Geht die WAZ-Mehrheit an eine seiner Eigentümerfamilien, könnte Österreichs Printszene in Bewegung kommen - Ein Ausstieg bei "Krone" und "Kurier" wäre wohl nur der Anfang
Wien - 500 Millionen Euro bietet 17-Prozent-Gesellschafterin Petra
Grotkamp der Familie Brost für ihre 50 Prozent an der WAZ-Gruppe. Um den
Deal zu finanzieren, könnte die Käuferin Geld für die ohnehin lästigen
Beteiligungen in Österreich gut gebrauchen. DER STANDARD berichtete
bereits von diesen Branchenerwartungen. Sie regen mannigfaltige
Fantasien über die Zukunft des österreichischen Boulevards an.
Die
Erben Hans Dichands, seine Frau Helga und die Kinder Michael, Johanna
und Christoph könnten die 50 Prozent der WAZ an der "Krone" übernehmen.
Schon Hans Dichand soll in den Wochen vor seinem Tod im Juni 2010
praktisch handelseins mit der WAZ gewesen sein; Sohn Christoph
verhandelte weiter, bot den Deutschen aber mit 150, 160 Millionen bisher
zu wenig. Die Schmerzgrenze der WAZ lag bisher bei rund 200 Millionen
Euro.
Bei Bewertung mit 400 Millionen Euro wäre die "Krone"
alleine fast so viel wert wie die halbe WAZ für die 500 Millionen.
Das
"Bild" der "Krone"
Übernehmen die Dichands die "Krone",
könnten sie zugleich versuchen, den ungeliebten, weniger potenten
Partner "Kurier" aus der Mediaprint zu bringen. Über eine neue
Mediaprint mit der marktführenden Gratiszeitung "Heute" wird spekuliert.
Sie gehört einem Steuerberater und einer Stiftung, beide sehr
SP-Wien-nahe. Die Geschäfte führt bei "Heute" neben dem früheren
Pressesprecher Werner Faymanns, Wolfgang Jansky, Christoph Dichands Frau
Eva.
Kartellrechtsexperte Norbert Gugerbauer sieht einen
Zusammenschluss der beiden Boulevardriesen aber kartellrechtlich als
"nicht machbar", weil in Wien mehr als marktbeherrschend.
In der
Verlagsbranche kursieren aber auch Zweifel, ob Familie Dichand
geschlossen für den Kauf wäre. Bisher bekommt die Familie garantierten
Gewinn von rund zehn Millionen Euro pro Jahr, ob die Krone nun verdient
oder nicht. Bei einem - etwa von Wiener Städtischer und Erster -
finanzierten Kauf müsste sie Zinsen zahlen, geben Insider zu bedenken.
Auf
den deutschen Verlagsriesen Springer ("Bild"), womöglich im Verbund mit
dem Schweizer Ringier-Verlag ("Blick"), als potenziellen Käufer der
"Krone" tippen auch heute Branchenkenner wie Fachverleger Hans-Jörgen
Manstein, früher selbst bei der ""Krone. Springer wollte bisher nach
STANDARD-Infos eine Mehrheit an der Krone. Die Dichands könnten sich auf
eine Sperrminorität von 26 Prozent und den Herausgeberjob für Christoph
Dichand zurückziehen.
Interesse an "Krone"-Anteilen wird stets
auch Raiffeisenboss Christian Konrad nachgesagt. Die SPÖ sucht genau das
- mit der Wiener Städtischen als Financier und SP-nahen Verlagen als
potenzielle Anteilskäufer - zu verhindern. Für Kartellrechtler
Gugerbauer stünden die vielen Medienbeteiligungen von Raiffeisen einem
Krone-Einstieg entgegen.
Raiffeisen könnte sich vom
25,3-Prozent-Anteil des "Kurier" an der News-Gruppe trennen, wird
spekuliert, und dass deren 19- Prozent-Gesellschafter Wolfgang Fellner
"Gewehr bei Fuß" für einen Rückkauf dieser Anteile stünde.
News-Mehrheitseigner Gruner+Jahr hätte da wohl mitzureden. Sollte die
WAZ ihre "Krone"- und "Kurier"-Anteile verkaufen, wird "Österreich" als
potenzieller Partner für den "Kurier" gehandelt. Raiffeisen zählt zu den
Kreditgebern von Wolfgang Fellners Tageszeitung "Österreich".
Die
Holding Raiffeisen Niederösterreich-Wien verneinte Montag Gespräche
über einen WAZ-Ausstieg, "und wir rechnen auch nicht damit".
Es
finden sich aber ebenso kundige Branchenkenner, die damit rechnen, dass
die WAZ ihre Osteuropabeteiligungen weiter abverkauft, aber "Krone" und
"Kurier" behält. Die Kaufverträge verhandelte 1987/88 Günter Grotkamp
als Geschäftsführer mit, Petra Grotkamps Mann, der im Hintergrund weiter
die Fäden zieht. 500 Millionen hätten die Grotkamps zum großen Teil
parat. (fid, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2011)