Sozialökonomischer Betrieb in Meidling bietet 50 Personen einen temporären Arbeitsplatz
An der Wand kleben Kinderfotos, ein Handy sorgt für Hintergrundmusik, auf der Arbeitsfläche liegen verschiedene handwerkliche Geräte. Der Arbeitsplatz im 12. Wiener Gemeindebezirk ist nicht außergewöhnlich, aber doch besonders, denn im sozialökonomischen Betrieb "fix und fertig" werden geförderte Stellen für Suchterkrankte angeboten.
Versand, Siebdruck, Renovierung
Durch einen begrünten Innenhof gelangt man in die Abteilung Postversand, einen von drei Teilbereichen von "fix und fertig". 30 Personen können hier tageweise fallweise geringfügig arbeiten - für ein "therapeutisches Taschengeld" wie es "fix und fertig"-Leiter Walter Wojcik nennt.
An zwei großen Tischen sitzen hauptsächlich Männer, die in kleine Arbeitsschritte zerlegt, Massenpostsendungen vorbereiten. So wiegt etwa ein Mann befüllte Kuverts. Just als er erzählt, er sei gerade Großvater geworden, entdeckt er einen Fehler und trägt den betroffenen Brief zurück zum Arbeitstisch.
Die einzelnen Aufgaben müssen einfach sein, damit sie leicht zu erlernen sind und sich die KlientInnen nicht überfordert fühlen. Wer eine längerfristige Beschäftigung sucht, kann einen der 20 vollversicherten Arbeitsplätze in der Siebdruckerei oder im Bereich Renovierung bekommen.
Auch Fixanstellung möglich
Dafür sind die Anforderungen jedoch härter. Bei den tageweisen Arbeitsplätzen wird nur geprüft, ob der Klient oder die Klientin arbeitsfähig ist. Wenn ja, wird ein Ausweis kopiert und der Einsatz kann beginnen. Für die längerfristigen Transitarbeitsplätze ist eine eingehende Anamnese nötig, in der die soziale Situation der einzelnen Arbeitsuchenden analysiert wird.
Erscheint eine längerfristige fixe Anstellung - man kann maximal ein Jahr bei "fix und fertig" bleiben - für beide Seiten realistisch, geht es zuerst für eine drei- bis viermonatige "Probezeit" in den Postversand. Danach wird eine angemessene Aufgabe in einem der anderen Bereiche gesucht: Gleich beim Eingang in die Siebdruckerei sortiert eine junge Frau bunte, bedruckte T-Shirts. In der Werkstatt bedienen zwei Männer rotierende Siebdruckpressen, eine Frau föhnt die Druckfarbe auf den T-Shirts trocken. Eine andere Frau presst Bienenmotive auf einen Pullover.
Marktorientierung
Wer sich bei einem sozialökonomischen Betrieb für Suchterkrankte eine Gruppe Menschen mit blauen Lippen beim "Arbeit spielen" vorstellt, liegt falsch. Denn "fix und fertig" erstellt Produkte und Dienstleistung im Auftrag verschiedenster Kunden - muss sich also genauso am Markt orientieren wie jeder andere Betrieb und Lieferzeiten einhalten.
Diese Marktorientierung sei laut Betriebsleiter Wojcik wesentlich für den Erfolg des Unternehmens: "Leistungen, die tatsächlich am Markt gebraucht werden, sind für die KlientInnen ein sehr hoher Motivationsfaktor, ihr Leben zu verändern, sich zu bemühen, pünktlich zur Arbeit zu kommen." Die AbnehmerInnen wüssten in der Regel Bescheid, von wem die Produkte hergestellt werden, aber, so Wojcik, "niemand würde bei uns etwas kaufen, nur weil wir mit Suchterkrankten arbeiten".
Langzeitsarbeitslose
Seit 1993 bietet "fix und fertig" eine tagesstrukturierende Beschäftigungsmöglichkeit als Sprungbrett für einen Wiedereinstieg in den regulären Arbeitsmarkt an - finanziert von der Sucht- und Drogenkoordination Wien sowie zu 33 Prozent aus Eigenerlösen. Das AMS Wien fördert anteilig die Lohnkosten für die Transitarbeitsplätze. Seit damals waren etwa 2.500 Menschen bei dem sozialökonomischen Betrieb beschäftigt, die meisten davon Langzeitarbeitslose.
Immerhin 25 Prozent der fixangestellten KlientInnen finden nach der Zeit bei "fix und fertig" einen nicht-geförderten Arbeitsplatz. Beim Rest kämen laut Wojcik folgende Schwierigkeiten hinzu: generelle Arbeitsmarktsituation, Rückfall oder Unvereinbarkeit von Konsum und Arbeit. In solchen Fällen wird versucht, einen Therapieplatz zu finden.
Sozialarbeit wichtig
Die spezifischste "verwertbare" Ausbildung bietet der Siebdruck, so Wojcik. Einige KlientInnen kämen später bei Druckereien unter. Auch Kunden aus der Baubranche würden immer wieder Leute aufnehmen. Bessere Chancen bestünden allerdings am Leiharbeitsmarkt.
Die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt funktioniere allerdings nicht ohne Arbeit an den Begleitumständen. Daher ist die soziale Betreuung eine ganz wichtige Komponente im Betrieb. "Viele KlientInnen haben große Schwierigkeiten mit ihrer Wohnsituation oder ihrer Gesundheit. Fast alle haben Vorstrafen und hohe Schulden", weiß der Betriebsleiter. Diese Begleitumstände müssten geordnet werden, weil sonst keine Nachhaltigkeit erzielt werden könne.
Sichtbare Veränderung
Ein ganz wichtiger Punkt ist die Stablisierung des Konsums. Viele MitarbeiterInnen befänden sich im Substitutionsprogramm, konsumieren zusätzlich aber auch nicht verschriebene Suchtmittel. Am Arbeitsplatz ist der Konsum allerdings strengstens verboten. "Was du am Abend oder Wochenende machst, geht uns als Dienstgeber nichts an, aber du musst zur Arbeit fit sein", ist Wojcik rigoros. Das sollen die KlientInnen lernen. "Natürlich wünschen wir uns, dass alle abstinent werden aber das sei leider nicht realistisch" erklärt er weiter. Wer während der Arbeit konsumiert, dem droht die Kündigung. Ebenso Personen, die im Betrieb mit Drogen handeln oder gewalttätig werden.
Der Konsum ist bei den KlientInnen zunächst der zentrale Lebensinhalt und beherrsche die Gedankenwelt, sagt Betriebsleiter Wojcik. Es habe keinen Sinn, diese Gespräche zu verhindern. Er und seine MitarbeiterInnen versuchen, wieder andere Gesprächs- und Lebensinhalte in den Vordergrund zu rücken. Eine positive Veränderung sei fast immer bemerkbar: "Manche kommen blass und energielos zu uns, aber nach sechs Monaten steht ein anderer Mensch vor dir."
Doppeldeutig
Rehabilitation ohne Arbeit hält Wojcik nicht für möglich. Daher sei auch der Name "fix und fertig" ganz bewusst gewählt, um das negativ besetzte Bild des fix und fertigen Suchtkranken positiv zu besetzen: Es soll für die angebotenen Dienstleistungen stehen, die fix und fertig erledigt werden.
Die KlientInnen wirken sowohl im Postversand, aber besonders in der Siebdruckerei hoch konzentriert und gewissenhaft. Alle wissen, was sie zu tun haben: Mit wie viel Grad welches Material bedruckt werden muss. Wie man welche Druckfarbe zusammenmischt. Wie lange es braucht, bis die Farbe trocknet. Rhythmisches Arbeiten als Generalprobe für ein wieder rhythmisches Leben. (Sandra Eigner, derStandard.at, 12.9.2011)