Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Will ein Bauer einen Teil der Ernte wieder aussäen, muss er in vielen Ländern Europas der Saatgutfirma Nachbaurechte zahlen.
Die Bauern geraten zunehmend in eine üble Sorten-Tretmühle.
***
Als Gärtnerin scheint es mir selbstverständlich, die Samen aus dem Gemüse, das ich in meinem Garten ziehe, wieder aussäen zu können, wenn ich mir die Mühe machte. Es scheint aber ohnehin praktischer die hübschen, bunten Samenpackungen zu kaufen - so teuer sind sie ja nicht.
Was einem dabei allerdings leicht aus dem Blick gerät: Der Besitz von Saatgut ist einer der heißumkämpften Bereiche der internationalen Handelspolitik. Der Besitz von Saatgut entscheidet, wie Landwirtschaft betrieben, was angebaut wird - und vor allem von wem. Als erstes Glied in der Nahrungskette ist das Saatgut zum Träger massiver politischer und wirtschaftlicher Interessen geworden. Und für viele Bauern ist der Kauf von Saatgut ein entscheidender Kostenfaktor. Für die sechs größten Agrarkonzerne (Monsanto, Dow AgroSciences, DuPont, BASF, Bayer Crop Science und Syngenta), die 62 Prozent der intellektuellen Eigentumsrechte über kommerzielle Pflanzensorten besitzen, ist das Saatgut als Ware die Basis ihrer Herrschaft über die Nahrungskette.
Mit dem meisten Saatgut, das ein Gärtner oder Bauer in den Boden gibt, geht er vielfältige Verpflichtungen den Saatgutkonzernen gegenüber ein. Wir können damit keinesfalls machen, was wir wollen. Saatkörner sind "haarige Objekte" , wie es der französische Anthropologe Bruno Latour ausdrücken würde, denen der Mensch seine institutionellen Zwänge übergestülpt hat und die diese nun mit sich herumtragen - bis in unseren Garten und in das Feld des Bauern hinein. Das Saatkorn, das ich in meinem Garten in die Erde bette, gehört mit hoher Wahrscheinlichkeit der Firma Monsanto oder Bayer Crop Science. Ich habe es gemietet und nicht gekauft. Ich kann die Frucht essen, die daraus entsteht. Aber schon, wenn ich Saatkörner aus der Frucht an meine Nachbarin weitergebe, handle ich illegal. Solche geistigen Eigentumsrechte an Saatgut betreffen auch Bauern, die hunderte Hektar anbauen. Wenn eine Firma einen Sortenschutz über eine Kulturpflanze erwirbt, kann sie damit den Vertrieb dieser Sorte kontrollieren. Will ein größerer Bauer einen Teil der Ernte wieder aussäen, muss er in vielen Ländern Europas an die Saatgutfirma Nachbaurechte bezahlen, die zum Beispiel in Deutschland bis zu 80 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises, oder besser gesagt Mietpreises, betragen. In Österreich werden diese Nachbaugebühren noch nicht erhoben, aber auf europäischer Ebene wird bereits an einer für alle Länder bindenden Verordnung gearbeitet, welche die Regelungen in Europa vereinheitlichen wird.
Wie ist es dazu gekommen? Es waren doch Bauern, die über Tausende von Jahren das Saatgut der Kulturpflanzen ausgewählt haben, von dem wir uns heute ernähren. Geistige Eigentumsrechte über Saatgut hängen direkt mit der Industrialisierung der Landwirtschaft zusammen und mit der zunehmenden Arbeitsteilung zwischen Pflanzenzüchtern und Bauern. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelten Züchter zunehmend Sorten, die nicht nur eine einheitliche genetische Struktur besaßen, sondern auch besonders gut Kunstdünger in höhere Erträge umsetzen konnten. Allerdings waren die neuen Sorten anfälliger für Krankheiten, Insekten- und Pilzbefall und konnten sich schlechter gegen Unkraut durchsetzen und vertrugen Dürre oder zu viel Regen weniger gut als die traditionellen genetisch diverseren Sorten. Sie benötigten daher Pestizide, Fungizide und Herbizide und oftmals auch Bewässerung, um ihr Potenzial ausschöpfen zu können.
Das öffnete Chemiekonzernen einen vielversprechenden Markt. Für die neuen Sorten wurden den Züchtern in den 1960er-Jahren geistige Eigentumsrechte zugebilligt, die es ihnen erlaubten, beim Erstverkauf des Saatgutes eine kleine Gebühr zu erheben. Da sich die Erträge, welche die Bauern mit den neuen Sorten pro Hektar erzielen konnten vervielfachten, bezahlten die Bauern diese Gebühr ohne Widerstand. Kaum einer bemerkte, dass das internationale Abkommen zum Schutz von Pflanzenzüchtungen (L'Union internationale pour la protection des obtentions végétales: UPOV) den Beginn ihrer Enteignung bedeutete. 1978 und 1991 wurden die Bestimmungen verschärft bis die Bauern das Recht verloren, einen Teil ihrer Ernte wieder auszusäen und es zu einem Privileg wurde, das der Staat ihnen zubilligen konnte, aber nicht musste.
Für dieses "Privileg" müssen Bauern in vielen Ländern Nachbaugebühren bezahlen. Im Laufe der Jahre wurde der Preis für Saatgut außerdem immer höher. Seit den 1980er-Jahren kauften multinationale Chemiekonzerne weltweit viele der kleinen Saatgutunternehmen und kontrollieren damit nicht nur das Saatgut, sondern auch die dazupassenden Chemikalien. Und:Sie erwarben Patentrechte über Teile des genetischen Codes von Pflanzen, der für bestimmte Eigenschaften (etwa Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit) zuständig ist. Sie patentierten genetische Marker, welche die Pflanzenzucht erleichtern und es erlauben, die Pflanzen, wo immer sie sich aussäen, als ihr Eigentum zu identifizieren und zu beanspruchen.
Der Bock wird zum Gärtner
Wieso lassen wir uns das gefallen? Das Argument, mit dem diese Entwicklung von vielen Politikern und Agrarkonzernen gerechtfertigt wird: Geistige Eigentumsrechte fördern die Innovation. Heißt:Die Industrie investiert nur in die Entwicklung von neuem Saatgut, das in der Lage sein wird, sich dem Klimawandel anzupassen, der Trockenheit, der Versalzung des Bodens und zu viel Regen zu widerstehen, wenn sie auch daran verdient. Bauern, die Saatgut nachbauen, ohne dafür zu bezahlen, hemmen diese Entwicklung. Sie profitieren dort, wo ihre Kollegen brav bezahlen. Sie stören, wie es heißt, das "level playing field" . Aber stimmt es überhaupt, dass geistige Eigentumsrechte an Pflanzensorten die Innovation fördern und den Bauern eine größere Auswahl bieten? Stimmt es, dass die Listen an Sorten im offiziellen Züchterkatalog länger werden, die landwirtschaftliche Biodiversität steigt, wie es die Consulting-Firma Sanco behauptet, die zurzeit für die Europäische Kommission die Reform der Saatgutgesetzgebung vorbereitet?
Obwohl es mittlerweile tausende Patente auf genetische Codes gibt, die in Pflanzen für bestimmte Eigenschaften (z. B. Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit verantwortlich sein sollen), kann die Saatgutindustrie noch keine neuen Sorten vorweisen, die diese Versprechungen auch einlösen. Bisher dienen die Patente vor allem dazu, einen Eigentumsanspruch der Saatgutkonzerne zu markieren. Immer mehr neue Sorten werden auf den Markt geworfen, die sich kaum von den alten unterscheiden, die es aber den Bauern schwer machen, die beste Sorte für sein Feld zu finden. Kurz bevor der Sortenschutz der Agrarfirmen ausläuft, können diese ihr Saatgut vom Markt ziehen, damit es nicht Gemeingut wird, das von allen vermehrt und verkauft werden kann.
Wenn die geplante Reform der Saatgutgesetzgebung auf europäischer Ebene so verläuft, wie es die Unternehmen wünschen, wird der Bock zum Gärtner gemacht. Die von den Stakeholdern am meisten befürwortete Reformvariante sieht vor, der Saatgutindustrie "aus Kostengründen" selber die Qualitätsprüfung und Zulassung von neuen Sorten zu überlassen. Die Qualitätsprüfung soll beschleunigt werden. Agronomische Qualitäten, das heißt, wie sich die Pflanzen auf dem Feld verhalten, wie gut sie sich gegen Umweltstress, Ungeziefer und Unkraut ohne Chemikalien durchsetzen können, sollen bei der Bewertung keine Rolle mehr spielen. Die Bauern geraten damit in eine Sorten-Tretmühle, bei der Sorten willkürlich und nach Profitinteressen der Firmen vom Markt genommen und zugelassen werden. In keiner der vorgeschlagenen Varianten ist es vorgesehen, die Kriterien der Bewertung so zu verändern, dass Sorten zugelassen und gefördert werden, welche ohne Chemie auskommen und eine hohe genetische Diversität besitzen. Im Gegenteil: Die Europäische Kommission sieht in einer parallelen Gesetzesinitiative vor, den Anbau von bisher frei zugänglichen Landsorten auf ihre Ursprungsregion zu beschränken und den Marktanteil gesetzlich zu beschränken.
Dagegen wenden sich die Aktivisten der europaweiten Saatgutkampagne. Sie betonen: "Samen haben nie an Landesgrenzen haltgemacht. Schon die alten Wikinger nahmen vermutlich auf ihren Fahrten nach Nordamerika Saatgut in ihren Booten mit und brachten welches von dort zurück nach Europa. Hätten Samen nicht immer Grenzen überschritten, wäre es um die Kulturpflanzenvielfalt schlecht bestellt: Es würden in den Alpenländern wohl nur Erbsen und Pferdebohnen angebaut. Denn Tomaten, Paprika, Mais und Weizen kommen ursprünglich von anderen Kontinenten." Die Entwicklung von Saatgut lebt vom Austausch und der freien Zirkulation der Information. Devlin Kuyek, Buchautor zum Thema und Mitarbeiter der internationalen Organisation Grain, verglich eine gute Weizensorte mit einem Jazzstück, zu dem viele Spieler mit ihren Ideen und Improvisationen beigetragen haben. (Birgit Müller, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 10./11. September 2011)
Birgit Müller, geboren 1957, arbeitet als Forschungsprofessorin an der École des hautes études en sciences sociales in Paris. Von ihr erschien das Buch "La Bataille des OGM. Combat vital ou d'arrière garde? Collection transversale débats" (Éditions Ellipse, 2008). Müller war im Frühjahr 2011 Fellow am Internationalen Forschungs-zentrum für Kultur-wissenschaften (IFK) in Wien.
Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit und die Hoffnung auf einen Job. Manche haben aus der Not eine Tugend und sich selbstständig gemacht
Es wabert, die Walküren sammeln Helden auf, Loge lässt es zischen und krachen. Aber die ideologischen Kosten, die wir für das Spektakel bezahlen müssen, sind horrend
Wie würde das gehen? Sicher nicht mit einem rumpelnden Rollkoffer oder einem lächerlichen Rucksack
Lissabons Charakter besitzt etwas, das einen sich für die eigene Unvollkommenheit schämen lässt, obwohl diese Stadt niemanden beschämt.
Sie ist wider die Natur, wider das Vergnügen. Arbeit ist unverschämt. Ein Manifest wider die Arbeit zum 1. Mai
Todgeweihte Küken, räudige Katzen und stinkender Müll. Über eine Reise mit mitteleuropäischem Nachwuchs nach Marokko - abseits aller Werbeprospekte
Es ist obszön, die fremden Straches lieben zu sollen: Wolfgang Müller-Funk über symbolische Minenfelder und kulturalistische Fallen, die bei der Debatte über islamische Einwanderung mit im Spiel sind
Er lässt sich mit ärmlichen Worthülsen abspeisen, er schmatzt, er fühlt sich satt. Der Unmund wohnt im Schlaraffenland, während ich mich in meiner Art bedroht fühle
Ägypten! Schon das Wort wie ein Lockruf. Weltwunder erwarten dich. Pyramiden. An ihren Wänden ein Flirren: Götterbilder, Tierbilder, Zeichen
Allerweltscremedose, Herrenwitzdarbietung, rotbeschuhte Fußnoten, Stadt-Rad-Alltag, Goldhelme, Heimat-Kennzeichen, gleichgeschlechtlich Liebende: Bodo Hell fragt sich vieles
Eine Krippe, ein Pferd, ein Hinweisschild: Drei Fotos liegen auf meinem Tisch, ich schiebe sie hin und her, ich frage mich: Welche Geschichten verstecken sich hinter der Anordnung von Dingen?
Das ist nur eine Frage von vielen. Eine weitere: Welche Gründe hat Frau K., sich derart zu exponieren? Oder: Versteht sie das als Teil einer Aufarbeitung? Versuche einer Erklärung
Ich falle höchstens dadurch auf, dass ich kein Smartphone habe. Ins Gespräch integriert werde ich dennoch, also in diese seltsam multimediale Mischung Mensch und Maschine
Farb-, geruch- und geschmacklos wollen wir es in Mitteleuropa haben, die Amerikaner schätzen den Chlorgeruch. Vier allgemeine Anmerkungen zum Wasser nebst einer Wasserverkostung
Ein Blick auf den Schreibtisch am Wochenende - und Fragen, die sich unter der Woche aufgestaut haben
Als ein Schriftsteller ist man an seinem Schreibplatz tagtäglich auf ein Hausarbeitsverbessern zurückgeworfen, Lehrer und Schüler in Personalunion
Warum muss ich immer daran erinnert werden, dass ich Jude bin? Warum schreiben auch (links-) liberale Medien vom "jüdischen Komponisten" oder vom "jüdischen Schriftsteller"?
Die Debatte um die Wehrpflicht zeigt sehr deutlich, dass über Geschlechterpolitik in Österreich nicht geredet werden kann
Ihm eilt der Ruf voraus, er sei der Verkünder kommenden Glücks: Gedanken zum Zufall
Dinge auf die Reihe kriegen: Das kann bald jemand. Ich gehöre lieber zu jenen, deren liebstes Möbelstück die lange Bank ist. Ein Lob der Prokrastination
Wie groß ist unsere Genugtuung, wenn einer, der es probiert hat, es doch nicht schafft? - Und aus der Sphäre der gelebten Träume auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird
Es war Sonntagvormittag, Ende Dezember in Athen. Bis auf vereinzelte Taxis lag die Avenue verwaist
Fragen nach dem Wesentlichen, dem Essenziellen, entzweien nicht, im Gegenteil, sie schweißen uns zusammen
Wohin man schaut, wird über Denkmäler und Ortsnamen gestritten, über Helden und Verräter, Täter und Opfer. Über die schmerzlichen Erinnerungen in Ostmitteleuropa
Giftspritze oder Schlafmittel? Über den mysteriösen Tod des chilenischen Poeten Pablo Neruda
Ein Auswuchs des Kapitalismus und seiner ihm hörigen Gesetzgebung & Rechtssprechung.
Was das Finanzsystem mit Kapital verbricht, versuchen Monsanto & Co mit großem Erfolg in der Lebensmittelversorgung zu erreichen: Monopolisierung der Märkte - Entmachtung des Einzelnen.
natürlich ist die weiterentwicklung von sorten legitim und in ordnung, aber die ganze welt aufgrund dessen in geiselhaft nehmen zu wollen natürlich nicht. und wenn es soweit kommt, dass menschen verhungern weil saatgutkonzerne ihre profite immer weiter maximieren wollen hört sich wohl alles auf....also bitte alle zusammenhalten, damit mosanto&co uns nicht irgendwann alle ruinieren.
Danke für diesen wichtigen Beitrag! Wer sich dagegen stark machen möchte, kann den offenen Brief an die Mitglieder des Europäischen Parlamentes und die Europäische Kommission unterschreiben auf:
http://www.no-patents-on-seeds.org/de/aktion... erzeichnen
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.