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vergrößern 700x460Roadmovie, anders gedacht oder: Mensch, Fahrzeug und Autobahn - aber nicht in der erwarteten Kombination: "Le Plein de super/ Super voll, bitte!" (1975) von Alain Cavalier.
Neben zielstrebigen Autofahrern stehen nun auch planlose Streuner im Zentrum der Erzählungen.
***
Wien - Kathryn Bigelows Near Dark enthält eine der großen Szenen der Filmgeschichte. Ein junger Mann läuft auf einer offenen Landstraße, und geht in der Bewegung in Flammen auf. Es zerfetzt ihn förmlich, er ist nämlich ins falsche Element geraten - in jenes Tageslicht, vor dem Vampire sich dringend zu hüten haben. Die Familie, die Bigelow auf ihren Wegen durch die USA zeigt, ist in einem sorgfältig abgedichteten Wagen unterwegs, doch macht sie eine wesentliche Erfahrung: Wer sich bewegt, exponiert sich.
Das Sonnenlicht ist dafür nur das stärkste Bild. Near Dark erzählt von der Begegnung zweier unvereinbarer Welten. Rotes gegen blaues Amerika, Heartland gegen True Blood, fester Wohnsitz gegen Herumtreiberei. Auf der Landstraße entscheidet sich diese Geschichte, die eine Verfolgungsjagd erzählt.
In der Schau Drifter. Road/Movie:1974-2007, mit der das Österreichische Filmmuseum im September ein bekanntes Genre neu definiert, nimmt Near Dark ungefähr den Platz ein, den der kanonische Easy Rider für die Jahre davor besetzt hält. Das liegt auch daran, dass es bestimmte Landschaften gibt, die für das Roadmovie besonders geeignet scheinen. Doch in gewisser Weise emanzipiert sich in dieser Schau das Roadmovie von der Landschaft, und auch ein bisschen vom Auto.
Das "Driften" ist in den letzten Jahren zu einer zwiespältigeren Chiffre geworden, es hat sich vom Überland-Flanieren und vom ziellosen Forschen in Richtung des "nackten Lebens" entwickelt. So nennen manche Theoretiker ein Leben, das nicht einmal mehr auf Ausschluss beruht, ein Leben, für das es per Definition keinen Ort geben kann, es sei denn jene Lager für Menschen, die zwischen Territorien aufgefangen werden. Migranten sind Menschen mit Zielen, Drifter sind Menschen, die vielfach diese Ziele längst aufgegeben haben. Sandrine Bonnaire in Agnès Vardas Vogelfrei, die Amerikafahrer in Werner Herzogs Stroszek (die ersten Opfer der Subprime-Krise, dreißig Jahre vor der Zeit, welch prophetische Kraft), der Radikalaussteiger Christopher McCandless in Into the Wild.
Interessanterweise bildet die Schweiz, dieses hochverdichtete, infrastrukturell bestens erschlossene, kleine und so schrecklich zentrale Gemeinwesen, in dem es scheinbar gar keine Möglichkeit zum Aussteigen gibt, in der Schau Drifter ein Glutzentrum: Messidor von Alain Tanner, Transes von Clemens Klopfenstein, Reisender Krieger von Christian Schocher - wenn man nur für drei Filme aus der reichen Auswahl Zeit hätte, dann wäre das die konsequenteste Wahl. Wann kann man schon einem Vertreter wie Herrn Krieger dabei zusehen, wie er sich von Geschäften emanzipiert, immer mehr zum Augenblicksvagabunden wird, dessen mythologische Verwandtschaft mit großen Geschichtsdurchquerern Schocher bewusst in den Raum seines kleinen Landes stellt?
Hier wie auch an anderen Stellen der Schau wird das klassische, epische Erzählen vom Unterwegssein brüchig und verwandelt sich in eine andere Form, in eine, die schon die Distanz der Reisenden in sich aufgenommen hat. Robert Kramers Route One ist wahrscheinlich das beste Beispiel für dieses Kippen ins Dokumentarische: Diese Fahrt entlang der US-Ostküste ist eigentlich ein Dokumentarfilm, allerdings mit einem erzählerisch strukturierten Protagonisten, dem sich immer wieder Episoden einer rebellischen Subgeschichte der USA erschließen.
Das Roadmovie ist im Grunde nichts anderes als eine in den äußerlichen Raum gewendete Form des Erzählens selbst. Deswegen ist es müßig, von einem (Sub-)Genre zu sprechen. Man könnte eher sagen, dass das Erzählkino in den Roadmovies das macht, was es immer macht (und was wir immer machen): Es bewegt sich mit dem Leben, es nimmt die Fährte der Geschichte(n) auf, es löst sich aus der Erstarrung und riskiert die Erfahrungen, die es in den bewährten Genres tiefer unter der Oberfläche verstecken muss.
Und letztlich erzählt Drifter dann doch von den Straßensperren, die in der durchterritorialisierten Welt immer häufiger werden. Wer driftet, müsste eigentlich den Reisepass schon weggeworfen haben. (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 7. September 2011)
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