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Ein Suchender, der den Falschen um Rat fragt: Der Österreicher Johannes Zeiler spielt die Titelrolle in Alexander Sokurows prämiertem "Faust".
Eigentlich habe er für Filmfestivals nichts übrig, ließ Alexander Sokurow noch vor Venedig über ein Interview mit Russia Beyond the Headlines ausrichten: "Wie kann ich sagen, dass ich besser als jemand anderer bin?" Das klingt bescheidener, als es wohl gemeint war: Der russische Regisseur genießt den Ruf eines kompromisslosen Filmemachers. Nicht zuletzt aufgrund seiner außergewöhnlichen Tetralogie zur Psychologie der Macht, in der er sich mit Hitler (Moloch), Lenin (Taurus) und dem japanischen Kaiser Hirohito (The Sun) beschäftigt hat, gilt er als Solitär im Weltkino.
Mit seiner freien Adaption von Goethes Faust, die am Samstagabend auf der Mostra mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, führt der 60-Jährige diese Auseinandersetzung nun zu Ende - es ist ein von Bildideen berstend voller Film geworden, der seine Gedankenschwere stolz vor sich herträgt. Sokurow hat keine oberflächliche Modernisierung im Sinn, eher geht es ihm darum, dem Stoff eine irrwitzige, surreale Qualität zu verleihen, die in diesem durchaus angelegt ist.
Brueghel'sche Fülle
Wenn er den vom Österreicher Johannes Zeiler verkörperten Faust und Anton Adassinsky als Mephisto in ausgefinkelten Choreografien durch mittelalterliche Gassen und Trinkkeller streifen lässt, benötigt man einige Zeit, um sich in dieser Brueghel'schen Welt der Überfülle zu orientieren. Die grünstichigen Bilder, ein konstant im Hintergrund dahinplätschernder Score und der matte, eigens synchronisierte Tonfall der Dialoge tragen dazu bei, dass der Film mitunter ein wenig bleiern wirkt.
Dass sich Faust dennoch nachhaltig ins Gedächtnis schraubt, liegt an den irritierend fleischlich-albtraumhaften Momenten, mit denen Sokurow dem Ideendrama neue Energien zuführt. Schon in einem der ersten Bilder wird ein Unterkörper seziert, ein Homunculus zerbirst später einmal in einem Glas, vor allem aber ist Adassinskys Wucherer kein dämonischer Verführer, sondern ein runzliges, von Blähungen geplagtes Wesen - kurzum eine monströse Verkörperung der Triebe.
Mit dieser Entscheidung hat die Jury um den US-Amerikaner Darren Aronofsky durchaus eine Wahl im Sinne der Filmkunst getroffen. Wenig zwingend ist hingegen der Preis für den Italiener Emanuele Crialese, der mit Terraferma ein bestenfalls wohlmeinendes Sozialdrama abgeliefert hat, auch die beste Regie für den chinesischen Debütanten Cai Shangjun (People Mountain People Sea) überrascht, hat man doch umgekehrt Regisseure wie David Cronenberg, der mit A Dangerous Method einen fein auskalibrierten Film um C. G. Jung, Sigmund Freud und Sabine Spielrein gefertigt hat, gänzlich umgangen.
Immerhin erhielten zwei der besten Filme der Mostra Nebenpreise: Alpis vom Griechen Yorgos Lanthimos, eine herausfordernde Studie porös werdender Gemeinschaften, wurde mit dem Drehbuchpreis belohnt. Dabei hat der junge Regisseur konsequent wie kaum ein anderer im Wettbewerb auch eine zwingende Formsprache entwickelt: Die Aufnahmen sind stets fragmentiert, angeschnitten, die Tiefe des Bildes oft durch Unschärfen begrenzt. Mit visueller Kraft betörte auch Andrea Arnolds Adaption von Wuthering Heights, die dem literarischen Klassiker eine rohe, körperliche Sinnlichkeit übertrug.
Insgesamt vermochte die 68. Film-Mostra Eigensinniges, Populäres und Streitbares zu durchmischen. Die Pluralität macht sich bezahlt, weil sie auch unzeitgemäßen Positionen Öffentlichkeit gewährt. Autorinnnen und Autoren wie Chantal Akerman oder Philippe Garrel müssen nichts mehr beweisen, hinterfragen aber Sehgewohnheiten: La folie Almayer, mit dem Akerman den Kern des ersten Joseph-Conrad-Romans, eine sich im Wahn verlierende Vater-Tochter-Liebe, freilegt, gehörte zu den konzentriertesten Arbeiten des Festivals.
Oder Philippe Garrels Un éte brûlant: Der Franzose variiert einmal mehr die Geschichte einer Liebe, die sich im Ungefähren verliert. Die Worte der Leidenden wirken in diesem Film, der sich lose an Godards Die Verachtung hält, oft eine Nummer zu groß. Doch die Gefühle erweisen sich ohnehin mächtiger als jede Pose - die Folge ist eine ungewöhnliche Form von Aufrichtigkeit. Der Film stieß bei der Kritik mehrheitlich auf offene Ablehnung. Wie gut, dass er in Venedig gelaufen ist. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig/DER STANDARD, Printausgabe, 12. 9. 2011)
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