Neue Audiobotschaft des untergetauchten Ex-Machthabers - AU kritisiert Übergriffe auf Schwarze - Sorge über Waffen
Nikosia/Tripolis - Der langjährige libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi hat in einer neuen Audiobotschaft Gerüchte über seine Flucht nach Niger dementiert. Seinen Gegnern bleibe "nichts mehr als psychologischer Krieg und Lügen", sagte Gaddafi am Donnerstag in der vom syrischen Fernsehsender Arrai übertragenen Botschaft. Die Afrikanische Union (AU) kritisierte unterdessen Übergriffe auf Schwarze, die für Söldner Gaddafis gehalten werden.
Auch Niger dementiert Aufenthalt
Der untergetauchte Diktator bestritt, sich in einem libyschen Militärkonvoi befunden zu haben, der die nigerische Grenze Anfang der Woche überquert hatte. An dem Konvoi sei nichts Besonderes gewesen, habe Gaddafi gesagt. Es gebe eine Menge Transporte zwischen den Nachbarländern. Am Dienstag hatten die neuen Machthaber des "Nationalen Übergangsrats" gemeldet, dass ein Konvoi die Grenze zu Niger überquert habe. Spekulationen arabischer Medien zufolge könnte Gaddafi versuchen, über Niger Burkina Faso zu erreichen. Meldungen, wonach Gaddafi dort Unterschlupf angeboten worden sei, wurden aber von der Regierung des westafrikanischen Landes zurückgewiesen. Auch Niger und die USA dementierten, dass sich Gaddafi oder einer seiner Söhne in dem Konvoi befunden habe.
Wo ist Gaddafi?
Wo sich Gaddafi aufhält, ist weiter unklar. Am Mittwoch hatten ein Rebellensprecher dem Sender Libya TV gesagt, Kämpfer hätten ihn eingekreist. Er könne nicht mehr fliehen. Einzelheiten wurden aber nicht mitgeteilt. Der arabische TV-Nachrichtensender Al-Jazeera berichtete unter Berufung auf den Militärrat in Tripolis, es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Despot gefangen genommen oder getötet werde. Dagegen sagte ein Sprecher des Übergangsrates in Benghazi der Deutschen Presse-Agentur, alle Berichte über ein mögliches Versteck Gaddafis seien Spekulation. "Wir wissen es nicht. Es sind alles nur Theorien", sagte er.
Gaddafi sagte in der Audiobotschaft, die nach mehreren Tagen Schweigen kam, er sei überzeugt, dass die NATO besiegt werde. Er versicherte, dass die Angriffe gegen die "Ratten und Söldner" verstärkt würden. Gerüchte über seine Flucht nach Niger dementierte er.
Vor dem Hintergrund einer möglichen Flucht Gaddafis nach Westafrika haben die USA die Länder der Region zur Wachsamkeit aufgerufen. Die Grenzen sollten gesichert und Mitglieder des Gaddafi-Regimes festgenommen werden, sagte US-Außenamtssprecherin Victoria Nuland in Washington. Die Regierung Nigers sieht sich jedoch außerstande, die Grenze zum nördlichen Nachbarn Libyen dichtzumachen. "Wir haben keine Mittel, die Grenze zu schließen", sagte Außenminister Mohamed Bazoum der britischen BBC. Am Rande einer Sahel-Konferenz in Algier räumte Bazoum ein, dass unter anderen Gaddafis Sicherheitschef Abdallah Mansour sowie ein "sehr wichtiger" Verantwortlicher des Geheimdienstes nach Niger gereist seien.
AU kritisiert Übergriffe auf Schwarze
AU-Kommissionspräsident Jean Ping (Gabun) rief den Übergangsrat auf, sich von Angriffen auf Schwarze zu distanzieren, die unter dem Vorwand verübt würden, dass es sich um "Söldner" Gaddafis handle. "Es gibt Söldner in Libyen, viele davon sind schwarz, aber nicht alle sind schwarz und nicht alle Schwarzen sind Söldner. Manchmal, wenn sie weiß sind, nennt man sie auch 'technische Berater'", sagte Ping. "Wenn Schwarzen die Kehle durchgeschnitten wird, machen wir dafür nicht den Übergangsrat verantwortlich, aber wir wollen, dass sich der Übergangsrat von den Taten distanziert."
Der AU-Kommissionpräsident warnte auch vor den Gefahren libyscher Waffen für die Nachbarländer. Auch Bazoum warnte vor den Folgen des libyschen Konflikts für die Sahel-Zone. Die Region sei zu einem "Pulverfass" geworden. Die Menge an Waffen in der ohnehin instabilen Region, die mit Drogenschmuggel und Terrorismus zu kämpfen hat, habe weiter zugenommen. Neben zahlreichen Handfeuerwaffen seien im Juni auch 500 Kilogramm des Sprengstoffs Semtex sichergestellt worden, sagte der nigerische Chefdiplomat.
Sorge über Waffen
Der Anti-Terror-Berater von US-Präsident Barack Obama, John Brennan, äußerte sich ebenfalls besorgt über die Sicherung von Waffen und anderem Militärmaterial in Libyen. Der Verbleib von Massenvernichtungswaffen ebenso wie von tragbaren Raketen bereite ihnen Sorgen, sagte Brennan bei einer Konferenz in Washington. Der US-Botschafter in Tripolis, Gene Cretz, warnte, Gaddafi und seine Söhne blieben eine Gefahr für die Stabilität Libyens, solange sie in Freiheit seien.
Der algerische Afrika- und Maghreb-Minister Abdelkader Messahel sagte, sein Land sei bereit, mit der nächsten Regierung in Libyen zusammenzuarbeiten. Auch er äußerte sich besorgt über die Verbreitung von Waffen in der Region. (APA/AFP)