Chronisch entzündlichen Darmerkrankungen durch zu wenig Abwehr

  • Die chronische Darmentzündung ist eine Reaktion auf die Abwehrschwäche.
    foto: clara diercks / pixelio.de

    Die chronische Darmentzündung ist eine Reaktion auf die Abwehrschwäche.

Bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa ist nicht wie angenommen das Immunsystem überaktiv, sondern die Darmabwehr zu schwach

Kiel/Berlin - Die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa begleiten Betroffene ein Leben lang und gelten als unheilbar. Viele Experten nahmen bisher an, es handle sich bei der chronischen Entzündung des Darms um eine Autoimmunerkrankung, bei der ein überaktives Immunsystem den Darm angreift. Neue Studien zeigen aber, dass ein Versagen der angeborenen Abwehr gegen Darmbakterien der Auslöser für die Krankheiten ist. Die chronische Entzündung sei folglich als Reaktion auf diese Abwehrschwäche zu verstehen, teilt die Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) mit.

Übelkeit, Bauchschmerzen und Durchfälle

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden häufig bei jungen Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zum ersten Mal festgestellt. Symptome wie Übelkeit, krampfartige Bauchschmerzen, Durchfälle und Schwäche treten in Schüben auf, deren Form, Stärke und Verlauf individuell verschieden sind. Die bislang nicht heilbaren Erkrankungen wirken sich erheblich auf die Lebensqualität der Patienten aus.

Behandlungsansätze zielen zumeist mit so genannten Immunsuppressiva auf eine Unterdrückung des überaktiven Immunsystems ab und lösen zum Teil starke Nebenwirkungen bei Betroffenen aus. Neuere Forschungsarbeiten werfen nun ein neues Licht auf die Ursachen der Darmerkrankung.

Zuwenig - nicht zuviel Abwehr

Forscher vom Dr. Margarete Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie des Stuttgarter Robert Bosch Krankenhauses (RBK) haben zu einem Paradigmenwechsel in der Ursachenforschung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen beigetragen.

Jan Wehkamp vom RBK: "Bisher gingen die meisten Experten davon aus, dass bei der chronisch entzündlichen Darmerkrankung ein übereifriges Immunsystem das gesunde Gewebe als Feind betrachtet und bekämpft, was ein typischer Mechanismus einer chronischen Entzündung ist. Diese Sichtweise ändert sich gerade grundlegend." Bereits vor mehr als 10 Jahren wurde gezeigt, dass sich die Entzündungsreaktion nicht primär gegen den eigenen Körper sondern gegen "normale" Darmbakterien richtet. Ohne Anwesenheit dieser Bakterien schwächt die Entzündung im Darm ab. Weitere Studien zeigten, dass sich besonders bei Morbus Crohn Bakterien auf der Schleimhaut direkt festsetzen, die bei Gesunden nicht zu finden sind, erklärt Wehkamp.

"Wir konnten diese Beobachtungen zunächst nicht mit unserem Wissen über die Krankheiten in kausale Verbindung bringen, aber neuere Studien beweisen jetzt, dass es sich um eine Schwäche der Darmabwehr gegen Bakterien handelt", so der Forscher. Durch diese Abwehrschwäche direkt an der Darmoberfläche dringen Bakterien in die Schleimhaut ein. Nur als Folge davon, nicht als Ursache dafür, tritt die Entzündung auf: Die Entzündungszellen reagieren konsequenterweise auf das Eindringen der Bakterien und greifen die Mikroorganismen an weil das Immunsystem diese zu Recht als "fremd" erkennt. Folge und zugleich Auslöser der klinischen Symptome ist dann eine chronische Entzündung - als Antwort auf die Abwehrschwäche mit dem Ziel, den keimfreien Zustand des gesunden Gewebes zu erreichen.

Neue Therapieansätze

Diese Erkenntnisse der Grundlagenforschung könnten zu neuen Ansätzen in der Therapie führen. Voraussetzung dafür ist die Entwicklung von Substanzen, mit denen das angeborene Immunsystem und die Darmbarriere gestärkt und unterstützt werden. Hier gebe es erste positive Ansätze mit Wirkstoffgruppen, die zunächst jedoch in Studien überprüft und getestet werden müssen. "Natürlich bedeuten diese Erkenntnisse nicht, dass alle anderen, gerade aktuellen Therapien falsch sind. Gerade in einer akuten Phase bleibt es sehr wahrscheinlich weiterhin sinnvoll und notwendig die Immunreaktion des Körpers zu unterdrücken", so Wehkamp. Ideal wäre es jedoch, das Immunsystem gegen Mikroorganismen gerade in entzündungsfreien Phasen so stärken zu können, dass die Unterdrückung der Immunantwort nur noch in seltenen Fällen notwendig sein wird. (red)

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