market-Umfrage: Fachkräftemangel besonders bei größeren Betrieben
Wien - Die österreichischen Unternehmen fürchten, als erste die Rechnung für den demografischen Rückgang präsentiert zu bekommen. Sie rechnen damit, dass die Suche nach Facharbeitern im allgemeinen und Lehrlingen im speziellen in den kommenden Jahren immer härter wird. In einer neuen Umfrage unter Arbeitgebern geben 70 Prozent der Befragten an, Schwierigkeiten beim Finden geeigneter Mitarbeiter zu haben.
Die im Juli/August durchgeführte Umfrage des Linzer market-Instituts beruht auf einer bemerkenswert optimistischen Einschätzung der Betriebe zur kurzfristigen Konjunktur-Entwicklung: Auf alle österreichischen Arbeitgeber hochgerechnet, würden die Angaben der Befragten in den nächsten sechs Monaten auf 150.000 fehlende Mitarbeiter hinauslaufen, darunter etwa 90.000 Lehrlinge bzw. Personen mit Lehrabschluss. Auftraggeber der Umfrage ist die Wirtschaftskammer (WKÖ).
Die vom Arbeitsmarkt nicht abgedeckte Lücke an Fachkräften beträgt in den nächsten sechs Monaten 20.000 bis 30.000 Personen, schätzt die Wirtschaftskammer auf Basis eigener Berechnungen. Die in der "market"-Studie genannten 150.000 Menschen, die im nächsten halben Jahr benötigt werden, sind hochgerechnete fehlende Mitarbeiter, die größtenteils vom vorhandenen Arbeitskräfteangebot abgedeckt werden können, stellte Rolf Gleißner, Sozialpolitik-Exoerte der Wirtschaftskammer am Dienstagnachmittag klar.
Nach der Umrechnung auf Basis der market-Umfrage werden brutto 91.000 Arbeitskräfte mit Lehrabschluss und Lehrlinge gebraucht, 24.000 Hilfskräfte sowie zusammen 37.000 Uni-Absolventen, Maturanten und Arbeitskräfte mit Lehrabschluss und Zusatzausbildungen.
"Fachkräfte vorzeitig in Pension"
Früher habe man bei der Personalsuche primär nach guten Vertriebsleuten Ausschau gehalten, "jetzt ist das Thema geeignete Mitarbeiter/Qualifikation in den Vordergrund gerückt", sagte Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl bei der Präsentation der Umfrage am Montagabend. "Es ist eine Perversität ersten Ranges, einerseits unter einem Fachkräftemangel zu leiden, aber gleichzeitig zuzuschauen, wie Fachkräfte vorzeitig in Pension gehen." Es handelt sich beim Fachkräftemangel aber nicht um ein exklusiv österreichisches, sondern um ein "weltweites Problem", wird zugegeben.
Als kurzfristigen Lösungsansatz will die Kammer den Verbleib älterer Arbeitskräfte im Arbeitsleben mit Prämien für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gefördert sehen. Länderfristig sollen Ausbildungsreformen, die Aufwertung der Lehre, eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, qualifizierte Migration und neue Vorschriften am Arbeitsmarkt helfen.
Zu geringe fachliche Qualifikationen
57 Prozent der von "market" Befragten glauben, dass die Suche nach geeigneten Mitarbeitern in den kommenden Monaten schwieriger wird, nur 27 Prozent sagen das Gegenteil. Je größer das Unternehmen, desto stärker ist die Neigung, Mitarbeiter einzustellen und desto stärker wird die Mitarbeitersuche als Herausforderung empfunden, sagte market-Chef Werner Beutelmeyer (Schwellenwert für "größere Betriebe": 20 Mitarbeiter).
Als größte Probleme bei der Suche nach Arbeitskräften nennen die Arbeitgeber zu geringe fachliche Qualifikationen (59 Prozent) und mangelnde Motivation (61 Prozent). Zu hohe Lohnvorstellungen werden nicht als vordringliches Problem gesehen. Bei den Lehrlingen bemängeln relative Mehrheiten einen zu geringen Leistungswillen, mangelnde Umgangsformen sowie den Umstand, dass es "den Bewerbern an Grundkenntnissen wie Lesen, Rechnen und Schreiben fehlt".
Sinkende Geburtenzahlen
Demografischer Hintergrund ist das Sinken der Geburtenzahl zwischen 1993 und 2001 um rund 20 Prozent. 2008 gab es im Land noch knapp 100.000 15-Jährige, bis 2016 erwartet man hier einen Rückgang auf 85.000. Dazu kommt, dass die Wirtschaft fürchtet, den Wettbewerb um die jungen Leute zu verlieren, wie Leitl am Montag sagte. Wenn die Besten in (nicht berufsbildende) Höhere Schulen gingen und andere die Lehre bei "klingenden Namen" in der Industrie machten, "bleibt für den breiten Mittelstand nur wenig über".
Die Lehrlingsentschädigungen müssten sich dieser Entwicklung anpassen und seien in den vergangenen Jahren auch schon deutlicher gestiegen: "Der Tag wird kommen, an dem man Burschen ein Motorrad schenken muss, dass sie in den Betrieb kommen." (APA)