Momcilo Perisic hat klassische jugoslawische Armeekarriere hinter sich - In Kroatien und Bosnien mischte er bei Völkermord und Kriegsverbrechen mit
Der Schuldspruch gegen Momcilo Perisic klärt die Frage,
wieviel Schuld die Jugoslawische Bundesarmee in den Sezessionskriegen der
Neunziger auf sich geladen hat. Fünfzehn Jahre nach Ende der Belagerung von Sarajewo wurde mit dem heute 67-Jährigen ein Schreibtischtäter in Uniform als Kriegsverbrecher entlarvt. Einer, der sich immer mit den Mächtigen arrangiert hat, ist schuldig im Sinne der Anklage und muss hinter Scheveninger Gitter, für 27 Jahre.
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Als Momcilo Perisic am 22. Mai 1944 in der zentralserbischen Kleinstadt Gornji Milanovac, etwa 120 Kilometer südwestlich von Belgrad, geboren wurde, tobte um ihn herum ein blutiger Krieg zwischen den deutschen Besatzern, nationalistischen Tschetniks und kommunistischen Partisanen. Drei Jahre zuvor hatten Partisanen der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee unweit von seinem Geburtsort den Miniaturstaat Republik Uzice ausgerufen und ihn 73 Tage lang gegen Hitlers Truppen verteidigt. Nach der Machtübernahme der Tito-Partisanen in Belgrad 1944 und der Gründung Jugoslawiens 1945 gingen die antifaschistischen Widerstandskämpfer in der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) auf.
Prototypische Karriere
Und Momcilo Perisic, mittlerweile studierter Psychologe, folgte dem prototypischen Karriereweg eines jugoslawischen Kadersoldaten. Erst Matura in Cacak, dann Militärakademie bei der Artillerie in Belgrad, später folgte noch der Abschluss an der Akademie des Generalstabs. Fast 700.000 Soldaten standen in den Siebzigerjahren unter Waffen, die JVA zählte zu den größten Streitkräften Europas. Der rasche Aufstieg ging mit insgesamt fünfzehn Mal Umziehen einher. Nach und nach bekam Perisic im Auftrag der Armee damals fast alle Regionen des damals größten Landes am Balkan zu Gesicht. Und war im Sommer 1991, als der Krieg in Kroatien nach der so genannten "Baumstammrevolution" begann, zur Stelle.
Es begann in Kroatien
Im August vor zwanzig Jahren blockierten militante Serben nach dem Wahlsieg der kroatischen Separatisten die strategisch und wirtschaftlich bedeutenden Stichstraßen an die norddalmatinische Küste. Perisic ließ seine Soldaten von der Artillerieschule aus Zadar ausrücken, um den von kroatischer Polizei bedrängten Serben in der einseitig ausgerufenen Serbischen Republik Krajina beizustehen. In der Küstenstadt Zadar kreuzte sich sein Weg mit jenem des im Mai verhafteten bosnischen Serbenführers Ratko Mladic. Mladic war 1991 Chef des so genannten Knin-Corps der JVA, einer Einheit, die - letztlich erfolglos - den Süden Kroatiens vom Kernland abspalten wollte.
Während Momcilo Perusic von den neuen Herren in Zagreb wegen der Bombardierung Zadars in Abwesenheit zu zwanzig Jahren Haft wurde, begann sich in der JVA das Postenkarussell für den Endvierziger schneller und schneller zu drehen. Im Jänner 1992 wurde Perisic zum Chef des Bileca-Corps der bosnisch-serbischen Armee nahe Mostar ernannt. Seine Rolle in der Belagerung der historischen Stadt an der Schnittstelle der Kulturen brachte ihm den Kampfnamen "Ritter" ein. Erwähnung in der Haager Anklageschrift fand sie nicht, ebenso wenig wie der Angriff auf Zadar.
Die Spur des Krieges
Doch Perisic, treuer Diener seiner Herrn, folgte auch diesmal der Spur des Krieges - und fand ihn in Sarajewo. Im August 1993 beförderte ihn der damalige Präsident Slobodan Milosevic zum Generalstabchef der Jugoslawischen Armee (JA), die immer offener Partei ergriff für die Belange der Serben. Die bosnische Hauptstadt wurde fast vier Jahre lang von bosnisch-serbischen Truppen mithilfe der JA belagert, tausende Menschen kamen im Feuer der Heckenschützen und durch Granaten ums Leben oder trugen Verletzungen davon.
Generalstabschef Perisic, so die Richter, hat sich schuldig gemacht, den Beschuss geplant und ausgeführt und seine Soldaten nicht von Kriegsverbrechen abgehalten zu haben. Als Oberbefehlshaber soll er die volle
Kontrolle über jene Kommandozentren der jugoslawischen Streitkräfte
gehabt haben, die für die bosnisch-serbischen und die
kroatisch-serbischen Offiziere zuständig waren. Perisic sei für die
Bestellung, Beförderung, aber auch Amtsenthebung dieser Offiziere
zuständig gewesen, so die Richter.
Tote in Zagreb
Ähnlich die Lage an jenem 2. Mai 1995, als von serbisch besetztem Gebiet aus Splitterbomben auf das Zentrum der kroatischen Hauptstadt Zagreb geschossen wurden. Mindestens sieben Menschen kamen an diesem Tag sowie bei dem erneuten Bombardement am 3. Mai zu Tode, 194 wurden verletzt. Wieder war es Momcilo Perisic, der jeden Versuch unterließ, das Kriegsverbrechen zu unterbinden.
Das letzte und - für das Urteil - bedeutendste Kapitel in der Geschichte des Kriegsverbrechers Perisic wurde im Juli 1995 in der muslimischen Enklave Srebrenica, Bosnien-Herzegowina, geschrieben. Ratko Mladic und seine Soldaten machten sich des schlimmsten Massenmords in Europa nach 1945 schuldig, etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen wurden dabei getötet. Perisic hätte nach Ansicht der Richter die Macht gehabt, mäßigend auf die Serben einzuwirken - er unterließ es.
Arrangement mit den neuen Eliten
Nach der Wende in Belgrad 2000 arrangierte sich Momcilo Perisic auch mit den neuen Eliten. Von 2001 bis 2002 war der ehemalige Armeechef Vize-Premier unter dem 2003 ermordeten, pro-westlichen Regierungschef Zoran Djindjic. Im März 2002 wurde er von der serbischen Eliteeinheit "Kobra" verhaftet, er soll geheime Militärdokumente gegen Geld an einen CIA-Agenten geliefert haben. Ein entsprechendes Gerichtsverfahren wurde nie abgeschlossen. Drei Jahre später stellte Perisic sich schließlich freiwillig dem Haager Kriegsverbrechertribunal. Ein Schuldeingeständnis war ihm bis zuletzt nicht zu entlocken. (flon/derStandard.at, 6.9.2011)