"Ägyptens Junta zeigt Schwäche gegenüber der Macht der Straße"

Interview | Florian Niederndorfer, 12. September 2011, 15:36
  • Shlomo Avineri bei den Alpbacher Gesprächen 2002.
    foto: apa-photo: barbara gindl

    Shlomo Avineri bei den Alpbacher Gesprächen 2002.

Israel brechen die Verbündeten in der Region weg - derStandard.at-Interview mit dem Jerusalemer Politologen Shlomo Avineri

Israel kommen die Verbündeten abhanden. Nach und nach brechen auch die wenigen, mühsam geschmiedeten Achsen auf, die der jüdische Staat in der Region pflegt. Die Türkei zürnt ob des tödlichen Militäreinsatzes auf einem Schiff der "Gaza-Hilfsflotte" im Sommer 2010. Das aus dem Aufstand gegen Israels Partner Hosni Mubarak hervorgegangene Kairoer Militärregime hat Mühe, den Mob vor den Toren der israelischen Botschaft im Zaum zu halten. Und am 21. September wird nur das Veto der USA die Mehrheit jener Staaten überstimmen, die den Palästinensern bei der UNO zu ihrem einseitig ausgerufenen Staat verhelfen wollen. derStandard.at hat mit dem renommierten Jerusalemer Politologen Shlomo Avineri (78) über ein bedrängtes Land gesprochen.

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derStandard.at: "Der Tsunami beginnt", titelte die israelische Zeitung Maariv am Sonntag mit Blick auf den Botschaftssturm von Kairo und stellte diesen in einen Zusammenhang mit der Ausweisung des israelischen Botschafters durch die Türkei. Wie hängen die beiden Entwicklungen zusammen?

Shlomo Avineri: Es gibt zwei Entwicklungen, die zwar gleichzeitig laufen, aber doch unterschieden werden müssen. Auf der einen Seite gibt es keinen Zweifel, dass das Nichtverhandeln zwischen Israel und den Palästinensern die Beziehungen sowohl zur Türkei als auch zu Ägypten belastet hat. Andererseits gibt es aber in beiden Ländern interne Entwicklungen, die da auch mitspielen. In der Türkei hat man erkannt, dass die Türe zur EU geschlossen ist und daraus den Schluss gezogen, einem Konzept zu folgen, das man regionale Hegemonie nennen kann. Dieses neo-ottomanische Konzept geht davon aus, dass man als Regionalmacht Einfluss auf die Länder rundherum hat, vom Iran über Israel bis nach Ägypten. Als Konsequenz wurden die Beziehungen zu Israel herabgestuft. Meiner Meinung nach war es ein Fehler Israels, die Familien der Opfer auf der Mavi Marmara nicht zu entschädigen. Das hat dazu geführt, dass nicht nur regierungsnahe Kreise sehr kritisch gegenüber Israel auftreten, sondern sich diese Sicht auch auf weite Teile der türkischen Bevölkerung ausgebreitet hat.

derStandard.at: Und in Ägypten?

Avineri: In Ägypten sieht man jetzt das tragische Resultat der Schwäche der ägyptischen Regierung und der Unsicherheit der politischen Entwicklung der vergangenen Monate. Die Umwälzungen im Jänner haben zwar das Regime von Hosni Mubarak zu Fall gebracht, sie haben aber keine starke und einheitliche Regierung an die Macht gebracht. Ägypten wird derzeit, wenn auch vorübergehend, von einer kaum legitimierten Militärjunta regiert, die gegenüber der Macht der Straße schon viel Schwäche gezeigt hat. Die Junta musste aufgrund des Drucks von der Straße einige Entscheidungen treffen, die sie eigentlich nicht wollte, etwa den Prozess gegen Mubarak. Sie ist aber aufgrund ihrer mangelnden Legitimation sehr zurückhaltend gegen die Randalierer vorgegangen.

derStandard.at: Sehen Sie den Friedensvertrag zwischen Jerusalem und Kairo in Gefahr?

Avineri: Der Friedensvertrag ist sicher. Es gibt in Ägypten keine Gruppe, die ein strategisches Interesse an dessen Auflösung hätte, von Rhetorik und den gefährlichen Ereignissen vom Wochenende abgesehen.

derStandard.at: Während der Druck von außen stärker und stärker wird, beobachten viele Israelis zuhause gebannt die massivsten Sozialproteste seit Jahrzehnten.

Avineri: Zweifellos werden die Hoffnungen der Israelis auf externe Stabilität, die in den vergangenen Jahrzehnten durch den Frieden mit Jordanien und Ägypten sowie durch die Verhandlungen mit den Palästinensern genährt wurden, derzeit stark auf die Probe gestellt. Auf der anderen Seite haben die sozialen Proteste den Israelis auch Auftrieb verschafft. Viele hatten das Gefühl, dass das politische System, obwohl demokratisch und pluralistisch, keine Antworten auf soziale Fragen gibt. Durch die Demonstrationen wurde die soziale Agenda das Landes grundlegend geändert, das gibt den Menschen Hoffnung. Es sind also zwei komplett gegensätzliche Strömungen, die sich in Israel derzeit abspielen.

derStandard.at: Außenminister Avigdor Liebermann spielte öffentlich mit dem Gedanken, Kontakt zu Kurdenorganisationen und der armenischen Diaspora in den USA aufzunehmen, sollte die türkische Regierung ihren harten Kurs gegen Israel weiter fortsetzen. Was ist davon zu halten?

Avineri: Das war tatsächlich eine völlig unverantwortliche Äußerung von Liebermann, die er nicht wiederholt hat und für die er viel Kritik einstecken musste. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

derStandard.at: Sie machten sich unlängst in einem Kommentar in der Tageszeitung Haaretz für Kompensationszahlungen Israels an die Familien der Mavi Marmara-Opfer stark. Was soll das bringen?

Avineri: Die öffentliche Meinung in der Türkei war nach der Tötung der Zivilisten sehr kritisch gegenüber Israel. Und ich kann das verstehen. Die Spannungen haben aber nicht ihren Grund in dem Vorfall auf der Mavi Marmara, sondern in der Neuorientierung der türkischen Außenpolitik. Ein entgegenkommender israelischer Ansatz, der mit Entschädigung der Opfer einhergeht, hätte jedoch eine Eskalation der Lage verhindert.

derStandard.at: Soll es einen palästinensischen Staat geben?

Avineri: Ich glaube schon, dass es einen palästinensischen Staat neben Israel geben sollte, aber einen, der aus Verhandlungen entstanden ist. Eine Deklaration bei der UNO kann das nicht schaffen. Wenn die UNO realistisch ist, müsste es nicht einen Palästinenserstaat geben, sondern zwei: die Westbank und Gaza. Ein Staat, der aus einer UN-Deklaration entsteht und hinter dem keine legitimierte und einheitliche palästinensische Verwaltung steht, ist nur ein Stück Papier. Die Palästinenser könnten in New York zwar einen Propagandasieg davontragen, aber keinen Staat erschaffen. Es gibt nur einen Weg, der dorthin führt und den ich unterstütze, nämlich Verhandlungen mit Israel. Das haben die Palästinenser bisher mit ihren Vorbedingungen verhindert. Das soll nicht heißen dass ich die Position der israelischen Regierung zur Frage der Verhandlungen unterstütze, aber Fakt ist, dass es bisher keine Verhandlungen gibt, weil die Palästinenser Vorbedingungen stellen. (flon/derStandard.at, 12.9.2011)

Zur Person:

Der Politikwissenschafter Shlomo Avineri wurde 1933 in der heute polnischen Stadt Bialsko in Schlesien geboren. Von 1975 bis 1977 war er Kabinettschef im israelischen Außenministerium unter Regierungschef Jitzhak Rabin. Heute lehrt und forscht Avineri an der Hebräischen Universität von Jerusalem und schreibt regelmäßig Kommentare in der liberalen Tageszeitung Haaretz.

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Zweierlei Maß, Herr Avineri?

Der Staat Israel ist durch einseitige Deklaration in der UN entstanden. Ohne die dort in der Mehrheit lebenden Araber auch nur irgendwie zu Wort kommen zu lassen.

Warum soll das jetzt für Palästina schlecht sein, was für Israel gut war?

Selbstkritik ist nicht die Stärke dieses Herrn. Egal was ausserhalb von Israel passiert es sind immer die Anderen.

Wählt der Standard nur solche Leute aus die das Wort Selbstkritik nicht kennen nur um zu polarisieren oder gibt es keine. Die Welt um Israel änder sich massiv überall z.B. Ägypten Lybien oder auch bald in Syrien. Das ploitische Israel merkt nicht wie die Akzeptanz in der Welt abnimmt. Ohne Selbstkritik keine Entwicklung. Die Strasse vorallem die Jungen überall in Nahen Osten auch in Is. sind schon weiter und zeigen das sie keine Lust auf Idiologische Verblendung haben. Einfach leben wollen möglichst frei und gut. Dafür fordern sie zu Recht die Kraft und das Geld der Staaten. Lieber Wohlstand und sozial Gerechtigkeit als Idilogischer Blödsinn wie Raketen auf Is. und teuere Siedlungen für Extremisten. Und die Experten wie er merken nichts.

Von mir aus kann die UNO tausend Palästinas gründen, es wird sie halt real nicht geben.

Jordanien ist Palästina.

Ja sehen Sie, Sie sind nicht besser als die antisemiten und Rassisten überall auf der welt,die Judenhasser sagen das selbe über Israel.

was, die sagen, jordanien sei israel? ist mir neu. aber bitte, jordanien kann man ruhig auch dazunehmen. das war ja auch mal die absicht, das britische völkerbundsmandat palestine bestand ja aus trans- und cisjordanien, also das heutige israel, jordanien und die gebiete. das hätte man fair teilen sollen, die araber als wüstenbewohner hätten dann die wüste gekriegt, die juden den rest. kann man schon drüber diskutieren.

apropo

genau diesen verwegenen ansatz sieht der könig von jordanien etwas anders und setzt sich auch ab von israel (ein schein-verbündeter weniger).

palästina ist nicht jordanien, aus zwei gründen die so klar sind, dass man sie nicht erwähnen muss (burgenland ist auch nicht südtirol).

aber mit dem sturschädel kommt israel nicht weiter und ausser den usa und den unberechenbaren saudis ist nun keiner mehr über, der was zu melden hätte (ausser ein paar armen wichten, die weit entfernt u-boote bauen oder geld liefern).

wenn die sich einig sind, dann kleschts:
türkei,iran,syrien,ägypten (teile davon), palästina, jordanien, libanon,pakistan.

Natürlich ist Jordanien Teil des Mandatsgebiet Palästina. Informier dich.

Erkennst du einen Unterschied zwischen der Aussage
"Jordanien ist Palästina"
und der Aussage
"Jordanien ist Teil des Mandatsgebiets Palästina"
?

Nein? Dachte ich mir...

Auch interessant,

ein Beitrag, der auf den permanenten Völkerrechtsbruch durch den israelischen Siedlungsbau hinweist, wird zensiert.

Ist Wahrheit im Qualitätsblatt Standard nicht zumutbar, wenn es die "falsche" Wahrheit ist?

Nachdem Ihr jetziges Posting durchgegangen ist, das sowohl "den permanenten Völkerrechtsbruch durch den israelischen Siedlungsbau" als auch den Standard selbst kritisiert, wird das vermutlich nicht der Grund der Ablehnung gewesen sein...?

Höchstwahrscheinlich wird das Militär alles tun, um Privilegien zu behalten

andererseits wird es nach den Wahlen wahrscheinlich die Regierungsgeschäfte den Moslembrüdern (MB) überlassen. Das hätte den Vorteil für das Militär, dass für alle Probleme - die ja nicht verschwinden - die MB verantwortlich gemacht werden.
Um von allem abzulenken, wird sich zweierlei anbieten:
Den Haß auf die Kopten zu lenken und gelegentlich israelische Fahnen verbrennen lassen.

Die Türkei - und da irrt Avineri - eignet sich nicht als Führungsmacht. Erdogan kann ja nicht einmal das Massaker in seinem Nachbarland Syrien stoppen, Armenien blockiert er, mit Griechenland geht es nicht gut und der Irak ist nicht erfreut über türkische Interventionen. Bleibt Iran, nur sind die meisten Türken Sunniten.

Der Standard fragt den Wolf:

Standard: Was haelts du von Laemmern?
Der Wolf: Lecker...
Das ist das Interview....

Ein Israeli, wie kritisch er auch gegenüber der eigenen Regierung eingestellt ist, ist für sie wohl ein schlechter Israeli (Wolf) wenn er nicht die ganze Schuld bei Israel sieht. Danke für die Offenheit.

Hast du es überhaupt gelesen?

Selbstverständlich ist es Avineri unbenommen, das so zu sehen.

Völlig anders stellt sich die Militärjunta aus der Sicht der Menschen dar, die in Ägypten auf die Straße gehen:

12.000 Zivilisten vor Armeetribunalen angeklagt
Ägypten: Der Militärrat macht den Mubarak

Das hatte man sich im Jubel über Mubaraks Rücktritt und den Sieg der "ägyptischen Revolution" so nicht vorgestellt: Seit dem 28. Januar verhaftete das Militär - nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch 12.000 Zivilisten, die vor ein Militärgericht gebracht wurden.

"Das ist mehr als die gesamte Anzahl der Zivilpersonen, die unter der 30-jährigen Herrschaft von Hosni Mubarak vor ein Militärgericht gestellt wurden, und das untergräbt den den Übergang Ägyptens von einer Diktatur zu einer demokratischen Regierung."

...

... (FS)

...

Der Militärrat könne diese Verhandlungen mit einer Order beenden, so Joe Stark, Vizechef der Abteilung Naher Osten und Nordafrika von Human Rights Watch. Die HRW-Zahlen basieren auf Angaben, die General Adel Morsy vom obersten Militärrat (Supreme Council of the Armed Forces - SCAF) bei einer Pressekonferenz am 5. September veröffentlicht hat.

http://www.heise.de/tp/blogs/8/150452

Darf man jetzt wieder nicht kritisieren, das es nur zB eine Frage der Zeit war bis es den "Verbündeten" reicht und das ist gut so da viele schon zu lange zugesehen haben?- her mit den roten stricherln,und mit der nazikeule!

aber Fakt ist, dass es bisher keine Verhandlungen gibt, weil die Palästinenser Vorbedingungen stellen.

Fakt ist aber auch, dass Israel gegen internationales Recht immer wieder im palästinenser gebiet siedelt...also sie stellen nciht nur vobedinungen sondern deutlich schlimmer,...

und israel ist das etablierte land, dass die moralischen maßstäbe andere sind ist doch wohl klar, alleine weil die palästinenser aufgrund von grenz und handelsblockaden aus eigener kraft keine veränderung herbeiführen können.

" weil die Palästinenser Vorbedingungen stellen"

Soweit es die Hamas betrifft, verlangen sie als Vorbedingung praktisch die Selbstauflösung Israels.

na und? das eine ist eine radikale untergrundorganisation,(ich mach ja auch italien nicht für die forderungen der mafia verantwortlich), dass andre ist ein reiches "angesehenes" land.

hier gibt es wohl keine diskussion wer die vorbildwirkung hat oder?

du vergleichst hamas mit der mafia, und verlangst dann gleichzeitig, israel dürfe dann aber in den verhandlungen mit der mafia keine vorbedingungen stellen, wegen moralischer massstäbe und so.

was in deinem wurmkopf so abgeht, muss ich kaum weiter ausführen-

Achtung Spoiler:

Hint:
Es gibt in den Autonomiegebieten nicht nur die Hamas.
Es gibt da auch eine Organisation names Fatah, mit der man verhandelt könnte. Die stellt zufällig auch gerade die aktuelle Regierung der Autonomiebehörde, mit der man ebenfalls verhandeln kann.

entschädigungen für märtyrertod?

http://www.youtube.com/watch?v=wSYjuDEZw1w

"millionen märtyrer marschieren nach gaza!"

"Israel brechen die Verbündeten in der Region weg"

Das ist doch absolut kein Wunder. Die Wahrheit ist aber viel mehr, dass es nicht nur "in der Region" passiert sondern allgemein.

Schlagzeilen

"Ägyptens Junta zeigt Schwäche gegenüber der Macht der Straße"

Sie könnten ja auch Stärke zeigen.

Wie wäre dann die Überschrift?

"Ägyptens Militär massakriert unschuldige Zivilisten, darunter Frauen und Kinder?"

Einer Regierung, dem eigenen Volk gegenüber, Schwäche vorzuwerfen, das hat schon etwas von Absolutismus!

Aber zum Artikel an sich:
"Wenn die UNO realistisch ist, müsste es nicht einen Palästinenserstaat geben, sondern zwei: die Westbank und Gaza."

Das stimmt, und es wäre gut wenn die dortigen Politiker das auch erkennen würden.

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