Leser-Kommentar: Nachbeben eines Sittenbildes

Leser-Kommentar | 8. September 2011, 08:31

"Die Wende" des Jahres 2000 erweist sich heute als eine Wende in die tiefsten unmoralischen Abgründe, die man sich nur vorstellen kann

Täglich werden die Ausmaße größer. Wie sich an Telekom und vermutlich auch an vielen anderen Unternehmen zeigt und zeigen wird, die in dieser Ära ihren Weg zu einer scheinbaren Entpolitisierung gefunden haben, ging es dieser Regierung nicht um das Wohl der betroffenen Unternehmen und dem Standort Österreich, sondern um ihr Eigenes, um das Wohl ihrer Parteien und Vorfeldorganisationen und Günstlinge in Mangager- oder Lobbyisten-Funktion. Kursmanipulation, Bereicherung und Korruption im großen Stile stehen im Raum. Die SPÖ hat es jüngst als Mafiastruktur bezeichnet. Nicht zu Unrecht! Bewahrheitet sich, dass diese Ära von genau diesen Verhaltensweisen geprägt war, so scheint ein mani pulite für Österreich unumgänglich.

Bekenntnis zum Land Österreich

Der ÖVP muss man zugute halten, dass sie unter Josef Pröll begonnen hat mit dieser Ära, der Ära Schüssel, zu brechen. Allerdings ist ihre Neigung zur Wiedergutmachung begrenzt. Was Österreich braucht, ist ein Bekenntnis zu diesem Land. Die ÖIAG gehörte meines Erachtens ausgebaut zu einer Infrastruktur- und Start Up Holding. Es spricht nichts dagegen, den Verbund in die ÖIAG einzubringen und mit der OMV zu verschränken. Die Privatisierung der BUWOG und Voest Alpine gehören in gewisser Weise rückgängig gemacht. Eine Auffanggesellschaft und ein Österreich Fonds sollten ebenso Platz in dieser "ÖIAG NEU" finden. Ziel ist nicht die Vollverstaatlichung von Unternehmen, das wäre in einer globalisierten Gesellschaft ein abwegiger Gedanke, sondern Standort- und Beschäftigungspolitik. In Not geratene Unternehmen mit Substanzwert erhalten eine "zweite" Chance über die Auffanggesellschaft.

Betriebswirtschaft mit gesellschaftlicher Orientierung.

Dafür bedarf es aber Manager und Politiker, die nicht nur an ihr Bankkonto denken, sich bereichern und zu jeder Schandtat bereit sind, sondern für die Österreich, ihre Unternehmen und Beschäftigten im Vordergrund ihrer Entscheidungen stehen.

Wird das durch ein Nachbeben der Ära Schüssel und ihres Sittenbildes erreicht, dann kann die Reformarbeit endlich beginnen. Es wäre höchste Zeit! (Leser-Kommentar, Claus Michl-Atzmüller, derStandard.at, 8.9.2011)

Autor

Mag.rer.soc.oec Claus Michl-Atzmüller, ist 38 Jahre jung und in der Erste Group Bank AG beschäftigt. Er hat BWL mit der Spezialisierung auf Finanzmärkte und Bankbetriebslehre an der WU abgeschlossen.

cyber ferkel
01

"Die Privatisierung der BUWOG und Voest Alpine gehören in gewisser Weise rückgängig gemacht."

....schon ein bisserl weltfremd, der Herr Magister.

Milchleber
00
26.9.2011, 15:32

die Privatisierung der BUWOG war auch ein bisserl weltfremd ... was soll das eigentlich sein, weltfremd?

Zwischen Menschen geschieht, was sich Menschen ausmachen ... oder was Menschen mit mehr Macht Menschen ohne Macht antun. So gesehen sind Handlungen von Menschen auch rückgängigmachbar :)

legal eagle
 
00
oh yeah?

"Der ÖVP muss man zugute halten, dass sie unter Josef Pröll begonnen hat mit dieser Ära, der Ära Schüssel, zu brechen."

wodurch eigentlich?

indem bartenstein, molterer und schüssel durch die abgeordneten-immunität geschützt wurden?

durch die vom anwalt ainedter geleiteten schützenden hände bandion-ortners über grassers haupt?

verzeihen, junger herr betriebswirt: das klingt mir zu sehr nach einer apologie um wirklich glaubhaft zu sein.

mizzi9
00
20.2.2012, 10:33
Erinnern Sie sich

als die Pensionsharmonisierung (Kürzung) beschlossen wurden, hat Molterer im selben Atemzug die Politikergagen und Pensionen erhöht. Welch ein Wahnwitz!

Cuchullain
02
"so scheint ein mani pulite für Österreich unumgänglich. ..."

Das bereitet Peter Pilz schon vor (Volxbegehren)
Eine "nasse Fetzen" Demonstration der Bevölkerung vor dem Parlament und den 3 Parteihauptquartieren ist längst überfällig!

Norbert A. Ciperle
04
Wahrnehmungsunterschiede

"Der ÖVP muss man zugute halten, dass sie unter Josef Pröll begonnen hat mit dieser Ära, der Ära Schüssel, zu brechen."

Weder Molterer noch Pröll und auch nicht Spindelegger haben sich in meiner Wahrnehmung von der "Schüssel/Khol"-Doktrin" verabschiedet oder distanziert, nicht einmal ansatzweise.

Daher frage ich mich mich, wie ihre Aussage argumentierbar ist?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.