"Die Wende" des Jahres 2000 erweist sich heute als eine Wende in die tiefsten unmoralischen Abgründe, die man sich nur vorstellen kann
Täglich werden die Ausmaße größer. Wie sich an Telekom und vermutlich auch an vielen anderen Unternehmen zeigt und zeigen wird, die in dieser Ära ihren Weg zu einer scheinbaren Entpolitisierung gefunden haben, ging es dieser Regierung nicht um das Wohl der betroffenen Unternehmen und dem Standort Österreich, sondern um ihr Eigenes, um das Wohl ihrer Parteien und Vorfeldorganisationen und Günstlinge in Mangager- oder Lobbyisten-Funktion. Kursmanipulation, Bereicherung und Korruption im großen Stile stehen im Raum. Die SPÖ hat es jüngst als Mafiastruktur bezeichnet. Nicht zu Unrecht! Bewahrheitet sich, dass diese Ära von genau diesen Verhaltensweisen geprägt war, so scheint ein mani pulite für Österreich unumgänglich.
Bekenntnis zum Land Österreich
Der ÖVP muss man zugute halten, dass sie unter Josef Pröll begonnen hat mit dieser Ära, der Ära Schüssel, zu brechen. Allerdings ist ihre Neigung zur Wiedergutmachung begrenzt. Was Österreich braucht, ist ein Bekenntnis zu diesem Land. Die ÖIAG gehörte meines Erachtens ausgebaut zu einer Infrastruktur- und Start Up Holding. Es spricht nichts dagegen, den Verbund in die ÖIAG einzubringen und mit der OMV zu verschränken. Die Privatisierung der BUWOG und Voest Alpine gehören in gewisser Weise rückgängig gemacht. Eine Auffanggesellschaft und ein Österreich Fonds sollten ebenso Platz in dieser "ÖIAG NEU" finden. Ziel ist nicht die Vollverstaatlichung von Unternehmen, das wäre in einer globalisierten Gesellschaft ein abwegiger Gedanke, sondern Standort- und Beschäftigungspolitik. In Not geratene Unternehmen mit Substanzwert erhalten eine "zweite" Chance über die Auffanggesellschaft.
Betriebswirtschaft mit gesellschaftlicher Orientierung.
Dafür bedarf es aber Manager und Politiker, die nicht nur an ihr Bankkonto denken, sich bereichern und zu jeder Schandtat bereit sind, sondern für die Österreich, ihre Unternehmen und Beschäftigten im Vordergrund ihrer Entscheidungen stehen.
Wird das durch ein Nachbeben der Ära Schüssel und ihres Sittenbildes erreicht, dann kann die Reformarbeit endlich beginnen. Es wäre höchste Zeit! (Leser-Kommentar, Claus Michl-Atzmüller, derStandard.at, 8.9.2011)
Autor
Mag.rer.soc.oec Claus Michl-Atzmüller, ist 38 Jahre jung
und in der Erste Group Bank AG beschäftigt. Er hat BWL mit der Spezialisierung auf Finanzmärkte und
Bankbetriebslehre an der WU
abgeschlossen.