Gründe nicht in "anderen Kulturen" suchen

10. Oktober 2011, 14:08
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Veranstaltungsreihe in Linz für mehr interkulturelle Kompetenz: Beratung soll Fokussierung auf Kultur als Problemdefinition bei Krisen vermeiden

Häusliche Gewalt ist die am weitesten verbreitete Todesursache von Frauen. Weltweit sterben mehr Frauen an den Folgen von Misshandlungen als an Krebs. Gewalt in der Familie beziehungsweise Beziehung ist weltweit gesehen die häufigste Form von Gewalt gegen Frauen. Sie zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und kennt keine kulturellen, religiösen oder schichtspezifischen Grenzen. Allein in Österreich ist laut Schätzungen jede fünfte Frau einmal in ihrem Leben von Gewalt durch einen nahen männlichen Angehörigen betroffen.

Jahresthema Interkulturelle Kompetenz

Frauen mit Migrationshintergrund sind entgegen vieler Vorurteile nicht öfter Opfer häuslicher Gewalt, bei ihnen kommen aber zusätzlich noch strukturelle und soziale Benachteiligungen zum Tragen. Die ganzjährigen Vortrags- und Workshopreihe zum Thema "Interkulturelle Kompetenz bei häuslicher Gewalt an Frauen und Kindern" stellt die Situation von Migrantinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, in den Mittelpunkt, mit dem Ziel der Sensibilisierung und interkulturellen Öffnung von Beratungs- und Schutzeinrichtungen.

"Frauen mit Migrationshintergrund sind Unterstützungs- und Hilfsangebote und Gewaltschutzeinrichtungen oft nicht bekannt. Viele Beratungsstellen und psychosoziale Unterstützungsangebote sind zu hochschwellig, um sie zu erreichen", erklärt Maria Schwarz-Schlöglmann, Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums OÖ. Dass es sich bei gewaltbetroffenen Migrantinnen jedoch nicht um eine einheitliche Gruppe handelt, es aber dennoch einige Berührungspunkte gibt, führt Dagmar Andree, Vorsitzende des Frauenhaus Linz, aus: "Die Gemeinsamkeiten gewaltbetroffener Migrantinnen betreffen deren Migrationsstatus, die damit verbundenen Lebensbedingungen, wie zum Beispiel der unsichere Aufenthaltsstatus, alltägliche Rassismuserfahrungen, keine Arbeitserlaubnis, geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, interkulturelle Differenzen, Sprachprobleme, schlechte beziehungsweise keine medizinische und psychologische Versorgung und die Erfahrung mit häuslicher Gewalt". 

Bitte keine einseitigen Fokussierungen

Dass für die Beratungsarbeit dennoch notwendig ist, sich die Offenheit für Selbstdeutungen, Interpretationen und Sichtweisen der Betroffenen zu erhalten, erläutert Gülcan Gigl, Abteilungsleiterin der Abteilung Interkulturelle Bildung und Integration der Volkshilfe OÖ: "Von Seiten vieler professionellen HelferInnen gibt es immer wieder das Bedürfnis, bei der Thematik Interkulturalität zu kategorisieren. Es wird der Wunsch geäußert, etwas über die kulturellen Hintergründe von Migrantinnen zu erfahren." Einseitige Fokussierungen in der Beratung auf Geschlecht, den Status als Migrantin oder auf Kultur als Problemdefinition bei Krisen, wie beispielsweise häuslicher Gewalt, könnten jedoch zur Folge haben, "dass die komplexen Erfahrungen und die damit verbundenen Problemlösungsstrategien von gewaltbetroffenen Migrantinnen nicht wahrgenommen werden können". Dass dies von den Beratungseinrichtungen und deren MitarbeiterInnen besondere interkulturelle Kompetenz verlangt, sind sich Gigl, Schwarz-Schlöglmann und Andree einig.

Nächstes Thema

Beim nächsten Vortrag der Veranstaltungsreihe wird Rada Grubic vom interkulturellen Frauenhaus Berlin auf den Begriff "Interkulturelle Kompetenz" eingehen und erläutern, welche Fähigkeiten erforderlich sind, um einen beidseitig zufriedenstellenden Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen herstellen zu können. (red)


Vortrag

"Interkulturelle Kompetenz in Fraueneinrichtungen"
Mittwoch, 12. Oktober, 17 - 19 Uhr in der Kunstuniversität Linz, Hauptplatz 8, 4020 Linz
Der Eintritt ist frei, um Anmeldung unter E-Mail wird gebeten.

Links

Volkshilfe OÖ

Gewaltschutzzentrum OÖ

Frauenhaus Linz

  • Diesmal am Tapet: Das problematische Bedürfnis professioneller BeraterInnen, bei der Thematik Interkulturalität zu 
kategorisieren.
    foto: flyer volkshilfe oö

    Diesmal am Tapet: Das problematische Bedürfnis professioneller BeraterInnen, bei der Thematik Interkulturalität zu kategorisieren.

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