Interessante Zuspitzungen in neuen Filmen von Andrea Arnold und Nicolas Provost
Geschichten von Außenseitern, die sich einer feindlichen Gesellschaft
gegenübersehen, sind auf diesem 68. Filmfestival von Venedig in
mannigfaltigen Ausformungen zu erleben. Der Flüchtling, der Illegale,
der Fremde - sie stehen auf der anderen Seite unserer exklusiven
Gemeinschaft, deren Wohlstand so verführerisch wirkt.
Wuthering Heights, Emily Brontës literarischer Klassiker von 1847 um die
grausamen Widrigkeiten einer leidenschaftlichen Liebe, würde einem in
diesem Kontext vielleicht nicht gleich einfallen. Doch auch Heathcliff,
der Held des Romans, der bei einer Familie in den Mooren von Yorkshire
aufwächst, ist ein Mann mit dunklem Haar, ein "Bastard", vermutlich ein
"Zigeuner".
Die Britin Andrea Arnold (Fish Tank) hat das Buch adaptiert und
Heathcliff dabei zum Schwarzen gemacht - also weniger ein origineller
Regieeinfall als die konsequente Zuspitzung der Vorlage. Für deren
innersten Konflikt, die verzweifelte Liebe Heathcliffs zu Cathy,
interessiert sie sich nur mittelbar: Sie sucht weniger das Melodram denn
ein elementares Kino der Gesten, der Sinne und grimmigen Atmosphären.
Schon in früheren Arbeiten Arnolds haben sensorische Momente eine
besondere Rolle gespielt; in Wuthering Heights dominieren sie den Film.
Heathcliff und Cathy brauchen kaum Worte, sie erfahren die Welt
körperlich, ertasten sie, und Robbie Ryans Handkamera agiert, als würde
sie Sinneseindrücke in Bilder übersetzen. Vor allem im ersten Abschnitt
gelingt Arnold damit eine bemerkenswerte Modernisierung des Kostümfilms.
Die Rauheit der Bilder, die von düsteren Blau- und Grüntönen der Natur
bestimmt sind, erlaubt eine direktere Form der Anteilnahme. Heathcliff
lässt sich in haptischem Sinn als Hitzkopf erleben, dessen Haltung trotz
aller Erniedrigung aufrecht bleibt.
Die politische Kraft von Wuthering Heights liegt in der Weigerung des
Helden, auf seinen "Besitz" der Gefühle zu verzichten. Nicolas Provost,
ein Künstler, der zum Spielfilm gewechselt ist, erzählt eine
vergleichbare Geschichte unter gegenwärtigen Bedingungen. Die erste
Szene des Films zählte in ihrer Kühnheit zu den einprägsamsten des
Festivals: Eine nackte Frau bewegt sich am Strand zu wummernder Musik
auf die Meeresbrandung zu und begegnet dort einem Schwarzen, der soeben
auf Europa bruchgelandet ist.
The Invader ist unübersehbar ein Film, der die Provokation sucht: Amadou
entspricht gleich in mehrfacher Hinsicht dem rassistischen Stereotyp des
schwarzen Mannes, er ist ein übersexualisierter Verführer, von dem eine
animalische Bedrohung ausgeht.
Man kann Provosts Ansatz als zwar streitbare, aber dringend notwendige
Umdeutung all jener politisch korrekten Sozialdramen verstehen, die uns
Flüchtlinge immer nur als Opfer präsentieren. Mit Amadou tritt uns
jedoch das Zerrbild unserer kleinkarierten Ängste entgegen, ein Mann,
der mit aller Macht seinen Traum verfolgt, einmal neben einer weißen
Frau aufzuwachen. Erst vor diesem Bild wirken die Techniken der
Ausschließung, mit denen man ihm begegnen will, richtiggehend
unheimlich. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig / DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2011)