Sprechen Sie Chochemer Loschen?

Blog | Michael Vosatka, 11. September 2011, 17:15
  • "Chochemer Loschen"
Wörterbuch der Gauner- und DiebesspracheJ. K. v. Train
Reprint-Verlag LeipzigReprint der Originalausgabe Meißen 1833. 2011. Etwa 304 S., geb. Format: 12,0 x 19,0 cmISBN 978-3-8262-3014-1€ 14,90
    foto: reprint verlag

    "Chochemer Loschen"
    Wörterbuch der Gauner- und Diebessprache
    J. K. v. Train

    Reprint-Verlag Leipzig
    Reprint der Originalausgabe Meißen 1833.
    2011. Etwa 304 S., geb. Format: 12,0 x 19,0 cm
    ISBN 978-3-8262-3014-1
    € 14,90

Die "kluge Sprache" Jenisch: Das "Wörterbuch der Gauner- und Diebessprache" als Reprint von 1833

Als "Geheimsprache" ist sie bis heute von Mythen umrankt: die Jenische Sprache, eine Variante des Rotwelschen. Auch wenn sie auf der Grundlage des Deutschen basiert, ist sie für Nichteingeweihte nicht zu verstehen, was auch ihrem ursprünglichen Sinn entspricht: Die Entwicklung aller Variationen des Rotwelschen geht auf soziale Randgruppen seit dem späten Mittelalter zurück. Bettler, sogenanntes "fahrendes Volk" und diverse Vertreter verschiedener stigmatisierter "unehrlicher" Berufsgruppen, aber auch kriminelle Gruppen bildeten ihre eigenen Soziolekte, wobei auch enge sprachliche Verbindungen zu Juden und Roma bestanden, was im Wortschatz deutlich Niederschlag fand.

Als Folge der gesellschaftlichen Ächtung der Sprecher dieser Sondersprachen transportieren auch die meisten historischen Werke, die sich mit dem Jenischen befassen, die Vorbehalte und Vorurteile der ansässigen Bevölkerung und prägen das Bild der Randgruppen bis in die heutige Zeit mit.

So auch das Buch "Chochemer Loschen" von J. K. v. Train aus dem Jahr 1833: Das "Wörterbuch der Gauner- und Diebs- vulgo Jenischen Sprache, nach Criminalacten und den vorzüglichsten Hülfsquellen für Justiz-, Polizei- und Mauthbeamte, Candidaten der Rechte, Gendarmerie, Landgerichtsdiener und Gemeindevorsteher" richtet sich in seinem Selbstverständnis an die Organe der schriftlichen Mehrheitsgesellschaft, um dieser Mittel gegen die nichtschriftliche Minderheit in die Hand zu geben. Mehr als zehntausend Begriffe aus dem Jenischen wurden von dem Autor in dem Werk zusammengefasst und erklärt, zusätzliche Quellen bilden "Gaunerschriften" aus Kriminalakten.

Während "Rotwelsch" die abwertende Bezeichnung der Mehrheitsgesellschaft darstellt, sind "Jenisch" und auch "Chochem Loschen" Eigenbezeichnungen der Sprecher des Dialektes. "Rotwelsch" leitet sich von rot, dem jenischen Wort für Bettler, ab, "welsch" bezeichnet im Mittelhochdeutschen ursprünglich "romanisch", steht aber darüberhinaus auch für eine unverständliche Sprache. "Jenisch" stammt wahrscheinlich aus der Sprache der Roma: džin bedeutet auf romani "wissen". Chochem Loschen wiederum leitet sich aus dem Jiddischen ab und heißt soviel wie "kluge Sprache". Das Wort chochem hat übrigens in der Form "ausgekocht" in die deutsche Sprache Einzug gehalten. Und auch die Bezeichnung "Gaunersprache" stammt letztlich aus dem Rotwelschen: Gauner oder Jauner heißt da nämlich soviel wie "Kartenspieler" und dürfte auf durch die Türkenkriege vertriebene Griechen aus Ionien zurückgehen.

Auf Grund der wenig objektiven Fremdsicht auf die Sondersprachen haben sich vor allem Bezeichnungen aus dem kriminellen Bereich bis heute in der deutschen Sprache erhalten. Baldobern (ausspähen), Ganofer (Dieb), pumpen (borgen), schnorren (betteln), Kittgen (Gefängnis, von Kitt = Haus), Schmiere (Wache), Moos (Geld) und Fusel (Branntwein) haben es in die Alltagssprache geschafft. Und wenn Sie und ihre Mischpoche in der Penne biebern, dann sollten Sie sich das nächste Mal, wenn Sie sich mit Ihrer Familie in einer Herberge einquartieren, vorher überzeugen, dass die Räume warm sind, damit Sie nicht frieren müssen.

Auch der Ausdruck "jemanden linken" ist im Deutschen gebräuchlich, linken steht im Jenischen für "lügen", ein Linkmacher ist der Sprachlogik folgend daher ein Lügner - das Wort steht jedoch für "Anwalt", was den Blickwinkel der "unehrlichen Berufe" auf diesen ehrlichen Beruf zeigt.

Aber viele andere Worte harren der Verwendung, denn im Jenischen finden sich zahlreiche Sprachperlen. So ist es zum Beispiel schade, dass der Butzelmann (männliches Geschlechtsorgan) sprachlich nicht überlebt hat. Und in einer Debatte über korrupte Politiker könnte man mit der Bezeichnung Baalschochad (Mann, der Geschenke nimmt) auftrumpfen. Oder Sie schleudern in den Foren auf derStandard.at einem User anderer Meinung Das hot ka Daam un ka Raam! (Das ist unsinnig geschwatzt!) entgegen.

Zum Schluss eine Frage an die Leser: Wer kann (wenn Sie googeln, ist das schofel !) das Wort Brodgötze herleiten? Ein Tipp: Das bekommt man in einer Dumme von einem Galch...

Massel tof!

(Michael Vosatka/derStandard.at/11.9.2011)

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haha ... im google kommt bei brodgötze garnix außer einem eingescannten uralten text, der aber auch keine erklärung liefert. ;o))
wann gibts die auflösung des knotens? dumme und galch wäre auch recht interessant.

weiter unten

sorry, aber jetzt steh ich auf der leitung ...

Viell "weiter unten" nach dem eingescannten Text?

jetzt kommt überhaupt nur noch dieser artikel.

"The Firemage" hat da sein eigenes Posting "weiter unten" gemeint.

Ob er geschummelt hat oder nicht, hat er aber nicht dazugeschrieben...

habe natürlich geschummelt.

als ehrlicher und anständiger ist dies meine pflicht gegenüber dem volke.

ah! alles klar, jetzt hab ichs gesehen, muß zuvor drübergescrollt haben. danke!

Ich hätte mir ja bei - ehrlichen Beruf - für "Anwalt", auch Anführungszeichen gewünscht ...

"dass der Butzelmann (männliches Geschlechtsorgan) sprachlich nicht überlebt hat."

Natürlich hat das überlebt! Bisher wusste ich nur nicht, was das ist, was in dem Lied "in unserem kreis herumtanzt"!

Nebenbei: es ist nicht so sicher , ob die hebräischen Ausdrücke wie "mischpoche", "Malochen" etc. über das Jenische vermittelt in die Umgangssprache einzug hielten, oder unvermittelt direkt aus dem hebräischen übernommen wurden.

völlig richtig.

Ein gut teil der hebräischen Begriffe brauchte gar nicht erst den Umweg über die "gauner"-Sprachen nehmen, die gingen direkt in die jeweils lokalen formen des deutschen über.

Hätt ich auch so gesehen, da gibt's noch eine ganze Menge weiterer. Auch hat Wien zur vorletzten Jahrhundertwende sicher mehr Menschen jüdischen Glaubens als fahrendes Volk gesehen - bin ich mir sicher.

wär ja lustig. denn er rüttel, schüttelt sich und wirft auch sein säckchen....

aber leider ists der kobold

Beim Butzelmann dürfte es sich allerdings um ein aus dem Deutschen entlehnten Wort handeln. Zahlreiche Worte wurden ganz einfach uminterpretiert.

Im Deutschen ist der Butzemann ein koboldartiges Wesen, das kleine Kinder erschreckt. Und als solches wird er wohl auch im Kreis herumtanzen. In der jenischen Interpretation habe ich das Wort noch nie gehört.

Wobei, viele dieser Figuren aus Sagen und Märchen sind ja auch einschlägig konnotiert, wie zum Beispiel das Rumpelstilzchen...

ich muss dich leider enttäuschen - der butzemann (ohne L!) aus dem lied hat nichts mit denn gemächt zu tun, so spaßig das wäre ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Butzemann

Na, wusste ich doch, was von den "Linken" zu halten ist.

Die neue Ganovensprache wird an der WU gelehrt und mit

Power Point vorgetragen!

Man kann sie aber auch autodidaktisch lernen...

mit Hilfe von Bullshit Bingo zum Beispiel. Oder man macht den Linkmacher bei Humbug.

"Wörterbuch der Politiker- und Bankersprache"

fehlt noch.

naja.

damit ist eine hostie von einem pfarrer in einer kirche gemeint.

ich würde sagen, die interpretation von “anwalt “ hat durchaus nicht selten seine berechtigung ;o)
daher auch im hochdeutschen die schöne bezeichnung “rechtsverdreher“...

IHRE Berechtigung.

ich weiß.
der satz stand zuerst anders da, und nach ein bisserl copy& paste ist das rausgekommen, am smartphone seh ich nicht immer den ganzen text wenn ich nicht rumscrolle, und als ich es bemork ;o) wars zu spät...

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