Findling, Flüchtling, Illegaler

7. September 2011, 17:11
  • Artikelbild
    foto: festival venedig

    Sinneseindrücke, in Bilder übersetzt: Andrea Arnolds elementares "Wuthering Heights".

Interessante Zuspitzungen in neuen Filmen von Andrea Arnold und Nicolas Provost

Geschichten von Außenseitern, die sich einer feindlichen Gesellschaft gegenübersehen, sind auf diesem 68. Filmfestival von Venedig in mannigfaltigen Ausformungen zu erleben. Der Flüchtling, der Illegale, der Fremde - sie stehen auf der anderen Seite unserer exklusiven Gemeinschaft, deren Wohlstand so verführerisch wirkt.

Wuthering Heights, Emily Brontës literarischer Klassiker von 1847 um die grausamen Widrigkeiten einer leidenschaftlichen Liebe, würde einem in diesem Kontext vielleicht nicht gleich einfallen. Doch auch Heathcliff, der Held des Romans, der bei einer Familie in den Mooren von Yorkshire aufwächst, ist ein Mann mit dunklem Haar, ein "Bastard", vermutlich ein "Zigeuner".

Die Britin Andrea Arnold (Fish Tank) hat das Buch adaptiert und Heathcliff dabei zum Schwarzen gemacht - also weniger ein origineller Regieeinfall als die konsequente Zuspitzung der Vorlage. Für deren innersten Konflikt, die verzweifelte Liebe Heathcliffs zu Cathy, interessiert sie sich nur mittelbar: Sie sucht weniger das Melodram denn ein elementares Kino der Gesten, der Sinne und grimmigen Atmosphären.

Schon in früheren Arbeiten Arnolds haben sensorische Momente eine besondere Rolle gespielt; in Wuthering Heights dominieren sie den Film. Heathcliff und Cathy brauchen kaum Worte, sie erfahren die Welt körperlich, ertasten sie, und Robbie Ryans Handkamera agiert, als würde sie Sinneseindrücke in Bilder übersetzen. Vor allem im ersten Abschnitt gelingt Arnold damit eine bemerkenswerte Modernisierung des Kostümfilms. Die Rauheit der Bilder, die von düsteren Blau- und Grüntönen der Natur bestimmt sind, erlaubt eine direktere Form der Anteilnahme. Heathcliff lässt sich in haptischem Sinn als Hitzkopf erleben, dessen Haltung trotz aller Erniedrigung aufrecht bleibt.

Die politische Kraft von Wuthering Heights liegt in der Weigerung des Helden, auf seinen "Besitz" der Gefühle zu verzichten. Nicolas Provost, ein Künstler, der zum Spielfilm gewechselt ist, erzählt eine vergleichbare Geschichte unter gegenwärtigen Bedingungen. Die erste Szene des Films zählte in ihrer Kühnheit zu den einprägsamsten des Festivals: Eine nackte Frau bewegt sich am Strand zu wummernder Musik auf die Meeresbrandung zu und begegnet dort einem Schwarzen, der soeben auf Europa bruchgelandet ist.

The Invader ist unübersehbar ein Film, der die Provokation sucht: Amadou entspricht gleich in mehrfacher Hinsicht dem rassistischen Stereotyp des schwarzen Mannes, er ist ein übersexualisierter Verführer, von dem eine animalische Bedrohung ausgeht.

Man kann Provosts Ansatz als zwar streitbare, aber dringend notwendige Umdeutung all jener politisch korrekten Sozialdramen verstehen, die uns Flüchtlinge immer nur als Opfer präsentieren. Mit Amadou tritt uns jedoch das Zerrbild unserer kleinkarierten Ängste entgegen, ein Mann, der mit aller Macht seinen Traum verfolgt, einmal neben einer weißen Frau aufzuwachen. Erst vor diesem Bild wirken die Techniken der Ausschließung, mit denen man ihm begegnen will, richtiggehend unheimlich.  (Dominik Kamalzadeh aus Venedig / DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2011)

Johannes Benn
10
.

"unserer kleinkarierten Ängste entgegen"
was bitte schoen ist bei ueber 400 mio potentiellen amadous an den aengsten kleinkariert?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.