Helmut Holzinger, Präsident der Fachhochschulkonferenz, über Unterschiede zwischen FHs und Unis und ihre Geldsorgen
Die Fachhochschulen werden schon seit ihrem Bestehen pro Studienplatz bezahlt. Auch die Universitäten sollen bald so finanziert werden. Doch dieses Prinzip birgt nicht nur Vorteile, erklärt der Präsident der Fachhochschulkonferenz (FHK), Helmut Holzinger, im Interview mit derStandard.at. "Eine Konsequenz ist, dass wir von drei Bewerbern zwei wegschicken müssen, weil wir nur über eine begrenzte Zahl von Studienplätzen verfügen", sagt Holzinger. Auch die Fachhochschulen haben zu wenig Geld und sind derzeit auf dem selben Stand wie im Jahr 2009.
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derStandard.at: Im Bericht der Expertenkommission werden die Fachhochschulen in den Himmel gelobt. Ist die Situation tatsächlich so gut?
Holzinger: Ich glaube man muss, wenn man den Bericht ansieht schon bedenken, dass hier zwei unterschiedliche Systeme betrachtet werden. Das Universitätssystem und das Fachhochschulsystem. Beide sind Teile des Hochschulsystems in Österreich. Insofern ist die Frage nicht ganz fair. Wenn bei uns alles gut wäre, wäre der Schluss möglich, dass bei den Universitäten alles schlecht sei. Das werden Sie von mir nicht hören. Die Universitäten haben ihre Rahmenbedingungen - da wird an den Universitäten ganz hervorragende Arbeit geleistet - die Fachhochschulen haben seit Bestehen andere Rahmenbedingungen. Insofern sind beide Sektoren weder gut noch schlecht. Ich möchte nicht, dass der Universitätssektor und der Fachhochschulsektor gegeneinander ausgespielt werden.
derStandard.at: Sie haben von unterschiedlichen Rahmenbedingungen gesprochen. Wo sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Universitäten und Fachhochschulen?
Holzinger: Wir haben im FH-Sektor die Studienplatzfinanzierung. Bei den Universitäten wird schon länger über ein solches Modell gesprochen. Die Konsequenzen der studienplatzbezogenen Finanzierung im Fachhochschulsektor sind mehrdimensional. Eine Konsequenz ist, dass wir von drei Bewerbern zwei wegschicken müssen, weil wir nur über eine begrenzte Zahl von Studienplätzen verfügen. Das heißt aber in Wirklichkeit, dass wir dreimal so viele Studienplätze benötigten, als derzeit im FH-Sektor bestehen.
derStandard.at: Heißt das, Sie würden lieber mehr Studenten haben und nicht nur die besten der Bewerber aussuchen?
Holzinger: Das ist kein Gegensatzpaar. Der eine Aspekt ist, dass die Nachfrage der Studierenden das Angebot übersteigt. Der zweite Aspekt ist, dass die Wirtschaft hochqualifizierte Personen nachfragt und auch sagt: Wir brauchen mehr FH-Absolventen. Die gibt es aber nicht. Selbstverständlich wollen wir sehr gut qualifizierte Studierende. Im Interesse der Studierenden. Es geht auch darum, Studierende vor einer Fehlentscheidung zu bewahren. Dass sie aufgrund falscher Vorstellungen etwas studieren, was ihren Begabungen und Neigungen nicht entspricht. Es ist aber so, dass die Wirtschaft mehr Personal nachfragt und eine größere Anzahl von Personen ein Studium im Fachhochschulbereich anstrebt und wir trotzdem zwei von drei wegschicken müssen. Insgesamt ist das volkswirtschaftlich nicht sehr befriedigend.
derStandard.at: Sehen Sie hier ein Problem bei dem System der Studienplatzfinanzierung?
Holzinger: Wir sehen kein Problem beim Prinzip, das sich aus der Studienplatzfinanzierung ergibt. Wir sehen ein Problem, das sich aus der finanziellen Bedeckung im Hochschulbereich ergibt. Es ist einfach zu wenig Geld für den Hochschulsektor da.
derStandard.at: Die Studienplatzfinanzierung wird zurzeit von der Bundesregierung als die Lösung für die Probleme an den Universitäten dargestellt. Wird das tatsächlich ausreichen?
Holzinger: Wenn die Budgetmittel insgesamt nicht steigen wird sich nichts ändern. Es ist ja im Fachhochschulsektor so, dass wir jetzt in unserem Wachstum auf dem Stand des Jahres 2009 eingefroren sind. Die Situation, dass wir weniger Studierende aufnehmen können, als wir wollen, wird dadurch nicht besser. Das Prinzip der Studienplatzfinanzierung löst nicht das Problem, dass die Bundesregierung für den Hochschulsektor insgesamt mehr Geld zur Verfügung stellen muss.
derStandard.at: Wie werden eigentlich die Kosten für einen Studienplatz genau berechnet?
Holzinger: Es hat im Jahr 1993 eine Normkostenberechnung im Fachhochschulsektor gegeben. Damals hat die Bundesregierung gesagt, dass sie 90 Prozent der errechneten Normkosten zahlt. Es hat bis 2009 gebraucht, bis die erste Valorisierung passiert ist. Das heißt, von 1994 bis zum Jahr 2009 ist der Betrag nicht einmal um die Inflationsrate valorisiert worden, sondern ist gleich geblieben. Der Inflationsverlust von 1994 bis 2009 beträgt rund 35 Prozent. Es gab 2009 eine Teilvalorisierung von 14 Prozent.
derStandard.at: Das war also eigentlich viel zu wenig?
Holzinger: Die Inflation ist nicht vollständig abgegolten worden, das ist richtig. Aber unser aktueller Standpunkt im Interesse der Studierenden und der Wirtschaft ist nicht, dass das Budget der Finanzierung pro Platz erhöht wird, sondern wir wollen mehr Studienplätze im FH Bereich. Derzeit können wir nur Studienplätze zwischen den einzelnen Studiengängen umschichten.
derStandard.at: Wie wird der Bedarf an Studienplätzen pro Studiengang erhoben?
Holzinger: Jedes neue Studienprogramm wird nicht nur entwickelt, sondern es gibt eine sogenannte Bedarfs- und Akzeptanzstudie. Bei allen Problemen, die solche Prognosen beinhalten, sind sie ein Beitrag dazu, festzustellen, ob es die Nachfrage seitens der Wirtschaft nach Absolventinnen und Absolventen gibt und ob es auch Studierwillige gibt.
derStandard.at: Würden Sie den Universitäten ein Studienplatzfinanzierungsmodell, wie es an den Fachhochschulen umgesetzt wird, empfehlen?
Holzinger: Mir ist das Modell der Studienplatzfinanzierung an den Universitäten noch nicht vorgestellt worden. Die Studienplatzfinanzierung im FH-Bereich sieht vor, dass nur besetzte Plätze finanziert werden. Wir haben einen hohen Teil von berufsbegleitenden Studierenden, wir haben einen hohen Anteil an Frauen. Beides ist positiv. Aber das ist eine Ursache dafür, dass einige ihr Studium vorzeitig beenden. Das führt aber auch zur Einstellung der Finanzierung. Das hab ich auch in der Vergangenheit den Kollegen von den Universitäten gesagt. Bei der Studienplatzfinanzierung ist aus meiner Sicht eine etwas differenziertere Betrachtung sinnvoll.
derStandard.at: Ein Drittel der Fachhochschulen verlangt keine Studiengebühren. Sind Sie selbst Befürworter von Studiengebühren?
Holzinger: Ich bin Geschäftsführer der Fachhochschule des bfi Wien und wir heben Studiengebühren ein. Das hängt damit zusammen, dass wir diese Erlöse betriebswirtschaftlich brauchen. Die Frage der Studiengebühren ist eine rein politische, die zwischen den Parteien zu klären ist. Jene Fachhochschulen, die keine Studiengebühren einheben, bekommen diesen Einnahmenausfall bezahlt, meist von den Ländern.
derStandard.at: Wie erklären Sie sich, dass die soziale Durchmischung an FHs trotz Studiengebühren besser ist als an der Universität?
Holzinger: Das hat mehrere Ursachen. Ein Grund ist die Studienorganisation. Wenn ich mich als Studierwilliger an einer Universität 6.000 Studienanfängern und -anfängerinnen gegenüber sehe, dann bin ich emotional überfordert. An Fachhochschulen habe ich die Möglichkeit, in überschaubaren Gruppen zu arbeiten. Das schafft durchaus einen Ausgleich zwischen Personen unterschiedlicher sozialer Herkunft. Man kann voneinander lernen. Es ist auch wichtig, dass derzeit ein Großteil der Absolventen im Fachhochschulsektor in der Mindeststudienzeit abschließt. Das ist auch ein wichtiger Aspekt, gerade wenn ich aus einer nicht so nahen Bildungsschicht komme.
Natürlich ist es auch so, dass der Umstand, dass ein Drittel der Studienplätze berufsbegleitend angeboten wird, ein immenser Vorteil ist. Damit werden Personen angesprochen, die zum Beispiel beruflich Karriere gemacht haben und dann kommen sie nach einiger Zeit darauf, dass sie ein Studium absolvieren wollen. Auch das fördert die soziale Durchmischung. Fachhochschulen sind regional verankert und Töchter und Söhne können in der Nähe studieren. Die bessere soziale Durchmischung hat auch mit der direkten Verwertungsmöglichkeit des Studiums in einem Beruf zu tun.
derStandard.at: Glauben Sie, dass die Unis einen Ausbau der FHs auf 40 Prozent, wie es im Expertenbericht für den Hochschulplan vorgeschlagen wird, unterstützen werden?
Holzinger: Die Gespräche, die ich bis jetzt geführt habe, deuten sehr stark darauf hin. Es ist auch so, dass die Universitäten in bestimmten Massenfächern durchaus selbst sagen, dass der Studierendenandrang zu groß ist. Ich glaube ein mehr an Angebot ist nicht schlecht, weil es keine Konkurrenz für die Universitäten darstellt.
derStandard.at: Ist es realistisch, dass dieser Ausbau auch umgesetzt wird?
Holzinger: Es gibt einen Glaubwürdigkeitsdruck für die Politik. Ich kann nicht permanent davon sprechen, dass Bildung wichtig ist, dass der Anteil der Akademiker und Akademikerinnen erhöht wird, dass Österreich eine wissensbasierte Gesellschaft sein soll und dann gibt es keine ausreichenden Finanzmittel. Das Papier dieser drei internationalen Experten ist letztendlich vom Wissenschaftsministerium in Auftrag gegeben worden. Da gäbe es schon ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn man dann die Empfehlungen, die man selbst beauftragt hat, vom Tisch wischen sollte.
derStandard.at: Gibt es Studiengänge, die für FHs geeigneter sind als für Unis und umgekehrt?
Holzinger: Es ist sicher so, dass die Universität sehr stark wissenschaftsbasiert und weniger berufsfeldorientiert ist. Die Aufgabe der Fachhochschulen ist ja, ein Hochschulstudium mit Berufsfeldbezug anzubieten. Der scientific track (wissenschaftlicher Zweig) ist an den Universitäten sicher gut aufgehoben. An der Universität sind auch Studien gut verortet, die nicht sehr stark ein Berufsfeld im Zentrum haben, sondern eher breiter aufgestellt sind.
derStandard.at: Demnächst werden Sie gemeinsam mit der Universitätenkonferenz und Wissenschaftsminister Töchterle in der neuen Hochschulkonferenz zusammentreffen. Was erwarten Sie sich von den Gesprächen?
Holzinger: Ich erwarte mir eine Plattform, die es ermöglicht, auf der Basis eigenständiger Profile des Universitäts- und Fachhochschulensektors Möglichkeiten von Kooperationen auszuloten. Kooperation heißt aber nicht, dass beide Sektoren das gleiche machen, sondern auch, dass man ganz bewusst sagt, diesen Schwerpunkt setzt der andere Sektor. Oder beide engagieren sich arbeitsteilig.
derStandard.at: Wird sich durch diese Institution der Hochschulsektor verändern?
Holzinger: Das hoffe ich schon sehr. Hochschulen sind Teil der Gesellschaft und die Gesellschaft wandelt sich permanent und daher haben sich auch die Hochschulen zu wandeln. Alles, was den Wandel unterstützt, ist gut. Universitäten und Fachhochschulen werden öffentlich finanziert und daher werden auch die Fragen öffentlicher Rechenschaftslegung wichtiger werden. Die Gesellschaft hat das Recht zu erfahren, was mit Steuermitteln, die an die Universitäten und Fachhochschulen gehen, passiert und welchen Effekt diese haben. (Lisa Aigner, derStandard.at, 6.9.2011)