Die Zukunft des Fernsehens

Immer und überall

Gastkommentar | 10. September 2011, 10:15

Fernsehen als soziales Erlebnis, das war einmal. Heute ist das TV individualisiert und personalisiert. Der Nutzer ist einsam, aber König. Und genau das kann das Fernsehen retten: Ich bekomme, was ich will, wann immer ich will - Von Hermann-Dieter Schröder

Fernsehen ist immer noch eine Wachstumsbranche. Die Werbeerträge sind stark konjunkturabhängig, aber die Gebühreneinnahmen, die Zahl der empfangbaren Kanäle und die Zahl der Mitarbeiter beim Fernsehen scheinen stetig zu steigen. Fernsehen ist zugleich die beliebteste Freizeitbeschäftigung. Dreieinhalb Stunden verbringen Erwachsene inzwischen vor dem Fernsehgerät - jeden Tag. Und Jahr für Jahr kommen noch ein paar Minuten hinzu. So gesehen ist das Fernsehen heute in Bestform. Andererseits: Wo gibt es heute noch eine Fernsehsendung, die morgen als Gesprächsthema geeignet ist, weil die andern sie auch gesehen haben oder sich wenigstens dafür interessieren?

Fernsehen erzählt Geschichten

Fernsehen erzählt Geschichten. Nachrichten von Ereignissen, die wirklich passiert sind. Inszenierungen von politischen Diskussionen und Gerichtsverhandlungen, als wären sie entscheidungsrelevant. Fernsehspiele und -serien über fiktive Konflikte und ihre Bewältigung. Solche Stoffe sind interessant und lehrreich, weil sie den Zuschauern Einblicke bieten in Situationen, die so anders sind als der eigene Erfahrungsschatz. Der Bedarf an solchen Geschichten ist unerschöpflich. Aber die Interessen entwickeln sich unterschiedlich. In manchen Haushalten gibt es mehr Fernsehgeräte als Bewohner. Fernsehen ist oft kein Gemeinschaftserlebnis mehr, sondern ein individueller Zeitvertreib nach ganz persönlichen Vorlieben. Nur bei herausragenden Großereignissen wie der Fußball-WM wird gemeinschaftliche Fernsehnutzung im Public Viewing geradezu als Gemeinschaftserlebnis zelebriert.

Die Zuschauer von ARD und ZDF sind im Durchschnitt 60 Jahre alt. Bei den dritten Programmen ist das Publikum noch etwas älter. Die privaten Veranstalter haben einst erfolgreich versucht, die Werbewirtschaft für die Zielgruppe im Alter von 14 bis 49 Jahren zu begeistern und die Älteren außer Acht zu lassen. Damit standen sie gegenüber den öffentlich-rechtlichen Programmen besser da. Jetzt rudern sie zurück. Auch ihr Publikum wird älter, und die Tausend-Kontakt-Preise werden zu hoch, wenn man die älteren Zuschauer nicht mitrechnet. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist Fernsehen heute nicht mehr die erste Wahl. Für sie ist längst das Internet das wichtigste Medium.

Nachfrage nach On Demand

Jetzt oder nie - nur nichts verpassen. Das war lange das Prinzip für die Fernsehnutzung. Jetzt ist es Geschichte. Der Videorecorder war die Antwort, aber schon beim Videorecorder ist es häufig vorgekommen, dass die Zuschauer eine Sendung aufgezeichnet, die Aufzeichnung aber niemals angesehen haben. Das kann man ja später immer noch ansehen. Heute sind es sogar die Fernsehveranstalter selbst, die Sendezeit und Nutzungszeit entkoppeln und ihre Sendungen als Aufzeichnungen auf DVD oder in ihren Mediatheken zum Download über das Internet anbieten.

Wenn aber Aufzeichnungen angesehen werden - ist das noch Fernsehen? Neben den Fernsehveranstaltern sind es Onlinecommunities, Videoportale, Zeitungen und Zeitschriften und Privatpersonen, die Videoinhalte zum Abruf bereitstellen. Oft ist es nicht das Fernsehgerät, sondern der PC, mit dem die Inhalte aus dem Netz abgerufen und präsentiert werden. Die Unterhaltungselektronik versucht, die Lücke zu schließen und ihre Fernsehgeräte für das Internet kompatibel zu machen, damit man auch die über das Netz abgerufenen Inhalte im Heimkino genießen kann. Das Fernsehgerät hat Zukunft. Aber an die Stelle des Empfangs des laufenden Programms wird mehr und mehr der Abruf von Fernsehsendungen und anderen Videoangeboten treten. (Hermann-Dieter Schröder, derStandard.at, 10./11.9.2011)

Autor

Hermann-Dieter Schröder, The European, ist Medienwissenschaftler und seit 1983 wissenschaftlicher Referent des Hans-Bredow-Instituts. Schröder beschäftigt sich primär mir wirtschaftlichen und organisatorischen Strukturen der Medienbranche.

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13 Postings
piroschka d.
01
12.9.2011, 07:58

macht euch frei! ohne fernsehglotze ist das leben so viel schöner!

dummer Hans
00
11.9.2011, 21:47
Statistik zweifelhaft

Die zugrundeliegenden Mediadaten sind nicht plausibel. Laut ORF Medienforschung stieg die TV-Nutzungszeit 2010 tats. auf 254 Min./Erw./Tag. Gleichzeitig beträgt die Radionutzungsdauer laut ORF 197 Min./Tag. Das würde bedeuten, dass der erwachsene Österreicher 7,5h / Tag fernsieht bzw. radiohört. Sofern er es nicht gleichzeitig tut würde das im Bezug auf seine Tagesfreizeit sogar die Griechen in den Schatten stellen:-). Kurzum: es wurde wahrscheinlich verschwiegen, dass es sich um Durchschnittswerte von FERNSEHENDEN Erwachsenen handelt, was nahelegt, dass ihre absolute Anzahl schrumpft, da die Gelegenheits-Fernseher ins Internet abwandern und somit die durchschnittliche Dauer der Verbliebenen steigt.
http://mediaresearch.orf.at/

noldman
02
11.9.2011, 21:27
3,5h pro Tag?!?

Haben die alle kein Leben?
Die letzten Jahre erlebe ich in meinem Bekanntenkreis eigentlich genau das Gegenteil. Immer mehr die sich ihres Fernsehers entledigen (ich habe schon seit ca. 5-6 Jahren keinen mehr).

accuser
00
12.9.2011, 09:13
Das persönliche Bild ist eben doch nicht so repräsentativ, wie es einem manchmal scheint.

Überlegen Sie kurz, wieviele bekennende FPÖ-Wähler Sie in Ihrem privaten Umfeld haben. Dann - ohne Ihnen den Tag verderben zu wollen - denken Sie kurz daran, wieviel Prozent der Nationalratsabgeordeneten die stellen und wieviele im NR grün sind.

Nur ein Beispiel, Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Mir kommt auch oft vor, dass Dinge einfach nicht stimmen können. Man bewegt sich allerdings auch in einem relativ eingeschränkten gesellschaftlichen Kreis (im positivsten Sinne) und es fällt auf, dass schon bei lange nicht gesehenen ehemaligen Klassenkollegen Realitäten ganz anders gelagert sind.

piroschka d.
00
12.9.2011, 07:56

das ist bei mir und in meinem bekanntenkreis auch so. wundert mich auch sehr der artikel.

stoiker
00
11.9.2011, 17:38

der nutzer ist eines genau nicht:könig.

im gegenteil:er ist ganz untertan.

fernsehen"beruhigt"die masse und fördert ihre begehrlichkeiten.

wer auf aufklärung im sinne von journalismus hofft,
oder von bildungsauftrag spricht,dem ist nicht mehr zu helfen.
unterhaltung ist inzwischen auf unterstem niveau angelangt.

jackinthebox...
02
11.9.2011, 17:03

throw away your television...

Hans Hosendonner<<3
00
11.9.2011, 13:34
wenn es stimmt, was herr schröder schrebt, dann gibt es zwei gründe warum das TV immer noch eine wachstumsbranche ist:

1; der anteil der alten an derbevölkerung steigt2, der anteil der hartz4-empfänger und sonstiger dauerhaft beschäftigungsloser, die nichts besseres zu tun haben, als sich die zeit als couchpotato vor dem TV zu vertreiben, nimmt in der gesellschaft ebenso zu.

für mich ist das fernsehen schon seit vielen jahren völlig uninteressant, seitdem ich internet habe und ein notebook, das ich mir bequem ins bett nehmen kann.

großgoscherter Zwerghamster
01
11.9.2011, 13:21
Welcher bedauernswerte Analphabet verbringt meine 3,5 Stunden vor der Verdummungsmaschine?

Ich möchte ihm mein Beileid aussprechen.

Hans Hosendonner<<3
00
11.9.2011, 13:36

die sogenannte "unterschicht" wächst

die müssen mit unterhaltung ruhig gestellt werden.

Resi Tupfer
00
11.9.2011, 13:12
Die Analphabeten

und die bildungsfernen Schichten werden zwangsläufig beim Fernsehen hängen bleiben müssen.
Wenn man sich so manche Programminhalte genauer ansieht, dann wird zielgruppenorientiertes Fernsehen schon heute munter produziert.

Letztlich ist es aber doch so, dass das Internet vor Beliebigkeit nur so strotzt und gut gemachtes Fernsehen immer einer Dramaturgie folgt. Die besten Geschichtenerzähler werden die Sieger im Rennen in der Gunst ums Publikum sein. Fernsehen ist dann tot, wenn es seine Stärke der Unverkennbarkeit der "Märchenstunde" aufgibt.

Resi

der schwitzbär der schwitzt sehr
01
10.9.2011, 17:23
Fernsehen sediert und betrügt.

beliar
00
12.9.2011, 05:27

armin assinger?

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