"Natürlich gibt es moralisch vertretbares Töten"

Interview |
  • Die permanente Selbsterneuerung New Yorks hat nach dem 11. September 2001 einen Tempowechsel erlebt. (Weitere Fotos von Günther König in einer Ansichtssache)
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    Die permanente Selbsterneuerung New Yorks hat nach dem 11. September 2001 einen Tempowechsel erlebt. (Weitere Fotos von Günther König in einer Ansichtssache)

  • Philosoph Uwe Steinhoff: "Die Zugehörigkeit zu Al-Kaida ist oft nur ein Slogan"
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    Philosoph Uwe Steinhoff: "Die Zugehörigkeit zu Al-Kaida ist oft nur ein Slogan"

  • Steinhoff zur Tötung Osama bin Ladens:"Die völkerrechtliche Frage ist und bleibt natürlich heftig umstritten. Was aber die philosopisch-moralische Dimension angeht, so bin ich der Ansicht, dass diese Kommandoaktion der USA durchaus legitim war."
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    Steinhoff zur Tötung Osama bin Ladens:"Die völkerrechtliche Frage ist und bleibt natürlich heftig umstritten. Was aber die philosopisch-moralische Dimension angeht, so bin ich der Ansicht, dass diese Kommandoaktion der USA durchaus legitim war."

  • DER STANDARD-Schwerpunktausgabe 9/11

    DER STANDARD-
    Schwerpunktausgabe 9/11

Philosoph Uwe Steinhoff gilt vielen als "philosophe provocateur"

Im Gespräch mit Gianluca Wallisch erklärt er, warum er Tyrannenmord nicht ablehnt und warum der Westen in Libyen und Syrien mit den Wölfen heult.

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STANDARD: Kann es überhaupt einen "Krieg gegen den Terrorismus" geben, wie ihn George Bush unmittelbar nach 9/11 ausrief?

Steinhoff:Streng genommen, kann man gegen den Terrorismus keinen Krieg führen, denn er ist ja im Prinzip nichts anderes als eine Methode zur Kriegsführung. Allenfalls kann man einen Krieg gegen Terroristen führen. Wenn das aber plausibel und konsistent sein soll, dann muss ein Krieg gegen alle Terroristen geführt werden. Die USA sind aber nicht konsequent und haben immer wieder selbst Terroristen Unterschlupf gewährt, zum Beispiel den Contras in Nicaragua. Und sie haben zu ihrer Zeit sogar die Mujahedin in Afghanistan gegen die Russen unterstützt.

STANDARD: Ihrer Definition nach können auch Staaten als Terroristen verstanden werden. Auch demokratische?

Steinhoff:Ja sicher, nehmen Sie den Zweiten Weltkrieg als Beispiel: die alliierten Bombardements von Dresden, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki - all das war natürlich Terrorismus. Staatlicher Terrorismus.

STANDARD: "Krieg gegen Terrorismus" ist also bloß ein Slogan, der sich gut verkaufen lässt?

Steinhoff: Ja. In den USA ist es gang und gäbe, Krieg gegen alles Mögliche zu erklären. Gegen die Armut, gegen Drogen, gegen ein schlechtes Bildungssystem. Das passendere, wenngleich weniger dramatische Wort wäre "Kampf" oder "Engagement" .

STANDARD: Gibt es so etwas wie gerechtfertigtes Töten? Die USAscheinen ihre Vergeltungsaktionen nach 9/11 ja in diesem Sinne zu verstehen.

Steinhoff:Natürlich gibt es moralisch vertretbares Töten, etwa im Fall von Selbstverteidigung oder bei Tötung auf Verlangen, wenn ein Todkranker unsägliche Schmerzen leidet. Auch im politisch-kriegerischen Kontext kann es natürlich Situationen geben, die das Töten rechtfertigen. Man muss aber dabei beachten, dass auch der Feind das Töten rechtfertigen kann: So war Osama Bin Laden der Ansicht, dass die muslimische Welt unverschuldet Opfer westlicher Attacken wurde. Auf diese reagierte er mit drastischen, aber aus seiner Sicht gerechtfertigten Mitteln.

STANDARD: Dann ist die Legitimation des Tötens bloß eine definitorische Frage?

Steinhoff: Nicht ganz. Wenn es gerechtfertigte Kriege gibt, bleibt immer noch die Frage, ob gewisse Methoden nicht doch exzessiv sind. Ich glaube, dass der Angriff der USAauf Afghanistan unmittelbar nach 9/11 zunächst nicht das tatsächlich letzte mögliche Mittel war. Man hätte der Diplomatie noch mehr Spielraum geben können. Die Gewalt, mit der damals vorgegangen wurde, war exzessiv. Und der US-Angriff auf den Irak 2003 hatte nichts mit Terrorismusbekämpfung zu tun - er war also ungerechtfertigt.

STANDARD: Wie bewerten Sie die Tötung Osama Bin Ladens durch ein Spezialkommando des US-Militärs im vergangenen Mai?

Steinhoff: Die völkerrechtliche Frage ist und bleibt natürlich heftig umstritten. Was aber die philosophisch-moralische Dimension angeht, so bin ich der Ansicht, dass diese Kommandoaktion der USA durchaus legitim war - für den Fall, dass es mittelfristig tatsächlich keine andere Möglichkeit gab. Ich bin zum Beispiel auch kein Gegner der Entführung Adolf Eichmanns aus Argentinien durch die Israelis im Jahr 1960. Na gut, er wurde nicht ermordet, aber immerhin entführt - und das war damals ein großes völkerrechtliches Thema. Ich glaube nicht, dass diese Aktion unmoralisch war. Und ich finde es heute auch akzeptabel, wenn sich die US-Regierung auf den Standpunkt stellt, dass Bin Laden entkommen wäre, wenn man die Pakistanis eingebunden hätte - leicht hätte etwas durchsickern können.

STANDARD: Darf man jemanden wie Osama Bin Laden einfach exekutieren?

Steinhoff: Wenn sich Bin Laden tatsächlich der Verhaftung widersetzt haben sollte, scheint es mir auch nicht moralisch ungerechtfertigt, ihn zu töten.

STANDARD: Ist Tyrannenmord eine politisch und philosophisch akzeptable Kategorie?

Steinhoff: Ja, das halte ich zweifelsohne für akzeptabel. Es ist mir schleierhaft, wie man etwas wie Tyrannenmord kategorisch ausschließen kann - zumal ihn sogar katholische Moraltheologien im Laufe der Geschichte immer wieder gerechtfertigt haben. Zu behaupten, dass Staatsoberhäupter nur wegen ihrer Position immun sein sollen, halte ich für einen Fetischismus, der allzu oft auf Kosten Unschuldiger geht.

STANDARD: Angenommen, die USA haben die Tötung Bin Ladens geplant, um die "Kampfmoral" von Al-Kaida zu brechen - wäre das eine zielführende Strategie?

Steinhoff: Das halte ich für ausgeschlossen. Al-Kaida war immer ein fast autonomes Netzwerk. Die Vorstellung, Bin Laden sei ihr Mastermind gewesen, ist abwegig. Der Kopf hinter 9/11 war Khalid Scheich Mohammed. Heute ist Al-Kaida noch viel flexibler und besteht gänzlich aus selbständigen Zellen. Die Zugehörigkeit zu Al-Kaida ist oft nur ein Slogan. Mit Bin Ladens Tötung wurde der Hydra keinesfalls der entscheidende, letzte Kopf abgeschlagen.

STANDARD: Mittlerweile hat sich der Fokus auf die arabischen Revolten verlagert. Wie lange darf man beim Gemetzel in Syrien zusehen, wenn doch Uno und Nato in Libyen so rasch eingeschritten sind?

Steinhoff: Der Westen sieht bei der Unterdrückung des syrischen Volkes seit Jahrzehnten zu und hat damit keine allzu großen Probleme. Dass man sich auch jetzt nicht einmischt, liegt daran, dass man regionale Mächte nicht verprellen will. Im Grunde will der Westen mit den Wölfen heulen. In Libyen war klar, dass Gaddafi verlieren wird. Bei Syrien bleibt abzuwarten, welche die richtige Seite, sprich: die Seite des Siegers sein wird. (Das Interview führte Gianluca Wallisch. STANDARD-Printausgabe, 10./11.9.2011)

Uwe Steinhoff (43) ist ein deutscher Philosoph und ist an den Universitäten von Hongkong und Oxford tätig. Zuletzt erschien auf Deutsch sein Buch "Zur Ethik des Krieges und des Terrorismus" (ISBN 978-3-17-021723-2).

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