Forscher haben Hinweise auf den Einfluss von Papillomaviren auf Hautkrebs gefunden - Sie setzen körpereigene Schutzmechanismen außer Gefecht
Vor der Sonne wird gewarnt. Ihre Strahlen, früher als wohltuend gepriesen, enthalten besonders energiereiches UV-Licht, das das Erbgut von Hautzellen schädigt, im schlimmsten Fall sogar Hautkrebs verursacht. Sonnenschutzcremes mit Lichtschutzfaktoren jenseits der 20 sollen vor malignen Melanomen schützen, doch der aggressive, schwarze Hautkrebs nimmt Jahr für Jahr zu.
Weniger gefährlich sind sogenannte Spinaliome und Basaliome, die gemeinsam als "weißer Hautkrebs" bezeichnet werden. Weiß gefärbt sind diese Tumoren allerdings nicht, nur heller als maligne Melanome. Konkret wachsen Basaliome in den tieferen Hautschichten, dort, wo auch die Epidermiszellen entstehen, bevor sie an die Hautoberfläche wandern, Spinaliome wiederum sind in den oberen Schichten der Epidermis zu finden, sie werden auch als Plattenepithelkarzinome bezeichnet.
Beides ist weit verbreitet, aber kein Grund zur Panik. "Die Mortalität dieser beiden Krebsformen ist äußerst gering", betont der Onkologe Lutz Gissmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Der Hintergrund: Die weißen Tumoren schädigen zwar das umliegende Gewebe und können sogar in die Knochen eindringen, wie Gissmann erklärt, aber sie bilden nur sehr selten Metastasen. Dennoch sind sie ein Gesundheitsrisiko und müssen als solches behandelt werden.
Die Ursachen für die Entstehung von Basaliomen und Spinaliomen sind noch weitgehend ungeklärt. Bislang war UV-Licht so wie bei Melanomen der Hauptverdächtige, doch die Sache scheint weitaus komplizierter zu sein.
Virus-Beteiligung
Seit einigen Jahren mehren sich Hinweise, dass auch gewisse infektiöse Erreger eine Rolle spielen. Menschen, die eine Organtransplantation durchgemacht haben und deshalb Medikamente nehmen müssen, um das Immunsystem in Schach zu halten und so eine Abstoßung des transplantierten Gewebes zu verhindern, erkranken viel häufiger an weißem Hautkrebs als gesunde Personen. Eine schwache körpereigene Abwehr erhöht offenbar das Risiko für die Bildung von Spinaliomen und Basaliomen.
Aber schon bald gab es eine weitere Spur. Interessanterweise fanden Forscher DNA von bestimmten humanen Papillomaviren (HPV) in Zellen aus aktinischen Keratosen, einer Vorstufe von Hautkrebs-Geschwüren. Ein Zusammenhang erschien damit immer wahrscheinlicher. Diese ß-HPV sind verwandt mit HPV16 und -18 und anderen HPV-Typen, die inzwischen als Erreger von Gebärmutterhalskrebs bekannt sind. Doch Skepsis ist eine wissenschaftliche Tugend. Was wäre, wenn die Präsenz von Viren-Erbgut in Keratosen-Zellen anderen Faktoren oder lediglich dem Zufall verschuldet ist? Es fehlt der Beweis von Ursache und Wirkung.
Dem sind Lutz Gissmann und seine Kollegen vom DKFZ zusammen mit Spezialisten der International Agency for Research on Cancer im französischen Lyon nun ein Stück näher gekommen. Die Experten züchteten genetisch manipulierte Mäuse, denen sie zwei Virengene, E6 und E7, aus dem ß-HPV-Typ HPV38 eingepflanzt hatten. Bei den Gebärmutterhalskrebs auslösenden Papillomaviren sind E6 und E7 für die Entartung von Schleimhautzellen zu Tumorzellen verantwortlich. Sie greifen an zwei unterschiedlichen Stellen in das zelluläre Regelwerk ein und stimulieren so unkontrolliertes Wuchern. Zuerst blockiert E7 den Rb-Mechanismus, welcher normalerweise den Zellzyklus stoppt, sobald die Entwicklung einer Zelle, die Differenzierung, eingeleitet wird. Für Viren, betont Lutz Gissmann, ist dieser Eingriff von entscheidender Bedeutung, weil sie sich sonst nicht vermehren können.
Durch die Fortsetzung des Zellzyklus sammeln sich im Erbgut der betroffenen Zelle immer mehr Schäden, Mutationen, an. Sie führen zur Aktivierung von p53 und damit zu einem zellulären Zersetzungsprozess. p53 gilt deshalb als Wächter des Erbguts. Was beschädigt ist, wird insofern zum Schutz des Körpers zerstört. Für die Viren ist dies aber der zweite Ernstfall. Die von ihnen infizierte Zelle muss schließlich am Leben bleiben und neue Virenpartikel produzieren. Dementsprechend hat die Evolution die Erreger mit E6 ausgestattet. Das Produkt dieses Gens zersetzt das p53-Protein. Die Selbstvernichtung bleibt dadurch aus, die Zellen können weiterwuchern.
Ähnliches Prinzip
So geschieht das anscheinend nicht nur in Tumoren der Gebärmutter, sondern womöglich auch in der Haut von Menschen, die an weißem Hautkrebs erkranken. Die von den Heidelberger und Lyoner Forschern gezüchteten transgenen Mäuse bildeten zunächst starke aktinische Keratosen in ihren oberen Hautschichten, aber nur, wenn sie UV-Licht ausgesetzt wurden. Einige dieser Tiere entwickelten anschließend bösartige Spinaliome. Bei verwandten, aber nicht genetisch manipulierten Mäusen blieb dagegen die Tumorbildung aus. Offenbar ist das Zusammenspiel von Virengenen und UV-Licht von entscheidender Bedeutung. Die Details der Studie wurden unlängst vom Online-Wissenschaftsmagazin PloS Pathogens veröffentlicht (Band 7, e1002125).
Wie sich Menschen mit ß-HPV anstecken, ist bis jetzt von den Forschern noch nicht genau geklärt. Vermutlich durch direkten Hautkontakt, meint Lutz Gissmann. Die Infektionsrate dürfte hoch sein. "Diese Viren sind sehr resistent", so der Virologe. Publizierten Zahlen zufolge sind zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung seropositiv für HPV38, aber die tatsächliche Anzahl der Infizierten liegt wahrscheinlich viel höher. Weißer Hautkrebs ist zudem die häufigste Tumorerkrankung in hellhäutigen Populationen. Das würde passen. "Die Hypothese ist, dass das Virus die Initialrolle übernimmt", sagt Gissmann. Nach einer solchen anfänglichen Schädigung der zellulären Maschinerie hätten dann die UV-Strahlen ein leichteres Spiel, dauerhafte Mutationen auszulösen und die Karzinom-Bildung voranzutreiben.
"Der ultimative Beweis wäre, wenn man einen Impfstoff hätte, der die Entstehung von weißem Hautkrebs verhindern könnte", sagt der Virologe Gissmann. Doch bis dieser zur Verfügung steht, wird noch eine Menge Zeit verstreichen. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 12.09.2011)