Pakistanische Terroristen bekennen sich zu Tat - Proteste gegen indische Regierung
Niemandem war die Aktentasche weiter aufgefallen. Die Täter hatten sie mit
vier Kilogramm Sprengstoff gefüllt und am Haupttor von Delhis Oberstem Gericht
abgestellt. Als die Bombe um 10.14 Uhr hochging, drängten sich besonders viele
Besucher am Einlass, weil das Gericht mittwochs immer Fälle von öffentlichem
Interesse anhört.
Die Explosion war so stark, dass sie einen metergroßen Krater in die Straße
riss. Mindestens elf Menschen starben, mehr als 60 wurden verletzt. Es war der
schwerste Anschlag seit drei Jahren - und es scheint, dass Al-Kaida-nahe
Extremisten dahinterstecken: So bekannte sich die Terrorgruppe Harkat-ul-Jihad
al-Islami (HuJI) in einer E-Mail zu der Bluttat.
Indiens Innenminister Chidambaram äußerte sich vorsichtig zu den Tätern. Man
nehme die Bekennermail von HuJI sehr ernst, prüfe aber noch deren Echtheit, hieß
es. In Indien wurde der Alarmzustand ausgerufen, Medien sprachen von einem
"schwarzen Mittwoch".
Die HuJI, die von Pakistan und Bangladesch aus operiert, pflegt Kontakte zu
Al-Kaida und gilt als eine der gefährlichsten Terrorgruppen Südasiens. Ihr
Kommandeur Ilyas Kashmiri, der ebenfalls als Al-Kaida-Mitglied galt, war
angeblich am 3. Juni 2011 von US-Drohnen in Südwasiristan getötet worden.
Augenzeugen in Delhi schilderten furchtbare Szenen. Alles sei voll von Blut
und Körperteilen gewesen. Zugleich sah sich Indiens Regierung Kritik ausgesetzt.
Am 25. Mai war bereits eine kleinere Bombe vor dem Gericht explodiert, Medien
mutmaßten nun, dass dies nur eine "Generalprobe" für den jüngsten Anschlag war.
Vor dem Hospital, in das die Verletzten gebracht wurden, kam es zu wütenden
Protesten gegen Politiker.
Verbindungen nach Pakistan
Ähnlich wie Lashkar-e-Toiba (LeT) gilt auch HuJI als einstiges Ziehkind von
Pakistans Geheimdienst ISI. HuJI soll sich aber inzwischen gegen Pakistan
gewandt und zahlreiche Attentate auf Militärs und Politiker verübt haben. In der
Bekennermail droht HuJI weitere Anschläge auf Gerichte an, sollte Indien einen
Mann hinrichten, der wegen der Attacke auf das indische Parlament 2001 zum Tode
verurteilt wurde.
Sollte HuJI den Anschlag verübt haben, könnte dies die Beziehungen zwischen
Indien und Pakistan massiv belasten. Das Verhältnis zwischen den Erzfeinden
hatte sich gerade erst entspannt, nachdem die Terrorattacke auf Mumbai 2008 die
Atommächte in eine schwere Krise gestürzt hatte. Für diese Attacke wurde die
ebenfalls in Pakistan ansässige Terrorgruppe LeT verantwortlich gemacht. Erst
Mitte Juli waren bei einer Anschlagsserie in Mumbai mehr als 20 Menschen getötet
worden. Als Täter werden Hindu-Extremisten vermutet.
Auch in Pakistan schlug am Mittwoch erneut der Terror zu: In Quetta rissen
zwei Selbstmordattentäter über 24 Menschen mit in den Tod. Die meisten Opfer
waren Sicherheitskräfte, aber auch Frauen und Kinder waren darunter. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2011)