Mit dem Taxi vom Datenberg in die Stadt

6. September 2011, 18:43
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In der Linzer Ausstellung "Sensing Place / Placing Sense" präsentieren Forscher unterschiedliche Programme, mit denen die Stadt der Zukunft besser zu verstehen und leichter zu beeinflussen ist

Während die Strecke zwischen Wiener Innenstadt und Flughafen Wien-Schwechat nahezu rund um die Uhr von Taxis stark frequentiert wird (siehe Foto links), herrscht zwischen ein und zwei Uhr nachts absolute Flaute. Das ergibt eine GPS-Studie des Austrian Institute of Technologies (AIT), die seit 2005 in Zusammenarbeit mit drei Wiener Taxiunternehmen laufend durchgeführt wird.

Durch die Ausstattung der Fahrzeuge können Fahrtrouten, Geschwindigkeiten und Staus leicht in Erfahrung gebracht werden. Mit den gewonnen Daten werden etwa Verkehrsprognosen im Raum Wien durchgeführt. Auch Staumeldungen und Verkehrsfunk basieren zum großen Teil darauf.

In der Ausstellung Sensing Place / Placing Sense, die im Rahmen der Ars Electronica derzeit im architekturforum oberösterreich (afo) in Linz zu sehen ist (in Zusammenarbeit mit dem AIT), wurden die Taxidaten, die bislang nur in Form von Zahlenkolonnen existierten, erstmals visualisiert.

Das Taxi als Platzhalter

Mahir M. Yavuz, Forscher am MIT Media Lab in Boston, bereitete die Daten in einer Printserie auf und knetete daraus seinen Ausstellungsbeitrag Sense of Patterns. "Die Fahrtrouten der Taxis sind ein repräsentativer Querschnitt", sagt Yavuz. "Auf diese Weise soll anschaulich gemacht werden, wie unterschiedlich sich Menschenmassen in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Raums verhalten."

Um virtuelle Verortung geht es auch in der Arbeit Kazamidori. Der japanische Forscher Hideaki Ogawa ließ sich während seines nunmehr fünfjährigen Aufenthaltes in Österreich von den vielen Wetterhähnen inspirieren und baute ein solches Metalltier kurzerhand um. Nicht mehr die Richtung des Windes wird angezeigt, sondern jene Himmelsrichtung, aus der die Zugriffe auf die Homepage der Ars Electronica erfolgen.

Pieter Franken wiederum, der seit mehr als 20 Jahren in Tokio lebt, reagierte auf die Verschleierungspolitik der japanischen Regierung. "Nach dem Atomreaktorunfall in Fukushima wusste niemand, wie groß die radioaktive Belastung in seinem Lebensumfeld war", sagt der 44-Jährige. "Die Beamten rückten nicht mit der Info raus, und in den Geschäften gab es keine Geigerzähler mehr." Er untersuchte, welche Komponenten im üblichen Handel erhältlich sind, und baute daraus einen Lowtech-Selbstbaukit. Der sogenannte iGeigie wird an ein iPhone angeschlossen. Auf diese Weise können die Messwerte sofort verortet, gespeichert und gegebenenfalls an Freunde und Verwandte weitergeschickt werden.

Die Arbeit mit dem langfristig womöglich größten Potenzial ist Place Pulse, entwickelt von Phil Salesses, Anthony DeVincenzi, Mauro Martino und César A. Hidalgo. In Form eines visuellen Online-Fragebogens können Menschen über unterschiedliche Faktoren wie etwa Ästhetik, urbane Attraktivität und subjektives Sicherheitsempfinden abstimmen. Im Vorfeld der Ars Electronica konnten für die Städte Wien, Linz, Salzburg, Boston und New York bereits 500.000 Stimmen gewonnen werden.

"Die bisherigen Fragen sind nur eine Art Platzhalter", sagt Salesses. "Langfristig könnte so ein Befragungstool allerdings verwendet werden, um partizipativ über Planungsfragen im öffentlichen Raum zu entscheiden." Er nennt ein Beispiel: "Bevor man etwa viel Geld ausgibt, um Infrastruktur zu verbessern, Umbauten durchzuführen oder auch nur Graffiti zu entfernen, könnte man online in Erfahrung bringen, wie effizient solche Maßnahmen überhaupt im subjektiven Empfinden der Bevölkerung wären."

Eines ist nach dem Besuch der afo-Ausstellung sicher: Die Stadtplanung von morgen muss transparenter und effizienter sein. Vor allem aber muss sie die mündigen Bewohner stärker miteinbeziehen, als dies heute der Fall ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.09.2011)

  • Taxifahrten in Wien: Mit den GPS-Daten kann man Schlüsse auf das Verhalten größerer Menschenmassen ziehen.
    visualisierung: mahir m. yavuz

    Taxifahrten in Wien: Mit den GPS-Daten kann man Schlüsse auf das Verhalten größerer Menschenmassen ziehen.

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