Fernsehen als soziales Erlebnis, das war einmal. Heute ist das TV individualisiert und personalisiert. Der Nutzer ist einsam, aber König. Und genau das kann das Fernsehen retten: Ich bekomme, was ich will, wann immer ich will - Von Hermann-Dieter Schröder
Fernsehen ist immer noch eine Wachstumsbranche. Die Werbeerträge sind stark konjunkturabhängig, aber die Gebühreneinnahmen, die Zahl der empfangbaren Kanäle und die Zahl der Mitarbeiter beim Fernsehen scheinen stetig zu steigen. Fernsehen ist zugleich die beliebteste Freizeitbeschäftigung. Dreieinhalb Stunden verbringen Erwachsene inzwischen vor dem Fernsehgerät - jeden Tag. Und Jahr für Jahr kommen noch ein paar Minuten hinzu. So gesehen ist das Fernsehen heute in Bestform. Andererseits: Wo gibt es heute noch eine Fernsehsendung, die morgen als Gesprächsthema geeignet ist, weil die andern sie auch gesehen haben oder sich wenigstens dafür interessieren?
Fernsehen erzählt Geschichten
Fernsehen erzählt Geschichten. Nachrichten von Ereignissen, die wirklich passiert sind. Inszenierungen von politischen Diskussionen und Gerichtsverhandlungen, als wären sie entscheidungsrelevant. Fernsehspiele und -serien über fiktive Konflikte und ihre Bewältigung. Solche Stoffe sind interessant und lehrreich, weil sie den Zuschauern Einblicke bieten in Situationen, die so anders sind als der eigene Erfahrungsschatz. Der Bedarf an solchen Geschichten ist unerschöpflich. Aber die Interessen entwickeln sich unterschiedlich. In manchen Haushalten gibt es mehr Fernsehgeräte als Bewohner. Fernsehen ist oft kein Gemeinschaftserlebnis mehr, sondern ein individueller Zeitvertreib nach ganz persönlichen Vorlieben. Nur bei herausragenden Großereignissen wie der Fußball-WM wird gemeinschaftliche Fernsehnutzung im Public Viewing geradezu als Gemeinschaftserlebnis zelebriert.
Die Zuschauer von ARD und ZDF sind im Durchschnitt 60 Jahre alt. Bei den dritten Programmen ist das Publikum noch etwas älter. Die privaten Veranstalter haben einst erfolgreich versucht, die Werbewirtschaft für die Zielgruppe im Alter von 14 bis 49 Jahren zu begeistern und die Älteren außer Acht zu lassen. Damit standen sie gegenüber den öffentlich-rechtlichen Programmen besser da. Jetzt rudern sie zurück. Auch ihr Publikum wird älter, und die Tausend-Kontakt-Preise werden zu hoch, wenn man die älteren Zuschauer nicht mitrechnet. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist Fernsehen heute nicht mehr die erste Wahl. Für sie ist längst das Internet das wichtigste Medium.
Nachfrage nach On Demand
Jetzt oder nie - nur nichts verpassen. Das war lange das Prinzip für die Fernsehnutzung. Jetzt ist es Geschichte. Der Videorecorder war die Antwort, aber schon beim Videorecorder ist es häufig vorgekommen, dass die Zuschauer eine Sendung aufgezeichnet, die Aufzeichnung aber niemals angesehen haben. Das kann man ja später immer noch ansehen. Heute sind es sogar die Fernsehveranstalter selbst, die Sendezeit und Nutzungszeit entkoppeln und ihre Sendungen als Aufzeichnungen auf DVD oder in ihren Mediatheken zum Download über das Internet anbieten.
Wenn aber Aufzeichnungen angesehen werden - ist das noch Fernsehen? Neben den Fernsehveranstaltern sind es Onlinecommunities, Videoportale, Zeitungen und Zeitschriften und Privatpersonen, die Videoinhalte zum Abruf bereitstellen. Oft ist es nicht das Fernsehgerät, sondern der PC, mit dem die Inhalte aus dem Netz abgerufen und präsentiert werden. Die Unterhaltungselektronik versucht, die Lücke zu schließen und ihre Fernsehgeräte für das Internet kompatibel zu machen, damit man auch die über das Netz abgerufenen Inhalte im Heimkino genießen kann. Das Fernsehgerät hat Zukunft. Aber an die Stelle des Empfangs des laufenden Programms wird mehr und mehr der Abruf von Fernsehsendungen und anderen Videoangeboten treten. (Hermann-Dieter Schröder, derStandard.at, 10./11.9.2011)
Autor
Hermann-Dieter Schröder, The European, ist Medienwissenschaftler und seit 1983 wissenschaftlicher Referent des Hans-Bredow-Instituts. Schröder beschäftigt sich primär mir wirtschaftlichen und organisatorischen Strukturen der Medienbranche.