"In den USA sind Verschwörungstheorien Folklore"

ModeratorIn: Wir begrüßen Ex-Botschafter Peter Moser im derStandard.at-Chat, gleich geht es los.

Peter Moser: Ich freue mich als Ex-Botschafter in einem Chat von derStandard.at teilnehmen zu können. Es ist unglaublich, dass die Ereignisse schon 10 Jahre zurück liegen, aber die Folgen spüren wir bis heute und werden sie auch weiterhin spüren.

ModeratorIn: Userfrage per Posting: Wie glauben SIe, das das WTC 7 kollabiert ist (10 Sekunden Clip): http://www.youtube.com/watch?v=LD06SAf0p9A

Peter Moser: Ohne wenn und aber: ich bin kein Physiker, Baustatiker, ect um eine Aussage zu treffen, wie das WTC7 oder die beiden Twin Towers kollabierten. Nach 9/11 gab es einzelne Berichte, dass auch eine mangelhafte Bauführung mitbeigetragen haben könnte.

ModeratorIn: Userfrage per Postig: Warum ist die US-Regierung nicht an der Lückenlosen aufklärung des Verbrechens am 11.9 interessiert?

Peter Moser: Zur lückenlosen Aufklärung gehört auch die Erkenntnis, dass bei entsprechender Zusammenarbeit der rivalisierenden Geheim- und Nachrichtendienste man unter Umständen in der Lage gewesen wäre, einige der Attentäter rechtzeitig zu verhaften. Das fehlende "connect the dots" wurde von der US-Regierung im Nachhinein durchaus zugegeben. An der Schuld von Al Kaida am Attentat selbst dürfte wohl kein Zweifel bestehen.

Milo Minderbinder: Wie haben sie persönlich den 11. September 2001 erlebt?

Peter Moser: Ich war an diesem Dienstag im Verlauf meiner Sprechtage bei Vizekanzlerin und Sportministerin Riess-Passer um ihren Besuch bei den Olympischen Winterspielen und anschließenden politischen Gesprächen in Washington abzuklären, als ihre Sekretärin uns über den ersten Flieger der ins WTC stürzte informierte. Ich sagte der Vizekanzlerin, dass in den 90er Jahren schon einmal ein Sportflieger in den Twin Tower geflogen ist und wir setzten unser Gespräch fort bis die Nachricht vom zweiten Flieger kam. Da war es klar, dass es sich um keinen Unfall sondern um einen Anschlag handelte. Sie eilte sofort zum Bundeskanzler und ich versuchte mit der Botschaft in Washington, der AUA und meiner Frau in Los Angeles in Verbindung zu treten, was aber wegen der Überlastung der Leitungen zunächst aussichtslos war. Mir war sofort bewusst, dass dieser Anschlag in der amerikanischen Öffentlichkeit und auch weltweit weitgehende und nachhaltige Folgen nach sich ziehen wird.

Milo Minderbinder: Welche Maßnahmen haben sie als österreichischen Botschafter an diesem Tag ergriffen? Welche Anfragen wurden an sie seitens des öst. Außenministeriums herangetragen?

Peter Moser: Zunächst versuchte ich sofort einen Flug zurück nach Washington zu buchen. Ich sollte erst am Freitag zurückkehren, wollte jedoch natürlich sofort zurückfliegen. Der Luftraum war aber gesperrt, erst am Sonntag gab es die erste Verbindung nach Washington. Ich informierte die Außenministerin Benita Ferrero-Waldner über meine Pläne und bat die Ministerin die Vertretungsbehörden (Botschaft und Generalkonsulate) zu informieren. Es gab zu dieser Zeit nicht so wie jetzt, nach so vielen üblen Erfahrungen wie Tsunamis und Hurrikan Katrina, ausgefeilte Einsatzpläne. Die Vertretungsbehörden mussten aus dem Stand agieren und sich auf ihre konsularische Erfahrung stützen.

Gutlieb Scherzer: Hatten Sie während Ihrer Amtszeit gelegenheit den damaligen US-Präsidenten Bush persönlich zu treffen? Wie ist Ihre subjektive Meinung über seine relativ unspektakuläre Reaktion auf das 2. flugzeug als er in der Schule den Kindern vorlas?

Peter Moser: Als Botschafter hat man wiederholt Gelegenheit den US-Präsidenten zu treffen. Man ist auch geladener Gast bei wichtigen Statements des Präsidenten wie die State of the Union Adress oder die Rede am 20. September als Reaktion auf 9/11. Am wichtigsten war wohl der Besuch von Bundeskanzler Schüssel im Oval Office am 1. November 2001. Da gab es Gelegenheit neben bilateralen Fragen auch 9/11 zu diskutieren. Bush war bei der Nachricht des 1. Anschlags wohl vollkommen überrascht und sprachlos. Nach dem 2. Anschlag brach er sofort seinen Besuch in der Schule ab und gab seine ersten kampfbetonten Äußerungen von sich. Ich weiß nicht wie ein anderer an seiner Stelle reagiert hätte.

Corpseman (ex-Flat Decider™): Hätten die USA Ihrer Meinung nach auch ohne 9/11 Afghanistan und den Irak angegriffen?

Peter Moser: Schon im Wahlkampf 2000 war der Irak im Visier der neokonservativen Mitglieder der späteren Bush-Administration. Sie vertraten einen starken Unilateralismus, der Amerika aufgrund seiner Rolle in der Welt nach dem gewonnenen kalten Krieg zustünde. Sie kritisierten den Vater des Präsidenten, dass er nicht im 1. Golfkrieg gleich bis nach Bagdad durchmarschiert wäre. Ihre Parole lautete: We have to finish the unfinished job. So ist es nicht verwunderlich, dass schon wenige Tage nach 9/11 ernsthafte Vorbereitungen getroffen wurden um den Irak militärisch auszuschalten. Dementsprechend war auch die Regierungspropaganda in der Öffentlichkeit. Es hieß, dass Saddam Hussein der Absender von Anthrax-Briefen an US-Politiker wäre und es wurde die Öffentlichkeit im Glauben gehalten, dass unter den Attentätern hauptsächlich irakische Staatsbürger gewesen wären. Was Afghanistan betrifft, wo Osama Bin Laden Schutz und Unterschlupf fand, war eine spezielle Vorbereitung der öffentlichen Stimmung nicht notwendig. Der Senat gab Präsidenten Bush die Ermächtigung zu kriegerischen Maßnahmen. 9/11 war sicherlich die Gelegenheit auf die die Unilateralisten gewartet haben. Diese Gelegenheit wurde wahrgenommen.

LtCdr Data: Haben Sie sich in den Monaten nach 9/11 in Washington DC persönlich sicher gefühlt?

Peter Moser: Ja, wir waren jedoch alle in die sofort einsetzenden Vorkehrungen auf den Flugplätzen, aber auch bei Besuchen im State Department einbezogen. Ich erinnere mich, dass ich bei der Vorfahrt zum State Department den Kofferraum des Dienstwagens öffnen musste, wo eine uns von Wien zur Verfügung gestellte ABC-Ausrüstung lag. Ich konnte dem Sicherheitsbeamten davon abhalten diesen Anzug zu entfalten und zu inspizieren.

Dork: Fanden Sie jemals die Reaktion der USA (z.b. Passagierabfertigung, Immgrationsrestriktionen etc.) nach 9/11 überspitzt?

Peter Moser: Überspitzt nicht, wohl aber überraschend. Es gab unmittelbar nach dem Anschlag eine absolute Luftraumsperre, danach die Vorschriften für die Sicherheit am Flugplatz, für die es am Anfang überhaupt kein geschultes Personal gab. Dementsprechend gab es ungerechtfertigte, lästige und übertriebene Inspektionen. Es dauerte bis geschultes Personal eingesetzt werden konnte. Heute haben wir mit diesen Maßnahmen zu leben gelernt. Sie werden wohl dauerhaft bleiben. Die US-Reaktion auf die Anschläge ist auch damit zu erklären, dass sich die USA stets in Sicherheit gewogen haben. Terroristische Anschläge auf amerikanische Ziele in Afrika oder Asien berührten dieses Sicherheitsgefühl nicht, da sie sich schließlich in relativ wenig entwickelten Ländern abspielten. Erst mit 9/11 sind sich die USA bewusst geworden, dass sie nicht verschont bleiben können.

UserInnenfrage per Mail: Ist man als Nation bei solchen Ereignissen, die von vielen kleinen Dingen beeinflusst werden können, nicht völlig hilflos? Oder, anders gefragt: Sind die verstärkten Kontrollen vor Flügen in die USA und andere Maßnahmen nicht eher Augenauswischerei

Peter Moser: Als einzelne Nation ist man im Kampf gegen den Terrorismus ohnmächtig, ob es sich um einen großen oder kleinen Staat handelt. Der Terrorismus benutzt wie andere Varianten des globalisierten Verbrechens modernste Methoden, wie das Internet. Nur durch die Zusammenarbeit aller Nationen bei der Verbrechensbekämpfung bestehen Aussichten den Terrorismus einzudämmen. Die verstärkten Kontrollen haben doch dazu beigetragen, dass es keine Flugzeugentführungen größeren Stils mehr gab. Dazu hat auch der Einsatz von sog. Air-Marshalls beigetragen, die bei der AUA nach dem Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972 in München auf gefährdeten Flügen bis jetzt beibehalten wurden. Die USA hatten die Air-Marshalls 2001 schon seit längerer Zeit aufgegeben gehabt und waren dankbar, dass sie auf österreichisches Know-how zurückgreifen konnten. Persönlich habe ich mich den Kontrollen vorbehaltlos auch als privilegierter Botschafter ausgesetzt und darin meinen Beitrag zur Erhöhung der Flugsicherheit gesehen.

Pater Cornelius: haben die anschläge zu schärferen sicherheitsvorschriften auch für ihre botschaft geführt?

Peter Moser: Nicht im besonderen Ausmaß. Wir hatten an der Botschaft immer schon eine Sicherheitsschleuse. Als aber Anthrax-Briefe in Washington verschickt wurden, waren wir besonders aufmerksam beim Empfang und auch beim Öffnen der Briefe. Einmal baten wir die US-Polizei ein verdächtiges Kuvert entgegenzunehmen und unter entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen zu öffnen. Es stellte sich heraus, dass darin nur Mehl war. Es gab eben viele Nachahmungstäter.

Milo Minderbinder: Wurden sie in ihrer Zeit als Botschafter von div. Stellen mit etwaigen Verschwörungstheorien konfrontiert? Wenn ja: Wie haben sie auf diese reagiert?

Peter Moser: Ich erhielt meist anonym eine Fülle von Verschwörungstheorien, die ich natürlich las, aber nicht ernst nahm. Es ist zu bemerken, dass vor allem in Amerika eine Folklore von Verschwörungstheorien besteht, z.B. Präsident Roosevelt hätte 1941 die US-Flotte in Pearl Harbour absichtlich dem Bombardement der Japaner preisgegeben oder die Landung am Mond 1969 sei in Wirklichkeit in einem Hollywood-Studio gefilmt worden. Wenn man bedenkt, wie oft es Hackern gelungen ist in geheimste Datenbanken einzudringen und sie wie Wikileaks öffentlich machen, sind diese Verschwörungstheorien spannend zu lesende Stories, entbehren meiner Meinung nach jedoch einer realen Grundlage.

hans hansson: Rechtfertigt der Kampf gegen der Terror das Aufweichen der Grundgesetzte, wie es im Moment in Europa und USA geschiet?

Peter Moser: In den USA sind die entsprechenden gesetzlichen Maßnahmen prinzipiell vorübergehender Natur. Sie haben eine sog. "sunset"-Klausel, d.h. ihr Auslaufen ist gesetzlich vorgesehen, wenn der Gesetzgeber ihre Verlängerung nicht ausdrücklich beschließt. Anders als in Europa, wo die korrespondierenden gesetzlichen Bestimmungen im Rahmen bestehender Menschenrechte, Datenschutzrechte eingebettet sind, gingen und gehen die USA von dem Ausnahmezustand eines Kriegs gegen den Terrorismus und nicht bloß eines Kampfes gegen den Terrorismus aus. In den USA sind diese Ausnahmebestimmungen Teil des Kriegsrechts, in Europa Teil der Verbrechensbekämpfung. Persönlich habe ich mich immer in meiner Botschafterzeit gegenüber der amerikanischen Stellen geäußert, dass es keinen Krieg, sondern nur einen Kampf gegen Terrorismus geben dürfe.

UserInnenfrage per Mail: Wie hat sich der Antiterror-Kurs der USA beim Wechsel von Bush jr zu Obama verändert?

Peter Moser: Mit Obama sind die USA vom Unilateralismus klar abgewichen. Europa hat euphorisch darauf reagiert indem Obama mit seinen Ankündigungen den Friedensnobelpreis erhielt. Yes, we can ist aber leichter gesagt als durchgesetzt, vor allem wenn Obama im Unterhaus eine absolut feindliche und Kompromissen unzugängliche Mehrheit hat, die alles tut, um seine Wiederwahl zu verhindern. So hat Obama der Verlängerung der Antiterrorgesetze zustimmen müssen. Auch die Präsenz der US-Truppen im Irak, deren Ende für heuer vorgesehen ist, dürfte meiner Meinung nach anhalten. Was Afghanistan betrifft, könnte die Ansicht vertreten werden, dass mit der Liquidierung Osamas das von Präsident Bush erklärte Ziel (I want him dead or alive) die Mission erfüllt sei. Es bleibt abzuwarten wie sich die USA aus diesem Konflikt herausziehen können. Angesichts der finanziellen Belastung unter der viele Punkte der Innenpolitik auf der Strecke bleiben, wäre dies sicher eine Aufgabe. Gerade aber beim militärischen Einsatz sind Kräfte der Republikaner und vor allem der Tea Party nach wie vor der Ansicht, Stärke zu zeigen.

UserInnenfrage per Mail: Wie hat sich Ihrer Wahrnehmung nach der Umgang der amerikanischen Bevölkerung mit Muslimen nach 9/11 verändert?

Peter Moser: Das Misstrauen gegenüber Mitbürgern mit arabischem Hintergrund ist gewachsen. Der militante islamische Terrorismus führt zur Verhärtung. Die Hauptursachen für den militanten islamischen Terrorismus werden in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen, wie große Einkommensunterschiede gegenüber dem Westen, Unterstützung zumindest bis vor kurzem von autoritären Regimen und nicht zuletzt die nicht unparteiische Haltung der USA im Nahost-Konflikt.

ModeratorIn: Leider ist die Stunde schon wieder vorbei, wir konnten nur einen Teil der zahlreichen Userfragen beantworten. Wir danken Ex-Botschafter Peter Moser herzlich dafür, dass er sich für diesen Chat Zeit genommen hat und verabschieden uns aus der derStand

Peter Moser: Für einen Berufsdiplomaten, vor allem wenn er schon im Ruhestand ist, ist das ein außergewöhnliches Erlebnis, seine Erfahrungen mit interessierten Mitbürgern teilen zu können statt sich ausschließlich mit Kollegen darüber zu unterhalten. Ich danke sowohl der Chat-Redaktion als auch den Chat-Teilnehmern.

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