Im Rahmen des "Austrian Science Talk" wurde am Wochenende in New York diskutiert und verglichen
New York - Mehr Investoren aus dem Ausland anzuziehen, sicherlich aber
auch die vermehrte Förderung von Talenten könnten helfen, um Innovationen in
Forschung und Entwicklung (F&E) in Österreich zu stärken. An welchen
Schrauben gedreht werden kann oder muss, um die Innovationskraft im Land zu
stärken, diskutierten die Teilnehmer des "Austrian Science Talk" am Wochenende
in New York. Bei der vom Infrastrukturministerium und vom Office of Science
& Technology (OST) an der österreichischen Botschaft in Washington
organisierten Veranstaltung trafen in Nordamerika tätige Österreicher auf
heimische Vertreter der Forschung.
Kapital
Kapital, ein gutes rechtliches Umfeld, gut ausgebildete Wissenschafter und
Innovation - so fasste der Kärntner Biotechnologe und Gründer von mehreren
Start-up-Unternehmen, Tillmann Gerngross, die Elemente für den Brückenbau
zwischen der Grundlagenforschung und den künftigen Bedürfnissen der Gesellschaft
zusammen. Das Kapital für F&E kommt dabei in den USA vor allem von der
Wirtschaft: Dort gibt es zwei Mal so viel Geld aus privaten Töpfen wie
öffentliche Mittel. Insbesondere die Pharmaindustrie investiert kräftig. In
Amerika gebe es aber auch das Risikokapital, in Europa hingegen werde zu viel
über öffentliche Gelder gefördert, sagte der 1989 als Post-Doc in die USA
übersiedelte Forscher vom Dartmouth College.
Dass man ein biotechnologisches Start-up auch von den USA aus nach Österreich
bringen kann und dabei ausschließlich mit finanzieller Hilfe von US-Investoren,
hat der Kärntner jüngst mit der Gründung von Arsanis in Wien gezeigt. Dabei ging
es vor allem um die Zusammenarbeit mit der in Wien tätigen Medizinerin und
Molekularbiologin Eszter Nagy. Gearbeitet wird an neuen Heilmitteln für
Infektionskrankheiten. Die US-Investoren konnte Gerngross vor allem durch den
auf Vertrauen basierenden, guten Kontakt gewinnen. Österreich müsse Anreize für
Risikokapital schaffen. Man könne auch versuchen, dass man "mehr ausländisches
Kapital" ins Land bringt.
Mit der öffentlichen Förderung für ein Unternehmen hat der Gründer nicht viel
zu verlieren, sagte auch der Mediziner Hubert Zajicek, Betreiber eines
Inkubators für medizinische Technologien in Frisco bei Dallas (US-Bundesstaat
Texas). So könne es etwa passieren, "dass ich quasi nach einer Woche wieder
hungrig bin. Ich habe nicht das Fischen gelernt. Es ist wichtig, das Fischen
beizubringen" - also etwa den Umgang mit Risikokapital. Es solle auch über neue
Modelle der Ko-Finanzierung zwischen öffentlicher Hand und Investoren
nachdenken. Bei der Pharmaindustrie ortet der Experte den
Trend, weniger selbst zu forschen und mehr "aus Start-ups einzukaufen". Zajicek
selbst hat sich aus der Forschung zurückgezogen und widmet sich nun nur noch
seinem North Texas Enterprise Center.
"Pre-Seed"-Förderung
Der österreichische Krebsforscher Robert Schiestl von der UCLA School of
Medicine and Public Health bei Los Angeles verwies auf die "einzigartigen"
Möglichkeiten, die in Österreich die vorhandene "Pre-Seed"-Förderung mit sich
bringt. So gebe es eine Unterstützung, bevor man überhaupt ein Unternehmen
gründet - in den USA sei so etwas undenkbar. Der seit über 20 Jahren in den USA
arbeitende Forscher hat sowohl in Los Angeles als auch an der Medizinischen
Universität Wien ein Labor und arbeitet derzeit auch an einer Start-up-Gründung in
Wien.
Wert der Bildung und Umgang mit Studenten
Für den Chef des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (RFT), Hannes
Androsch, haben sich "die unternehmerischen Standards in Österreich bereits
verbessert, aber noch nicht genug". So dürfe etwa das Versagen nicht weiter wie
bisher stigmatisiert werden. Das wirkliche Problem ist aber die Bildung, waren
sich die Experten einig. "Es gibt Bedarf an Talenten", so Gerngross. Man
benötige ein wettbewerbsfähigeres Bildungssystem. In Österreich würden Studenten
häufig als Last gesehen, bemerkte ein Teilnehmer aus dem Publikum. Professoren
gingen in den USA anders mit ihren Studenten um als in Österreich, kann auch
Gerngross bestätigen. Man würde smartere Leute eher fördern und insgesamt härter
arbeiten.
Ein wichtiger Standortvorteil von Wien - und Österreich insgesamt - sei die
Lebensqualität, so die Experten. Hier ortet etwa auch der Innovationsforscher
Gerald Steiner von der Universität Graz, derzeit im Rahmen einer
Schumpeter-Professur an der Harvard University, mangelndes Bewusstsein. Es gehe
in Österreich zudem um eine größere Wertschätzung zwischen den Disziplinen,
zwischen der Industrie und der Wissenschaft sowie gegenüber den Studierenden.
Hier wären schon Veränderungen möglich, "auch ohne an der Kapitalschraube zu
drehen", so Steiner.
Hintergrund
Der "Austrian Science Talk" ist eine jährlich stattfindende Konferenz für in
Nordamerika tätige österreichische Wissenschafter und wird vom
Infrastrukturministerium in Kooperation mit dem an der österreichischen
Botschaft in Washington D.C. angesiedelten Office of Science & Technology
(OST) veranstaltet. Ziel ist die Vernetzung und der Informationsaustausch
zwischen den in Nordamerika forschenden österreichischen Wissenschaftern und
Vertretern der heimischen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen. (APA/red)