Schuldenkrise

Die Roten, die Schulden und das Schwein der Weisen

Gastkommentar | 13. September 2011, 19:01

Ist Budgetsanierung tatsächlich nur ein anderes Wort für "Kaputtsparen"? Auf der Suche nach dem richtigen Weg aus dem Staatsdefizit - Von Helmut Kramer

Am 9. September verschaffte der Standard seinen Lesern auf dieser Seite ein selten spannendes Leseerlebnis: die Kommentare zur Staatsschuldenpolitik von Gerhard Steger, Budgetsektionschef im Finanzministerium, und von Stephan Schulmeister, Wirtschaftsforscher in Wien und ökonomischer Wanderprediger vor nationalen und internationalen Foren.

Wer mit Budgetpolitik und dem Staatsschuldenproblem fachlich weniger vertraut ist, könnte aus der Lektüre schließen: "Wie immer widersprechen sich die Experten, das ist man ja von den Ökonomen sattsam gewohnt". Steger verteidigt einen strengen Budgetsanierungskurs, nicht nur weil er einen solchen zu exekutieren hat, sondern aus eigener - sozialdemokratischer - Überzeugung, und damit gegen viele Stimmen aus dieser Partei. Schulmeister wehrt sich gegen eine Schuldenbremse, weil sie in ein noch größeres budgetäres und politisches Chaos führen könnte.

Obwohl die Argumentation mit diesen oder ähnlichen Argumenten nicht nur in Österreich die politische Willensbildung enorm behindert und auch viele ökonomisch Geschulte dahinter unvereinbare Gegensätze sehen, widersprechen sich Steger und Schulmeister nicht unbedingt.

Steger argumentiert an die Adresse der Politik eines kleinen, offenen und von internationaler Finanzierung auf Kapitalmärkten abhängigen Staates, dessen sehr verdienstvoller Diener er ist. Und der hat die längerfristigen Perspektiven eines hochverschuldeten Staates im Auge. Gott sei Dank! Schulmeister argumentiert an die Adresse "fast aller Industriestaaten", die eine rigorose Sparpolitik zu betreiben versuchen und weist auf deren enorme kurzfristige Risiken hin.

Beide zu Recht: Der Unterschied liegt in der Adresse und in der Fristigkeit der Sicht.

Schulmeister, so richtig seine Überlegungen für eine funktionierende Staatengemeinschaft im Prinzip sein könnten, übersieht, dass "die Staaten", auch in der EU und gar im Euroraum enorme Unterschiede nicht nur der Verschuldung, der Wettbewerbsfähigkeit, der politischen Stärkeverhältnisse und der Einschätzung durch die "Märkte" aufweisen. Daher sind sie zumindest kurzfristig, obwohl Schulmeister mit Recht drängt, entweder nur zu faulen Ad-hoc-Kompromissen oder zu gar keiner Entscheidung fähig. Er geht darüber hinweg, dass seine Forderungen kurzfristig nicht demokratisch und legal umgesetzt werden können, weil sie Änderungen des EU-Vertrags voraussetzen. Wer ist für Schulmeister "der Staat", bitte um Adresse mit Postleitzahl! Was er mit Recht beklagt und was einen Ökonomen wie mich schon lange zutiefst erschüttert, ist, dass sich die verschiedenen Sekten der Ökonomie nach wie vor nicht ideologiefrei darauf einigen können, welche budgetpolitischen Strategien rational und in sich widerspruchsfrei wären, und schon gar nicht, was zu tun ist, wenn "der Staat" eben in aller Regel nicht rational und fehlerlos handelt oder unterlässt, besonders wenn er international am Pranger steht.

Was Stegers Plädoyer so wertvoll macht, ist sein Appell an die Sozialdemokratie, die Staatsverschuldung nicht nur unter Konjunktur- und Kaufkraftaspekten zu beurteilen, sondern aus sozialdemokratischer Sicht auf ihre perversen Folgen für die längerfristige Einkommens- und Vermögensverteilung und für den Generationenausgleich hin. Und, was Steger Schulmeister, der darüber völlig hinweggeht (seine fundamentale Schwäche) voraushat: Er hat Recht, wenn er vor dem Schuldenmachen dringend mehr Effizienz der staatlichen Leistungserbringung einmahnt. Allerdings ist Steger in der auch für ihn unkomfortablen Lage, dass er als einsamer Kämpfer diese Effizienz zu erzwingen versuchen muss, indem er querbeet Haircuts (proportionale Kürzungen) der Ausgaben anpeilt, und dabei auf die längerfristigen Folgen des Aushungerns von Universitäten oder der Folgen der demografischen Alterung nicht direkt Rücksicht nehmen kann.

Budgetäre Strukturreformen sind Regierungs- und Ministerverantwortung. Tatsächlich wären Steger und Schulmeister eher in Einklang zu bringen, wenn man annehmen könnte, dass echte Reformen - nicht nur auf der Ausgabenseite, sondern auch im Steuer- und Abgabensystem, wie sie das Wifo immer wieder einfordert - politisch gangbar wären (alles im Konjunktiv!): Das sind sie leider nicht.

Daran sind nicht allein die Ökonomen schuld. Aber die auch. Denn sie, auch Schulmeister, müssten ihren Blick über ihre aufs pur Ökonomische reduzierten Modelle hinaus auch auf die institutionelle Praxis und auf die oft ökonomisch irrationalen Umstände des Politikmachens richten, sonst stiften sie nur Verwirrung. Leider sind gerade in Österreich die Fächer "Public Management", "Politische Ökonomie der Staatsfinanzen" und "Politische Strategien in der EU" besonders krass unterentwickelt.

So scheinen wir leider auf eine Situation zuzusteuern, die beide kommen sehen: Schulmeister ("drei Minuten vor zwölf") und Steger ("Spielen mit dem Feuer"). Der Financial Times (übrigens meldet das kein österreichisches Medium) ist am gleichen Tag zu entnehmen, dass der Risikozuschlag (Spread) auf österreichische Staatsanleihen gegenüber deutschen ("Bunds") in ganz wenigen Wochen von etwas über 0,40 auf derzeit 0,75 Prozentpunkte gestiegen ist, also auf fast das Doppelte.

Steger ist sich dessen bewusst. Es geht um "ökonomische Landesverteidigung" (Steger). Der österreichischen Politik in dieser Situation beim Schuldenmachen "mehr vom Gleichen, nur so weiter" und "schlaft gut" zuzurufen, ist unangebracht. (Helmut Kramer, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 14.9.2011)

Autor

Helmut Kramer (Jg. 1939) war lange Jahre Leiter des Wirtschaftforschungsinstituts (Wifo) und bis 2007 Rektor der Donau-Universität.

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1116er
00
4.10.2011, 11:51
wer ernsthaft gegen staatsschulden ist

und nicht bloss ein lippenbekenntnis abgeben will, sollte seine persönliche situation betrachten und sich die frage stellen, wie diese wohl wäre, wenn in der vergangenheit ein staatsschuldenverbot geherrscht hätte.

wer dabei ehrlich zu sich selbst ist, kommt unweigerlich zum ergebnis: es wäre ein ein deutlich mühsameres und viel weniger komfortables leben!

wer nicht auf kosten künftiger generationen leben will, kommt um ganz persönliche verluste nicht umhin.

lessismore
10
14.9.2011, 20:49

Die SPÖ wird vor lauter ökonomischer Landesverteidigung bald an der 20%-Marke kratzen, und zwar von unten.

J. Reichhart
11
14.9.2011, 18:04
also bitte,

wenn ich lese, dass fast alle industriestaaten einen rigorosen sparkurs fahren - obwohl sie trotz guter konjunktur immer mehr und immer schneller schulden anhäufen, dann muss ich mich fragen, bin ich deppert oder wer?

fakt ist, dass die politik und wirtschaft mehr und mehr von kurrupten, gierigen individuen durchsetzt sind, dass die effizienz der politik immer erbärmlicher wird, dass noch so viele hunderte milliarden an schirmen und garantieren wirkungslos in dunklen kanälen versickern!

fakt ist: noch so viel sparen oder noch so viel schulden - eh schon egal - es landet alles bei kriminellen 'leistungsträgern'.

die können sich gar nicht so viel leisten, wie sie heim tragen! die gier ist grenzenlos, nur die krim. energie ist grösser!

Heefcleeve
02
14.9.2011, 13:02
Auf der Suche nach dem Licht am Ende des Tunnels

Was Herr Steger geschrieben hat, ist ja nicht unbedingt falsch, zumindest ist es logisch konsistent. Nur: was nicht im Text steht, ist mindestens genau so wichtig (eher wichtiger), wie das, was man dort findet.

In Deutschland ist man in der Debatte womöglich schon einen Schritt weiter: Ökonom Binswanger erklärt im deutschen Bundestag, wie eine real existierende Vorfinanzierungswirtschaft funktioniert:

http://www.bundestag.de/dokumente... index.html

Wenn man von einer fiktiven Tauschwirtschaft ausgeht (so wie das die Mainstream-Ökonomie immer noch tut), dann kann man in der "Schuldenfrage" natürlich nur zu völlig falschen Schlussfolgerungen (Sparen, Sparen, Sparen bis der Arzt kommt) gelangen.

Andreas Prucha
00
14.9.2011, 17:57

Stimmt. Manche glauben tatsächlich, dass mehr Geld da wäre, gäbe es weniger öffentliche Schulden, übersehen aber, dass das Geld nur deswegen da ist, *weil* sich jemand verschuldet hat (Staat oder Privat).

Bergdolm
10
14.9.2011, 12:14
Ist irgend jemand eigentlich aufgefallen

dass nahezu alle Staaten der "westliche Welt" mehr oder weniger stark verschuldet ist?

Bevor man nach "Details" und allfälligen Lösungen forscht, muss man das "Wirkprinzip", das dahinter steht, erst einmal begreifen.

Da es ein "durchgängiges Muster" der Verschuldungen gibt, sollte das gar nicht so schwer sein.

Wie sagte Einstein so schön: "Von einem falsch verstanden Problem kann man nie auf die richtige Lösung kommen."

Kleiner Tipp für eine richtige Antwort:
Da nahezu alle Staaten der "westliche Welt" Demokratien sind - und Wahlen gewonnen werden müssen, um zu regieren - sind "Staatsverschuldungen" offensichtlich systemimmanent.
Ergo: Man schafft die Demokratie ab - oder muss mit wachsenden Schulden leben.

Klingt hart - ist aber so!

lessismore
00
14.9.2011, 21:01

Die ungeheuren Schulden privater Haushalte kommen woher, bitte? -- Diktaturen, Monarchien sind nicht verschuldet? -- Krieg findet statt, weil man damit Wähler besticht?

In Wahrheit ist es so, daß man ein gemäßigtes Programm der Sozialreform so gestaltet hat, daß die reichen Leute daran verdienen. Ein Klassenkompromiß, der in der Zwischenzeit aufgekündigt worden ist -- mit katastrophalen Folgen.

Bergdolm
00
14.9.2011, 21:26

Es geht hier nicht um die Schulden "privater Haushalte".
Ich habe mich auf "Staatsschulden" bezogen.

Reich sein muss sich lohnen!
00
14.9.2011, 16:16
Nochmal zurück an den Start

Die Demokratie ist nicht das Problem.

(Ja ich weiß, sie denken, wir hätten die Verschuldung weil Politiker in Demokratien "Geschenke" machen damit sie wiedergewählt werden.)

Sehen sie sich einfach mal die Länder an die keine Demokratien sind, die sind nämlich eben so verschuldet.

Es hat eher etwas damit zu tun wie unser Geld ensteht und damit, dass niemals alle mehr einnehmen als ausgeben können.

mike sierra
00
14.9.2011, 11:02
Hmmm, welche Spreads???

mike sierra
00
14.9.2011, 11:06
Hmmm, welche Spreads???

Laut EZB betrug der Spread für long-term interest rates (yields of government bonds)
im August 0,63
im Juli 0,61

veröffentlicht am 12.9.

Was weiß die FT, was die EZB noch nicht weiß?

vandermonde
00
14.9.2011, 13:33
Höchstwahrscheinlich CBS Spreads...

CDBR1U5:IND
CAUT1U5:IND

vandermonde
00
14.9.2011, 13:34
...

ups - meinte natürlich "CDS"

Clemo
00
14.9.2011, 12:59

Spreads sind sehr kurzfristigen Schwankungen unterworfen. Alle werden Recht haben, EZB und FT.

Die jetzige Situation in Ungarn hat massive Auswirkungen auf die österreichischen Banken, die sowieso unterkapitalisiert sind. Dieses Problem kam im September auf Tapet, vorher waren die Ideen von Orban nicht publik. Daher also wohl der Anstieg in den letzten Tagen, gemeinsam mit der Warnung des IWF, die unsere Politiker ja quasi wie die Griechen noch vor kurzem mal pauschal als falsch und ungerechtfertigt "abgewatschelt" haben.

mike sierra
00
14.9.2011, 13:15

Also welche Quelle hat die FT?

Aktuelle Tageskurse in London?

Hans Hosendonner<<3
52
14.9.2011, 10:29
auch der herr kramer hat offenbar keinen durchblick und kann keine lösung anbieten. hier äre es angebracht wirtschaftswissenschafter ausserhalb des mainstreams in den medien verstärkt zu wort kommen zu lassen, so wie zb prof hörmann

was die meisten immer noch nicht wissen:
neues geld wird von den zentralbanken einfach gedruckt, und zu niedrigem zins an geschäftsbanken verliehen, die es zu hohem zins und (durch ebenso aus dem nichts erschaffenen) giralgeld vervielfacht an staaten als kredit geben. die meisten zentralbanken sind zudem großteils im privateigentum diverser geschäftsbanken.
wie soll also ein system nachhaltig funktionieren, bei dem der staat und seine bürger sich für luftgeld verschulden müssen, und dann wegen des zinses mehr geld zurück zahlen als zuvor mittels kreditschöpfung überhaupt in umlauf gebracht wurde?

und welche leitung haben die luftgeldschöpfer erbracht dass sie von den bürgern dafür hart errbeitetes zinsgeld kassieren dürfen?

Totaler Durchblicksstrudel
11
14.9.2011, 11:13

Immer die gleiche Leier. Nur weil dus nicht verstehst, muss es nicht falsch sein!

Hans Hosendonner<<3
22
14.9.2011, 11:43

1; sind wir perdu? ... von mir aus

2; erzähle mir, WAS verstehe ich nicht?

3; also, dann erkläre DU mir wie es richtig ist, wenn du meinst dass du es weisst!!

Clemo
00
14.9.2011, 13:01

die meisten zentralbanken sind zudem großteils im privateigentum diverser geschäftsbanken.

Bitte um eine Auflistung. England ist nicht beim Euro. Außerdem ist das Eigentum an Zentralbanken kein klassisches Eigentum, weil die Eigentümer nicht schalten und walten können, wie sie wollen. Sie, besonders der Staat, versucht es immer wieder, aber so einfach geht das nicht.

mike sierra
00
14.9.2011, 10:58

Wenn s eh so einfach ist, ...

Bewerben Sie sich um eine Banklizenz!!!

Orjares
00
14.9.2011, 12:27

Geht nicht, es fehlen die 5 oder 8 Millionen Euro Investitionskapital, die dafür benötigt werden.

Hans Hosendonner<<3
10
14.9.2011, 11:11

nur weil es einfach funktioniert, heisst das nicht dass jeder die möglichkeit hat es zu tun.

und ich will es nicht einmal. ich habe andere pläne mit meinem leben

sociovation
011
14.9.2011, 10:19
Staatsschulden und die massive Ungleichverteilung

von Einkommen und Vermögen haben sich parallel entwickelt.
Das, was an Staatsverschuldung da ist, hat sich in Form von Vermögen bei den Oligarchien angesammelt.
Daher kann das fehlende Geld auch nur dort geholt werden.
Rein mathematisch.

Bergdolm
00
14.9.2011, 11:52

Sie haben als einziger die Lage glasklar dargestellt.

Kramer - den ich früher sehr schätzte - hat in seinem Artikel leider wenig Konstruktives geschrieben.

Das fehlende Geld könnte man von den "Reichen" nicht nur "rein mathematisch" holen, sondern auch praktisch.

Aber das muss man auch wollen. Nicht einmal die Faymann-SPÖ fordert das wirklich glaubhaft.
Die "Rahmenbedingungen" dazu - u.a. Abschaffung der Anonymität - würden die Akzeptanz der meisten Sozis überfordern.

Somit wird alles bleiben, wie es ist:
* Die Schulden werden höher
* Die Wirtschaft wird schrumpfen
* Die Arbeitslosigkeit wird steigen
* und: Die Reichen werden weiter reicher werden

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