IHS-Chef

"Vermögenssteuer ist eine Enteignung"

Interview | Andreas Schnauder, 13. September 2011, 18:55
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    foto: standard/hendrich

    Bernhard Felderer bleibt seinen liberalen Prinzipien treu. Eine Vermögenssteuer widerspreche dem Prinzip der Leistungsfähigkeit. Selbst bei der Anhebung der Grundsteuer hat der Ökonom neuerdings größere Bedenken.

Vermögenssteuern seien nicht nur ökonomisch falsch, sondern haben laut Bernhard Felderer auch nichts mit Verteilungsgerechtigkeit zu tun

Standard: Die SPÖ setzt auf das Thema Verteilungsgerechtigkeit, die mit einer Vermögenssteuer erhöht werden soll.

Felderer: Die Vermögenssteuer ist für jeden, der davon etwas versteht, ein Horror. Von 30 OECD-Staaten haben nur noch drei eine Vermögenssteuer, 1995 waren es noch 15. Aus gutem Grund. Ein Grundprinzip der Besteuerung ist das Leistungsfähigkeitsprinzip. Wenn aber keine Einkünfte vorhanden sind, geht diese Leistungsfähigkeit nach ein paar Jahren verloren. Wenn man unabhängig von der Ertragslage besteuert, würde man viele Unternehmen zerstören. Außerdem ist es steuersystematisch verfehlt.

Standard: Unternehmen sollen ja nicht betroffen sein, sagt die SPÖ.

Felderer: Dazu komm ich gleich. Wir haben Bilanzen untersucht, bei denen ersichtlich wird, dass etwa 20 bis 25 Prozent der Betriebe selbst in der Hochkonjunktur Verluste erwirtschaften. Die Zahl springt dann in der Rezession auf 70 bis 75 Prozent hinauf. Das zeigt, dass mehrjährige Verlustperioden für Unternehmen überhaupt nicht selten sind. Wenn dann die Vermögenssteuer zusätzlich belastend wirkt, widerspricht das der Verfassung. Aus der Judikatur des Verfassungsgerichtshofs geht eindeutig hervor, dass eine Vermögenssteuer aus dem Ertrag des Vermögens abgedeckt werden muss, ansonsten entspricht das einer Enteignung. Das geht nicht.

Standard: Noch einmal: Betriebe sollen ausgenommen werden.

Felderer: Nehmen Sie an, jemand besitzt 100 Prozent der Aktien eines Industriebetriebs. Das ist sein Privateigentum. Wenn das Unternehmen keinen Gewinn macht, und der Eigentümer das Vermögen besteuern muss, wird er zum Verkauf seiner Anteile oder zur Belastung des Unternehmens gezwungen. Das ist ökonomischer Wahnsinn, weil Arbeitsplätze gefährdet werden. Die Vorstellung, dass die Leute das Milliardenvermögen irgendwo herumliegen haben, trifft fast nie zu. Selbst dort sind Aktien betroffen. Wenn es mangels Ertrags keine Dividenden und keine Wertsteigerung gibt, entspricht die Steuer einer glatten Enteignung, nichts anderem.

Standard: Die Vermögen der Reichen steigen aber tendenziell stark an, wie aus diversen Millionärsuntersuchungen hervorgeht. Glauben Sie ernsthaft, dass es wegen einer 0,7-prozentigen Steuer zu größeren Verkäufen kommen würde?

Felderer: Wenn der Wert seines Vermögens wächst, dann nicht. Da haben wir aber ohnehin die Capital Gains Tax.

Standard: Nur bei realisierten Verkäufen, bei einer reinen Wertsteigerung nicht.

Felderer: Die Unternehmen haben quer durch Europa einen Eigenkapitalmangel, in Österreich im Besonderen. Und wir diskutieren Maßnahmen gegen die Eigenkapitalbildung.

Standard: Selbst dann blieben noch Vermögende, die Grund, Häuser, Kunstwerke und Ähnliches besitzen. Hier würde eine Besteuerung wohl kaum ökonomische Schäden verursachen.

Felderer: Immobilien sind ein Sonderfall, weil sie nicht abwandern können. Aber auch hier muss man aufpassen. Immobilien können belastet werden, womit sich der Wert so vermindert, dass der österreichische Fiskus nicht viel davon haben wird. Das aufgenommene Geld wird dann im Ausland investiert. Die Vorstellung, dass irgendein Kapital auf Besteuerung nicht reagiert, die ist falsch. Finanzkapital ist auf Knopfdruck weg. Die Unternehmen verschieben ihre Gewinne bis zu einem gewissen Grad mithilfe von Verrechnungspreisen. Was glauben Sie, wie leicht es ist, ein Unternehmen in Österreich auszuhungern und die Filiale in der Schweiz oder sonst wo zu pushen.

Standard: Zuletzt haben Sie in der Grundsteuer noch das größte Potenzial betreffend vermögensbezogene Abgaben gesehen.

Felderer: Nur bedingt. Ohne Freibeträge kommt es bei einer Anpassung der Grundsteuer zu einem Sturm der Entrüstung. Da muss man mindestens 300. 000 Euro nehmen, so viel kostet heute schon ein kleines Häusl. Bei einer einprozentigen Steuer auf die Verkehrswerte kommt dann genau so viel heraus wie heute. Einen unvorstellbaren Aufwand zu treiben, um die Verkehrswerte festzustellen, wäre völliger Wahnsinn. Man muss auch an die Kosten der Einhebung denken. Wenn, dann wäre eine geringe Anhebung des Einheitswertes vorstellbar.

Standard: Wenn Sie keinen Spielraum bei Vermögen sehen: Wie sollte die Verteilungsgerechtigkeit in Österreich erhöht werden.

Felderer: Österreich liegt bei der wichtigsten Kennzahl, dem Gini-Koeffizienten, sehr gut. Von den alten EU-Staaten befindet sich nur Schweden vor uns. Es stimmt auch nicht, dass sich der Wert in den letzten Jahren signifikant verschlechtert hätte. Keine Gesellschaft kommt ohne Ungleichheit aus. Auch das kommunistische Experiment ist gescheitert. Stalin hat bereits in den 30er-Jahren heimlich die Löhne für gewisse Gruppen erhöht. Außerdem gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen vermögensbezogenen Steuern und Verteilungsgerechtigkeit. Es gibt Länder mit hoher Besteuerung, wie Großbritannien und Spanien, die eine ungleiche Verteilung haben. Relative Gleichheit wird durch Sozialversicherung und Subventionen des Staates erreicht.

Standard: Themenwechsel: Eine Insolvenz Griechenlands scheint nun kein Tabu mehr zu sein. Wie beurteilen Sie das?

Felderer: Die Frage ist immer, was billiger ist: ein Default Griechenlands, bei dem die griechischen Banken aufgefangen werden müssten und andere europäische Banken Staatshilfe benötigen; oder wir finanzieren und hoffen, dass Griechenland zurückzahlen kann. Doch mittlerweile ist klar, dass Griechenland weit mehr als fünf Jahre benötigen wird, um an die Kapitalmärkte zurückkehren zu können. Die beiden Varianten werden neu abgewogen. Viel hängt davon ab, ob Italien es schafft. Für Europa ist ein Hilfspaket Italien jedenfalls eine Nummer zu groß. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.9.2011)

Bernhard Felderer (70) leitet das Institut für Höhere Studien und präsidiert dem Staatsschuldenausschuss.

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Posting 1 bis 25 von 1411
Investor-
01
7.10.2011, 11:55
Danke, interessantes Interview!

Das klingt schon plausibel, warum eine Vermögenssteuer wenig Sinn macht.

Kapitalerträge werden ja ohnehin schon versteuert. Und so würde man den Leuten dann eben etwas von der Substanz wegnehmen ... ob das fair ist?

Alastair McKenzie
 
00
27.9.2011, 19:38
Es gibt eh schon ein Vermögenssteuer, ...

... nur heißt sie nicht so. Man nennt sie harmlos "Inflation". Derzeit beträgt der Steuersatz über 3%.

Borat Sagdiyev : jak sie masz?
10
27.9.2011, 06:56
Jede Steuer ist "enteignung", was bei der Lohnsteuer oft 'übersehen' wird.

dieweise
10
17.9.2011, 22:15
wes brot ich ess, des lied ich sing...

der herr felderer ist ein lakaie von VauPe und IV.
er sagt, was die lesen wollen, völlig vorbei an neutral-objektiven wissenschaftlichen erkenntnissen, damit sein institut weiter die subventionen bekommt.

das mit der "enteignung" ist natürlich absurder unsinn !
da ist lohnsteuer mit viel mehr berechtigung als "enteignung" zu bezeichnen.
ich arbeite einen monat und verdiene damit ein kapital - und von dem nimmt mir der staat 30 % weg !

ähnlich absurder unsinn das mit der "mehrfachbesteuerung" : wenn eine bereits enteignete lohnsteuerpflichtige ihr geld ausgibt, zahlt sie nochmal bis zu 20 % MWSt, USt etc.

es ist zum kotzen, wie leute wie der herr felderer uns verars..en.

Red Zone
30
15.9.2011, 14:55

Wie der Mann "Professor" sein kann, ist mir schleierhaft. zB. "Wenn das Unternehmen keinen Gewinn macht, und der Eigentümer das Vermögen besteuern muss, wird er zum Verkauf seiner Anteile oder zur Belastung des Unternehmens gezwungen." Hallo?? Wenn ein Unternehmen nur Verluste machen sollte, dann wäre es auch nichts wert, dann würden die in Privatbesitz stehenden Anteile an so einer Bude (Aktien or whatever) auch nicht besteuert. Weil: Nichts wert. Verstanden? Unfassbar, welchen Schwachsinn man hier in Interviews durchgehen lässt ...

thinkonyourfeet
00
15.9.2011, 16:58
@RedZone Das sind wohl Sie, der Sie Schwachsinn verbreiten.

Ein Unternehmen, das in einem Fiskaljahr keinen Gewinn macht, ist deshalb nicht wertlos.
Denken Sie doch nach, bevor Sie sowas schreiben.

Zukunftsoptimist1
12
15.9.2011, 12:05
Über Vermögenssteuer sollten nur die reden,

die eine Ahnung davon haben.
Besteuerung von mobilem Vermögen führt zu dessen Abwanderung oder Verbergen. Firmenvermögen zu besteuern ist Quatsch - siehe Felderer. Also Ausnahme.
Häuslbauer zu besteuern führt zu Zahlungsunfähigkeit der Eigenheimbesitzer und wie in den USA zu Zusammenbrüchen von großen Finanzierungsinstituten. Also ebenfalls Ausnahme.
Was bleibt? Billiger Populismus, auf den alle hineinfallen, die nicht bis 3 zählen können.
Wir reden viel über Verwaltungsreform: wer soll die vielen Ausnahmen administrieren? Ein aufgeblähter Apparat, der mehr kostet als die V-Steuer bringt.
Das Ganze einmal durchrechnen und dann, wie schon bisher, als billigen Wahlkampfgag entsorgen.
PS: warum werden Widmungsgewinne nicht besteuert?

GUTES
00
24.9.2011, 11:41
Warum

die Aufregung - haben sie Bedenken dass es sie treffen kann??

thinkonyourfeet
00
15.9.2011, 11:45
Die Steuerbelastung in Österreich ist extrem hoch.

Die Vermögenssteuer ist natürlich von der Einkommenssteuer zu unterscheiden, weil die Vermögenssteuer die Substanz auffriss, aber letztere eine Zuwachssteuer ist.
Aber jedes Vermögen muss irgendwann erarbeitet werden. Wenn jemand 100 000 Euro im Jahr verdient, kassiert der Sozialstaat 99.836 Euro an Steuern und Abgaben. Da heißt, er musste vorher für 199 836 Euro arbeiten. Das ist zu berücksichtigen, bevor man sich voller Neid auf die 100 000 stürzt, die dem Fleißigen geblieben sind...

collarbone
 
10
15.9.2011, 20:02
steuerbelastung ..

es geht da kaum um die 100.000, die sich Mensch vielleicht noch erarbeiten kann! vielmehr um die 100 Mio. die vor 50 Jahren, als die Staatsverschuldung noch viel geringer war einen Wert von vl. 20 Mio dargestellt haben und wo die 20 Mio schon aus "altem Geldadel" stammten ..

thinkonyourfeet
00
15.9.2011, 21:58
@collarbone Wenn der sich sein Vermögen ergaunert hat,

dann soll man ihn belangen. Wenn er oder seine Vorfahren das ehrlich verdient und korrekt versteuert haben, dann kann sich der Staat über einen großen Anteil freuen, den er ja schon kassiert hat. Und damit soll die Gier des Staates wohl auch befriedigt sein.
Aber ich weiß schon, Neid ist eine Gier, die bodenlos sein kann...

collarbone
 
01
28.9.2011, 19:58

@thinkon... es geht nicht um neid .. auch nicht um die -vermeintliche- gier des staates
das problem an grossen vermögen und dem unverhältnismässigen zuwachs dieser grossen vermögen liegt unter anderem in der absurdität begründet, das vermögen - also auch geld - ohne eigenen leistung wächst.
grosse vermögen sind sehr oft nicht erarbeitet sondern in der einen oder anderen form geraubt ..
siehe Adel, Kirche oder was sich Industrielle und Finanzinstitute heute aus der öffentliche "kasse" stehlen

guesman curd
00
15.9.2011, 11:12
"Parteiproporz ist eine Enteignung"

Parteiproporz ist nicht nur ökonomisch falsch, sondern hat laut mir auch nichts mit Demokratie zu tun!

Oh wie ich leere Phrasen liebe : )

guesman curd
00
15.9.2011, 11:09
"Parteiproporz ist eine Enteignung!"

karakal
10
15.9.2011, 10:01
Also das ist ja ein absoluter Blödsinn...

Vermögenssteuer sind nicht nur sinnvoll, sondern zwingend notwendig in der heutigen Zeit!

Weltfremd ?
00
18.9.2011, 14:05
Schauen Sie sich den Titel Ihres

Postings an.

thinkonyourfeet
24
14.9.2011, 21:44
Wir profitieren von allen, die fleißig sind

genauso wie von jenen, die reich sind. Meist sind das sogar dieselben.
Statt dass wir uns freuen, dass es diese Menschen gibt, pflegen wir unseren Neidkomplex und versuchen, ihn moralisch zu untermauern...

otto muster
10
15.9.2011, 10:03

jetzt müssen's nicht mehr herumjammern, der felderer hat den reichen hier eh das patentrezept gegeben: sie verkaufen einfach ihr vermögen, dann brauchen sie keine vermögenssteuer mehr zahlen

Weltfremd ?
01
18.9.2011, 14:07
Was bekommen Sie,

wenn Sie Vermögen verkaufen ?

Thun23
 
20
14.9.2011, 22:45
Mei san se liab und sie lecken sicher gern Stiefel

thinkonyourfeet
10
15.9.2011, 07:56
Warum sollte ich das tun?

Dafür besteht kein Grund...

Hans Funkelfels
00
14.9.2011, 21:21
Myerson (un)möglicher Härtefall

Ich muss einfach an diese Filmfigur denken, nicht nur Äußerliche Ähnlichkeit, auch inhaltliche:

http://www.anna.is/weblog/vl... -81062.png

(Das mag jetzt kein intelektuelles Kommentar sein, aber der Felderer konnte ja auch nicht auf das Interview eingehen, sondern hat nur irgendein Band abgespult und die beiden aneinander vorbei geredet)

hlg
12
14.9.2011, 20:54
es müsste eine "vermögenszuwachssteuer" werden...

wer schon viel hat soll immer weniger seines zuwachses an vermögen für sich behalten dürfen, progressiv, ungedeckelt...

das würde zwar den status quo nicht sofort ändern...

aber langsam schon...

Zukunftsoptimist1
00
15.9.2011, 14:11
und wieviel ist "viel"?

hlg
00
20.9.2011, 19:57
derzeit 1 mio euro wies unser bahnkasperl gsagt hat, zb...

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