postings
Wolkengedanken
00
25.9.2011, 16:52

"Steuerzahler profitiert enorm von Bildung seiner Bürger"

Ja, ja man weiß natürlich, was gemeint ist, aber trotzdem bleibt das barbarisches Deutsch !! Als Beispiel für einen Aufruf zu höherer Bildung äußerst geeignet !!

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
 
10
14.9.2011, 11:59

ein physiker und mathematiker koordiniert die sozialwissenschaftliche studie PISA. das erklärt so manches ihrer fragwürdigkeit.
jetzt sollte auch die byzantinistik physikalische experimente entwerfen und koordinieren dürfen.

Dolph
00
15.9.2011, 13:56
Physiker & Mathemetiker kennen sich halt a bisserl mit statistik aus, was man nicht von jedem behaupten kann...

Wolkengedanken
00
25.9.2011, 16:48

Von jedem nicht, aber von ausgebildeten Soziologen schon

Kursus
00
14.9.2011, 09:39
"Investitionen in die Zukunft gegen heutigen Konsum eintauschen"

Der Markt (mir ist nicht ganz klar wer jetzt eigentlich) schreit heute nach mehr Akademikern ... morgen dann - wenn alle Reformen gegriffen haben - hätte der Markt gerne sein Klo repariert ... und findet keinen Installateur.

cerberos
01
14.9.2011, 10:03

Die kommen eh aus Polen.

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
 
00
14.9.2011, 12:05

genau, internationale arbeitsteilung: aus PL kommen die handwerker, aus der slowakei die pflegerinnen, in H sitzen die zahnärzte, aus china kommen die gastronomen, aus der TR, serbien, kroatien, BIH, FYRM, albanien die bauarbeiter, unsere großbauern investieren in H & RO - und wir stellen gemeinsam mit den deutschen die akademiker.

Tabakgesetz
01
14.9.2011, 09:38
Warum also Studiengebühren?

Wenn man nach dem Studium ausreichend verdient, zahlt man sowieso über seine eigene Steuerleistung seine Ausbildung zurück. Der Mittelstand soll immer entlastet werden, sagen die Politiker, und warum will man dann den Mittelstand (im Regelfall würden die Eltern bezahlen) mit Studiengebühren belasten?

Gobi Todic
00
14.9.2011, 09:18
akademiker mit schnauzbart

hm, kreditwürdigkeit fraglich ^^

Heavyweather
01
13.9.2011, 22:39

In AT fordert man immer noch via Studiengebühren Strafsteuern im voraus auch wenn sich Studenten das Studium mehr als selbst finanzieren.

Wenn ich die Studiengebühren zu 120% von der Steuer absetzen kann (ja ohne Zinsen borg ich auch nix her) dann bin ich dabei.

hellfast
00
14.9.2011, 06:21

du meinst im nachhinein absetzen? im moment kannst du 100% absetzen, aber wieviele studenten verdienen schon soviel...

Tabakgesetz
00
14.9.2011, 09:32
Absetzen

Nur zur Klarstellung:100% absetzen bedeutet, dass sich die Steuerbermessungsgrundlage um diesen Betrag vermindert, d.h. ich bekomme nur einen Teil der Studiumskosten -abhängig vom Steuersatz - refundiert.

Adam Markus
08
13.9.2011, 21:56

Ist nicht wirklich neu, die Regierung wird's aber auch diesmal nicht interessieren.

Diese ist nämlich nicht am Wohle der Österreicher in 10-20 Jahren gelegen, sondern daran die nächsten Wahlen zu gewinnen und möglichst viel zu tun um den neoliberalen Organisationen und deren Apologeten zu gefallen.

Außerdem findet man bei gebildeten Menschen eher die Tendenz zum kritisch denken und wenn das in diesem Land ein wenig mehr machen würden, gäb's einen Aufstand.

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
 
00
14.9.2011, 12:08

die sogenannte "bildungsexplosion" war nicht gewollt, deshalb wird jetzt die "bildungsimplosion" angepeilt.

K1981
00
13.9.2011, 22:41

Stimme dir zu!

Trapos Volando
00
13.9.2011, 23:33

ich stimme auch zu... Ö ist irgendwie absurd...

Prof. Engeri Derer
 
10
13.9.2011, 21:53

Komisch dass D, A und Br so gute Wirtschaftszahlen haben, während Länder mit hoher "Akademikerquote" wie E und Gr schwächer ausschauen.

birka
00
14.9.2011, 07:08

Kommt auch auf die Strukturen drum herum an. Ich bin zwar auch ein toller Akademiker aber paar Kilometer über der Grenze in Bayern krieg ich mit gleicher Ausbildung gut 50% mehr als in Ö.

jetboy
00
13.9.2011, 22:55

Akademiker ist eben nicht gleich Akademiker...

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