Wiener Arbeitsmarktpolitik

"Alle hatten zu tun, doch ich bin nur auf der Couch gelegen"

7. September 2011, 18:48
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    foto: der standard/hendrich

    Neo-Medientechnikerin Melissa (re.) war durch falsche Schulwahl ins Out geraten. Jetzt arbeitet sie bei einer Filmproduktionsfirma:ein Vorzeigefall für Vizebürgermeisterin Renate Brauner (li.).

Der Schulabbrecherin Melissa hat die Stadt Wien Ausbildung und Job ermöglicht

Wien - Melissa macht sich keine Illusionen: "Mit meinem extravaganten Stil habe ich die Lehrer verschreckt, darum haben sie es mir nicht gerade leicht gemacht" , sagt sie in schönstem Burgtheater-Deutsch und mit der ganzen Lebenserfahrung ihrer 18 Jahre. Die hätten sie nach der Gleichung "Rote Haare ist gleich schlecht in der Schule" behandelt - und so war es ja dann auch. Nach ihrem ersten Jahr in der HTL Spengergasse, Klasse Textil, schied sie mit einem katastrophalen Zeugnis aus. Warum sie in dieser Klasse überhaupt gelandet war, ist ihr ein Rätsel. Denn eigentlich, sagt sie, habe sie immer gewusst: "Ich will Medientechnik machen."

Dass Melissa nun doch so etwas wie ein Vorzeige-Teenager für die Wiener Arbeitsmarktpolitik wurde, habe sie sich selbst, ihren Eltern und der "Ausbildungsgarantie" der Stadt Wien zu verdanken, sagt sie. Mutter und Vater motivierten sie immer wieder, obwohl es ihr nicht gut ging: "Ich hab mich jeden Morgen gefragt, wozu ich aufstehen soll. Alle anderen hatten etwas zu tun, doch ich bin nur mehr auf der Couch gelegen."

Die Ausbildungsgarantie der Stadt verpflichtet das Arbeitsmarktservice (AMS), junge Leute wie Melissa nicht aufzugeben und immer wieder Angebote zu machen. So absolvierte sie Kurs um Kurs, bis sie in einem Programm namens "Mädchen in die Technik", MIT, landete. Und von dort kam sie in eine überbetriebliche Ausbildungsstätte mit dem altmodischen Namen "Jugend am Werk", die ihr, gar nicht altmodisch, genau die Ausbildung bot, die sie sich gewünscht hatte: Grafik, Webdesign, Druck, Audio- und Videoschnitt.

Von da an lief es für Melissa gut: Sie wurde Klassenbeste, absolvierte mit Eifer Schnuppertage bei Betrieben und wurde dabei von ihrer jetzigen Chefin "entdeckt" . Heute hat sie ihre Lehre abgeschlossen, arbeitet in einer Filmproduktionsfirma und hat rein gar nichts dagegen, dass die Wiener Wirtschaftsstadträtin und Vizebürgermeisterin Renate Brauner (SP) sie zum Standard-Gespräch dazubat. Denn Brauner sieht in Melissa den Beweis, dass ihre Arbeitsmarktpolitik trotz aller Kritik der Opposition richtig ist.

Die hat sich seit kurzem verstärkt, und der Grund dafür ist eine Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo), die der Stadt bescheinigt, dass sie ein Problem hat: Immer mehr schlecht qualifizierte Jugendliche, auch aus den Bundesländern, leben in Wien. Sie finden keinen Job, und ihre Ausbildungsdefizite könnten dazu führen, dass Wien an Wettbewerbsfähigkeit verliert (der Standard berichtete). Studienkoordinator Peter Mayerhofer warnte vor allem, dass der Anteil der "early school leavers" bei steigender Tendenz höher liege als im Durchschnitt von EU-Großstädten und -Regionen.

Im Gegensatz zu VP und FP sieht Brauner jedoch ihre Wirtschaftspolitik nicht als "gescheitert" an und feuert zurück. Gerade in den letzten Tagen habe sie viel an die "politischen Skandale von Schwarz-Blau" denken müssen - die Abschaffung der Lehrlingsstiftungen sei einer der größten gewesen: "Nicht zuletzt in dieser Studie sehen wir die Folgen."

Umso wichtiger sei die Ausbildungsgarantie der Stadt, und mehr noch, sagt Brauner: Derzeit werde ein eigener Qualifikationsplan ausgearbeitet, damit Jugendliche auch Berufe mit den besten Jobchancen ergreifen - etwa im Gesundheits- oder Kommunikationsbereich. Ein weiterer Schritt: Ab 2012 startet der Wiener Arbeitnehmerförderungsfonds Waff ein Förderprogramm, mit dem vor allem formale Schulabschlüsse nachgeholt werden können.

"Ökonomischer Unsinn"

In die überbetriebliche Ausbildung von Jugendlichen investiert die Stadt jährlich 13 Millionen Euro, seit 2008 haben 4500 Jugendliche auf diese Weise eine Ausbildung von der Stadt bekommen. Im Herbst sollen 1000 weitere in Lehrberufe starten.

Aber, so Brauner: "Es kann nicht sein, dass sich ein Teil der Wirtschaft drückt." Es gebe in Österreich keine Lehrstelle, die nicht gefördert sei. Angesichts der prolongierten Wirtschaftskrise sei es Zeit umzudenken, fordert Brauner und regt einmal mehr die Schaffung eines Lehrlingsausbildungsfonds an, in den alle Wiener Betriebe einzahlen sollten. Denn: "Es wäre ökonomischer Unsinn, wenn man Talente wie jenes von Melissa nicht fördern würde."

Im Übrigen, ergänzt diese, sei es "ein Vorurteil, dass in ,Jugend am Werk‘ nur junge Menschen sind, die eh nichts wollen und eh nichts können." In ihrer Klasse hätten die meisten sehr wohl Antrieb und klare Vorstellungen gehabt. Brauner sagt, die Ausbildungsgarantie der Stadt sei in Wahrheit ein "Frühwarnsystem", damit Jugendliche "nicht irgendwo zwischen Schulabbruch und Herumhängen im Park verlorengehen". Das System der "Job-Coaches", die in die Schule gehen und junge Leute dort aktiv beraten, das Sozialminister Rudolf Hundstorfer kürzlich eingeführt hat, sei "in Wien erfunden worden" .

"Veraltetes" Schulsystem

Auf einem anderen Gebiet hält sich die Wiener Begeisterung für den Bund freilich in Grenzen: "Vieles, was heute in Schulen passiert, kommt mir immer noch vor wie zu meiner Zeit", sagt Brauner. Das Schulsystem sei hoffnungslos veraltet. Immer noch gingen Lehrer - wie in Melissas Fall - viel zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler ein, "und außerdem ist das System defizitorientiert, statt Stärken zu fördern" .

Wohin das führe, sehe man nicht zuletzt an der relativ niedrigen Zahl der Hochschulabgänger: Laut Wifo verfügen nur 26,5 Prozent der Wiener Erwerbstätigen über einen Hochschulabschluss - in Brüssel, London und Paris liegt deren Anteil bei jenseits der 40 Prozent. (Petra Stuiber, DER STANDARD; Printausgabe, 8.9.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 36
1 2
bycicle
10
10.9.2011, 21:32
ich will auch lieber

auf der couch liegen als hackeln. werde ich mal ausprobieren, werde sehen, ob sich dann um mich auch so viele kümmern werden und mich motivieren wollen....
allerdings hab ich keine roten haare, trage aber häufig schwarze pullover...

DarktowerX
00
19.1.2012, 14:38

auf der couch liegen wäre für mich keine interessante Alternative. Ich würde reisen und viel klettern gehen..

Jetzt neu: Kernschmelzkäse
00
"Laut Wifo verfügen nur 26,5 Prozent der Wiener Erwerbstätigen über einen Hochschulabschluss"

Und wie hoch soll er sein ?
Also übers ganze Land gerechnet. Denke nicht, dass hier Wien allein betrachtet werden sollte.

living reef
00
12.9.2011, 08:55
übers ganze land gerechnet schaut es noch düsterer aus!

presumption of innocence
00
Schmelzkäs, sie vergleichen STÄDTE

deswegen steht darunter London und Paris mit 40%.

Lesen und nicht schmelzen!

gawi
 
11
Und wenn

wir noch HTL & HAK Absolventen zu den 26% hinzuzählen, dann sind wir auch auf 40%.
In der Regel verrichten diese nämlich Tätigkeiten, die in anderen Ländern von Akademikern gemacht werden.

Kawummm !
01

hatte einen freund der studierte in london , den wurden 2 jahre htl angerechnet. weiters ist er in der htl gerade noch durchgekommen und in london war er unter den besten. und er hat mir selber bestätigt , wennst einmal die sprache perfekt beherrscht ist das studium ur leicht in gb

Laughing Magician
35

was für ein gequirltes blabla...

"wegen meines extravaganten stils"... rote haare, schwarzer pullover extravagant?
noch dazu ist gerade extravaganter stil in textil- und modeschulen eher ein plus, als daß man deswegen schlechter behandelt werden würde?

in welche schule ist sie gegangen? textil-spengergasse? was wollte sie machen? medientechnik?
da hätte die gute frau eigentlich nur einmal den allerwertesten heben müssen, und die abteilung wechseln. da hab ich weniger mitleid, als daß es mir ein amüsiertes lächeln entlockt.

aber hauptsache das aus meiner erfahrung eher unfähige AMS hat jetzt einen erfolg, den es sich gleich einem lorbeerkranz aufsetzen kann.

Kawummm !
02
gute sache

gute sache , gut gemacht wien ! ein satzt hat mir in dem artikel gar nicht gefallen "es wird viel zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler eingegangen"
so und jetzt münzen wir das mal auf die arbeitswelt um , wo wird in einem betrieb auf individuellen bedürfnisse eingegangen ? nirgends !schule ist eine vorbereitung auf die arbeitswelt !

presumption of innocence
00

eben deswegen müssen Talente gefördert werden, die in Berufe umsetzbar sind.

08/15 ist kein Erfolgsrezept

Kawummm !
10

die bist auch arbeitslos , oder ?

nebenerwerbsposter
03
brauners blick

spricht bände...

Mann40
010

ich freue mich sehr für diese junge Frau.

Und nun bitte auch den Alltag der ab 45jährigen beim AMS bzw. der Arbeitssuche schildern...

Cosmoprolet
 
13
„in Brüssel, London und Paris liegt deren Anteil bei jenseits der 40 Prozent.“ Und die Politik heult auf: Wir brauchen mehr Abiturienten, mehr Menschen, die studieren, sonst verlieren wir den Anschluss!

Solche Forderungen sind nur für Bildungsbürokraten wichtig, die immer schon mehr Geld für die immer gleiche starre Bildungsmaschine gefordert haben. Das sind übrigens nicht die viel gescholtenen Lehrer.

Der "Lehrerverband" hat zwar nicht die herrschende Bildungsideologie auf seiner Seite, dafür aber die Realität.
In D wird das bspw. sichtbar:
Das Bundesland Bayern hat unter den deutschen Flächenstaaten einerseits die besten Wirtschaftsdaten, andererseits die niedrigste Studierquote.
Die Frage, warum bspw. ein promovierter Theaterwissenschaftler oder Soziologe für die Entwicklungsfähigkeit einer Gesellschaft und deren Wohlstand "mehr wert" sein soll als ein Meister in einem Maschinenbaubetrieb, wird gar nicht erst gestellt.

heinz aus vindobona
00
von nix kommt nix!

D C1
317

gleich zur erklärung...ich bin lehrerin. Das Schulsystem, wie es momentan läuft, ist durchaus überaltert und gehört auf alle Fälle reformiert.
Aber....es werden nicht nur die roten Haare schuld sein, dass sie ein "katastrophales Zeugnis" hatte. Und es ist auch nicht so als hätte sie die Matura nachgeholt, sie hat eine Lehre gemacht (was super ist!) aber offensichtlich hat es bei ihr einfach nicht für eine höhere SChule gereicht...und das ist etwas was man auch akzeptieren muss.
Und wie Lehrer non stop einzeln auf Schüler eingehen sollen in den 50 Minuten frag ich mich auch. Ich bemüh mich sehr, aber du kannst nicht deine gesamte Energie auf 30 einzelne Schüler pro Klasse, bei 10 KLassen haben. Das sind 300 Kinder!!!! Wer schafft so was?

hotibaer
30

Deutsch unterrichten Sie ja wohl nicht, oder.

ca ramba
00

Hauptsache gemein, nicht?

altbürgermeister
04
Danke!

In der ganzen Situation müssen wir - wieder einmal - mit dem Irrglauben aufräumen, dass alle pädagogischen und Arbeitsmarkt-Probleme sich dadurch lösen lassen, dass alle SchülerInnen einen immer höheren Bildungsgrad erlangen und die Matura/Studienberechtigung schaffen.

Es muss nicht jeder ins Gymnasium, es braucht nicht jeder eine Matura, es muss nicht jeder studieren.

anne manner
00

ja, ich stimme Ihnen völlig zu: wieder mal ein artikel, der auf die lehrerInnen schiebt, was Schuld des systems ist. schade - denn die frage, wieso es denn so viele schulabbrecherInnen gibt, wird erst gar nicht gestellt.

gut, dass es melissa geschafft hat und ich gratuliere ohne Vorbehalt! - aber wie viele außer ihr halten all die AMS-Maßnahmen durch, bis sie durch Zufall in der Ausbildung landen, die sie wollen? Melissa wollte schon mit 14 Medientechnik machen, sie war keine ohne Zielvorstellung; wozu zahlen wir den Umweg über Textil und x Kurse?

Markus KA
21

Ein guter Lehrer?

LL MM
00

Und ein guter Läufer schafft die 100 Meter in 8 Sekunden.

D C1
11

Ok...alles klar!

Erwin Wolfram
10

ja es ist eben verwunderlich, dass man nach der schule noch etwas werden kann und zwar je nach sozialer schicht... im uebrigen find ich es auch pervers, dass ueberall maschinen arbeiten und wenn die menschen dann auf der couch liegen noch ein schlechtes gewissen haben... dann find ich es auch absurd, dasss man meint das soziale der oberen 3% fuer die unteren bepreisen zu koennen wie diese lehrerin... denn ich verkaufe ja auch keine lampenschirme aus menschenhaut...

Verbatim
18

"In London und Paris liegt deren Anteil bei jenseits der 40 Prozent"

...stimmt und deshalb herrscht da ja Friede, Freude Eierkuchen... Diese krankhafte Akademisierung ist ja lächerlich. Die Ausbildung bzw. der Mensch wird ja nicht besser nur wenn man ihm/r einen Bachelor vor oder nach dem Namen hinstellt...

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