Novak Djokovic ringt in einer unglaublichen Partie Rafael Nadal nieder - Der Serbe holt in Flushing Meadows den Titel in vier Sätzen
Manche Menschen diskutieren gerne
darüber, wer der beste Tennisspieler aller Zeiten war. Manche
darüber, welches Spiel besser als alle anderen war. Dass Novak
Djokovic und Rafael Nadal zu den Besten ihrer Art gehören und im
Moment die Chancen gut stehen, dass ihre Aufeinandertreffen in die
ewigen Ruhmeshallen des Sports einziehen, bestreitet niemand.
Nadal begann mit Game und Break. Danach
machte er in Satz 1 kein Spiel mehr. Djokovic holte ihn sich mit
sechs Games in Folge - 6:2. Klar, aber doch deutlicher als der Kampf
es vermuten ließ. Es dauerte 53 Minuten.
Ein Game, das manche brechen lässt
Bei 2:0 für Nadal im zweiten Satz
spürte man, dass er das kein zweites Mal ertragen würde. Das dritte
Game dauerte fast 20 Minuten. Ein Highlight jagte das nächste,
Spielball und Breakchance wechselten sich bei Aufschlag des Spaniers
ab. Beide wehrten sich mehrmals erfolgreich gegen das sicher
scheinende Ende. Das Spektakel veranlasste zum ungläubigen Schreien
zu mitternächtlicher Stunde. Nicht nur diesen Autor, sonder auch das
Publikum, dem jede Disziplin verloren ging. Kein Aufschlag ohne
Zwischenschrei. Nadal beschwerte sich, bekam eine Zeitwarnung. Selten
war alles was Tennis groß macht so greifbar. Die Spieler belauerten
sich nicht, die Giganten warfen alles in die Arena.
Der Serbe punktete schlussendlich.
Nadals Mimik verfinsterte sich, für einige Minuten schien er
gebrochen. Das vierte Game servierte der „Djoker“ schnell weg,
Wegen eines Doppelfehlers gewann er das fünfte. Die Waffe Aufschlag
rettete Djokovic immer wieder aus brenzligen Situationen, Nadal bekam
wenig einfache Punkte. Ihm wurde kaum eine Vorhand erlaubt.
Zwischendurch päppelte der Serbe seinen Gegner zur Weißglut. Auch
er bekam seine Zeitwarnung.
Mühsam richtete sich die ehemalige
Nummer 1 gegen die aktuelle auf. Immer wieder raubten ihm
Zwischenrufe aber auch Linientreffer des Gegners den Nerv. Er wirkte
wie ein Boxer, der vom Angstgegner immer wieder zu Boden gezwungen
wird – es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er liegen
blieb.
Aber bei 2:4 stand er wieder auf. Er
behauptete seinen Aufschlag – in der 14. Rally, ein Zuseher hatte
Djokovic mit einem Out-Ruf irritiert. Erstmals wirkte auch er
nervlich gefordert – und Nadal breakte zum Ausgleich.
Ein Satz, der manche brechen lässt
Im Sport ist vieles eine Frage des
Selbstvertrauens. „Rafa“ hatte die letzten fünf Spiele gegen
sein Gegenüber verloren. Für dieses läuft das Jahr hingegen wie
geschmiert. „Nole“ steckte den Rückschlag weg und ging bei
gegnerischem Aufschlag umgehend wieder in Führung. Den Satz
servierte er aus. Der Spanier traf dabei potentielle Punktschläge
mit dem Rahmen, der Serbe zweimal das Netzband zu eigenen Gunsten.
Wer an das Glück glaubt, wird es hier gefunden haben. Manche
behaupten freilich, man erzwinge den Erfolg. 6:4.
Wie oft kann ein schwer getroffener
Boxer wieder aufstehen? Egal, hier wurde Tennis gespielt. Woher er
die Energie auch nahm, Nadal stand jedenfalls wieder auf und
servierte erneut vorne weg. Zur Sicherheit ging er nicht wieder 2:0
in Führung, sondern blieb im Aufschlag Djokovic ebenso ohne Chance
wie der zuvor umgekehrt. Der Satz begann praktisch mit 1:1 und der
Rückschläger breakte sich in Führung. 136 Minuten waren gespielt,
als Djokovic der Verfestigung seiner Angstgegnerschaft wieder einen
Schritt näher kam.
Ein Spielstand, der manche brechen
lässt
Nadal wollte das Drehbuch nicht
mitspielen, in dem er sich geschlagen gab. Er holte sich seinerseits
drei Breakbälle, verwertete letzteren zum Ausgleich. Djokovic
brauchte elf Minuten um im nächsten Aufschlagspiel des Spaniers
erneut in Front zu gehen. Manchmal wirkten Nadals Schläge so
gewaltig, als wollte er seinen Gegner den Schläger aus der Hand
schlagen. Es funktionierte wie gesagt nicht.
Djokovic kannte alle Antworten, war
drauf und dran zu gewinnen. Er spielte unglaublich. So grandios, dass
die gigantische Leistung von Nadal chancenlos wirkte, die an diesem
Tag vielleicht jeden anderen Tennisspieler ohne Chance gelassen
hätte. Aber nicht minder beeindruckend war dessen mentale Stärke.
Ein Match, das manche verzweifeln
lässt
Als sich wieder jeder auf das Ende
vorbereitete breakte er Djokovic erneut - zu null. Nachdem
zweieinhalb Stunden lang alles gegen ihn lief, er alles probierte und
nichts reichte, richtete der Spanier sich wieder auf – konterte mit
zwei Games wie aus einer anderen Galaxie. Sein Aufschlag gereichte
ihm zur Führung (4:3).
Dem englischen Eurosport-Kommentator
entkam ob der Klasse beider Akteure ein leicht verzweifeltes Lachen:
„It's ridiculous“. Besser konnte man es nicht ausdrücken. 7,2
Schläge pro Rally war der Schnitt des Spiels. In der Statistik gab
es viele Spitzen die sich zur 30 neigten. Bei 30:40 für Nadal waren
es 31. Djokovic musste den Punkt mehrmals machen. Als er es tat
posierte er auf dem Court mit Blick zum Gegner – es wäre nur allzu
verständlich, hätte sich in diesem Moment ein kleiner Gottkomplex
entwickelt.(4:4)
Aber sein spanischer Gegner ließ sich
nicht aus der Ruhe bringen und brachte seinen Aufschlag schnell
durch. Djokovic servierte nach fast drei Stunden Glanzleistung
plötzlich gegen einen Satzverlust – und behielt dabei die Nerven.
5:5 nach fast 190 Minuten und immer noch jagten beide Spieler wie
wild über den gesamten Platz. Keiner gab auch nur den
hoffnungslosesten Ball auf. Nadals zweites Ass des Spiels befreite
ihn aus einem 15:30. Er servierte stark, doch ebenso retournierte
Djokovic, der sich in einer weiteren Rally, die alle Stücke spielte,
einen Breakball eroberte und – Break!
Ein Tiebreak, das kaum jemand so
spielen könnte
Würde der 25-jährige Nadal sich davon
noch einmal erholen? Hatte der 24-jährige Djokovic die Coolness, um
im vollen, völlig berauschten Arthur Ashes-Stadion auszuservieren?
Der Ältere holte sich mit einer Rally die auf Youtube noch oft
angeklickt werden dürfte wieder eine 30:15-Führung. Da griff sich
der Jünger zum ersten Mal an den Rücken, ließ sich aber sonst
nichts anmerken. Nadal gelang das Break zum 6:6! Wie oft würde
Djokovic dieses Spiel noch gewinnen müssen?
Nadal musste für jeden Punkt das beste
Tennis seiner Karriere spielen, aber er ging 5:1 in Führung, als
Djokovic plötzlich zum Comeback ansetzte. Jetzt wirkten seine
Schläge wie Naturgewalten, jetzt wollte er den Gegner endlich
brechen. Doch der brach nicht. Er brach nicht! Der Vorjahressieger
eroberte drei Satzbälle. Djokovic wartete mit dem Aufschlag lange,
wurde von einem Zuschauer dann auch noch unterbrochen und schlug
schlussendlich ins Netz. 2:1 in Sätzen nach einem hochklassigen
Tiebreak.
Ein Gegner, der am Boden liegt ...
Den vierten Satz begann Djokovic damit,
sich am Rücken behandeln zu lassen. Schon in den Punkten davor
konnte man in manche seiner Bewegungen Müdigkeit deuten. Das
Momentum hatte sich gedreht. Er musste damit fertig werden, dass er
seinen Gegner nicht unterkriegen konnte. Und immer wieder der Griff
an seinen Rücken.
Er begann zu humpeln, ließ den Kopf
hängen, brachte kaum noch einen harten Aufschlag über das Netz.
Aber beim Aufwurf biss er die Zähne zusammen. Nadal verwickelte ihn
ein ums andere Mal in höllisch großartige Ballwechsel. Nach
mühsamem Punktgewinn nahm er eine medizinische Auszeit. Wenige
Augenblicke zuvor stand Djokovic noch vor dem Triumph. Nun lag am
Boden von Flushing Meadows und musste sich massieren lassen.
… und noch stärker wieder
aufsteht
Wenige Augenblicke später hatte er
fünf Breakbälle. Nadal wehrte nur vier ab und fiel mit 0:2, dann
0:3 in Rückstand, ehe er seinen Aufschlag durchbrachte. An dieser
Stelle erscheint es unnötig, noch darauf hinzuweisen, wie gut dieses
Spiel immer noch war, wie mühsam jeder Punkt gegen alle Widerstände
erobert werden musste, wie sehr beide noch immer den Sieg wollten.
Nach einem Smash bei eigenem Aufschlag griff Djokovic wieder an seinen Rücken, aber brachte das Game durch. Das Laufpensum schien nun an Nadal zu nagen. Auch schien der rechte Oberschenkel nicht mehr mitzuspielen, wie er sollte. Als Djokovic zum 5:1 breakte, auf den Turniergewinn servierte, 40:30 führte, dachte jeder an das Ende. Und diesmal, diesmal hatte jeder recht.
Novak Djokovic gewinnt in fantastischer Manier zum ersten Mal in seiner Karriere die US Open. Er siegte gegen einen titelverteidigenden Rafael Nadal, der ihm vier Stunden lang sein ganzes Können entgegenstemmte mit 6:2, 6:4, 6:7 und 6:1. (tsc, derStandard.at, 13.9.2011)