Erdogans Poker

Kolumne | Paul Lendvai, 12. September 2011, 17:01

Der "Arabische Frühling" entpuppt sich als ein Desaster für die von einem opportunistischen Dilettanten gelenkte Diplomatie des zunehmend isolierten Staates Israel

Noch vor einigen Jahren galt die Türkei unter dem islamistischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan für viele Beobachter als ein demokratisches Vorbild für die arabische Welt. Auch ich gehörte zu jenen, die von der Annäherung zwischen der Türkei und Europa nach mehreren Besuchen in Istanbul und Ankara beeindruckt waren und die offene Tür zu Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union begrüßt haben.

Ein persönliches Erlebnis bei einer internationalen Konferenz 2003 trug zweifellos zu der positiven Einschätzung bei. Erdogan hat nicht nur mich durch ein geradezu flammendes Bekenntnis zur europäischen Mission der Türkei beeindruckt: Die Türkei sei ein Modell dafür, dass der Islam und Modernität zusammenleben können. Ranghohe Vertreter Israels waren dort auch hoffnungsvoll über die Zukunftsaussichten.

Am Vorabend der UN-Abstimmung zur Anerkennung eines Palästinenserstaates gilt aber Erdogan nicht mehr als ein möglicher Vermittler, sondern als ein von den arabischen Massen bewunderter Heißsporn, der es wagte, den israelischen Botschafter aus seinem Land auszuweisen. Nur vordergründig geht es um die ausgebliebene israelische Entschuldigung für den Tod von neun Türken, die im Mai 2010 bei dem israelischen Aufbringen einer Hilfsflotte zur Brechung der Seeblockade von Gaza getötet wurden. Auch ein UN-Bericht, der den Zugriff der israelischen Marine als legal bezeichnet hatte, forderte eine "angemessene Erklärung des Bedauerns" und eine Entschädigung der Opfer der "exzessiven Gewaltanwendung" .

Abgesehen von den vielen Fehlern, die Israel auch gegenüber der Türkei gemacht hat, handelt es sich bei dem von der westlichen Presse fast einmütig verurteilten Säbelrasseln Erdogans und seines Außenministers Davutoglu gegen Israel (unter anderen Drohungen mit Kriegsschiffen im östlichen Mittelmeer), aber auch gegen Zypern und Griechenland wegen geplanter Probebohrungen im Mittelmeer nach vermuteten Erdgasvorkommen um eine strategische Neuorientierung der Türkei. Seit 2009 verfolgt die Türkei als islamische Regionalmacht die vom neuen Außenminister Davutoglu proklamierte Politik der "strategischen Tiefe" um den "globalen Einfluss" der Türkei, vor allem mit Blick auf die muslimischen Nachbarn zu stärken.

Indessen hat Erdogan sehr enge persönliche Verbindungen zu den Diktatoren in Syrien, Libyen und Jemen angeknüpft. Ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Folgen, auch im Fremdenverkehr (die Zahl der israelischen Urlauber fiel von einer halben Million auf 150.000) und die für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit der Rüstungsindustrie sind aber die Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem auf einem Tiefpunkt.

Der "Arabische Frühling" entpuppt sich (Anschlag von Eilat, Angriff des Mobs auf die israelische Botschaft in Kairo und die von Ankara zielbewusst betriebene Eskalation) früher als erwartet als ein Desaster für die von einem opportunistischen Dilettanten gelenkte Diplomatie des zunehmend isolierten Staates Israel. Erdogans Poker könnte sich aber angesichts der tickenden Zeitbomben in Syrien und Iran als eine folgenschwere Fehlkalkulation auch für die Türkei erweisen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.9.2011)

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Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 60
1 2
jesus mohammed
10
13.9.2011, 20:32
Der Begriff "Arabischer Frühling" klingt ziemlich nach Rassismus.

Denn es sind nicht nur "Araber", die revoltiert haben. Diese dumme Presseerfindung impliziert, daß alle dort lebenden "Minderheiten" auf der anderen Seite stehen würden.

Die Ente Lippens
00
13.9.2011, 18:02
Die tuerkische Politik disqualifiziert sich fuer einen EU Beitritt von selbst und meint oft, die EU moechte der Tuerkei beitreten. Frage nur, ob unsere PolitikerInnen nicht gerne wieder einen Champagnerempfang fuer neue EU Mitglieder geben wollen, eg

al ob richtig oder nicht (wie bei Bulgarien und Rumaenien).

Reynold
00
15.9.2011, 12:42
wie kommen sie jetzt auf diesen vorwurf?

1.Kp / EW 74
 
22
13.9.2011, 16:26
Schön langsam sollte irgendwer dem Erdogan das Feuerzeug

wegnehmen.

So, wie der herumzündelt, wird er nochmal von einem sehr kalten Wasserstrahl erwischt werden.

( Am besten, der Obama und der Sarkozy halten ihn fest, und die Merkel kitzelt ihn so lang, bis das Feuerzeug von allein rausfallt...)

Mark_Anton
24
13.9.2011, 15:46
der einzige demokratisch-islamische Staat scheitert

Das Problem mit dem aktuellen Kurs der Türkei geht tief. Die war (bei allen Defiziten) das einzige Beipspiel eines islamischen Landes, daß eine einigermaßen funktionierende Demokratei und eine wenigstens teilweise laizistische Geselslchaft hinbekommen hat.

Wen so ein Staat innerhalb von 2 jahren von einem engen Verbündeten Israels zu einemoffenen Unterstützer der Hamas wird, dann heisst das leider nichts Gutes und man muß sich bei allen vom Islam dominierten Staaten darüber im klaren sein, daß der Wahn sich jederzeit durchsetzen kann und evt. Investitionen, Technologietransfers usw. am Ende in der Hand von Dschihadisten landen können.

Auch mit dem EU-Beitritt dürfte endgültig Essig sein. Der Westen muß sich auf Containment einrichten...

omar chamra
39
13.9.2011, 11:47
Die Türkei führt seit 18 Jahren eine Blockade gegen das Nachbarland Armenien durch

und niemand regt sich deswegen auf. Erdogan als neuer Sultan, das mag schon sein feuchter Traum sein, aber er ist ja nicht einmal in der Lage das Massaker, das bereits mehr als 2.300 Todesopfer gefordert hat, in Syrien zu stoppen. Ein libanesischer Kommentator sieht das so:
http://www.nowlebanon.com/NewsArtic... ID=309357#
Mit Griechenland sind die Beziehungen nicht so gut und mit dem Irak auch nicht, wenigstens nicht mit dem Norden des Iraks, wo Kurden eine Autonomie geniessen.
Wenn dann die arabischen Massen draufkommen, dass sie wieder einmal von einem Blender betrogen wurden, wird die Enttäuschung umso größer werden.
Und die Krise im eigenen Land kann er auch nicht lösen.

Sahin's Zahnlücke
103
13.9.2011, 12:20
Mit RECHT!

Armenien erkennt bis heute nicht die Grenzen der Türkei an.

Was haben denn die westl. Vorzeigedemokratien bis heute getan um den massaker in Syrien aufzuhalten?
Wieviele syrische Flüchtlinge hat denn der Westen aufgenommen und medizinisch versorgt?

Die Beziehungen zur nordirakischen Regierung und Bevölkerung ist hervorragend. Regelmäßige Regierungsbesuche und türk. Firmen sind die größten Investoren im Nordirak. Die PKK-Stellungen im Nordirak stören die Zusammenarbeit.

Griechenland hat ganz andere Probleme.

Die arabischen Massen wurden jahrelang von den westlichen Welt betrogen, schön zu erkennen am Verhalten der west. Welt als der arabische "Frühling" seine Fahrt aufgenommen hatte.

Frankreich stand zunächst hinter Ben Ali.

Hejaro Kardox
00
21.9.2011, 17:20
Die Türkei erkennt heute noch nicht den Völkermord und die Grenzen einen anderen Staat.

Wieso sollen die anderen es tun?

WFL1
48
13.9.2011, 10:32
Unheilvoller Einfluss der G20-Gipfel

Das ist leider ein unheilvoller Einfluss der G20-Gipfel: Seit vor einigen Jahren die G8-Gipfel auf G20-Gipfel
(oder besser "Gipfel") erweitert wurden, fühlen sich einige teilnehmende Schwellenländer plötzlich als "Mächte".
Vor allem der Türkei ist ja gewaltig der Kamm geschwollen.
Seither fühlt sich das Entwicklungsland Türkei als "Regionalmacht", die plötzlich glaubt, überall ihren "Einfluss" sichern zu müssen. (Während die halbe türkische Bevölkerung nach wie vor im Schlamm lebt.)

Sahin's Zahnlücke
34
13.9.2011, 12:22
Genau das geht so nicht weiter

Nur westliche Staaten dürfen Ihren "Einfluss" sichern, alle anderen müssen sich daran orientieren.

URKNALL
00
20.9.2011, 12:14
naja, man sollte vielleicht erst die armut und mangelnde bildung im eigenen land bekämpfen, bevor man im ausland "einfluss sichert".

selpak
13
13.9.2011, 09:38
Wieso legal?

Es ist nur ein nicht-bindendes Bericht geschrieben von 2 Personen. Es gibt aber bindender UN-Beschluss, der die Blockade als illegal beschreibt.

AlliGator
94
12.9.2011, 22:18

Naja. Selber schuld. Als EU-Mitglied wollte die Türken ja niemand. Jetzt können wir zusehen, wie die Türkei sich den arabischen Staaten zuwendet und ihre eigene Show durchzieht.

Helicopterman
212
13.9.2011, 07:09
Mit ihrer offen islamistischen AKP- Regierung

und den inzwischen unübersehbaren Folgen für die türkische Gesellschaft (vor einigen Tagen berichtete mir beispielsweise wieder eine Bekannte, die regelmäßig nach Istanbul reist, dass sie dort bisher noch nie so viele Kopftuchtragende und teilweise auch völlig Burkhaverhüllte Frauen gesehen habe wie bei ihrem letzten Aufenthalt vor wenigen Wochen) passt das Land derzeit ohnehin wesentlich besser zum arabischen Kulturkreis als nach Europa.

Interrupt
12
13.9.2011, 10:43
burka

nicht vergessen, dass ganz besonders in istanbul eine frau mit burka keinen rückschluss auf die türkische gesellschaft zulässt, denn es kommen seit einigen jahren extrem viele araber auf urlaub in die türkei.

auf der kärtnerstrasse haben wir alle auch mehrmals frauen mit burka gesehen ohne zu glauben der extreme islam ist zur neuen staatsreligion geworden. ok, die blau/braunen glauben dies tatsächlich. aber minderbemittelte gelten nicht.

Helicopterman
22
13.9.2011, 12:33
Das Problem ist ja nicht

dass es selbstverständlich auch in Istanbul Frauen mit Kopftüchern und Burkhas gibt, ich habe solche auch bei meinem Aufenthalt in Istanbul vor ca. 5 Jahren gesehen. Daneben konnte man aber auch sehr viele westlich gekleidete Frauen und Mädchen wahrnehmen. Inzwischen scheint aber die erstere Gruppe (auch oder gerade mit aktiver AKP- Unterstützung) enorm zu wachsen, während die zweite Gruppe irgendwann Minderheit sein und der Anpassungsdruck auf diese zurück in die Vergangenheit zunehmen wird. Die Regierung Erdogan tut alles um diese Entwicklung aktiv zu fördern und erfüllt meiner Meinung nach damit nicht den Anspruch einer modernen laizistischen europäischen Regierung. Polen in der Kaczinskyzeit war eh schon schlimm genug für Europa.

Sahin's Zahnlücke
22
13.9.2011, 19:33

Wenn ich mir die CDU/CSU Regierung anschaue wie oft sie in fast jeder Rede die christlichen Werte hervorheben, hat das bestimmt Ihrer Meinung nach auch nicht den Anspruch einer modernen laizistischen europäischen Regierung oder?

hayep
16
13.9.2011, 08:48

--

http://derstandard.at/130455419... logGroup=3

http://www.ftd.de/politik/e... 61754.html

"Druck des Stadtviertels". Man benimmt sich wie ein Konservativer, obwohl man es eigentlich nicht will. "Viele sagen, diese Art des Drucks durch eine konservative Nachbarschaft hat zugenommen."

gütenand der fertige
02
13.9.2011, 12:18
Witzig..

Der persönliche, und meines Erachtens ziemlich einseitig gefärbte, Kommentar eines Standard-Korrespondenten ist also ein Beweis für die Richtigkeit einer Behauptung? Gilt das für alle Standard-Kommentare oder nur für diejenigen, die Ihren Ansichten entsprechen?

hayep
36
13.9.2011, 12:56

lustig, ich bin selber türkischstämmig, nachdem ich selber dort unten auch beruflich zu tun habe, weiss ich wovon ich rede..
weiter unten habe ich einen link gepostet bezüglich der sitaution der frauen. bitte lesen. thx.
aber für sie nochmal gerne : http://www.guardian.co.uk/commentis... r-killings

seit die AKP regiert, ist die Zahl der Gewaltrate an Frauen um 1400% gestiegen. Zwischen 2002 bis 2009 stellte man fest, habe sich die Gewalt gegen Frauen um 1400 Prozent gesteigert. Während 2002 66 Frauen ums Leben kamen, stieg die Zahl der Morde im Jahre 2009 innerhalb der ersten sieben Monate auf 953. In einzelnen Jahren waren das 2003 83, 2004 164, 2005 317, 2006 663, 2007 1011 und 2008 806 Frauen.

gütenand der fertige
31
14.9.2011, 08:51
Haben'S für Ihre Behauptung

auch irgendwelche belastbaren Zahlen? Ich meine nicht irgendeinen Kommentar im Guardian sondern wissenschaftliche empirische Untersuchungen?

Sahin's Zahnlücke
22
13.9.2011, 19:45
Und vergessen hierbei zu erwähnen, dass

die AKP verschärfte Gesetze zum Schutz der Frau erlassen hat

oder jede Stadt mit mehr als 50 000 Einwohnern Frauenhäuser einrichten muss

oder Frauenorganisationen zusätzliche finanzielle Mittel bereit gestellt werden

oder dass bereits ein neuer Gesetzesentwurf erarbeitet wird, dass gewalttätige Männer künftig Fussfesseln tragen müssen

soviel zu " ich weiß wovon ich rede"....

hayep
13
13.9.2011, 22:11
aber Sahin.

Diese Maßnahmen werden nicht helfen, die Mentalität muss sich ändern = zihniyet. Schön aufm Papier, aber die Praixs sieht leider anders.

http://diestandard.at/131180246... r-schlagen

" Er ist dein Mann, er kann dich lieben oder dich schlagen ". = zihniyet.

Erst der letze Fall war ziemlich erschreckend : 16 Jährige wird von 23 Männern vergewaltigt 16 Tage lang.

Die Regierungsmitglieder insbesondere deren Vorzeigefrauen sind ganz still. Kein Statement, rein gar nichts.
---
Dann müssen so halt das andere übernehmen.

Siehe das Projekt : http://www.gelincikprojesi.org/AnaSayfa.aspx

ja ich weiss wovon ich rede ;-)))

Reynold
20
15.9.2011, 12:50
Hayep, da gebe ich dir Recht, man muss die Mentalität ändern... aber versuche doch einem kurdischen Feudalherren aus SO der Türkei seine Mentalität zu ändern, dann ist die ganze Stadt wieder auf der Straße und werfen auf einen Molotows!!

Man muss sich auch vor AUgen halten, in welcher Region die Frauen keinen Stellungswert haben... dies gilt ausschließlich in der kurdischen Ballungsräume!
Die kurdischen Männer glauben Sie seinen der größte auf der Welt, die gleiche Mentalität führen die Kurden auch hier in Europa weiter!

Sahin's Zahnlücke
31
14.9.2011, 00:20
In Österreich oder Deutschland existieren auch Gesetze,

aber dennoch werden Frauen/Kinder jahrelang in Keller eingesperrt und mißbraucht.
Alle paar Wochen tauchen immer wieder neue Fälle auf. Wieso greift da keine Maßnahme?

Etwas muss sich natürlich ändern, die Regierung hierzu bereits was getan.

Sie wissen garnichts....

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