Alice im Wunderland als Kopfschmerz-Ankünder

  • Im Traum sieht Alice ein kleines weißes Kaninchen, das auf eine Uhr starrt und meint es komme zu spät.
Foto: www.pixelio.de
    foto: hexe110/www.pixelio.de

    Im Traum sieht Alice ein kleines weißes Kaninchen, das auf eine Uhr starrt und meint es komme zu spät.

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Riesengroß oder klein geschrumpft - Migräne mit Aura kann zu einer verändertem Körperwahrnehmung führen

Ein wichtiges Forschungsgebiet der Neurologie, nämlich die Migräneforschung, lag im Jahr 1865 noch in ferner Zukunft. 1865 war das Jahr als der Schriftsteller und Mathematiker Lewis Carroll die fantastische Erzählung von Alice im Wunderland veröffentlichte. Sie handelt von einem kleinen Mädchen, Alice, das in eine Fantasiewelt gerät, in der Katzen plötzlich unsichtbar werden, Blumen sprechen können, Uhren rückwärts gehen, weiße Hasen riesengroß werden und es selbst schrumpfen kann. 

Fast 100 Jahre nach Carolls Veröffentlichung beschäftigten sich auch Neurologen mit seinen Erzählungen. Caroll soll seine Migräne-Aura Erfahrungen in „Alice im Wunderland" und in der Nachfolgegeschichte „Alice hinter den Spiegeln" verarbeitet haben, lautet eine These, die zwar umstritten ist, jedoch von vielen Medizinern vertreten wird. 1955 wurde die Bezeichnung „Alice im Wunderland-Syndrom" für diese Form der Migräne-Aura -Erfahrungen geprägt. Unter "Aura" werden neurologische Erscheinungen verstanden, die eine Migräne ankündigen. 

"Mikropsie" und "Makropsie"

Dinge wirken kleiner oder größer als sie tatsächlich sind. Auch man selbst oder bestimmte Körperteile können größer oder kleiner erscheinen. Diese "Mikropsie" oder "Makropsie" kann zudem im Zuge epileptischer Anfälle auftreten. Und jüngst wurde ein Fall bekannt, in dem ein mit dem H1N1-Virus infiziertes Mädchen ihren Körper wie beschrieben verändert wahr nahm, sagt Christian Wöber, Leiter der Kopfschmerzambulanz am Wiener AKH .

"Tatsächlich leiden jedoch wenige Menschen am Alice im Wunderland-Syndrom", betont der Migräne-Experte. Von etwa 800.000 bis einer Million Menschen die hierzulande von Migräne betroffen sind, haben zehn bis fünfzehn Prozent Aura-Symptome. Neurologische Phänomene wie Sehstörungen, Gesichtsfeldausfälle, Blitze, schillernde bunte Farben, Sprechstörungen oder Taubheit an einer Körperseite kündigen bei etwa 100.000 Menschen in Österreich eine Migräne-Attacke an. Wie viele von ihnen am Alice im Wunderland-Syndrom leiden, ist nicht bekannt.

"Es fühlt sich an, als stünde ich in einer sehr großen Halle. Ich fühle mich ganz klein und jedes Geräusch höre ich sehr laut. Mich selbst höre ich verzögert reden. Außerdem sehe ich Blitze, die immer intensiver werden", beschreibt Sonja Günther ihre persönlichen Aura-Erlebnisse. „Es gibt ein sehr breites Spektrum an möglichen Erscheinungen", so Wöber. 

Keine Behandlungsmöglichkeit

Das Alice im Wunderland-Syndrom ist wenig erforscht. Vermutlich kommt es, wie bei anderen neurologischen Aura-Erscheinungen auch, vorübergehend zu einer Funktionsveränderung jener Nervenzellen, die im Sehzentrum des Gehirns lokalisiert sind. Die Störung breitet sich wellenartig im Gehirn aus.

"Aura-Erscheinungen kündigen sich meist langsam an und dauern durchschnittlich 20 bis 30 Minuten an", erklärt Wöber. Sehr oft sind diese Erscheinungen mit Angst verbunden, gerade dann wenn sie erstmalig auftreten. Oft wird befürchtet, dass das Phänomen zum dauerhaften Lebensbegleiter wird. Die gute Nachricht ist jedoch: „Es geht praktisch immer weg", so Wöber. 

Für das Alice im Wunderland-Syndrom gibt es genauso wie für andere Aura-Erscheinungen keine Behandlungsmöglichkeit, erklärt der Schmerzspezialist. Patienten die sehr häufig unter Migräne leiden, können prophylaktisch Medikamente einnehmen. Manchen Patienten gelingt es im Laufe der Zeit, die Migräne auslösenden Faktoren auszumachen und diese zu meiden. Wie Migräne letztendlich aber entsteht, konnte bis dato noch nicht geklärt werden. Rund die Hälfte der Betroffenen hat mindestens ein ebenfalls erkranktes Familienmitglied. Insbesondere bei Migräne mit Aura wurde die genetische Anlage besonders häufig beobachtet. (derStandard.at, 10. September 2011)

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