Hunderte Kameras filmten vor zehn Jahren die Anschläge in New York. Jetzt kann uns Jahr für Jahr eine Art "ungeschnittener Oliver-Stone Film" daran erinnern, wer die Bösen sind und was sie tun, wenn wir sie nicht bekämpfen
Da jedermann mit einem funktionierenden Fernseher mittlerweile jedes noch so grobkörnige Bild des Anschlages kennt und jede Meinung jedes Feuerwehrmannes oder Polizisten, der damals dabei war, schon einmal gehört hat, versuchten Medien auch heuer wieder andere Blickwinkel zu finden. So wurden viele prominente Personen befragt, wo sie denn am damals gewesen wären - am Tag des Anschlages, was sie denn gemacht hätten, damals - am Tag des Anschlages und es stellte sich heraus, dass manche Prominente daheim waren und manche nicht. Sapperlot! Auch wurde heuer wieder verstärkt darüber nachgedacht, ob es vielleicht doch nicht zwei des Fliegens ungeübte Al Kaidada Terroristen gewesen wären, die drei Gebäude mit zwei Boeings eingeebnet hatten - vielleicht war es doch der CIA oder der Dick/Bush, oder alle gemeinsam mit dem Herrn Rumsfeld, wie wohl ich ganz persönlich denke, dass diese Variante aus Rücksicht auf den intellektuellen Zustand der damals Regierenden nicht weiterverfolgt werden sollte. Kein Medium kann es sich jedenfalls leisten, das Attentat nicht zu thematisieren und dass der mediale Hype anlässlich des zehnten Jahrestages des Anschlages besonders heftig sein würde und bereits lange vor dem Jahrestag beginnen würde, war auch klar.
Die Reaktionen auf Terroranschläge in den USA und in Norwegen
War´s das also? Ein furchtbarer Anschlag auf das Leben vieler Unschuldiger, wird durch die Tatsache, dass ihn hunderte Kameras live filmten, zu einer Art ungeschnittenem Oliver-Stone Film, der nun jeden September in voller Länge auf jedem Sender läuft und der uns immer und immer wieder aufs neue daran erinnert, wer die Bösen sind und was sie tun, wenn wir sie nicht bekämpfen?
Die Reaktion der USA ist jedenfalls bekannt. Einerseits der Krieg gegen den Terror im Ausland, erst gegen Saddam Hussein, dann gegen die Taliban, der neben unzähligen Todesopfern und unglaublichen Kollateralschäden auch dazu geführt hat, dass die dadurch entstandenen Staatsschulden der USA eine zweite Wirtschaftskrise (mit-)verursacht haben, andererseits eine eklatante Verschärfung einschlägiger Überwachungsgesetze bzw. die fast schon obszöne Ausweitung von Polizeibefugnissen.
Dass es auch anders geht, hat uns Norwegen erst in diesem Sommer beigebracht. Nach den schrecklichen Attentaten in Oslo und auf der Ferieninsel, hat Norwegen seine Gesetze nicht reflexartig verschärft. Sie haben auch keine Sondergerichtsbarkeit für Rechtsradikale eingeführt, oder der Polizei oder den Geheimdiensten heimlich die Regierung des Landes überlassen. Trotz aller gebotenen Aufarbeitung der Vorgänge hat man in Norwegen die Gesetzeslage als ausreichend scharf erkannt und hat sich parteienübergreifend zur Meinungsfreiheit und zu den Bürgerrechten bekannt.
Und wohin soll das führen? Ist es also so, dass die USA böse sind und dass in Norwegen nur Verfassungsschützer wohnen? Das zu glauben wäre naiv und den tausenden Opfern von WTC gegenüber zynisch.
Reaktion eines Rechtsstaates
Terroristen können nicht "totgewünscht" werden und jegliches Appellieren an ein (westliches) Gerechtigkeitsgefühl oder etwa an Mitgefühl für unschuldige Menschen wird bei - in welche Richtung auch immer - hochgradig fundamental-hysterischen Menschen umsonst sein. Diesbezüglich wird eine Anpassung der Rechtslage und der Polizeibefugnisse nicht zu umgehen sein. Der Rechtsstaat wird sich aber deutlich vom Unrechtsstaat unterscheiden, wenn Maßnahmen vor ihrer Einführung ausführlich auf ihre Notwendigkeit (in der Gesellschaft und von Fachleuten) diskutiert werden und nicht im Reflex als Folge von schrecklichen Fernsehbildern verordnet werden. Vielleicht klarer ausgedrückt: Dass als Reaktion auf den Anschlag in Norwegen österreichischen Polizisten das Recht gegeben werden könnte, das Internet und meine e-mails präventiv auf geistige Untiefen hin zu überprüfen, halte ich für äußerst überzogen.
Vielleicht sollte sich ein solches überparteiliches Gremium aus Fachleuten dann auch gleich mit seinerzeit überschwänglich eingeführten Gesetzen beschäftigen und gegebenenfalls ernsthaft deren Abschaffung anregen. Auf diese Weise hätte man sich glatt den zeitraubenden und steuergeldvernichtenden Tierschützerprozess erspart, in dem meisterlich erkannt wurde, dass Tierschützerorganisationen üblicherweise keine mafiösen Strukturen haben.
So wird also 9/11 weiterhin jedes Jahr in einer mehr oder weniger ungeschnittenen Fassung im Fernsehen zu sehen sein. Solche terroristischen Monstrositäten sollten aber nicht zum Anlass genommen werden, Bürgerrechte auf Verdacht hin scheibchenweise so zu demontieren, bis ich womöglich irgendwann in China aufwache! (Leser-Kommentar, Michael Bartsch, derStandard.at, 12.9.2011)
Autor
Michael Bartsch, Jg 1966, arbeitet als Jurist in Wien.