And the Hotelzimmer goes to …

12. September 2011, 15:19
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Das im Rahmen einer Kunst­aktion verschenkte "Hilton"-Zimmer wird mit einer Wanderbühne durch Europa reisen. Zuvor dient es als "Kurhotel" für Roma in Wien

Rund fünfzig Zuschriften bekam Joachim Eckl für das Hilton-Zimmer, das er seit Mitte Mai als "Zimmer zu verschenken" im Glaspavillon am Wiener Donaukanal installiert hatte (derStandard.at berichtete). Alle Interessenten hatten die Möglichkeit, dem oberösterreichischen Künstler Ideen vorzuschlagen, wofür sie das Zimmer in Zukunft nutzen möchten. Am diesem Wochenende war es schließlich soweit: Alle "Ideenlieferanten" wurden ins Mini-Hilton am Adria-Strand eingeladen, um an einem gemeinsamen Nachmittag zu entscheiden, wer das Zimmer bekommen soll.

Urlaubszimmer und Refugium

"Wir möchten das Hilton-Zimmer in unser Haus in der Billrothstraße stellen", schilderte Ruth Gotthardt vom Wiener Obdachlosen-Verein "neunerHaus" als erste ihre Nutzungsidee. "Denn viele obdachlose Menschen sind noch nie in ihrem Leben verreist und kennen Hotelzimmer nur aus dem Werbeprospekt. So könnten sie einmal das Flair der großen weiten Welt erleben." Sogar ein Zimmerservice sollte es im neunerHaus für die Gäste des Hilton-Zimmers geben.

Eine ähnliche Idee präsentierte auch Julia Sobieszek, die das Zimmer gerne dem "Freunde Schützen Haus", einer Einrichtung für AsylwerberInnen in Wien-Meidling, schenken wollte. Da sie sich immer wieder für den Verein Purple Sheep, der das Haus betreut, engagiert, kam ihr die Idee, das Hilton-Zimmer als Refugium für deren Klienten zu installieren. Karin Klaric, Obfrau von Purple Sheep, war von der Idee begeistert: "Die Familien im Freunde Schützen Haus sind auf sehr engem Raum untergebracht, oft müssen sich drei Familien eine Wohnung teilen. Mit dem Hilton-Zimmer könnten wir ihnen ein Zimmer zur Verfügung stellen, in dem sie sich abwechselnd eine Auszeit nehmen können."

Von Luxus-Couch bis Obdach

Nach einer knappen halben Stunde war die Hitze im Glaspavillon beinahe unerträglich, also begab sich die Gruppe der Interessenten ins Freie, um weitere Ideen zur Verwendung des ehemaligen Luxus-Raumes zu diskutieren. Da nicht alle Hilton-Bewerber nach Wien kommen konnten, las Eckl zwischendurch auch einige der eingelangten Emails mit den verschiedensten Ideen vor. Hier kamen etwa Vorschläge, das Zimmer in Kairo oder Tel Aviv museal auszustellen, oder die Idee einer Fotografin, die das Zimmer als anonymen Ort, der nichts mit ihr selbst zu tun hat, sozusagen als "Zimmer zum Vergessen", nutzen wollte.

Weitere, weniger philosophische Ideen reichten vom Luxus-Zimmer für Couch-Surfer bis hin zum Wunsch eines obdachlosen jungen Mannes, den Raum - wie er ist - im Glaspavillon beziehen zu können. Für den Initiator Joachim Eckl selbst, der sich für die meisten Nutzungsarten sehr begeistern konnte, spielte jedoch "die Pragmatik der Umsetzung und die Schwerkraft der Realität" eine große Rolle, wie er betonte. Darum schieden einige der Ideen automatisch aus, wie etwa die aus Kairo oder Tel Aviv, bei denen der Transport nicht finanzierbar wäre, oder die des Mannes ohne Obdach, der keinen Raum für die Möbel des Zimmers zur Verfügung hat.

Das Hilton-Zimmer als Kulisse

Schließlich wurde die Nutzungsidee präsentiert, bei der sich die Gruppe der Anwesenden sehr schnell einig war: Gaby Sohl und Hamze Bytycí, die extra aus Berlin angereist waren, sollten das Zimmer bekommen. Die taz-Journalistin und der Vorstand der Jugendorganisation "Amaro Drom" realisieren ab Anfang nächsten Jahres ein Projekt, in dem Roma und Nicht-Roma gemeinsam auf einer Wanderbühne durch verschiedene europäische Länder ziehen. Auf dieser Reise soll das Hilton-Zimmer als Bühnenbild fungieren.

"Die Idee kam uns, als wir vor ein paar Monaten genau hier im Hiltonzimmer eine deutschsprachige Straßenzeitungskonferenz besucht haben, wo es unter anderem um öffentliche Armut ging", erzählte Bytycí. Ohne im Roma-Diskurs permanent die Opferhaltung einzunehmen, will das Berliner Projekt unter dem kontrastreichen Motto "Hühnerdiebe ins Hiltonzimmer!" und mit einem Augenzwinkern Roma- und Nicht-Roma-Künstler unterschiedlicher Länder auf die Bühne holen.

Bis zum Auftakt des Roma-Projekts Anfang nächsten Jahres bleiben die Möbel aber noch in Wien, und zwar in der Redaktion der Straßenzeitung "The Global Player", mit der Sohl und Bytycí eng zusammenarbeiten. Ab 1. Oktober wird das Zimmer in einem freien Raum der Redaktion installiert sein, wo es für drei Monate als "Kurhotel" für die Älteren der rund 400 Roma-KolporteurInnen dienen wird. Im neuen Jahr begibt sich das Hiltonzimmer dann auf die Reise - das Wanderbühnen-Projekt umfasst bereits sieben Stationen: Wien, Berlin, Kosovo, Ungarn, Spanien, Rumänien und die Schweiz.

Gesellschaftliche Relevanz

Trotz sofortiger Einigkeit über die Vergabe des Zimmers bemerkte Eckl schließlich ein wenig traurig, dass er das Zimmer gerne mehreren Ideen überlassen hätte. Doch die "Verlierer" versicherten ihre Zustimmung zum Projekt aus Berlin, da es auch ihre - vorwiegend sozialen - Themen impliziere. Dass die meisten Nutzungsvorschläge für sein Hiltonzimmer keineswegs Ego-Ideen waren, sondern viele davon eine gesellschaftliche Relevanz mitbrachten, freute den Künstler besonders: "Wenn man das mit irgendwelchen Bildern vergleicht, die im Museum hängen, und dann sieht, wie konkret sich Leute mit diesem Zimmer beschäftigt haben und sich eine Idee in ein fixes Vorhaben entwickelt hat, dann ist das eine schöne Form von künstlerischer Intervention und für mich so etwas wie ein Erfolg." (Jasmin Al-Kattib, derStandard.at, 12. September 2011)

  • Das Hilton-Zimmer war seit Mitte Mai am Wiener Donaukanal als Kunstprojekt installiert (siehe Ansichtssache vom 5. August) und wird demnächst auf Reisen gehen.
    foto: jasmin al-kattib

    Das Hilton-Zimmer war seit Mitte Mai am Wiener Donaukanal als Kunstprojekt installiert (siehe Ansichtssache vom 5. August) und wird demnächst auf Reisen gehen.

  • Der "Zimmer-Verschenker" Joachim Eckl trat beim Zusammentreffen der Interessenten als Moderator auf. Entschieden, wer das Zimmer bekommen sollte, wurde gemeinsam, auch wenn das Gewinnerteam aus Berlin auch Eckls eindeutiger Favorit war.
    foto: jasmin al-kattib

    Der "Zimmer-Verschenker" Joachim Eckl trat beim Zusammentreffen der Interessenten als Moderator auf. Entschieden, wer das Zimmer bekommen sollte, wurde gemeinsam, auch wenn das Gewinnerteam aus Berlin auch Eckls eindeutiger Favorit war.

  • Etwa 15 Interessenten am Hilton-Zimmer versammelten sich am Samstag Nachmittag an der Adria Wien.
    foto: jasmin al-kattib

    Etwa 15 Interessenten am Hilton-Zimmer versammelten sich am Samstag Nachmittag an der Adria Wien.

  • Per Email und Gästebuch wurden insgesamt rund 50 Ideen für die Nutzung des Hilton Zimmers vorgeschlagen.
    foto: jasmin al-kattib

    Per Email und Gästebuch wurden insgesamt rund 50 Ideen für die Nutzung des Hilton Zimmers vorgeschlagen.

  • Nachdem es im Glaspavillon zu heiß wurde, diskutierte man draußen bei kühlen Getränken weiter.
    foto: jasmin al-kattib

    Nachdem es im Glaspavillon zu heiß wurde, diskutierte man draußen bei kühlen Getränken weiter.

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